medeKI
Lernpfade

VTE & Venenerkrankungen

Lernziel: Du kannst VTE-Verdacht abklären und Therapie sowie Nachsorge begründen.

Thrombose verstehen

Lernziel: Du kannst Thromboseentstehung und Risikofaktoren am Fall erklären.

Wie verbindest du Thromboseverdacht, Testauswahl und Blutungsrisiko? Diese Frage begleitet dich durch das ganze Kapitel. Du beantwortest sie in drei Schritten: Thrombose verstehen → Wahrscheinlichkeit prüfen → Behandlung abwägen.

Am Ende des Kapitels kannst du bei Thrombose- oder Embolieverdacht Wahrscheinlichkeit, Untersuchung und Risiko verbinden und Antikoagulation, Eskalation sowie Nachsorge passend zur Person vor dir begründen.

Das lernst du in diesem Kapitel

  • erklären, wie eine venöse Thrombose entsteht, Risikofaktoren einordnen und eine Thromboseprophylaxe risikogerecht planen (C09-T01)
  • einen Verdacht auf tiefe Beinvenenthrombose mit Wells-Score, D-Dimer und Kompressionssonografie bestätigen oder ausschließen (C09-T02)
  • einen Verdacht auf Lungenembolie mit klinischer Wahrscheinlichkeit, D-Dimer und Bildgebung klären und das Risiko einordnen (C09-T03)
  • Antikoagulanzien nach Wirkprinzip unterscheiden, passend auswählen und dosieren, Gegenanzeigen beachten und die Therapie kontrollieren (C09-T04)
  • bei bedrohlicher Lungenembolie eine Reperfusion begründen und Blutungen unter Antikoagulation beherrschen (C09-T05)
  • chronische venöse Insuffizienz, postthrombotisches Syndrom und Ulcus cruris erkennen, einteilen und behandeln (C09-T06)

So arbeitest du mit diesem Kapitel

  • Die Einheiten bauen aufeinander auf. C09-U01 bis C09-U03 legen die Grundlagen (Entstehung, Gerinnungshemmer, Vorbeugung), C09-U04 bis C09-U08 führen vom Verdacht über Diagnostik und Therapie bis zur Nachsorge, C09-U09 behandelt die chronischen Venenerkrankungen. C09-U10 verbindet alles in vier Gesamtfällen, C09-U11 ist ein EKG-Übungspool zum Wiederholen.
  • Kurze Brücken – zum Beispiel zur Blutgerinnung, zur Kreatinin-Clearance, zum Lungenkreislauf und zur EKG-Auswertung – sind in den Einheiten enthalten. Du musst andere Kapitel nicht vorher bearbeitet haben.
  • Bearbeite jede Aufgabe zuerst selbst. Bei freien Antworten vergleichst du dich mit den Punkten unter „Selbstvergleich“.
  • Alle Fallgeschichten sind erfunden. Die EKGs sind echte Aufzeichnungen aus einem offenen Forschungsdatensatz (PTB-XL); die Diagnose der aufgenommenen Personen ist nicht bekannt, und keines ist ein belegtes Lungenembolie-EKG. Du lernst, was ein EKG zeigt und was nicht.
  • Diagramme und Schemata sind vereinfachte, eigens gezeichnete Darstellungen, keine Originalaufnahmen. Unter jeder Abbildung stehen Bildunterschrift und Quelle.
  • Fotos und Bildbefunde (Sonografie, CT, Echokardiografie, Szintigrafie, Angiografie, Endoskopie) sind echte Aufnahmen aus frei lizenzierten Fachveröffentlichungen; die historischen Abbildungen stammen aus gemeinfreien Werken. Die abgebildeten Personen sind nicht die Personen aus den erfundenen Fällen.
  • Abschnitte mit „Referenz“ oder „nur zur Orientierung“ enthalten Spezialwissen zum Nachschlagen; daraus wird keine Entscheidung abgefragt.
  • Die Empfehlungen folgen den in Deutschland gültigen Leitlinien (Stand Oktober 2026): ESC-Leitlinie Akute Lungenembolie 2019, AWMF-S2k-Leitlinie Venenthrombose und Lungenembolie (065-002, 2023), AWMF-S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (003-001, 2026) und AWMF-S2k-Leitlinie Ulcus cruris venosum (037-009, 2024). Dosisangaben gelten für Erwachsene und folgen den aktuellen Fachinformationen; im Einzelfall gelten Fachinformation und lokaler Standard.

Der Weg des Blutes zurück zum Herzen

Bevor du eine Thrombose verstehst, brauchst du ein Bild davon, wie Blut aus dem Bein überhaupt zurück zum Herzen kommt. Im Stehen liegt der Fuß rund 1,2 m unter dem rechten Vorhof – das Blut muss also „bergauf“ fließen.

Drei Venensysteme am Bein

  • Oberflächliche Venen liegen über der Muskelfaszie (epifaszial) im Unterhautgewebe. Die wichtigsten sind die V. saphena magna (Innenseite des Beins, mündet in der Leiste in die V. femoralis communis) und die V. saphena parva (Wadenrückseite, mündet meist in der Kniekehle in die V. poplitea).
  • Tiefe Venen liegen unter der Faszie zwischen den Muskeln und begleiten die gleichnamigen Arterien (z. B. V. poplitea, V. femoralis). Über sie fließen rund 90 % des Blutes aus dem Bein ab.
  • Perforansvenen durchbohren die Faszie und verbinden beide Systeme. Normal fließt das Blut in ihnen nur von außen nach innen, also vom oberflächlichen ins tiefe System.

Venenklappen – die Einbahnstraße

Die Bein- und Armvenen besitzen paarige Taschenklappen. Strömt Blut herzwärts, legen sich die Segel an die Wand; will es zurückfallen, füllen sich die Taschen und die Klappe schließt. In der V. cava und den Beckenvenen fehlen Klappen in der Regel.

Zwei historische Kupferstiche eines Unterarms mit Stauband am Oberarm: oben treten entlang der gestauten Hautvenen kleine Knoten an den Klappen hervor (Buchstaben B bis F), unten drückt ein Finger die Vene bei H ab, und der Abschnitt zwischen O und H bleibt leer

William Harveys Venenversuch von 1628 zeigt die Einbahnstraße am lebenden Arm: Handwärts des Staubands füllen sich die Hautvenen, und an jeder Klappe wölbt sich ein kleiner Knoten vor (Figura 1, B–F). Drückt ein Finger die Vene bei H ab und streicht ein zweiter das Blut herzwärts über die Klappe O hinaus, bleibt der Abschnitt H–O leer (Figura 2): Aus dem herznahen Abschnitt kann das Blut an der Klappe O nicht zurückfallen.

Quelle: William Harvey, Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus, Frankfurt 1628, Tafel zu Kap. 13; Wellcome Collection L0004966, gemeinfrei (Public Domain Mark; auf Wikimedia Commons unter CC BY 4.0); Ausschnitt Figura 1–2, verkleinert.

Die Pumpen

Der Druck, der nach der Kapillarpassage noch übrig ist, beträgt nur etwa 15 mmHg. Für den Rückstrom sind deshalb zusätzliche Pumpen entscheidend:

  • Muskelpumpe: Spannt sich die Wadenmuskulatur an, presst sie die tiefen Venen gegen die feste Faszie zusammen. Die Klappen sorgen dafür, dass das Blut nur nach oben ausweichen kann.
  • Gelenkpumpe: Bewegungen im oberen Sprunggelenk dehnen und komprimieren die Venen im Gelenkbereich abwechselnd.
  • Atempumpe: Wechselnde Druckverhältnisse in Bauch und Thorax unterstützen den Einstrom in die V. cava.

Warum das für die Thrombose wichtig ist

Steht jemand ruhig, steigt der Venendruck am Fuß auf etwa 90–100 mmHg; beim Gehen senkt die Wadenmuskelpumpe ihn auf etwa 35 mmHg. Die Pumpe arbeitet nur bei Bewegung. Beim Sitzen, Liegen, im Gipsverband oder bei einer Lähmung fällt sie aus: Das Blut steht in den tiefen Wadenvenen und in den Klappentaschen nahezu still. Genau dort beginnen die meisten Beinvenenthrombosen.

Die Tabelle vergleicht den Venendruck bei Ruhe und Bewegung.

SituationVenendruck am FußMuskelpumpe
ruhiges Stehenetwa 90–100 mmHgkeine Bewegung
Gehenetwa 35 mmHgsenkt den Venendruck

Flussdiagramm in drei Schritten: oben Blut muss bergauf, Fuß etwa 1,2 m unter dem rechten Vorhof, Restdruck nach den Kapillaren etwa 15 mmHg; 1 drei Venensysteme – oberflächlich epifaszial mit V. saphena magna und parva, tief subfaszial mit etwa 90 % des Abflusses, Perforansvenen nur von außen nach innen; 2 Klappen als Einbahnstraße, V. cava und Beckenvenen meist ohne Klappen; 3 Muskel-, Gelenk- und Atempumpe arbeiten nur bei Bewegung; unten links Gehen mit Fußvenendruck etwa 35 mmHg, rechts Ruhe mit etwa 90–100 mmHg im Stehen und Stase in Wadenvenen und Klappentaschen

Der ganze Rückweg auf einen Blick: Venensysteme, Klappen und Pumpen arbeiten zusammen. Unten siehst du, warum Bewegung den Venendruck senkt – und warum Ruhe die Stase erzeugt, mit der die meisten Beinvenenthrombosen beginnen.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Herold Innere Medizin 2024, S. 822, und Duale Reihe Innere Medizin, 4. Aufl. 2018, Kap. B-5.2; vereinfachte Darstellung.

Zwei übereinander angeordnete Schemata eines Unterschenkelausschnitts mit Haut, oberflächlicher Vene, Faszie, Wadenmuskulatur, tiefer Vene mit zwei Klappen und einer Perforansvene; oben bei Muskelanspannung, unten bei Entspannung

Achte auf die Klappen: Beim Anspannen (1) öffnet die obere und schließt die untere, beim Entspannen (2) ist es umgekehrt – und die Perforansvene lässt Blut nur von außen nach innen.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Duale Reihe Innere Medizin, 4. Aufl. 2018, Kap. B-5.2, S. 312–316, und Herold Innere Medizin 2024, S. 822; vereinfachte, nicht maßstabsgerechte Darstellung.

Virchow-Trias und Verlauf

Was ist eine Thrombose? Eine Thrombose ist eine Blutgerinnung innerhalb eines Gefäßes beim lebenden Menschen, die das Gefäß teilweise oder ganz verlegt. Ist eine tiefe Vene betroffen, sprichst du von einer tiefen Venenthrombose (TVT); am häufigsten sind Bein- und Beckenvenen betroffen, seltener die Armvenen.

Die Virchow-Trias beschreibt die drei Bedingungen, die eine Thrombose begünstigen. Meist wirken zwei oder drei zusammen:

  1. Stase (verlangsamter Blutfluss): Immobilität, langes Sitzen, Gips, Lähmung, Herzinsuffizienz, gestaute Varizen.
  2. Endothelschaden (verletzte Gefäßwand): Operation, Trauma, Venenkatheter, Entzündung.
  3. Hyperkoagulabilität (Blut gerinnt leichter): Östrogene, Schwangerschaft, Krebserkrankung, angeborene oder erworbene Gerinnungsstörungen (Thrombophilie).

Wie der Thrombus entsteht und wächst

In langsam fließendem Blut sammeln sich Gerinnungsfaktoren und Erythrozyten an; es entsteht ein fibrin- und erythrozytenreicher „roter“ Thrombus. Er beginnt meist in den Klappentaschen oder Muskelvenen der Wade und wächst dann meist von distal nach proximal – in die V. poplitea, die Oberschenkel- und schließlich die Beckenvenen. Ein Teil der unbehandelten Unterschenkelvenenthrombosen steigt so in die Oberschenkelvenen auf – bis zu 20 % von ihnen. Bei Diagnose liegt eine Bein-TVT zu etwa 20 % in den Unterschenkelvenen, zu 20 % in der V. poplitea, zu 50 % in den Oberschenkel- und zu 10 % in den Beckenvenen; zwei Drittel betreffen das linke Bein. Weil dieser Thrombus anfangs nur locker an der Wand haftet, können sich Stücke lösen.

Rote, weiche und brüchige Thrombusstücke auf blauem OP-Tuch, als langer Strang in zwei Reihen gelegt

So sieht Thrombusmaterial aus einer tiefen Venenthrombose aus: rot, weich und brüchig – Fibrin mit vielen eingeschlossenen Erythrozyten. Die Stücke wurden bei einer kathetergestützten Thrombektomie aus Oberschenkel- und Beckenvenen geborgen; für die Darstellung ist der lange Strang in zwei Reihen gelegt. Dass er so leicht zerfällt, erklärt, warum sich Teile lösen und embolisieren können.

Quelle: Coffey KA, Kimyaghalam A. Deep Venous Thrombosis Within a Complete Duplication of the Left Femoral Vein. Cureus 2024;16(6):e63234, Abb. 4, doi:10.7759/cureus.63234; CC BY 4.0; Ausschnitt ohne Spritze und Herstellerlogo, in zwei Reihen angeordnet.

Auch eine oberflächliche Venenthrombose kann gefährlich werden: Wächst sie an der Mündung in der Leiste oder Kniekehle oder über eine Perforansvene weiter, erreicht sie das tiefe System. Das geschieht in etwa einem Fünftel der Fälle; liegt die Thrombusspitze weniger als 3 cm vor der Mündung, wird die oberflächliche Thrombose deshalb wie eine TVT eingestuft (C09-U04).

Flussdiagramm: oberflächliche Venenthrombose als geröteter, derber, druckschmerzhafter Venenstrang; drei Wege ins tiefe System – 1 Leiste über die Crosse der V. saphena magna in die V. femoralis communis, 2 Kniekehle über die V. saphena parva in die V. poplitea, 3 Perforansvenen am ganzen Bein; in etwa einem Fünftel der Fälle greift sie über; Sonografie misst den Abstand der Thrombusspitze zur Mündung und prüft die tiefen Venen; unter 3 cm Einstufung wie TVT, ab 3 cm bei freien tiefen Venen OVT

Drei Türen führen vom oberflächlichen ins tiefe System. Entscheidend ist, wie nah die Thrombusspitze an einer dieser Türen liegt.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Herold Innere Medizin 2024, S. 825–826, und AWMF-S2k-Leitlinie 065-002 (2023); vereinfachte Darstellung.

Zwei Gefahren

  • Akut – Lungenembolie (LE): Ein losgelöstes Thrombusstück wird mit dem Blutstrom über das rechte Herz in die Lungenarterien getragen und verlegt sie. Über 90 % der Lungenembolien stammen aus Bein- und Beckenvenen; je proximaler die TVT, desto größer die Emboliegefahr. Bei bis zu der Hälfte der Patienten mit proximaler TVT lassen sich – meist stumme – Lungenembolien nachweisen.
  • Später – postthrombotisches Syndrom (PTS): Der Thrombus zerstört Venenklappen oder hinterlässt Restverschlüsse. Das Blut staut sich dann dauerhaft im Bein: Schwellung, Schweregefühl, Hautveränderungen bis zum Ulkus. Besonders häufig ist das PTS nach ausgedehnter TVT über mehrere Etagen. Nach einer proximalen TVT entwickeln je nach Definition etwa 20 bis über 50 % ein PTS, meist innerhalb der ersten zwei Jahre (C09-U09).

Historischer Holzstich: aufgeschnittene Äste einer Lungenarterie, am Rand Lungengewebe; im Gefäß in der Bildmitte liegt ein länglicher, gerunzelter Pfropf, der bis in die Seitenäste reicht

Eine Lungenembolie, wie sie die Pathologie des 19. Jahrhunderts zeichnete: Im aufgeschnittenen Lungenarterienast liegt ein länglicher Pfropf, der mit dem Blutstrom eingeschwemmt wurde und an der Aufzweigung stecken geblieben ist. Rudolf Virchow, nach dem die Trias benannt ist, erkannte, dass solche Pfropfe aus Venenthromben stammen, und prägte die Begriffe „Thrombose“ und „Embolie“.

Quelle: „Embolus of the Lung Arteries“, Holzstich aus einer deutschsprachigen Abhandlung des 19. Jahrhunderts, Wellcome Collection L0033029, gemeinfrei (Public Domain Mark; auf Wikimedia Commons unter CC BY 4.0); Ausschnitt ohne Abbildungsnummer und Begleittext, verkleinert.

VTE = TVT + LE. Tiefe Venenthrombose und Lungenembolie sind zwei Erscheinungsformen derselben Krankheit, der venösen Thromboembolie (VTE). Deshalb gelten für Risikofaktoren und Grundprinzipien der Behandlung bei beiden dieselben Überlegungen.

Flussdiagramm: oben die Virchow-Trias mit Beispielen – Stase durch Immobilität, Gips, langes Sitzen, Herzinsuffizienz; Endothelschaden durch Operation, Trauma, Venenkatheter, Entzündung; Hyperkoagulabilität durch Östrogene, Schwangerschaft, Wochenbett, Krebs, Thrombophilie; 1 roter Thrombus aus Fibrin und Erythrozyten beginnt in Klappentaschen und Muskelvenen der Wade und haftet locker; 2 Wachstum von distal nach proximal über vier Etagen mit ihrer Verteilung: Unterschenkel etwa 20 %, V. poplitea 20 %, Oberschenkel 50 %, Becken 10 %; bis zu 20 % der unbehandelten Unterschenkel-TVT steigen auf, zwei Drittel links; 3 zwei Gefahren: akut Lungenembolie, über 90 % aus Bein- und Beckenvenen, bei proximaler TVT bis 50 % stumme Embolien; später postthrombotisches Syndrom bei 20 bis über 50 % nach proximaler TVT, meist in den ersten zwei Jahren; unten VTE gleich TVT plus LE

Verfolge den Weg von oben nach unten: Welche der drei oberen Bedingungen liegen bei deinem Patienten vor, auf welcher Etage sitzt der Thrombus – und welche der beiden Gefahren droht zuerst?

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Herold Innere Medizin 2024, S. 826–828, und ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019; vereinfachte Darstellung.

Wo stehen wir im Kapitel? Dieses Kapitel folgt einem roten Faden in drei Schritten. Diese Einheit legt den ersten Schritt: Du verstehst, wie eine Thrombose entsteht und wer gefährdet ist. Darauf bauen die Wahrscheinlichkeitsprüfung (Score, D-Dimer, Bildgebung) und schließlich die Behandlungsentscheidung auf. Dort unterscheidest du zum Beispiel einen Wells-Score unter oder ab 2 Punkten, liest ein D-Dimer gegen den Grenzwert von meist 500 µg/l FEU und antikoagulierst eine gesicherte VTE mindestens 3 Monate.

Drei untereinander stehende Kästen mit Pfeilen unter dem Kopf Thromboseverdacht, Test, Risiko: 1 Thrombose verstehen – Virchow-Trias, Auslöser stark, schwach, anhaltend oder keiner, Prophylaxe nach Risiko; 2 Wahrscheinlichkeit prüfen – Wells-Score unter 2 unwahrscheinlich, ab 2 wahrscheinlich, D-Dimer-Grenze meist 500 µg/l FEU, Kompressionssonografie und CTPA; 3 Behandlung abwägen – Antikoagulation mindestens 3 Monate, Reperfusion bei Hochrisiko-Lungenembolie, Dauer nach Auslöser und Blutungsrisiko, Nachsorge; der erste Kasten ist hervorgehoben

Der hervorgehobene erste Kasten ist der Schritt, den du in dieser Einheit bearbeitest; die Grenzwerte in Schritt 2 und 3 lernst du in den folgenden Einheiten.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach dem Aufbau dieses Kapitels, ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019 und AWMF-S2k-Leitlinie 065-002 (2023).

Risikofaktoren einordnen

Risikofaktoren lassen sich auf zwei Arten sortieren. Beide Sortierungen brauchst du später: die erste für die Vorbeugung, die zweite für die Behandlungsdauer.

Sortierung 1: Liegt das Risiko in der Person oder in der Situation?

  • Dispositionelle Risikofaktoren bringt der Mensch mit; sie bestehen oft dauerhaft.
  • Expositionelle Risikofaktoren entstehen durch eine Situation, etwa eine Operation oder eine akute Erkrankung; sie sind meist vorübergehend.
Dispositionell (in der Person)Expositionell (durch die Situation)
frühere VTEOperation, besonders Hüft- oder Kniegelenkersatz
aktive KrebserkrankungTrauma, Fraktur der unteren Extremität
höheres AlterGipsverband, Lähmung, Bettlägerigkeit
Thrombophilieakute Erkrankung mit Immobilisation (z. B. Pneumonie)
Östrogene, Schwangerschaft, Wochenbettzentraler Venenkatheter, Chemotherapie
Adipositas, Herzinsuffizienzlanges Sitzen auf Reisen

Drei Faktoren solltest du genauer kennen, weil sie oft unterschätzt werden:

  • Östrogene (kombinierte orale Kontrazeptiva, Hormonersatztherapie) steigern die Bildung von Gerinnungsfaktoren und senken natürliche Hemmstoffe. Rauchen verstärkt dieses Risiko zusätzlich. Ohne kombiniertes Kontrazeptivum erleiden etwa 2 von 10.000 Frauen pro Jahr eine VTE, mit einem Levonorgestrel-haltigen Präparat 5–7, mit Desogestrel, Gestoden oder Drospirenon 9–12; am höchsten ist das Risiko im ersten Anwendungsjahr.
  • Schwangerschaft und Wochenbett: Die Hormonumstellung macht das Blut gerinnungsbereiter; der wachsende Uterus drückt auf die Beckenvenen und fördert die Stase. Das Risiko bleibt bis etwa sechs Wochen nach der Geburt erhöht. Schwangerschaft und Wochenbett zusammen erhöhen das VTE-Risiko etwa 4-fach; im Wochenbett ist es etwa 5-mal so hoch wie in der Schwangerschaft.
  • Krebs: Tumorzellen bilden gerinnungsfördernde Stoffe (z. B. Gewebefaktor). Hinzu kommen Chemotherapie, Venenkatheter, Operationen und Immobilität. Besonders hoch ist das Risiko bei metastasierter Erkrankung und bei bestimmten Tumoren wie dem Pankreaskarzinom. Insgesamt ist das VTE-Risiko bei Krebs etwa 7-fach erhöht, am stärksten in den ersten Monaten nach der Diagnose.

Drei Zeilen mit je einem Risikofaktor links und seinen Kennzahlen rechts: Östrogene in kombinierten Kontrazeptiva oder Hormonersatztherapie – mehr Gerinnungsfaktoren, weniger Hemmstoffe; VTE pro 10.000 Frauen und Jahr ohne Kontrazeptivum etwa 2, mit Levonorgestrel 5–7, mit Desogestrel, Gestoden oder Drospirenon 9–12; höchstes Risiko im ersten Jahr, Rauchen verstärkt. Schwangerschaft und Wochenbett etwa 4-fach – Hormone, Uterus drückt auf Beckenvenen, Wochenbett etwa 5-mal riskanter als Schwangerschaft, erhöht bis etwa 6 Wochen nach der Geburt. Aktive Krebserkrankung etwa 7-fach – Gewebefaktor, Chemotherapie, Katheter, Operation, Immobilität, am höchsten in den ersten Monaten nach Diagnose, besonders bei Metastasen und Pankreaskarzinom. Unten: Faktoren addieren sich.

Lies jede Zeile von links nach rechts: Faktor, Größenordnung, Mechanismus. Mehrere Faktoren können gleichzeitig vorliegen und addieren sich.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Rote-Hand-Brief zu kombinierten hormonalen Kontrazeptiva (BfArM, 30.09.2021), Heit JA et al., Ann Intern Med 2005;143:697–706, und Blom JW et al., JAMA 2005;293:715–722.

Sortierung 2: Gab es einen Auslöser für diese VTE?

Ist eine VTE gesichert, fragst du: Gab es in den letzten etwa drei Monaten einen erkennbaren Auslöser? Daraus ergibt sich, ob die VTE provoziert oder unprovoziert ist – und wie hoch das Risiko ist, dass nach Ende der Behandlung erneut eine VTE auftritt.

AuslöserBeispieleRückfallrisiko nach Therapieende
stark, vorübergehendOP in Vollnarkose > 30 min; ≥ 3 Tage bettlägerig im Krankenhaus; Trauma mit Frakturniedrig
schwach, vorübergehendkleine OP; Östrogene; Schwangerschaft/Wochenbett; Beinverletzung ohne Fraktur; Langstreckenflugmittel
anhaltend, nicht bösartigchronisch-entzündliche Darmerkrankung, aktive Autoimmunerkrankungmittel
kein Auslöser (unprovoziert)keiner der genannten Faktoren erkennbarmittel
anhaltend, starkaktive Krebserkrankung; Antiphospholipid-Syndrom; frühere VTE ohne starken Auslöserhoch

Dauerhafte Grundrisiken wie höheres Alter oder Adipositas zählen dabei nicht als Auslöser: Sie erhöhen das Risiko jedes Menschen, „provozieren“ aber keine bestimmte VTE.

So liest du die Tabelle: Je klarer ein starker Auslöser vorbei ist, desto niedriger ist das Rückfallrisiko. Bleibt die Ursache bestehen oder ist keine erkennbar, ist es höher. Die ESC-Leitlinie beziffert die Stufen grob: niedrig unter 3 %, mittel 3–8 %, hoch über 8 % Rückfälle pro Jahr nach Therapieende. Diese Einordnung bestimmt später mit, wie lange antikoaguliert wird – das lernst du in C09-U08. Hier geht es nur darum, sie sicher zu benennen.

Entscheidungsdiagramm: VTE gesichert, gab es in den letzten etwa 3 Monaten einen Auslöser? Ja, vorübergehend und vorbei: stark – Operation in Vollnarkose über 30 Minuten, mindestens 3 Tage bettlägerig im Krankenhaus, Trauma mit Fraktur – Rückfallrisiko niedrig, unter 3 % pro Jahr; schwach – kleine Operation, Östrogene, Schwangerschaft, Wochenbett, Beinverletzung, Langstreckenflug – mittel, 3–8 %. Nein: unprovoziert, Alter und Adipositas zählen nicht – mittel, 3–8 %. Ja, anhaltend: nicht bösartig – chronisch-entzündliche Darmerkrankung, aktive Autoimmunerkrankung – mittel, 3–8 %; stark – aktive Krebserkrankung, Antiphospholipid-Syndrom, frühere VTE ohne starken Auslöser – hoch, über 8 % pro Jahr. Unten: Das Rückfallrisiko bestimmt später die Behandlungsdauer.

Dieselbe Einordnung wie in der Tabelle, als Entscheidungsweg: Erst fragst du nach dem Auslöser, dann liest du rechts das jährliche Rückfallrisiko nach Therapieende ab.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach ESC-Leitlinie Akute Lungenembolie 2019 (Tab. 11) und AWMF-S2k-Leitlinie 065-002 (2023); vereinfachte Darstellung.

Von der Erhebung dispositioneller und expositioneller Risikofaktoren führt der Weg zur jeweiligen Fragestellung. Für die Vorbeugung werden Person und Situation gemeinsam betrachtet; nach gesicherter VTE wird der Auslöser der letzten etwa drei Monate für das Rückfallrisiko und die Behandlungsdauer eingeordnet.

Abbildung: Die beiden Sortierungen beantworten unterschiedliche Fragen: Vorbeugung vor dem Ereignis und Rückfallrisiko nach gesicherter VTE. Quelle: eigene Darstellung.

Thrombophilie – nur wann du daran denkst

Eine Thrombophilie ist eine angeborene (z. B. Faktor-V-Leiden-Mutation, Prothrombinmutation, Mangel an Antithrombin, Protein C oder Protein S) oder erworbene Gerinnungsneigung (z. B. Antiphospholipid-Syndrom). Daran denkst du bei einer VTE in jungem Alter (etwa unter 50 Jahren) ohne erkennbaren Auslöser, bei mindestens zwei Verwandten ersten Grades mit VTE, bei wiederholten Thrombosen, bei ungewöhnlicher Lokalisation und bei Hinweisen auf ein Antiphospholipid-Syndrom (z. B. wiederholte Fehlgeburten, Thrombozytopenie). Getestet wird nicht routinemäßig und nicht in der Akutphase: Der frische Thrombus und die Antikoagulanzien verfälschen die Messwerte, und die Akutbehandlung hängt nicht vom Ergebnis ab. Ob, wann und was getestet wird, ist eine gezielte, oft fachärztliche Entscheidung. Wird getestet, dann frühestens etwa 3 Monate nach dem Ereignis, ohne Östrogene und außerhalb einer Schwangerschaft; Antiphospholipid-Antikörper müssen im Abstand von mindestens 12 Wochen zweimal positiv sein. Darf die Antikoagulation pausieren, werden VKA mindestens 4 Wochen vorher abgesetzt und DOAK 48 Stunden (Xa-Hemmer) bzw. 72 Stunden (Dabigatran) vorher pausiert; Gentests auf Faktor-V-Leiden und Prothrombinmutation werden durch Antikoagulanzien nicht verfälscht.

Die angeborenen Thrombophilien unterscheiden sich deutlich in Häufigkeit und Risiko.

DefektHäufigkeit in der BevölkerungRisiko für erste TVT (heterozygot)
Faktor-V-Leiden-Mutation (APC-Resistenz)etwa 5 %bis etwa 5-fach
Prothrombinmutation G20210Aetwa 3 %bis etwa 5-fach
Protein-C-Mangeletwa 0,2 %etwa 7-fach
Protein-S-Mangeletwa 0,1 %etwa 5-fach
Antithrombinmangeletwa 0,02 %etwa 15-fach

Das höchste Risiko tragen der Antithrombinmangel und die homozygote Faktor-V-Leiden-Mutation; heterozygote Faktor-V-Leiden- und Prothrombinmutation erhöhen es nur mäßig und führen vor allem zusammen mit weiteren Risikofaktoren zur Thrombose.

Flussdiagramm Thrombophilie: 1 daran denken bei VTE unter 50 Jahren ohne Auslöser, mindestens 2 Verwandten ersten Grades mit VTE, wiederholten Thrombosen, ungewöhnlicher Lokalisation oder Hinweisen auf ein Antiphospholipid-Syndrom wie Fehlgeburten und Thrombozytopenie; 2 nicht in der Akutphase testen – frischer Thrombus verbraucht Antithrombin, Protein C und S, Heparin senkt Antithrombin, VKA senken Protein C und S, DOAK stören Gerinnungstests wie das Lupus-Antikoagulans, die Akutbehandlung hängt nicht vom Ergebnis ab; 3 wenn getestet wird: frühestens etwa 3 Monate nach dem Ereignis, VKA mindestens 4 Wochen abgesetzt, DOAK 48 Stunden bei Xa-Hemmern oder 72 Stunden bei Dabigatran pausiert, keine Östrogene, keine Schwangerschaft, Antiphospholipid-Antikörper zweimal positiv im Abstand von mindestens 12 Wochen; nebeneinander Gentests auf Faktor-V-Leiden und Prothrombin G20210A, auch unter Antikoagulation verwertbar, und störanfällige Aktivitätstests für Antithrombin, Protein C und S sowie APS-Antikörper; unten: ob, wann und was gezielt entscheiden, oft fachärztlich

Die Hinweise begründen eine gezielte Entscheidung; sie lösen kein sofortiges Testpanel aus. Achte auf Schritt 2: Er erklärt, warum Werte aus der Akutphase in die Irre führen.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Herold Innere Medizin 2024, S. 827 und 831, und AWMF-S2k-Leitlinie 065-002 (2023); vereinfachte Darstellung.

Wadenschmerz nach dem Flug

Fall: Frau M., 34 Jahre, kommt in die Notaufnahme. Sie nimmt seit zwei Jahren ein kombiniertes orales Kontrazeptivum ein. Vor drei Tagen ist sie aus Bangkok zurückgeflogen (etwa 11 Stunden, überwiegend am Fensterplatz sitzend). Seit gestern hat sie ziehende Schmerzen in der linken Wade; das linke Bein wirkt etwas dicker. Keine Operation, keine Verletzung, keine Vorerkrankungen, Nichtraucherin.

Schritt 1 – Welche Virchow-Elemente liegen vor?

Virchow-ElementBefund bei Frau M.
Stasestundenlanges Sitzen mit abgeknickter Kniekehle; Wadenmuskelpumpe fast ohne Arbeit
HyperkoagulabilitätÖstrogen im Kontrazeptivum steigert die Gerinnungsbereitschaft
Endothelschadenkein Hinweis

Zwei der drei Bedingungen treffen zusammen – das erklärt, warum eine junge, gesunde Frau gefährdet ist. Reisen mit mehr als etwa 4 Stunden Sitzen verdoppeln das VTE-Risiko ungefähr; 11 Stunden liegen weit darüber.

Schritt 2 – Welche Risikofaktoren sind es nach Sortierung 1? Das Kontrazeptivum ist dispositionell (es gehört zur Person, solange sie es nimmt); der Flug ist expositionell (eine vorübergehende Situation).

Schritt 3 – Welche Auslöserkategorie läge vor, wenn sich eine TVT bestätigt? Beide Faktoren sind schwache, vorübergehende Auslöser. Eine bestätigte TVT wäre also provoziert durch schwache vorübergehende Auslöser – nicht unprovoziert und nicht stark provoziert.

Schritt 4 – Was folgt daraus jetzt? Die Risikofaktoren machen eine TVT plausibel, beweisen sie aber nicht: Wadenschmerz hat viele Ursachen, und klinische Zeichen allein sind unzuverlässig. Der nächste Schritt ist eine strukturierte Abklärung mit Wahrscheinlichkeitsscore, gegebenenfalls D-Dimer und Kompressionssonografie (C09-U04). Dort gilt: Bei einem Wells-Score unter 2 Punkten folgt zuerst das D-Dimer (Grenzwert meist 500 µg/l FEU), ab 2 Punkten oder bei positivem D-Dimer die Kompressionssonografie. Die Einordnung als „schwach provoziert“ wird erst bei gesicherter Diagnose wichtig – für die Behandlungsdauer und für die Beratung zum Kontrazeptivum.

Kurz gesagt: Daten sammeln → Virchow-Elemente zuordnen → dispositionell/expositionell benennen → Auslöserkategorie für den Fall der Bestätigung festhalten → Diagnose sichern, nicht aus Risikofaktoren ableiten.

Fallweg Frau M., 34 Jahre, Wadenschmerz links drei Tage nach einem 11-Stunden-Flug unter kombiniertem Kontrazeptivum: 1 Virchow-Elemente – Stase erfüllt durch 11 Stunden Sitzen, Reisen über 4 Stunden verdoppeln das Risiko etwa; Hyperkoagulabilität erfüllt durch Östrogen; Endothelschaden ohne Hinweis; 2 expositionell der Flug, dispositionell das Kontrazeptivum; 3 falls TVT bestätigt: beide Faktoren schwach und vorübergehend, also schwach provoziert, Rückfallrisiko mittel 3–8 % pro Jahr; 4 Diagnose sichern: Wells-Score unter 2 zuerst D-Dimer mit Grenze meist 500 µg/l FEU, ab 2 oder bei positivem D-Dimer Kompressionssonografie; unten links bei nicht komprimierbarer Vene TVT gesichert, behandeln und Kontrazeption neu beraten; rechts bei negativem D-Dimer oder unauffälliger Sonografie TVT ausgeschlossen, andere Ursache suchen

Die vier Schritte des Beispiels als Weg: Die Auslöserkategorie in Schritt 3 gilt erst, wenn Schritt 4 die TVT gesichert hat.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019, AWMF-S2k-Leitlinie 065-002 (2023) und WHO Research Into Global Hazards of Travel (WRIGHT), Phase I, 2007.

Multiple Choice

Unterschenkelgips

Aufgabe

Herr B., 45 Jahre, hat sich vor zwei Wochen beim Fußballspielen eine Außenknöchelfraktur zugezogen, die konservativ mit einem Unterschenkelgips behandelt wird. Er geht an Unterarmgehstützen und belastet das Bein nicht. Er hat keine Vorerkrankungen und nimmt keine Medikamente. Welcher Virchow-Faktor erklärt sein erhöhtes Thromboserisiko in der Wade am besten?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patient45 Jahre
VerletzungAußenknöchelfraktur vor 2 Wochen
VersorgungUnterschenkelgips; Unterarmgehstützen
BelastungBein wird nicht belastet
AnamneseKeine Vorerkrankungen; keine Medikamente
  1. a)Endothelschaden durch die Fraktur
  2. b)Stase durch ausgefallene Muskel- und Gelenkpumpe
  3. c)Hyperkoagulabilität durch eine angeborene Thrombophilie
Lösung in der App →

Multiple Choice

Provoziert oder unprovoziert?

Aufgabe

Bei zwei Patienten wurde eine proximale TVT gesichert.

  • Herr K., 67 Jahre: Hüftgelenkersatz in Vollnarkose (Dauer 90 Minuten) vor drei Wochen.
  • Herr L., 58 Jahre: In den letzten drei Monaten keine Operation, keine Verletzung, keine Reise, keine akute Erkrankung, keine bekannte Krebserkrankung, keine Hormontherapie.

Welche Einordnung trifft für beide zu?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Beide PatientenProximale TVT gesichert
Herr K., 67 JahreHüftgelenkersatz vor 3 Wochen; Vollnarkose 90 min
Herr L., 58 JahreIn den letzten 3 Monaten keine OP, Verletzung, Reise oder akute Erkrankung
Weitere Angaben zu Herrn L.Keine bekannte Krebserkrankung; keine Hormontherapie
  1. a)Herr K.: starker vorübergehender Auslöser – Herr L.: unprovoziert
  2. b)Herr K.: schwacher vorübergehender Auslöser – Herr L.: anhaltender Risikofaktor (Alter)
  3. c)Herr K.: anhaltender Risikofaktor – Herr L.: unprovoziert
Lösung in der App →

Freie Antwort

Risikoprofil bei Krebserkrankung

Aufgabe

Frau S., 61 Jahre, hat ein metastasiertes Pankreaskarzinom und erhält über einen Port eine Chemotherapie. Seit einer Pneumonie vor fünf Tagen liegt sie überwiegend im Bett. Sie wird auf deiner Station aufgenommen.

Begründe ihr VTE-Risikoprofil in drei Sätzen: Nenne die beteiligten Virchow-Elemente, ordne ihre Risikofaktoren als dispositionell oder expositionell ein und sage, welche Auslöserkategorie bei einer jetzt auftretenden TVT überwiegen würde.

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin61 Jahre
ErkrankungMetastasiertes Pankreaskarzinom
BehandlungChemotherapie über einen Port
Aktuelle SituationPneumonie seit 5 Tagen; überwiegend bettlägerig
In der App sprechen üben →

Gerinnung gezielt hemmen

Lernziel: Du kannst Antikoagulanzien nach Angriffspunkt und Kontrolle unterscheiden.

Wo stehen wir? Du hast gesehen, wie eine Thrombose entsteht (Thrombose verstehen). Bevor du später Wahrscheinlichkeit prüfst und eine Behandlung abwägst, brauchst du das Werkzeug: Wo greifen die Gerinnungshemmer an, wie schnell wirken sie, womit kontrollierst du sie und wie hebst du ihre Wirkung im Prinzip auf? Dosierungen kommen erst in den Therapie-Einheiten.

Was Gerinnung braucht

Blutstillung (Hämostase) läuft in zwei eng verzahnten Teilen ab.

Primäre Hämostase – der Plättchenpfropf. Wird ein Gefäß verletzt, liegt Kollagen frei. Thrombozyten haften über den Von-Willebrand-Faktor (vWF) an der Wand, werden aktiviert und setzen Botenstoffe wie ADP und Thromboxan A₂ frei. Über den Rezeptor GP IIb/IIIa und Fibrinogen verbinden sie sich miteinander (Aggregation). Es entsteht ein plättchenreicher, „weißer“ Pfropf, der die Lücke vorläufig verschließt.

Sekundäre Hämostase – das Fibrinnetz. Gleichzeitig startet die plasmatische Gerinnung: Gewebefaktor (Faktor III) aus dem verletzten Gewebe bindet Faktor VIIa. Dieser Komplex aktiviert Faktor X zu Faktor Xa. Xa bildet mit Faktor Va die Prothrombinase und wandelt Prothrombin (Faktor II) in Thrombin (Faktor IIa) um. Thrombin spaltet Fibrinogen zu Fibrin; Faktor XIIIa vernetzt die Fibrinfäden. In das Netz werden Erythrozyten eingeschlossen: ein „roter“, fibrinreicher Thrombus.

Thrombin verstärkt außerdem seine eigene Bildung (über die Faktoren V, VIII und XI) und aktiviert Thrombozyten. Deshalb sind Xa und Thrombin die beiden Knotenpunkte: Wer einen davon hemmt, bremst die gesamte Fibrinbildung. Primäre und sekundäre Hämostase laufen im Körper parallel auf der Plättchenoberfläche ab; die Trennung hilft beim Verstehen der Medikamente.

Woher kommen die Faktoren? Die Leber bildet die meisten Gerinnungsfaktoren. Die Faktoren II, VII, IX und X werden nur dann funktionsfähig, wenn Vitamin K als Kofaktor zur Verfügung steht. Das gilt auch für die beiden Hemmstoffe Protein C und Protein S.

Körpereigene Bremsen. Damit die Gerinnung lokal bleibt, gibt es natürliche Hemmer:

  • Antithrombin (AT) bindet und inaktiviert vor allem Thrombin und Faktor Xa. Heparin beschleunigt diese Reaktion um ein Vielfaches.
  • Protein C wird von Thrombin aktiviert und inaktiviert zusammen mit Protein S die Faktoren Va und VIIIa.
  • Ein Mangel an AT, Protein C oder Protein S erhöht deshalb das Thromboserisiko.

Fibrinolyse – das Aufräumen. Gewebe-Plasminogenaktivator (t-PA) aus dem Endothel wandelt Plasminogen in Plasmin um. Plasmin spaltet vernetztes Fibrin in Spaltprodukte. Eines davon ist das D-Dimer: Es entsteht nur, wenn zuvor vernetztes Fibrin gebildet und wieder abgebaut wurde. Ein erhöhtes D-Dimer zeigt also „Gerinnung und Abbau finden statt“, aber nicht, wo und warum. Der Test ist sehr empfindlich, aber unspezifisch: Auch Operation, Trauma, Krebs, Entzündung, Schwangerschaft und höheres Alter erhöhen das D-Dimer; der übliche Grenzwert liegt bei 500 µg/l FEU (0,5 mg/l). Wie du das D-Dimer bei Thromboseverdacht einsetzt, lernst du in C09-U04-S03.

Flussdiagramm in vier Schritten: 1 Thrombin bildet Fibrin, Faktor XIIIa vernetzt es; 2 t-PA aus dem Endothel wandelt Plasminogen in Plasmin um; 3 Plasmin spaltet vernetztes Fibrin, dabei entsteht D-Dimer, aus Fibrinogen allein nicht; 4 Labor mit Grenzwert meist 500 µg/l FEU. Darunter zwei Spalten: erhöht – Gerinnung und Abbau laufen, VTE möglich, aber auch nach OP, Trauma, bei Krebs, Entzündung, Schwangerschaft und im Alter; normal – spricht gegen frische VTE, nur bei nicht hoher klinischer Wahrscheinlichkeit. Ergebniszeile: zeigt Gerinnung und Abbau, zeigt nicht den Ort und nicht die Ursache.

Abbildung: D-Dimer entsteht nur aus vernetztem Fibrin. Lies den Wert als „Gerinnung und Abbau laufen“ – sensitiv, aber unspezifisch; Ort und Ursache musst du anders klären. Quelle: eigene Darstellung.

Venös oder arteriell – warum das für die Wahl des Medikaments zählt:

Merkmalvenöser Thrombusarterieller Thrombus
Entstehunglangsamer Fluss, StasePlaqueruptur, hoher Fluss
HauptbestandteilFibrin + Erythrozyten („rot“)Thrombozyten („weiß“)
HemmprinzipAntikoagulanzienThrombozytenhemmer

Bei der tiefen Venenthrombose und der Lungenembolie hemmst du daher die plasmatische Gerinnung. Beim Herzinfarkt oder nach Stent stehen Thrombozytenhemmer im Vordergrund; wann beides kombiniert wird, gehört zur Kardiologie (C03).

Ein gesichertes Gefäßereignis verzweigt in TVT oder Lungenembolie mit Stase und fibrinreichem Thrombus sowie Herzinfarkt oder Stent mit plättchenreichem Thrombus. Daraus folgen die Ziele Faktor Xa beziehungsweise Thrombin oder die Thrombozytenaktivierung und die zugehörigen Wirkstoffgruppen.

Abbildung: Beginne beim Gefäßereignis und leite daraus das Ziel der Hemmung ab. Quelle: eigene Darstellung.

So sieht das Fibrinnetz eines „roten“ Gerinnsels unter dem Rasterelektronenmikroskop aus. Achte auf die feinen Fibrinfäden und darauf, wie die scheibenförmigen Erythrozyten darin hängen bleiben.

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme in Graustufen: zahlreiche bikonkave, scheibenförmige Erythrozyten, teils in kleinen Stapeln, liegen in einem dichten Geflecht aus feinen Fibrinfäden und Fibrinklumpen.

Abbildung: Erythrozyten im Fibrinnetz – Gerinnsel auf der Innenfläche eines liegenden Gefäßkatheters (Rasterelektronenmikroskopie). So ist ein fibrin- und erythrozytenreicher, „roter“ Thrombus aufgebaut; genau diese Fibrinbildung bremsen Antikoagulanzien. Quelle: CDC / Janice Haney Carr, CDC Public Health Image Library, PHIL 7316 (gemeinfrei); Messdatenleiste abgeschnitten.

Angriffspunkte

Antikoagulanzien greifen auf drei Wegen in die Kaskade ein:

  1. Indirekt über Antithrombin: Heparine und Fondaparinux binden an das körpereigene AT und verstärken es. Ohne ausreichend AT wirken sie schwächer.
  2. Direkt am Enzym: Die direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) hemmen Faktor Xa oder Thrombin selbst – unabhängig von Antithrombin.
  3. Über die Synthese: Vitamin-K-Antagonisten (VKA) verhindern, dass die Leber funktionsfähige Faktoren II, VII, IX und X bildet.

Vereinfachte Gerinnungskaskade mit Angriffspunkten der Antikoagulanzien und der Thrombozytenhemmer

Verfolge die Kaskade in der Mitte von oben nach unten und achte darauf, an welchem Knoten jedes Medikament rechts ansetzt; links siehst du die Plättchen, die Thrombozytenhemmer und die körpereigenen Hemmer.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Herold Innere Medizin 2024, S. 137–139 und 834–837, sowie Duale Reihe Innere Medizin, 4. Aufl. 2018, S. 1292–1293 und 1316–1320; vereinfachte, nicht maßstabsgerechte Darstellung.

Die Gruppen im Einzelnen:

  • Unfraktioniertes Heparin (UFH): lange Zuckerketten, die AT und Thrombin gleichzeitig binden können. Dadurch hemmt der Komplex Thrombin und Xa etwa gleich stark.
  • Niedermolekulares Heparin (NMH, z. B. Enoxaparin): kürzere Ketten. Sie reichen für die Xa-Hemmung über AT, aber nur noch begrenzt für Thrombin. NMH wirkt deshalb vor allem gegen Xa.
  • Fondaparinux: synthetisches Pentasaccharid – genau das Stück Heparin, das AT bindet. Es hemmt über AT ausschließlich Faktor Xa.
  • Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban: hemmen Faktor Xa direkt und reversibel; Einnahme oral.
  • Dabigatran: hemmt Thrombin direkt und reversibel. Eingenommen wird die Vorstufe Dabigatranetexilat, die im Körper aktiviert wird.
  • VKA (in Deutschland meist Phenprocoumon): blockieren den Vitamin-K-Kreislauf. Die Leber bildet dann nur funktionsuntüchtige Vorstufen der Faktoren II, VII, IX und X – und ebenso von Protein C und S.

Für die Thrombinhemmung braucht eine Heparinkette mindestens 18 Zuckereinheiten – UFH hat im Mittel etwa 45, NMH nur etwa 15; deshalb hemmt NMH Faktor Xa 2- bis 4-mal stärker als Thrombin.

Diagramm in drei Abschnitten. 1 Indirekt über Antithrombin: AT bindet an ein Pentasaccharid; für die Xa-Hemmung genügt es, für die Thrombinhemmung braucht die Kette mindestens 18 Zucker. Drei Spalten: UFH etwa 45 Zucker, mittleres Molekulargewicht 15 kDa, Xa zu IIa etwa 1 zu 1, i.v. oder s.c.; NMH etwa 15 Zucker, 4–5 kDa, Xa zu IIa 2–4 zu 1, s.c.; Fondaparinux 5 Zucker, synthetisch, nur Xa, s.c. 2 Direkt am Enzym ohne AT: Xa-Hemmer Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban und Thrombinhemmer Dabigatran, beide oral. 3 Über die Synthese: VKA Phenprocoumon, Faktoren II, VII, IX, X sowie Protein C und S nicht funktionsfähig, oral. Ergebniszeile: AT-Mangel schwächt Heparine und Fondaparinux; DOAK wirken ohne AT in Stunden; VKA schützen erst nach Tagen.

Abbildung: Die Kettenlänge erklärt, warum UFH Thrombin und Xa, NMH vor allem Xa und Fondaparinux nur Xa hemmt – alle drei brauchen Antithrombin, die DOAK nicht. Quelle: eigene Darstellung.

Abgrenzung Thrombozytenhemmer: ASS hemmt irreversibel die Cyclooxygenase und damit die Thromboxanbildung; P2Y12-Hemmer (z. B. Clopidogrel) blockieren den ADP-Rezeptor der Plättchen. Beide wirken auf die primäre Hämostase. Die Fibrinbildung im langsam fließenden Venenblut bremsen sie kaum – sie sind keine Antikoagulanzien.

GruppeAngriffspunktGabe
UFHXa + Thrombin über ATi.v. oder s.c.
NMHv. a. Xa über ATs.c.
Fondaparinuxnur Xa über ATs.c.
Apixaban, Rivaroxaban, EdoxabanXa direktoral
DabigatranThrombin direktoral
VKA (Phenprocoumon)Synthese II, VII, IX, Xoral
ASS, P2Y12-HemmerThrombozytenoral

Zeit, Niere, Halbwertszeit

Für die Praxis zählen drei Fragen: Wie schnell wirkt das Mittel? Wie lange wirkt es nach? Wodurch wird es ausgeschieden?

Schnell an, schnell aus. UFH als Dauerinfusion (Perfusor) wirkt sofort und klingt wegen der kurzen Halbwertszeit innerhalb von Stunden ab. Darum ist es gut steuerbar – etwa wenn bald ein Eingriff oder eine Lyse möglich ist. NMH und DOAK wirken innerhalb weniger Stunden nach der Gabe. Ihre Wirkung klingt nach der letzten Gabe über etwa einen Tag (NMH) bzw. ein bis zwei Tage (DOAK) ab. Fondaparinux hat eine noch längere Halbwertszeit und wird deshalb nur einmal täglich gespritzt. Zur Orientierung die Halbwertszeiten: UFH 30–150 Minuten (dosisabhängig), NMH 3–6 Stunden, DOAK etwa 5–17 Stunden, Fondaparinux 17–21 Stunden, Phenprocoumon etwa 6,5 Tage.

Die Niere entscheidet mit. NMH, Fondaparinux und alle DOAK werden ganz oder teilweise über die Niere ausgeschieden. Bei eingeschränkter Nierenfunktion reichern sie sich an – die Blutungsgefahr steigt. Wie stark die Niere beteiligt ist, unterscheidet sich je Wirkstoff:

WirkstoffAnteil über die NiereFolge
Dabigatranetwa 85 %stark nierenabhängig
Edoxabanetwa 50 %mittel
Rivaroxabanetwa ein Drittelgeringer
Apixabanetwa 27 %am geringsten

Vor Beginn und im Verlauf gehört deshalb die Nierenfunktion (Kreatinin, Kreatinin-Clearance) zu jeder Antikoagulation. Welche Grenzen für welchen Wirkstoff gelten, lernst du in C09-U05-S04.

Balkendiagramm mit logarithmischer Zeitachse von 1 Stunde bis 7 Tage: UFH i.v. 0,5–2,5 h, kaum renal; NMH s.c. 3–6 h, renal; Rivaroxaban 5–13 h, etwa 33 % renal; Edoxaban 10–14 h, etwa 50 %; Apixaban etwa 12 h, etwa 27 %; Dabigatran 12–17 h, etwa 85 %; Fondaparinux 17–21 h, fast ganz renal; Phenprocoumon etwa 6,5 Tage, Abbau über die Leber. Darunter: Niere schlechter, Spiegel steigt, Blutung – Kreatinin-Clearance vor Start und im Verlauf. Ergebniszeile: kurz – UFH gut steuerbar; mittel – NMH und DOAK etwa 1–2 Tage Nachwirkung; lang – Fondaparinux einmal täglich, VKA bis über eine Woche.

Abbildung: Halbwertszeit und renaler Anteil zusammen bestimmen, wie lange ein Mittel nachwirkt und wie stark es sich bei Niereninsuffizienz anreichert. Quelle: eigene Darstellung.

VKA: langsam an, langsam aus. VKA hemmen nur die Neubildung von Faktoren. Die bereits zirkulierenden, funktionsfähigen Faktoren müssen erst abgebaut werden. Faktor VII hat eine kurze Halbwertszeit von Stunden: Er fällt zuerst, und die INR steigt früh. Prothrombin (Faktor II) und Faktor X halten sich deutlich länger. Grobe Halbwertszeiten: Faktor VII etwa 6 Stunden, Protein C etwa 8 Stunden, Faktor IX etwa 1 Tag, Faktor X etwa 1–2 Tage, Prothrombin 60–72 Stunden. Der volle Thromboseschutz baut sich deshalb erst über mehrere Tage auf. Nach dem Absetzen von Phenprocoumon dauert es ebenfalls Tage bis über eine Woche, bis sich die Gerinnung normalisiert.

Das Protein-C-Paradox. Auch Protein C ist Vitamin-K-abhängig und hat eine kurze Halbwertszeit. In den ersten Tagen fällt diese Bremse schneller als die gerinnungsfördernden Faktoren II und X. Kurzzeitig überwiegt dann die Gerinnungsneigung: Ein Thrombus kann wachsen, selten entsteht eine Cumarin-Hautnekrose. Deshalb wird ein VKA bei akuter Thrombose immer überlappend mit einem parenteralen Antikoagulans (Heparin, NMH oder Fondaparinux) begonnen: mindestens 5 Tage und bis die INR an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Zielbereich 2,0–3,0 liegt. Die konkrete Umsetzung folgt in C09-U05-S01.

Oben Balken der Halbwertszeiten auf einer Achse von 0 bis 3 Tagen: Faktor VII etwa 6 h, Protein C etwa 8 h (Bremse, grün), Faktor IX etwa 1 Tag, Faktor X 1–2 Tage, Prothrombin 60–72 h. Darunter drei Schritte: 1 Tag 1–2 fallen VII und Protein C zuerst – INR steigt früh ohne Schutz, Gerinnungsneigung, Thrombuswachstum, selten Hautnekrose; 2 ab Tag 3–5 sinken X und II – erst jetzt echter Schutz; 3 deshalb parenteral überlappen. Ergebniszeile: früher INR-Anstieg ist kein Schutz; mindestens 5 Tage überlappen; INR 2,0–3,0 an 2 Tagen nacheinander.

Abbildung: Die Reihenfolge der Halbwertszeiten erklärt beides: die früh steigende INR ohne echten Schutz und das Protein-C-Paradox. Quelle: eigene Darstellung.

Qualitative Zeitachse von Wirkungsbeginn und Abklingen bei UFH, NMH, DOAK und VKA sowie VKA-Start mit überlappendem Heparin

Oben vergleichst du, wie schnell die Gruppen wirken und abklingen; unten siehst du, warum Heparin beim VKA-Start erst endet, wenn beide Bedingungen erfüllt sind.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019 (Konstantinides et al., Eur Heart J 2020; 41: 543–603, Abschnitt Antikoagulation), EHRA Practical Guide NOAC 2021 (Steffel et al., Europace 2021; 23: 1612–1676) sowie Herold Innere Medizin 2024, S. 834–837; qualitative, nicht maßstabsgerechte Zeitachse.

Die seltene Cumarin-Hautnekrose zeigt, was das Protein-C-Paradox klinisch bedeuten kann. Achte auf die flächigen, dunkelblauen bis schwarzen Hauteinblutungen und die eröffneten Blasen.

Linker Unterschenkel und Fuß eines Patienten im Krankenbett: ausgedehnte dunkelviolette bis schwarze Hautverfärbung, am Unterschenkel mehrere eröffnete, blutig-rote Blasenareale, auf die vier weiße Pfeile zeigen.

Abbildung: Cumarin-Hautnekrose am linken Unterschenkel mit flächigen Einblutungen und eröffneten hämorrhagischen Blasen (Pfeile). Sie trat drei Tage nach dem eigenmächtigen Wiederbeginn eines VKA (Warfarin) auf. Typisch entsteht sie in den ersten Behandlungstagen, wenn ohne überlappendes Heparin begonnen wird. Quelle: Nsaful J et al., Ghana Med J 2020; 54(4): 269–273, Abb. 2 (PMC8042803), CC BY 4.0; zugeschnitten.

Was man misst

Drei Gerinnungstests helfen dir, Antikoagulanzien zu verstehen:

  • aPTT (aktivierte partielle Thromboplastinzeit): erfasst den „inneren“ Weg und die gemeinsame Endstrecke. Sie reagiert empfindlich auf UFH und auf Thrombinhemmung. Der Normalbereich ist laborabhängig.
  • Thromboplastinzeit (Quick) bzw. INR: erfasst den Weg über Faktor VII, X, V und II sowie Fibrinogen. Die INR ist ein standardisierter Wert, der nur für die Steuerung von VKA entwickelt wurde. Quick und INR verhalten sich gegenläufig: Sinkt der Quick, steigt die INR.
  • Anti-Xa-Aktivität: misst, wie stark Faktor Xa im Plasma gehemmt wird. Das Labor kalibriert den Test für Heparin oder für einen bestimmten Xa-Hemmer.
Substanzgeeigneter TestBemerkung
UFH therapeutischaPTT (alternativ Anti-Xa)Dosis danach anpassen; Ziel laborabhängig
NMH, Fondaparinuxkeine RoutinekontrolleAnti-Xa nur in Sonderfällen
DOAKkeine Routinekontrollespezifische Spiegel nur im Notfall
VKAINRZielbereich meist 2,0–3,0

Für therapeutisches UFH gilt meist das 1,5- bis 2,5-Fache des aPTT-Ausgangswerts oder eine Anti-Xa-Aktivität von 0,3–0,7 IE/ml als Ziel; kontrolliert wird 6 Stunden nach Beginn und nach jeder Dosisänderung.

Beim therapeutischen UFH werden Wirkstoff und Ausgangswerte geklärt, sechs Stunden nach Beginn oder Dosisänderung wird kontrolliert. Die aPTT mit meist 1,5- bis 2,5-fachem Ausgangswert oder alternativ heparinkalibrierte Anti-Xa-Aktivität mit 0,3 bis 0,7 IE/ml führen zum Zielvergleich und gegebenenfalls zur Dosisanpassung mit erneuter Kontrolle.

Abbildung: Jede Dosisänderung startet die Kontrolle nach sechs Stunden neu; INR und Thrombozytenzahl sind dafür keine Ersatzwerte. Quelle: eigene Darstellung.

Sonderfälle für Anti-Xa bei NMH: eingeschränkte Nierenfunktion, sehr hohes oder sehr niedriges Körpergewicht, Schwangerschaft. Abgenommen wird im Wirkmaximum, also etwa 3–5 Stunden nach der Injektion. Bei zweimal täglicher therapeutischer NMH-Gabe gilt ein Spitzenwert von etwa 0,6–1,0 IE/ml als Ziel.

DOAK messen – nur ausnahmsweise. Für DOAK gibt es feste Dosen ohne Routinemonitoring. Normale INR- und aPTT-Werte schließen eine wirksame DOAK-Konzentration nicht aus – besonders bei Apixaban. Braucht man im Notfall (Blutung, dringliche Operation, Lyse-Frage) eine Antwort, misst das Labor eine für den Wirkstoff kalibrierte Anti-Xa-Aktivität (Xa-Hemmer) bzw. eine verdünnte Thrombinzeit (Dabigatran). Vor einer dringlichen Operation gilt ein Spiegel unter 30 ng/ml meist als vertretbar; liegt die letzte Einnahme bei normaler Nierenfunktion mehr als 48 Stunden zurück, ist kaum noch Wirkung zu erwarten.

Flussdiagramm „Notfall unter DOAK“ bei Blutung, dringlicher Operation oder Lyse-Frage: 1 erst fragen – Wirkstoff, letzte Einnahme, Kreatinin-Clearance; mehr als 48 h und normale Niere bedeutet kaum Restwirkung. 2 INR und aPTT entwarnen nicht, besonders bei Apixaban. 3 spezifischer Spiegel: bei Xa-Hemmern wirkstoffkalibrierte Anti-Xa-Aktivität, bei Dabigatran verdünnte Thrombinzeit, jeweils in ng/ml. 4 Einordnung vor dringlicher Operation: unter 30 ng/ml Eingriff meist ohne Gegenmittel vertretbar; ab 30 ng/ml warten oder Gegenmittel erwägen; ohne Test nach Zeit und Nierenfunktion entscheiden.

Abbildung: Erst Wirkstoff, Einnahmezeit und Niere klären, dann – nur wenn es die Entscheidung ändert – den wirkstoffspezifischen Spiegel messen; normale Routinetests entwarnen nicht. Quelle: eigene Darstellung.

Immer dazu:

  • Nierenfunktion (Kreatinin, Kreatinin-Clearance): Dosis und Anreicherung.
  • Blutbild mit Hämoglobin: versteckte Blutung erkennen.
  • Thrombozyten: Ausgangswert vor Heparin und Kontrollen unter Heparin, weil eine heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT) auftreten kann (Details in C09-U05-S06).

Unter Heparin kontrollierst du die Thrombozyten besonders zwischen Tag 5 und Tag 14.

Übersicht „Welcher Test zu welchem Mittel?“: UFH – aPTT mit Ziel etwa 1,5- bis 2,5-fach des Ausgangswerts, alternativ Anti-Xa, Kontrolle 6 h nach Änderung; VKA – INR, Ziel meist 2,0–3,0; NMH und Fondaparinux – keine Routinekontrolle, Anti-Xa nur bei eingeschränkter Niere, extremem Gewicht oder Schwangerschaft 3–5 h nach Injektion; DOAK – keine Routinekontrolle, im Notfall wirkstoffkalibriert. Anti-Xa-Zielwerte: UFH 0,3–0,7 IE/ml, NMH zweimal täglich Spitzenwert 0,6–1,0 IE/ml. Immer dazu: Kreatinin-Clearance, Blutbild, Thrombozyten vor Heparin und besonders an Tag 5–14. Ergebniszeile: aPTT zu UFH, INR zu VKA, Anti-Xa zu Heparinen und Xa-Hemmern.

Abbildung: Jedes Mittel hat seinen Test – und Nierenfunktion, Blutbild und Thrombozyten gehören immer dazu. Quelle: eigene Darstellung.

Gegenmittel im Prinzip

Bei einer bedrohlichen Blutung oder vor einem dringlichen Eingriff musst du die Wirkung aufheben können. Es gibt drei Prinzipien:

  1. Pausieren und Zeit nutzen: Bei kurzer Halbwertszeit (UFH, DOAK) hilft schon das Absetzen. Entscheidend sind der Zeitpunkt der letzten Gabe und die Nierenfunktion.
  2. Das Molekül neutralisieren: Ein Gegenmittel bindet das Medikament und macht es unwirksam.
  3. Fehlende Faktoren ersetzen: Bei VKA fehlen funktionsfähige Faktoren. Sie werden neu gebildet (Vitamin K) oder sofort zugeführt (Prothrombinkomplex-Konzentrat, PPSB, enthält II, VII, IX und X).
KlassePrinzip des GegenmittelsHinweis
UFHProtamin bindet Heparinwirkt vollständig
NMHProtaminnur teilweise wirksam
Fondaparinuxkein spezifisches AntidotProtamin unwirksam
DabigatranIdarucizumab (Antikörperfragment)bindet Dabigatran sofort
Apixaban, RivaroxabanPPSB oder Andexanet alfaPPSB ist der Standardweg; Andexanet klinikabhängig
EdoxabanPPSB (unspezifisch)Andexanet nicht zugelassen
VKAVitamin K + PPSBVitamin K wirkt verzögert

Andexanet alfa ist ein verändertes Faktor-Xa-Molekül, das Apixaban und Rivaroxaban „abfängt“. In der EU ist es für lebensbedrohliche oder unkontrollierbare Blutungen unter diesen beiden Wirkstoffen zugelassen; für Edoxaban ist es nicht zugelassen. Wann welches Gegenmittel in welcher Dosis gegeben wird, lernst du in C09-U08-S02.

Zur Orientierung: Bei normaler Nierenfunktion ist UFH nach wenigen Stunden und ein DOAK nach 12–24 Stunden großteils abgeklungen, Phenprocoumon wirkt dagegen 7–14 Tage nach. Protamin hebt bei NMH höchstens etwa 60 % der Anti-Xa-Wirkung auf; Idarucizumab wirkt innerhalb von Minuten, PPSB nach etwa 30 Minuten, Vitamin K i.v. erst nach 4–6 Stunden.

Flussdiagramm „Wirkung aufheben“: Lage klären – Wirkstoff, letzte Gabe, Kreatinin-Clearance, passender Test. 1 Pausieren und Zeit nutzen – UFH nach wenigen Stunden abgeklungen, DOAK bei normaler Niere großteils nach 12–24 h, Phenprocoumon wirkt 7–14 Tage nach. Dann zwei Spalten: 2 Neutralisieren – UFH mit Protamin vollständig, NMH mit Protamin höchstens etwa 60 %, Dabigatran mit Idarucizumab in Minuten, Apixaban und Rivaroxaban mit Andexanet; 3 Faktoren ersetzen – PPSB mit II, VII, IX, X wirkt in etwa 30 min, Vitamin K i.v. ab 4–6 h und anhaltend, beim VKA beides zusammen, bei Xa-Hemmern PPSB als Standard. Ergebniszeile: spezifisch Protamin, Idarucizumab, Andexanet; unspezifisch PPSB, bei Edoxaban nur PPSB; kein Antidot für Fondaparinux – Zeit bei 17–21 h Halbwertszeit und lokale Blutstillung.

Abbildung: Ordne jedem Wirkstoff sein Prinzip zu und achte auf die Zeiten: Gegenmittel wirken in Minuten, Vitamin K erst nach Stunden, Fondaparinux lässt sich nur auswarten. Quelle: eigene Darstellung.

INR und aPTT richtig lesen

Fall 1: Herr K., 71 Jahre, nimmt seit 4 Monaten Phenprocoumon nach einer tiefen Beinvenenthrombose. Kontrolle: INR 2,4.

  • Was zeigt der Wert? Die INR ist für VKA standardisiert. 2,4 liegt im Zielbereich 2,0–3,0.
  • Warum ist er aussagekräftig? Phenprocoumon senkt die Faktoren II, VII, IX und X; die Thromboplastinzeit erfasst davon II, VII und X (Faktor IX misst die aPTT).
  • Konsequenz: Die Antikoagulation ist ausreichend eingestellt; Dosis beibehalten und weiter regelmäßig kontrollieren.

Fall 2: Frau S., 64 Jahre, nimmt seit 3 Wochen Apixaban wegen einer Lungenembolie. Sie kommt wegen einer Platzwunde in die Notaufnahme. Labor: INR 1,1; aPTT 31 s (Labornorm 25–36 s). Ein Kollege sagt: „Die Gerinnung ist normal – sie nimmt ihre Tabletten wohl nicht.“

  • Was zeigen die Werte? Beide Tests liegen im Normbereich.
  • Warum ist das kein Beweis? Apixaban hemmt Faktor Xa direkt. INR und aPTT reagieren darauf nur schwach und uneinheitlich. Die INR ist ohnehin nur für VKA standardisiert. Normale Werte schließen eine wirksame Apixaban-Konzentration nicht aus.
  • Was hilft stattdessen? Frage nach der letzten Einnahme und prüfe die Nierenfunktion. Wäre die Antwort für eine Entscheidung wirklich nötig (z. B. bedrohliche Blutung, Notoperation), würde eine apixaban-kalibrierte Anti-Xa-Aktivität gemessen.
  • Konsequenz: Die Platzwunde wird lokal versorgt. Frau S. gilt weiterhin als antikoaguliert; INR und aPTT eignen sich nicht, um Apixaban zu steuern oder die Einnahmetreue zu beurteilen.

Merksatz: Die INR gehört zum VKA, die aPTT zum UFH, die kalibrierte Anti-Xa-Aktivität zu den Xa-Hemmern – und DOAK brauchen im Alltag keine Spiegel.

Die Tabelle zeigt, warum Gerinnungswerte je nach Wirkstoff anders zu deuten sind.

WirkstoffBeispielwertDeutung
PhenprocoumonINR 2,4im Zielbereich 2,0–3,0; Dosis beibehalten
ApixabanINR 1,1; aPTT 31 s (Norm 25–36 s)wirksame Konzentration nicht ausgeschlossen; bei notwendiger Notfallmessung apixaban-kalibrierte Anti-Xa-Aktivität

Entscheidungsweg „Gerinnungswert lesen“: 1 zuerst Wirkstoff, letzte Einnahme und Nierenfunktion klären. Dann zwei Fälle nebeneinander: Fall 1 Phenprocoumon, INR 2,4 – der Test passt, weil die INR für VKA standardisiert ist, Ziel 2,0–3,0 erreicht, Ergebnis gut eingestellt, Dosis beibehalten. Fall 2 Apixaban, INR 1,1 und aPTT 31 s bei Norm 25–36 s – der Test passt nicht, weil Xa direkt gehemmt wird, normale Werte heißen nicht unwirksam; Ergebnis gilt als antikoaguliert, Wunde lokal versorgen, nur im Notfall apixaban-kalibrierte Anti-Xa-Aktivität.

Abbildung: Derselbe „normale“ oder „gute“ Wert bedeutet je nach Wirkstoff etwas anderes – deute ihn erst, wenn du weißt, ob der Test zum Mittel passt. Quelle: eigene Darstellung.

Multiple Choice

Das passende Wirkprinzip

Aufgabe

Ein 46-jähriger Patient trägt seit 3 Wochen einen Unterschenkelgips. In der Sonografie zeigt sich ein frischer Thrombus in der Vena poplitea. Welches Wirkprinzip bremst das weitere Wachstum dieses Thrombus am gezieltesten?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patient46 Jahre
RuhigstellungUnterschenkelgips seit 3 Wochen
SonografieFrischer Thrombus in der V. poplitea

Ultraschall-Querschnitt der Kniekehle: oben eine rundliche Vene, deren Lumen mit grauem, echoreichem Material gefüllt ist, darunter die Arterie mit schwarzem, echofreiem Lumen

Abbildung: Querschnitt durch die Kniekehle bei einer anderen Person: Die obere Vene ist mit grauem Material gefüllt, die Arterie darunter ist schwarz. Quelle: Varrias D, Palaiodimos L, Balasubramanian P et al., J Clin Med 2021;10(17):3903, Abb. 4, CC BY 4.0, (Rand beschnitten)

  1. a)Hemmung der Thrombozytenaggregation
  2. b)Hemmung der plasmatischen Gerinnung an Faktor Xa bzw. Thrombin
  3. c)Hemmung der Fibrinolyse
Lösung in der App →

Multiple Choice

Unabhängig von Antithrombin

Aufgabe

Bei einer 38-jährigen Patientin ist ein ausgeprägter angeborener Antithrombinmangel bekannt. Welcher Wirkstoff hemmt die Gerinnung, ohne auf Antithrombin angewiesen zu sein?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin38 Jahre
Bekannter BefundAusgeprägter angeborener Antithrombinmangel
  1. a)Enoxaparin
  2. b)Fondaparinux
  3. c)Dabigatran
  4. d)Unfraktioniertes Heparin
Lösung in der App →

Multiple Choice

Den Heparin-Perfusor steuern

Aufgabe

Eine 67-jährige Patientin mit Lungenembolie erhält unfraktioniertes Heparin über einen Perfusor, weil eine Lyse in den nächsten Stunden möglich bleibt. Mit welchem Laborwert wird die Heparin-Dosis in der Regel angepasst?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin67 Jahre; Lungenembolie
Aktuelle GabeUnfraktioniertes Heparin über einen Perfusor
Weiterer VerlaufLyse in den nächsten Stunden weiterhin möglich
  1. a)aPTT
  2. b)INR
  3. c)Thrombozytenzahl
  4. d)D-Dimer
Lösung in der App →

Freie Antwort

Überlappung erklären

Aufgabe

Eine PJ-Studentin fragt dich, warum ihr Patient mit frischer Beinvenenthrombose neben dem neu begonnenen Phenprocoumon noch tagelang Heparin bekommt – „Marcumar wirkt doch auch“. Erkläre es ihr in drei Sätzen.

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
ErkrankungFrische Beinvenenthrombose
Neu begonnenPhenprocoumon
Parallel gegebenWeiterhin Heparin über mehrere Tage
In der App sprechen üben →

Multiple Choice

Gegenmittel unter Fondaparinux

Aufgabe

Eine 58-jährige Patientin erhält wegen einer Beinvenenthrombose einmal täglich Fondaparinux s.c.; die letzte Gabe war heute Morgen, die Kreatinin-Clearance beträgt 62 ml/min. Nach einer Zahnextraktion am Nachmittag blutet die Alveole trotz Aufbisstupfer weiter. Kreislauf und Hämoglobin sind stabil. Welche Aussage zum Gegenmittel-Prinzip trifft zu?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin58 Jahre; Beinvenenthrombose
AntikoagulansFondaparinux s.c. 1× täglich; letzte Gabe heute Morgen
NierenfunktionKreatinin-Clearance 62 ml/min
BlutungNach Zahnextraktion am Nachmittag; trotz Aufbisstupfer anhaltend
ZustandKreislauf und Hämoglobin stabil
  1. a)Protamin hebt die Wirkung von Fondaparinux vollständig auf.
  2. b)Vitamin K hebt die Wirkung innerhalb weniger Stunden auf.
  3. c)Idarucizumab bindet Fondaparinux und beendet die Wirkung sofort.
  4. d)Ein spezifisches Gegenmittel fehlt; Pausieren und lokale Blutstillung stehen im Vordergrund.
Lösung in der App →

Thrombosen vorbeugen

Lernziel: Du kannst eine Thromboseprophylaxe risikogerecht planen.

Wo stehen wir? Du weißt jetzt, wie eine Thrombose entsteht (C09-U01) und wo Antikoagulanzien angreifen (C09-U02). Bevor es um Verdacht und Therapie geht, kommt die wichtigste Frage auf jeder Station: Wie verhinderst du, dass eine Thrombose überhaupt entsteht – ohne eine Blutung zu verursachen?

Wer braucht Prophylaxe?

Venöse Thromboembolien nach Operationen oder bei akuter Krankheit verlaufen oft zunächst ohne Beschwerden; die erste Manifestation kann eine Lungenembolie sein. Ohne medikamentöse Prophylaxe entwickelte in älteren Studien etwa jede zweite Person nach Hüft- oder Kniegelenkersatz eine (meist stumme) tiefe Beinvenenthrombose, nach großen Bauchoperationen etwa jede vierte. Gleichzeitig kann jedes Antikoagulans bluten lassen. Prophylaxe ist deshalb immer eine Abwägung: Thromboserisiko gegen Blutungsrisiko.

Die Bausteine kennst du aus C09-U01-S03: expositionelle Risikofaktoren entstehen durch die Situation (Eingriff, Verletzung, akute Erkrankung), dispositionelle bringt die Person mit. Für die Prophylaxe setzt du beide zu einer Risikoklasse zusammen: niedrig, mittel oder hoch.

Schritt 1: Wie stark belastet die Situation?

Expositionelles RisikoTypische Situationen
niedrigkleine oder mittlere Eingriffe mit wenig Gewebetrauma; Verletzungen ohne oder mit geringem Weichteilschaden
mittellänger dauernde Operationen (> 45 min) ohne die Merkmale der hohen Stufe
hochgroße Eingriffe an Bauch oder Becken bei Tumor oder Entzündung; andere große Eingriffe in Brust-, Bauch- oder Beckenhöhle; große Eingriffe an Wirbelsäule, Becken, Hüft- oder Kniegelenk; Polytrauma, schwere Verletzungen von Wirbelsäule, Becken oder Bein

Schritt 2: Was bringt die Person mit?

Nicht jeder dispositionelle Faktor wiegt gleich schwer:

GewichtDispositionelle Faktoren
sehr starkfrühere TVT oder Lungenembolie
starkaktive Krebserkrankung; Thrombophilie (je nach Art auch sehr stark)
deutlichAlter > 60 Jahre (steigt weiter mit dem Alter); VTE bei Verwandten 1. Grades; Herzinsuffizienz oder Z. n. Herzinfarkt; BMI > 30 kg/m²; schwere systemische Infektion; Östrogene/Hormontherapie (je nach Präparat bis sehr stark)
geringSchwangerschaft und Wochenbett; nephrotisches Syndrom; ausgeprägte Varikose

Schritt 3: Beides zusammensetzen

AusgangslageRisikoklasseKonsequenz
niedrige Exposition, keine oder nur geringe DispositionniedrigBasismaßnahmen
mittlere Exposition – oder niedrige Exposition mit zusätzlichen dispositionellen FaktorenmittelBasismaßnahmen + medikamentöse Prophylaxe
hohe Exposition – oder mittlere Exposition mit zusätzlichen Faktoren – oder frühere VTEhochBasismaßnahmen + medikamentöse Prophylaxe (Hochrisikodosis)

So liest du die Tabelle: Die Situation gibt die Grundstufe vor; dispositionelle Faktoren heben sie an. Eine frühere VTE hebt fast immer in die hohe Klasse. Zur Einordnung: Ohne Prophylaxe rechnete man in älteren Studien bei niedrigem Risiko mit < 10 % distalen und < 1 % proximalen TVT, bei mittlerem mit 10–40 % bzw. 1–10 % und bei hohem mit 40–80 % bzw. 10–30 %; tödliche Lungenembolien traten bei < 0,1 %, 0,1–1 % bzw. > 1 % auf.

Die S3-Leitlinie 2026 verlangt, vor jeder Prophylaxe VTE-Risiko und Blutungsrisiko strukturiert zu erfassen. Punktescores (z. B. der Caprini-Score) helfen dabei; ein präoperativ bestimmtes D-Dimer kann die Einschätzung ergänzen. Die Logik bleibt dieselbe: Situation plus Person ergibt die Risikoklasse.

Oben zwei Kästen: 1 Situation (expositionell) mit Beispielen für niedriges, mittleres und hohes Risiko, 2 Person (dispositionell) mit sehr starken, starken, deutlichen und geringen Faktoren. Beide führen zu 3 Grundstufe anheben: Die Situation gibt die Grundstufe vor, zusätzliche Faktoren heben eine Stufe, frühere VTE fast immer hoch. Unten drei farbige Ergebnisfelder mit Häufigkeiten ohne Prophylaxe und Konsequenz: niedrig (distale TVT unter 10 %, proximale unter 1 %, tödliche LE unter 0,1 %; Basismaßnahmen), mittel (10–40 %, 1–10 %, 0,1–1 %; plus medikamentös, z. B. Enoxaparin 20 mg), hoch (40–80 %, 10–30 %, über 1 %; plus medikamentös, z. B. Enoxaparin 40 mg).

Abbildung: Situation und Person ergeben die Risikoklasse – je höher die Klasse, desto häufiger Thrombosen ohne Prophylaxe und desto mehr Maßnahmen. Quelle: eigene Darstellung.

Internistische Patienten

Auch ohne Operation entsteht ein expositionelles Risiko: Eine akute Erkrankung mit Immobilisation – etwa eine dekompensierte Herzinsuffizienz, eine akute Atemwegserkrankung oder eine akute Infektion bzw. Entzündung mit Bettlägerigkeit – ist die typische Indikation für eine medikamentöse Prophylaxe. Dispositionelle Faktoren (Alter, Krebs, frühere VTE) verstärken sie. In Placebo-Studien bekamen solche Patienten ohne Prophylaxe in 11–15 % eine TVT; gegeben wird bevorzugt ein NMH in Hochrisikodosis (z. B. Enoxaparin 40 mg = 4.000 I.E. s.c. 1×/d) oder Fondaparinux, in der Regel für 6–14 Tage.

Wichtig ist die Gegenrichtung: Immobilität ohne akute Erkrankung ist keine Indikation für mehr als Basismaßnahmen. Dauerhaft bettlägerige Menschen oder Rollstuhlnutzer im Heim brauchen keine Heparinspritze, solange keine akute, mehrtägige Erkrankung hinzukommt.

Flussdiagramm: Frage 1, ob eine akute Erkrankung mit Bettlägerigkeit über mehrere Tage vorliegt, etwa dekompensierte Herzinsuffizienz, akute Atemwegserkrankung oder akute Infektion; Hinweise: Alter über 60, Krebs und frühere VTE verstärken, ohne Prophylaxe TVT bei 11–15 %. Bei ja folgt 2 Blutung und Gegenanzeigen prüfen; ohne Gegenanzeige grünes Ergebnis medikamentös mit Enoxaparin 40 mg oder Fondaparinux 2,5 mg für meist 6–14 Tage plus Basismaßnahmen, bei Gegenanzeige rotes Ergebnis IPK als Brücke mit mindestens 18 Stunden pro Tag und täglicher Neubewertung. Bei nein graues Ergebnis nur Basismaßnahmen, keine Heparinspritze nur wegen Immobilität.

Abbildung: Erst die akute Erkrankung macht aus Immobilität eine Indikation; danach entscheidet die Blutungsprüfung zwischen Medikament und IPK. Quelle: eigene Darstellung.

Ambulante Situationen

Nach einer Kniegelenkspiegelung (Arthroskopie) oder kleineren Eingriffen unterhalb des Knies ist ohne zusätzliche Risikofaktoren keine routinemäßige medikamentöse Prophylaxe belegt. Für die Ruhigstellung des Unterschenkels im Gips oder in der Schiene gibt es einen eigenen Punktescore (TRiP(cast)): Unter 7 Punkten wird keine medikamentöse Prophylaxe gegeben. Den Score selbst musst du hier nicht beherrschen – wichtig ist: Gips allein bedeutet nicht automatisch Spritze.

Die Prophylaxeentscheidung ist eine individuelle ärztliche Entscheidung: Du klärst die Person auf und dokumentierst Risikoklasse, Maßnahmen und geplante Dauer.

Der ambulante Ausgangspunkt verzweigt in kleine Eingriffe und Unterschenkelruhigstellung. Nach Arthroskopie oder kleinem Eingriff werden zusätzliche Risikofaktoren geprüft; bei Gips oder Schiene wird der TRiP(cast)-Wert unter sieben als Ausschluss einer medikamentösen Prophylaxe verwendet. Aufklärung und Dokumentation führen zu den drei fallabhängigen Ergebnissen.

Abbildung: Der Weg zeigt nur die im Text genannten Ausschlussregeln; andere Konstellationen brauchen die ärztliche Risikoabwägung. Quelle: eigene Darstellung.

Basismaßnahmen und physikalische Prophylaxe

Basismaßnahmen – für alle

Sie setzen direkt an der Stase an: Die Wadenmuskelpumpe (C09-U01-S01) arbeitet nur, wenn sich das Bein bewegt.

  • Frühmobilisation: nach der Operation so früh wie möglich aufstehen und gehen, wenn möglich am OP-Tag.
  • Bewegungsübungen: aktiv (Fußwippen, Kreisen im Sprunggelenk) oder passiv; die Person vor der Operation dazu anleiten.
  • Ruhigstellung kritisch indizieren: Bettruhe nur, wenn sie nachweislich nützt; Gips oder Schiene so kurz wie möglich; bei Verletzungen am Bein früh operieren.
  • Ausreichend trinken, thrombosefördernde Medikamente (z. B. Östrogene) wenn möglich pausieren.

Basismaßnahmen gelten in jeder Risikoklasse. Sie ersetzen aber keine indizierte medikamentöse Prophylaxe.

Physikalische Prophylaxe

  • Intermittierende pneumatische Kompression (IPK): Manschetten an Unterschenkel oder Fuß blasen sich rhythmisch auf und entleeren sich wieder; der Druck liegt dabei um 45 mmHg. Die IPK ersetzt damit die Muskelpumpe beim liegenden Patienten. In den Studien lief sie mindestens 18 Stunden am Tag; Nachteile sind gestörter Schlaf, Hautschäden und Stürze, wenn die Person mit angeschlossenen Schläuchen aufsteht.
  • Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS): sorgfältig angepasste Strümpfe mit leichtem Druck; wadenlange Strümpfe sind ebenso wirksam wie schenkellange und einfacher zu tragen. Sie schützen schwächer als die IPK. Nach einem Schlaganfall werden sie nicht eingesetzt – immobile Schlaganfallpatienten erhalten die IPK.

Foto zweier Beine auf blauem OP-Tuch: Das obere Bein ist frei. Am unteren Unterschenkel liegt über einem weißen Thromboseprophylaxestrumpf eine breite weiße Kompressionsmanschette; dünne Schläuche führen von der Manschette aus dem Bild zur Pumpe.

Abbildung: Mechanische Prophylaxe am nicht operierten Bein während einer Knie-TEP – Thromboseprophylaxestrumpf (MTPS) und darüber die IPK-Manschette am Unterschenkel. Über die Schläuche bläst die Pumpe die Manschette rhythmisch auf. Quelle: Tateiwa T, Ishida T, Masaoka T et al. Does intraoperative mechanical prophylaxis prevent venous thromboembolism in total knee arthroplasty? Arthroplasty 2021;3:35, Abb. 2a (doi:10.1186/s42836-021-00088-2), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten, Herstellerbeschriftung unscharf gemacht.

Die Tabelle stellt IPK und Thromboseprophylaxestrümpfe gegenüber.

MerkmalIPKMTPS
Wirkprinziprhythmisch aufblasende Manschetten ersetzen die Muskelpumpeangepasste Strümpfe mit leichtem Druck
Anwendungin Studien mindestens 18 h/Tagwadenlang ebenso wirksam wie schenkellang, einfacher zu tragen
Vergleichstärkerer Schutzschwächerer Schutz als IPK
Immobiler Schlaganfallpatientwird eingesetztnicht einsetzen

Wann brauchst du sie unbedingt? Wenn bei mittlerem oder hohem Risiko eine medikamentöse Prophylaxe indiziert, aber kontraindiziert ist – vor allem bei aktiver Blutung oder hohem Blutungsrisiko (z. B. frische Hirnblutung). Dann sind physikalische Maßnahmen Pflicht, bevorzugt die IPK: Sie sind die Brücke, bis Medikamente wieder möglich sind. Umgekehrt ersetzen sie keine indizierte medikamentöse Prophylaxe. Neben einer laufenden medikamentösen Prophylaxe kann man sie ergänzen; eine allgemeine Empfehlung für diese Kombination gibt es nicht.

Flussdiagramm bei mittlerem oder hohem Risiko: 1 Blutung oder hohes Blutungsrisiko, etwa aktive Blutung, frischer hämorrhagischer Schlaganfall oder frische Operation an Gehirn, Rückenmark oder Auge. Bei ja: 2 physikalisch ist Pflicht, bevorzugt IPK als Brücke, täglich neu bewerten. Bei nein: 2 medikamentös plus Basis, physikalisch nur ergänzend. Beide Äste führen zu 3 vor dem Anlegen Beine und Herz prüfen: Pulse und Durchblutung, Haut, Sensibilität, dekompensierte Herzinsuffizienz, nur für IPK zusätzlich schwere nicht einstellbare Hypertonie. Unten nebeneinander IPK (Druck um 45 mmHg, mindestens 18 Stunden pro Tag, auch nach Schlaganfall, stärkerer Schutz; Nachteile Schlaf, Haut, Stürze) und MTPS (gut angepasst, wadenlang so wirksam wie schenkellang, nicht nach Schlaganfall, schwächerer Schutz).

Abbildung: Bei Blutungsrisiko wird die IPK zur Hauptmaßnahme; vor jedem Anlegen prüfst du Beine und Herz. Quelle: eigene Darstellung.

Vor dem Anlegen prüfst du diese Gegenanzeigen:

GegenanzeigeWarum
periphere arterielle VerschlusskrankheitDruck verschlechtert die ohnehin knappe Durchblutung; vorher Durchblutung prüfen (Messung und Grenzwerte: C09-U09)
dekompensierte (Rechts-)Herzinsuffizienzrascher Volumeneinstrom zum Herzen
offene Wunden, ausgedehnte Entzündung am Bein (Phlebitis, Erysipel), frische VerletzungDruck und Reibung schädigen die Haut weiter
ausgeprägte NeuropathieDruckschäden werden nicht bemerkt

Für die IPK gilt zusätzlich eine schwere, nicht einstellbare Hypertonie als Gegenanzeige.

Lange Reisen

Eine lange Flug- oder Busreise (grob: mehr als 4 Stunden Sitzen) ist für sich allein keine Indikation für Strümpfe oder Spritzen; spezielle Prophylaxemaßnahmen sind in der Regel nicht nötig. Allen Reisenden rätst du zu Basismaßnahmen: regelmäßig aufstehen oder Fußwippen, ausreichend trinken, wenig Alkohol, keine einschnürende Kleidung. Bringt jemand zusätzliche Risikofaktoren mit – frühere VTE, aktive Krebserkrankung, hohes Alter, starkes Übergewicht, chronische Venenerkrankung –, kann die Einschätzung anders ausfallen: Meist kommen dann gut angepasste wadenlange Kompressionsstrümpfe hinzu; gemeint sind Strümpfe mit 15–30 mmHg Druck am Knöchel. Eine Spritze für die Reise ist keine Routine, sondern allenfalls eine seltene Einzelfallentscheidung nach Nutzen-Risiko-Abwägung.

Flussdiagramm für Reisen mit mehr als etwa 4 Stunden Sitzen: 1 Basismaßnahmen für alle (aufstehen, Fußwippen, trinken, wenig Alkohol, keine einschnürende Kleidung, Gangplatz). 2 Zusätzliche Risikofaktoren wie frühere VTE, aktive Krebserkrankung, hohes Alter, starkes Übergewicht oder chronische Venenerkrankung? Bei nein reichen Basismaßnahmen; bei ja kommen gut angepasste wadenlange Kompressionsstrümpfe mit 15–30 mmHg Druck am Knöchel hinzu. 3 Spritze nur als seltene Einzelfallentscheidung nach Nutzen-Blutungs-Abwägung. Ergebnisreihe: ohne Zusatzrisiko Basismaßnahmen, mit Zusatzrisiko Basis plus Strümpfe, Spritze seltene Ausnahme.

Abbildung: Alle Reisenden bekommen das Basispaket; nur Zusatzrisiken bringen Strümpfe, die Spritze bleibt die Ausnahme. Quelle: eigene Darstellung.

Medikamentöse Prophylaxe

Die Wirkprinzipien kennst du aus C09-U02-S02: Heparine wirken über Antithrombin, Fondaparinux hemmt über Antithrombin nur Faktor Xa, Apixaban und Rivaroxaban hemmen Faktor Xa direkt. Für die Prophylaxe reichen niedrige, feste Dosen; du musst sie klar von den therapeutischen, gewichtsabhängigen Dosen (C09-U05) unterscheiden.

Bei Enoxaparin stehen auf der Packung zwei Angaben für dieselbe Menge: 1 mg Enoxaparin entspricht 100 I.E. Anti-Xa. 40 mg sind also 4.000 I.E.

WirkstoffProphylaxedosisBeachte
Enoxaparin (NMH)mittleres Risiko: 20 mg (2.000 I.E.) s.c. 1×/d · hohes Risiko: 40 mg (4.000 I.E.) s.c. 1×/dCrCl 15–30 ml/min: 20 mg (2.000 I.E.) 1×/d; CrCl < 15: nicht empfohlen
Unfraktioniertes Heparin (UFH)5.000 I.E. s.c. 2–3×/d (oder 7.500 I.E. 2×/d)Ausweichmittel bei schwerer Niereninsuffizienz; höheres HIT-Risiko
Fondaparinux2,5 mg s.c. 1×/d, erste Gabe frühestens 6 h nach OP-EndeCrCl 20–50: 1,5 mg 1×/d; CrCl < 20: kontraindiziert; Protamin wirkt nicht
Apixaban2,5 mg p.o. 2×/d, Beginn 12–24 h nach der OPnur nach Hüft- oder Kniegelenkersatz
Rivaroxaban10 mg p.o. 1×/d, Beginn 6–10 h nach der OPnur nach Hüft- oder Kniegelenkersatz
ASSin Studien meist 100 mg p.o. 1×/dnur nach Hüft- oder Kniegelenkersatz unter engen Bedingungen (siehe unten)

Welches Mittel?

  • Standard für die meisten operativen und internistischen Patienten: ein NMH (z. B. Enoxaparin) oder Fondaparinux. Beide werden UFH vorgezogen.
  • UFH nimmst du, wenn die Niere stark eingeschränkt ist oder eine kurze Wirkdauer gebraucht wird.
  • Orale Mittel nach Hüft- oder Kniegelenkersatz: Apixaban und Rivaroxaban (auch Dabigatran ist dafür zugelassen) sind gleichwertige Alternativen zum NMH – ohne Spritze. Vitamin-K-Antagonisten (Phenprocoumon) werden für die perioperative Prophylaxe nicht mehr empfohlen.
  • ASS – der neue Sonderfall: Seit der S3-Leitlinie 2026 kann ASS nach Hüft- oder Kniegelenkersatz eingesetzt werden, aber nur, wenn die Person keine individuellen Thromboserisikofaktoren hat und ein konsequentes Fast-Track-Konzept mit Mobilisation noch am OP-Tag umgesetzt wird. Wer eine frühere VTE, eine aktive Krebserkrankung, ein bekanntes Blutungsrisiko oder andere schwere Begleiterkrankungen hat, braucht weiter NMH, Fondaparinux oder ein DOAK. ASS ist also kein allgemeiner Ersatz und gilt nicht für andere Eingriffe oder immobile Patienten.

Algorithmus mit vier Fragen in fester Reihenfolge. 1 HIT II in den letzten 100 Tagen oder Antikörper nachweisbar: bei ja keine Heparine, auch kein NMH, sondern Fondaparinux 2,5 mg oder Danaparoid. 2 Kreatinin-Clearance unter 15 ml/min (Hinweise: 15–30 Enoxaparin nur 20 mg, 20–50 Fondaparinux 1,5 mg, unter 20 kontraindiziert): bei ja UFH 5.000 I.E. s.c. 2- bis 3-mal täglich, auch wenn kurze Wirkdauer nötig. 3 Hüft- oder Kniegelenkersatz: bei ja auch DOAK, Apixaban 2,5 mg zweimal oder Rivaroxaban 10 mg einmal täglich, ASS nur unter engen Bedingungen. 4 Sonst Standard NMH oder Fondaparinux vor UFH: Enoxaparin 20 mg bei mittlerem, 40 mg bei hohem Risiko, Fondaparinux 2,5 mg ab frühestens 6 Stunden nach OP-Ende; Vitamin-K-Antagonisten perioperativ nicht mehr empfohlen.

Abbildung: Prüfe zuerst die harten Ausschlüsse (HIT, Niere), dann den Eingriff – erst danach wählst du das Standardmittel. Quelle: eigene Darstellung.

Flussdiagramm nach Hüft- oder Kniegelenkersatz: 1 Sind alle Bedingungen erfüllt – keine individuellen Thromboserisikofaktoren, kein bekanntes Blutungsrisiko und keine schwere Begleiterkrankung, konsequentes Fast-Track-Konzept, Mobilisation noch am OP-Tag? Bei ja, alle: 2a ASS ist eine Option, in Studien meist 100 mg p.o. einmal täglich, Basismaßnahmen bleiben, Kann-Empfehlung seit 2026. Bei nein, eine fehlt (z. B. frühere VTE, aktiver Krebs, Blutungsrisiko): 2b NMH, Fondaparinux oder DOAK mit Enoxaparin 40 mg, Fondaparinux 2,5 mg, Apixaban 2,5 mg zweimal oder Rivaroxaban 10 mg einmal täglich, dann 3 Dauer: Hüftgelenk 28–35 Tage, Kniegelenk 11–14 Tage. Unten dunkelrot: ASS ist kein allgemeiner Ersatz, gilt nicht für andere Eingriffe und nicht für immobile Patienten.

Abbildung: ASS nur, wenn jede Bedingung im linken Ast erfüllt ist; fehlt eine, bleibt es bei NMH, Fondaparinux oder DOAK. Quelle: eigene Darstellung.

Wann beginnen?

  • Elektive Operation: Nach der S3-Leitlinie 2026 beginnst du die medikamentöse Prophylaxe nach der Operation, in der Regel 6–24 Stunden nach OP-Ende, sobald die Blutstillung sicher ist. Ein präoperativer Beginn erhöht Blutungsrisiko und Komplikationsrate. Die Fachinformation von Enoxaparin nennt zusätzlich einen präoperativen Start (12 h bzw. 2 h vor der OP); die Leitlinie rät für elektive Eingriffe davon ab.
  • Fondaparinux frühestens 6 h nach OP-Ende, Rivaroxaban 6–10 h, Apixaban 12–24 h nach der OP (siehe Tabelle).
  • Internistische Patienten: Beginn bei Aufnahme, sobald Indikation feststeht und keine Gegenanzeige vorliegt.
  • Referenz – rückenmarksnahe Anästhesie und Bridging: Bei Spinal- oder Periduralanästhesie gelten feste Mindestabstände zwischen Prophylaxedosis und Punktion bzw. Katheterentfernung, bei Enoxaparin-Prophylaxe z. B. mindestens 12 Stunden; nach Punktion bzw. Katheterentfernung vergehen bis zur nächsten Dosis mindestens 4 Stunden. Diese Zeitabstände und die Überbrückung („Bridging“) bei Dauerantikoagulation gehören zum perioperativen Gerinnungsmanagement und werden dort behandelt.

Wie lange?

SituationDauer der medikamentösen Prophylaxe
allgemein (operativ oder internistisch)solange das Risiko erhöht ist – meist bis zur vollen Mobilisation; in Studien typischerweise 6–14 Tage
Eingriffe am Hüftgelenk28–35 Tage nach der Operation
Eingriffe am Kniegelenk11–14 Tage nach der Operation
Tumoroperation an Bauch oder Becken4–5 Wochen

Die Prophylaxe endet also oft nicht mit der Entlassung. Im Entlassungsbrief stehen Präparat, Dosis, Enddatum und der letzte Thrombozytenwert.

Drei untereinander stehende Kästen mit Pfeilen: 1 Wann beginnen – bei elektiver Operation erst nach OP-Ende, wenn die Blutstillung sicher ist; NMH meist 6 bis 24 Stunden nach OP-Ende; Fondaparinux ab 6 Stunden, Rivaroxaban 6 bis 10 Stunden, Apixaban 12 bis 24 Stunden. 2 Wie lange – Balken auf einer Zeitachse von der Operation bis 5 Wochen: allgemein bis voll mobil meist 6 bis 14 Tage, Kniegelenk 11 bis 14 Tage, Hüftgelenk 28 bis 35 Tage, Tumoroperation an Bauch oder Becken 4 bis 5 Wochen. 3 Entlassung ist nicht das Ende – Brief mit Präparat, Dosis, Enddatum und letztem Thrombozytenwert, Selbstinjektion vor der Entlassung üben

Beginn und Dauer auf einen Blick: Vergleiche die Balken – nach Hüftgelenkersatz und Tumoroperationen läuft die Prophylaxe meist noch Wochen nach der Entlassung weiter.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach AWMF-S3-Leitlinie 003-001 „Prophylaxe der venösen Thromboembolie“ (Version 4.x, 2026; nach Sekundärquellen), Fachinformationen Enoxaparin, Arixtra, Eliquis und Xarelto sowie Chirurgie Basisweiterbildung, 3. Aufl. 2022, Kap. 4; vereinfachte, nicht maßstabsgerechte Darstellung.

Sicherheit: Blutung, Niere, Thrombozyten

  • Gegen eine medikamentöse Prophylaxe sprechen eine aktive, klinisch relevante Blutung und Zustände mit hohem Blutungsrisiko, etwa ein frischer hämorrhagischer Schlaganfall oder eine frische Operation an Gehirn, Rückenmark oder Auge. Dann: physikalisch (S02) und täglich neu bewerten.
  • Niere: NMH und Fondaparinux werden renal ausgeschieden und kumulieren. Deshalb vor Beginn die Kreatinin-Clearance (CrCl) kennen und die Grenzen aus der Tabelle anwenden. Wie man die CrCl berechnet, lernst du in C09-U05.
  • Thrombozyten: vor Beginn einer Heparinprophylaxe bestimmen und im Verlauf kontrollieren; unter UFH regelmäßig zwischen Tag 5 und 14.
  • HIT-Anamnese: Eine heparininduzierte Thrombozytopenie Typ II (HIT II) ist eine Antikörperreaktion gegen den Komplex aus Heparin und Plättchenfaktor 4. Sie tritt unter UFH deutlich häufiger auf als unter NMH. Hatte jemand in den letzten 100 Tagen eine HIT II oder sind noch Antikörper nachweisbar, sind alle Heparine – auch NMH – kontraindiziert. Als Prophylaxe kommt dann Fondaparinux infrage (zugelassen für die Prophylaxe; bei HIT-Anamnese laut Fachinformation mit Vorsicht, für diese Situation ohne eigene Zulassung) oder Danaparoid, ergänzt durch Basis- und physikalische Maßnahmen.
  • Warnzeichen unter Heparin: Fällt die Thrombozytenzahl typischerweise zwischen Tag 5 und 10 um mehr als 50 % oder tritt unter Heparin eine neue Thrombose auf, denkst du an eine HIT II. Bezugswert ist der höchste Wert seit Beginn – nach Operationen steigen die Thrombozyten zunächst reaktiv an. Dann wird Heparin sofort gestoppt – nicht erhöht. Wie du den Verdacht prüfst und behandelst, lernst du in C09-U05-S06.

1 Vor Beginn Kreatinin-Clearance kennen, weil NMH und Fondaparinux renal ausgeschieden werden und kumulieren. 2 Farbige Dosisleiter nach CrCl in ml/min mit den Spalten über 50, 30–50, 20–30, 15–20 und unter 15: Enoxaparin 20 bzw. 40 mg bis 30, dann 20 mg (2.000 I.E.), unter 15 nicht empfohlen; Fondaparinux 2,5 mg über 50, 1,5 mg bei 20–50, darunter kontraindiziert; UFH 5.000 I.E. s.c. 2- bis 3-mal täglich durchgehend als Ausweichmittel. Grün Standarddosis, gelb reduzierte Dosis, rot nicht geben. 3 Im Verlauf neu prüfen, bei Exsikkose, Sepsis oder schlechterem Allgemeinzustand Kreatinin kontrollieren. Ergebnisfelder: Grenzen verschieden (Enoxaparin unter 30, Fondaparinux schon unter 50) und Prophylaxe ungleich Therapie (fest 20 bzw. 40 mg, nicht 1 mg/kg).

Abbildung: Lies die Dosis in der Spalte der aktuellen CrCl ab – dieselbe Nierenfunktion bedeutet nicht dieselbe Regel für beide Mittel. Quelle: eigene Darstellung.

1 Vor der ersten Heparindosis Thrombozyten-Ausgangswert bestimmen und HIT-Anamnese erfragen; HIT II in den letzten 100 Tagen bedeutet keine Heparine, sondern Fondaparinux oder Danaparoid. 2 Verlaufskurve der Thrombozyten über 16 Tage: nach dem Ausgangswert reaktiver Anstieg bis zum höchsten Wert an Tag 4, dann im rot markierten typischen Zeitraum Tag 5–10 Abfall unter die gestrichelte Linie bei 50 % des Höchstwerts; darunter Klammer für Kontrollen unter UFH von Tag 5 bis 14; Hinweis HIT-Risiko unter UFH deutlich höher als unter NMH. 3 Abfall über 50 % ab Tag 5 oder neue Thrombose unter Heparin? Bei ja an HIT II denken, alle Heparine sofort stoppen, nicht erhöhen, Abklärung und heparinfreie Antikoagulation einleiten; bei nein Prophylaxe fortführen und weiter kontrollieren, letzter Wert in den Entlassbrief.

Abbildung: Miss den Abfall immer am höchsten Wert, nicht am Ausgangswert – sonst übersiehst du eine HIT II nach dem postoperativen Anstieg. Quelle: eigene Darstellung.

Der Entscheidungsweg

Die fünf Schritte führen dich bei jeder Aufnahme und jeder Operation zur gleichen Ordnung: erst das Thromboserisiko, dann die Bremse (Blutung und Gegenanzeigen), dann das Maßnahmenbündel, dann die Dauer – und danach wieder von vorn, sobald sich etwas ändert.

Fünf untereinander stehende Kästen mit Pfeilen: 1 Risiko einschätzen (Situation plus Person ergibt niedrig, mittel oder hoch; frühere VTE fast immer hoch; Scores wie Caprini helfen). 2 Bremse: Blutung und Gegenanzeigen (aktive Blutung, frische Hirnblutung, Thrombozyten-Ausgangswert, HIT II unter 100 Tagen, CrCl-Grenzen Enoxaparin unter 30 und Fondaparinux unter 50 ml/min, bei Spinal- oder Periduralanästhesie Enoxaparin mindestens 12 Stunden vorher und nächste Dosis frühestens 4 Stunden danach). Drei beschriftete Pfeile führen zu 3 Maßnahmen bündeln: Basis immer (Mobilisation am OP-Tag, Fußwippen, trinken), plus Medikament ohne Gegenanzeige (mittel Enoxaparin 20 mg, hoch 40 mg, Start 6–24 Stunden nach OP-Ende), plus physikalisch gestrichelt bei Gegenanzeige statt Medikament (IPK mindestens 18 Stunden pro Tag). 4 Dauer festlegen (meist 6–14 Tage, Knie 11–14, Hüfte 28–35 Tage, Tumoroperation 4–5 Wochen). 5 Neu bewerten (neue Blutung, Thrombozytenabfall über 50 %, gefallene CrCl, wieder mobil); ein Pfeil führt bei jeder Änderung zurück zu Schritt 1.

Abbildung: Entscheidungsweg der Thromboseprophylaxe: Die gestrichelte Ebene (physikalisch) wird zur Hauptmaßnahme, wenn Schritt 2 eine Gegenanzeige gegen Medikamente ergibt; jede Änderung führt zurück zu Schritt 1. Quelle: eigene Darstellung.

So nutzt du das Bild:

  • Schritt 2 ist die Weiche. Ergibt er eine Gegenanzeige, rückt die gestrichelte Ebene (physikalisch) an die Stelle der medikamentösen.
  • Schritt 3 ist kumulativ: Basismaßnahmen bleiben immer, auch wenn Medikamente dazukommen.
  • Schritt 5 ist kein Formalismus. Neue Blutung, fallende Thrombozyten, schlechtere Nierenfunktion, wiedergewonnene Mobilität – jedes dieser Ereignisse ändert Schritt 1 oder 2 und damit die Maßnahme.

Neue Befunde unter Prophylaxe führen entweder zur Prüfung von Blutung und HIT-Warnzeichen oder von Nierenfunktion und Mobilität. Blutung führt zum Pausieren und zur IPK, HIT-Verdacht zum Stoppen aller Heparine; veränderte Kreatinin-Clearance führt zu den substanzspezifischen Dosisgrenzen. Der aktualisierte Plan dokumentiert Mittel, Dosis, Ende und Thrombozytenwert.

Abbildung: Eine Änderung ist ein neuer Entscheidungspunkt; bei Blutung und HIT-Verdacht unterscheiden sich die nächsten Schritte. Quelle: eigene Darstellung.

Kolonkarzinom-Operation

Fall: Herr B., 68 Jahre, wird zur offenen Hemikolektomie rechts bei Kolonkarzinom aufgenommen. BMI 32 kg/m², Kreatinin-Clearance 55 ml/min, Thrombozyten 260/nl. Keine Blutung, keine HIT in der Vorgeschichte, keine Antikoagulanzien. Geplant ist eine Vollnarkose.

1. Risiko einschätzen

  • Exposition: großer Eingriff im Bauch wegen eines Tumors → hoch.
  • Disposition: aktive Krebserkrankung (stark), Alter > 60 Jahre (deutlich), BMI > 30 kg/m² (deutlich).
  • Ergebnis: hohes Risiko – schon die Exposition allein reicht dafür; die Disposition bestätigt es.

2. Blutung und Gegenanzeigen prüfen

  • Keine aktive Blutung, Thrombozyten normal, keine HIT-Anamnese, keine rückenmarksnahe Anästhesie geplant.
  • CrCl 55 ml/min: Enoxaparin muss erst unter 30 ml/min angepasst werden; Fondaparinux erst unter 50 ml/min. → keine Dosisanpassung.

3. Maßnahmen bündeln

  • Basismaßnahmen: präoperativ zu Bewegungsübungen anleiten, Mobilisation am OP-Tag oder spätestens am ersten Tag danach.
  • Medikamentös: Enoxaparin 40 mg (4.000 I.E.) s.c. 1×/d (Hochrisikodosis), erste Gabe nach der Operation, 6–24 h nach OP-Ende, sobald die Chirurgie die Blutstillung als sicher einschätzt. Gleichwertige Alternative: Fondaparinux 2,5 mg s.c. 1×/d ab frühestens 6 h nach OP-Ende.
  • Physikalisch: nicht nötig, als Ergänzung möglich (MTPS bei fehlender pAVK).

4. Dauer festlegen

Tumoroperation am Bauch → 4–5 Wochen. Herr B. wird voraussichtlich nach etwa einer Woche entlassen; die Spritzen laufen zu Hause weiter. Er lernt vor der Entlassung die Selbstinjektion, im Brief stehen Präparat, Dosis, Enddatum und der letzte Thrombozytenwert.

5. Neu bewerten

Thrombozyten vor Beginn und im Verlauf; Kreatinin bei Verschlechterung des Allgemeinzustands (fällt die CrCl unter 30 ml/min, Dosis auf 20 mg anpassen); bei Nachblutung Prophylaxe pausieren und auf IPK wechseln.

Kurz gesagt: „Hohes VTE-Risiko durch große Tumoroperation im Bauch, verstärkt durch Krebs, Alter und Adipositas. Keine Gegenanzeige, keine Dosisanpassung bei CrCl 55 ml/min. Basismaßnahmen plus Enoxaparin 40 mg (4.000 I.E.) s.c. 1×/d für 4–5 Wochen, mit Kontrolle von Thrombozyten und Nierenfunktion.“

Der Fall führt von hohem Risiko durch Tumoroperation und Disposition über fehlende Gegenanzeigen zur Enoxaparin-Prophylaxe. Danach folgen die Dauer von vier bis fünf Wochen mit Entlassungsangaben und die erneute Bewertung bei Blutung oder veränderten Laborwerten.

Abbildung: Verfolge die konkrete Dosisentscheidung bis zur Fortführung nach der Entlassung. Quelle: eigene Darstellung.

Multiple Choice

Prophylaxe trotz Hirnblutung

Aufgabe

Herr K., 74 Jahre, ist vor 24 Stunden gestürzt. Im CT zeigt sich eine frische traumatische intrazerebrale Blutung frontal links; sie wird konservativ überwacht. Er ist rechtsseitig gelähmt und bettlägerig, sein VTE-Risiko ist hoch. Fußpulse beidseits gut tastbar, keine Wunden an den Beinen.

Welche Thromboseprophylaxe ist jetzt angemessen?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patient74 Jahre; Sturz vor 24 h
CT-BefundFrische traumatische intrazerebrale Blutung frontal links
BeweglichkeitRechtsseitige Lähmung; bettlägerig
VTE-RisikoHoch
BeineFußpulse beidseits gut tastbar; keine Wunden

Axiales Schädel-CT ohne Kontrastmittel: in beiden Stirnlappen mehrere helle, unregelmäßige Herde direkt unter dem Schädelknochen, auf der Patientenseite links (im Bild rechts) ausgedehnter als rechts

Abbildung: Schädel-CT einer anderen Person nach einem Sturz: helle Herde frontal, vor allem links (im Bild rechts). Quelle: Rehman T, Ali R, Tawil I, Yonas H, Cases Journal 2008;1:203, über Wikimedia Commons, CC BY 2.0, (unterer Rand mit Seitenbuchstabe weggeschnitten)

  1. a)Enoxaparin 40 mg (4.000 I.E.) s.c. 1×/d ab sofort, weil das VTE-Risiko hoch ist
  2. b)Intermittierende pneumatische Kompression beider Beine plus Basismaßnahmen; die medikamentöse Prophylaxe täglich neu prüfen
  3. c)Keine Prophylaxe, bis Herr K. wieder selbst gehen kann
  4. d)ASS 100 mg p.o. 1×/d als blutungsärmere Alternative
Lösung in der App →

Multiple Choice

Prophylaxe bei schwerer Niereninsuffizienz

Aufgabe

Frau L., 81 Jahre, 70 kg, liegt wegen einer dekompensierten Herzinsuffizienz auf Station und ist überwiegend bettlägerig. Kreatinin-Clearance (nach Cockcroft-Gault) 22 ml/min, Thrombozyten 210/nl, keine Blutung, keine HIT-Anamnese. Die Stationsärztin möchte Enoxaparin zur Prophylaxe geben.

Ordne die Kreatinin-Clearance der passenden Stufe zu und wähle die richtige Tagesdosis.

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin81 Jahre; 70 kg
AufnahmegrundDekompensierte Herzinsuffizienz; überwiegend bettlägerig
Kreatinin-Clearance22 ml/min nach Cockcroft-Gault
Thrombozyten210/nl
AnamneseKeine Blutung; keine HIT-Anamnese
  1. a)2.000 I.E. (20 mg) Enoxaparin s.c. einmal täglich
  2. b)4.000 I.E. (40 mg) Enoxaparin s.c. einmal täglich
  3. c)7.000 I.E. (70 mg) Enoxaparin s.c. einmal täglich
Lösung in der App →

Freie Antwort

Pneumonie im Alter

Aufgabe

Frau W., 79 Jahre, 68 kg, wird mit einer ambulant erworbenen Pneumonie aufgenommen. Sie ist geschwächt und liegt voraussichtlich mehrere Tage überwiegend im Bett. Kreatinin-Clearance 48 ml/min, Thrombozyten 230/nl, Hb normal, keine Blutung, keine Antikoagulanzien, keine HIT-Anamnese. Fußpulse gut tastbar.

Erstelle einen Prophylaxeplan in vier Punkten: Risikoeinschätzung mit Begründung, Maßnahmen mit Wirkstoff und Dosis, Dauer, Kontrollen.

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin79 Jahre; 68 kg
Akute ErkrankungAmbulant erworbene Pneumonie
BeweglichkeitVoraussichtlich mehrere Tage überwiegend im Bett
LaborCrCl 48 ml/min; Thrombozyten 230/nl; Hb normal
Weitere AngabenKeine Blutung, Antikoagulanzien oder HIT-Anamnese; Fußpulse tastbar
In der App sprechen üben →

Multiple Choice

Wann reicht ASS nicht?

Aufgabe

Drei Patienten erhalten in einer Klinik mit etabliertem Fast-Track-Konzept einen Gelenkersatz. Alle stehen am OP-Tag auf und nehmen an der Physiotherapie teil; keiner hat ein bekanntes Blutungsrisiko.

Bei welchem Patienten reicht ASS als alleinige medikamentöse Prophylaxe nach der S3-Leitlinie 2026 nicht aus?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
EingriffGelenkersatz bei 3 Patienten
KlinikkonzeptEtabliertes Fast-Track-Konzept
MobilisationAlle stehen am OP-Tag auf und nehmen an Physiotherapie teil
BlutungsrisikoBei keinem Patienten bekannt
  1. a)61-Jährige, Knie-TEP, keine Vorerkrankungen
  2. b)57-Jähriger, Hüft-TEP, gut eingestellte arterielle Hypertonie
  3. c)64-Jähriger, Knie-TEP, tiefe Beinvenenthrombose vor 4 Jahren
Lösung in der App →

Beinvenenthrombose abklären

Lernziel: Du kannst einen TVT-Verdacht mit Score, D-Dimer und Sonografie klären.

Woran du eine TVT denkst – und was sonst passt

Wo stehen wir? Du weißt, wie eine Thrombose entsteht und wer gefährdet ist (C09-U01). Jetzt folgt der zweite Schritt des Kapitels: Wahrscheinlichkeit prüfen. Am Ende dieser Einheit kannst du einen Verdacht auf tiefe Venenthrombose (TVT) des Beins strukturiert bestätigen oder ausschließen.

Typische Beschwerden

  • ziehender Schmerz oder Spannungsgefühl in Wade, Kniekehle oder Leiste, oft wie „Muskelkater“; im Liegen und bei Hochlagerung meist besser
  • einseitige Schwellung des Unterschenkels oder des ganzen Beins
  • glänzende, leicht bläulich-livide Haut, das Bein fühlt sich warm an
  • bei Beckenvenenthrombose auch Leisten- oder Rückenschmerz

Was du untersuchst – immer im Seitenvergleich und im Liegen

  • Umfang: Miss beide Unterschenkel an derselben Stelle, 10 cm unterhalb der Tuberositas tibiae (des tastbaren Knochenvorsprungs unterhalb der Kniescheibe). Eine Differenz von 3 cm oder mehr gilt als auffällig. Wie du sauber misst, übst du in C09-U04-Q06.
  • Ödem: Drücke mit dem Daumen einige Sekunden über der Schienbeinkante. Bleibt eine Delle, ist das Ödem eindrückbar.
  • Druckschmerz entlang der tiefen Venen: Leiste, Innenseite des Oberschenkels, Kniekehle, Wade.
  • Kollateralvenen: neu sichtbare, nicht variköse oberflächliche Venen, z. B. an der Schienbeinkante.
  • Hautfarbe, Temperatur und Fußpulse: Sie helfen dir vor allem, gefährliche Alternativen zu erkennen (siehe Tabelle).

Die Umfangsmessung beginnt mit Rückenlage und nicht dehnbarem Maßband. Nach beidseitiger Markierung zehn Zentimeter unter der Tuberositas tibiae führt die Prüfung gleicher Höhe und Lage entweder zum Ablesen auf einen halben Zentimeter oder zur Korrektur und Wiederholung. Die Dokumentation enthält Ort, Lage, beide Werte, Differenz und Seite; ab drei Zentimetern ist das Umfangskriterium des Wells-Scores erfüllt.

Abbildung: Prüfe vor dem Vergleich die Messbedingungen; erst danach zählt die Drei-Zentimeter-Grenze. Quelle: eigene Darstellung.

Zwei Beine einer jungen Frau im Liegen nebeneinander; das linke Bein ist am Unterschenkel und Fuß sichtbar geschwollen und rötlich-livide verfärbt, ein roter Pfeil zeigt auf die geschwollene Wade

Abbildung: Seitenvergleich bei ausgedehnter Becken-Bein-Venenthrombose links: Das betroffene Bein (Pfeil) ist geschwollen, gerötet und livide; Wade und Knöchel wirken verstrichen. Erst der direkte Vergleich macht den Unterschied deutlich. Quelle: Barnett D, Casey J. A Case of Phlegmasia Cerulea Dolens. Cureus 2020;12(9):e10187, doi:10.7759/cureus.10187, Figure 1; Lizenz CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/); unverändert, in WebP umgewandelt.

Warum die Klinik allein nicht reicht. Die klinischen Zeichen treffen nur in etwa der Hälfte der Fälle zu. Die klassische Trias aus Schwellung, Schmerz und Zyanose findet sich selten, und gerade bettlägerige Patienten haben oft gar keine Beschwerden. Auch die bekannten Provokationszeichen – Wadenschmerz bei Dorsalflexion des Fußes (Homans) oder bei Druck auf die mediale Fußsohle (Payr) – beweisen nichts und schließen nichts aus. Deshalb brauchst du einen festen Ablauf: Wahrscheinlichkeit einschätzen → D-Dimer oder Sonografie → Entscheidung. Diesen Ablauf baust du in dieser Einheit Schritt für Schritt auf.

Was sonst ein Bein dick und schmerzhaft macht

Diagnosespricht dafürso grenzt du ab
Erysipelscharf begrenzte Rötung, Fieber, Eintrittspforte (z. B. Fußpilz)Entzündungswerte; D-Dimer kann mit erhöht sein
Baker-Zyste (rupturiert)Kniegelenkerkrankung, plötzlicher Schmerz in Kniekehle und WadeSonografie der Kniekehle
Muskelfaserriss, Hämatomplötzlicher Schmerz bei Belastung, BlutergussAnamnese; Haut nicht überwärmt, nicht zyanotisch
LymphödemFußrücken und Zehen mitgeschwollen, meist langsamStemmer-Zeichen: Zehenhaut kaum abhebbar
Herzinsuffizienzbeide Beine, Belastungsdyspnoe, Halsvenenstauungsymmetrisch; BNP, Echokardiografie
akuter arterieller Verschlussplötzlich, kalt, blass, pulslos, kein ÖdemFußpulse fehlen → Notfall
postthrombotisches Syndromfrühere TVT, chronische Schwellung, HautveränderungenVorgeschichte; Sonografie mit Vorbefund

Zwei Fallstricke: Eine Alternative schließt eine TVT nicht automatisch aus – eine Baker-Zyste kann die Kniekehlenvene sogar zusätzlich einengen. Und manche Alternativen (Erysipel, Hämatom) erhöhen ebenfalls das D-Dimer.

Flussdiagramm in vier Schritten: dickes, schmerzhaftes Bein; 1 Notfall zuerst ausschließen – Phlegmasia coerulea dolens oder akuter arterieller Verschluss führen sofort auf den Notfallweg; 2 Untersuchung im Seitenvergleich mit Umfang 10 cm unter der Tuberositas tibiae und Differenz ab 3 cm, eindrückbarem Ödem, Druckschmerz und Kollateralvenen; 3 sechs Alternativen: Erysipel, Baker-Zyste, Muskelfaserriss, Lymphödem, Herzinsuffizienz, postthrombotisches Syndrom; 4 Wells-Score mit −2 für eine Alternative, darunter zwei Ergebnisfelder: unter 2 Punkten D-Dimer, ab 2 Punkten Kompressionssonografie

Abbildung: Die Reihenfolge am Bett – erst den Notfall ausschließen, dann im Seitenvergleich untersuchen, Alternativen ehrlich prüfen und erst dann den Wells-Score bilden. Quelle: eigene Darstellung.

Notfall: Phlegmasia coerulea dolens

Bei dieser seltenen Maximalform sind nahezu alle Venen einer Extremität auf einmal verschlossen. Das Bein schwillt innerhalb kurzer Zeit massiv an, ist extrem schmerzhaft und tief blau-violett verfärbt. Der Gewebedruck steigt so stark, dass er schließlich auch den arteriellen Einstrom drosselt: Das Bein wird kühl, die Fußpulse sind nicht mehr tastbar. Es drohen Gangrän, hypovolämischer Schock (viel Flüssigkeit verschwindet im Bein) und Nierenversagen.

Ein Mann sitzt mit beiden Beinen auf einer Untersuchungsliege; ein Bein ist vom Oberschenkel bis zum Fuß deutlich geschwollen und blau-violett verfärbt, das andere Bein hat normale Hautfarbe

Abbildung: Phlegmasia coerulea dolens: Das betroffene Bein (im Bild rechts) ist deutlich geschwollen und bis zum Fuß blau-violett verfärbt; links zum Vergleich das gesunde Bein. Quelle: Bozorg Chenani A, Ahmed R, Vayolipoyil S. A Case of Phlegmasia Cerulea Dolens. Cureus 2026;18(6):e111232, doi:10.7759/cureus.111232, Figure 2; Lizenz CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/); unverändert, in WebP umgewandelt.

Hier arbeitest du keinen Score ab. Du alarmierst sofort Oberärztin, Angiologie und Gefäßchirurgie, sicherst den Kreislauf und klärst mit Farbduplexsonografie. Das Bein wird nicht komprimiert. Behandelt wird mit sofortiger Antikoagulation und in der Regel interventionell oder operativ (Thrombusentfernung, gegebenenfalls Entlastung der Muskellogen) – das gehört in die Hand des Spezialteams. Für die sofortige Antikoagulation eignet sich UFH i.v. (Bolus 80 I.E./kg KG, danach 18 I.E./kg KG/h nach aPTT; C09-U05), weil es sich vor einem Eingriff gut steuern lässt.

Oben drei nebeneinanderliegende Kästen mit Pfeilen: 1 Abfluss zu mit massiver Schwellung, tief blau-violetter Farbe und extremem Schmerz; 2 Druck steigt, Ödem drosselt die Mikrozirkulation, Muskellogen unter Druck; 3 Einstrom vermindert, Bein kühl, Fußpulse nicht tastbar; darunter die Folgen venöse Gangrän, hypovolämischer Schock und Nierenversagen. Dann 4 sofort alarmieren ohne Score, 5 Farbduplexsonografie, 6 Antikoagulation mit UFH i.v. Bolus 80 I.E. pro kg, dann 18 I.E. pro kg und Stunde nach aPTT, 7 Rekanalisation endovaskulär oder offen chirurgisch; unten: Bein nicht komprimieren, Ziel Bein erhalten

Abbildung: Von der Verlegung über den steigenden Gewebedruck zur bedrohten Durchblutung – deshalb führt jede Phlegmasia ohne Score direkt auf den Notfallweg. Quelle: eigene Darstellung.

Lesetext und Ausgearbeitetes Beispiel: Den Wells-Score berechnen

Wozu ein Score? Bevor du einen Test anordnest, schätzt du ein, wie wahrscheinlich die Erkrankung ist – die Vortestwahrscheinlichkeit. Sie entscheidet, welcher Test als Nächstes sinnvoll ist und wie du sein Ergebnis deutest. Der Wells-Score macht diese Einschätzung nachvollziehbar und vergleichbar.

KriteriumPunkte
aktive Krebserkrankung (Behandlung in den letzten 6 Monaten oder palliativ)+1
Lähmung, Parese oder kürzliche Gipsruhigstellung der Beine+1
Bettlägerigkeit ≥ 3 Tage oder große Operation in den letzten 12 Wochen+1
Schmerz oder Verhärtung entlang der tiefen Venen+1
Schwellung des ganzen Beins+1
Unterschenkel-Umfangsdifferenz ≥ 3 cm (10 cm unterhalb der Tuberositas tibiae)+1
eindrückbares Ödem am symptomatischen Bein+1
Kollateralvenen (keine Varizen)+1
frühere, dokumentierte TVT+1
alternative Diagnose mindestens ebenso wahrscheinlich wie eine TVT−2

Zweistufige Deutung: < 2 Punkte = TVT unwahrscheinlich, ≥ 2 Punkte = TVT wahrscheinlich. „Unwahrscheinlich“ heißt nicht „ausgeschlossen“, und auch bei „wahrscheinlich“ hat die Mehrheit der Patienten keine TVT. Der Score sortiert nur, welcher nächste Test passt. In Studien bestätigt sich die TVT bei „unwahrscheinlich“ in etwa 6 % und bei „wahrscheinlich“ in etwa 28 % der Fälle.

Drei Regeln für die Anwendung:

  • Jedes Kriterium zählt einmal. Bettlägerigkeit wegen einer Pneumonie zählt beim dritten Kriterium, nicht zusätzlich als „Immobilisation“ – das zweite Kriterium meint gelähmte oder eingegipste Beine.
  • Sei ehrlich bei der Alternative. Die −2 Punkte gibst du nur, wenn eine andere Diagnose wirklich mindestens ebenso gut passt – nicht, weil du die TVT gern los wärst.
  • Der Score gilt nur für den TVT-Verdacht am Bein. Für Armvenen und in der Schwangerschaft ist er nicht geprüft; bei einer Phlegmasia brauchst du ihn nicht.

Ausgearbeitetes Beispiel

Herr A., 66 Jahre, erhält seit vier Monaten eine Hormontherapie wegen eines Prostatakarzinoms. Seit zwei Tagen schmerzt die rechte Wade. Befund: Druckschmerz entlang der tiefen Wadenvenen und in der Kniekehle rechts, eindrückbares Ödem am rechten Unterschenkel, Umfang rechts 38,0 cm und links 35,5 cm. Das ganze Bein ist nicht geschwollen. Keine Operation, keine Bettlägerigkeit, keine frühere TVT, keine Kollateralen. Keine Verletzung, keine Rötung, kein Fieber.

KriteriumBefund bei Herrn A.Punkte
aktive KrebserkrankungBehandlung läuft+1
Schmerz entlang tiefer VenenWade, Kniekehle+1
eindrückbares Ödemrechter Unterschenkel+1
Umfangsdifferenz ≥ 3 cm38,0 − 35,5 = 2,5 cm0
alternative Diagnosenicht erkennbar0
Summe3

Deutung: 3 Punkte → TVT wahrscheinlich → nächster Schritt ist direkt die Kompressionssonografie (warum ohne D-Dimer, lernst du in C09-U04-S03).

Gegenprobe: Hätte Herr A. gestern beim Tennis einen peitschenhiebartigen Schmerz in der Wade gespürt und hätte er dort einen Bluterguss, wäre ein Muskelfaserriss mindestens ebenso wahrscheinlich: 3 − 2 = 1 Punkt → TVT unwahrscheinlich. Ausgeschlossen wäre die TVT damit aber noch nicht – der nächste Schritt wäre ein D-Dimer-Test.

Kurz gesagt: Kriterien einzeln prüfen → nur sicher erfüllte zählen → Alternative ehrlich bewerten → Summe zweistufig deuten → passenden nächsten Test wählen.

Oben zwei Kästen: plus 1 je Kriterium, 9 Kriterien, jedes nur einmal; minus 2 nur für eine mindestens ebenso passende Alternative. Darunter eine Punkteskala von −2 bis 9 mit der Schwelle bei 2 Punkten; Marker bei 1 Punkt für die Gegenprobe und bei 3 Punkten für Herrn A. Unten zwei Ergebnisfelder: unter 2 Punkten TVT unwahrscheinlich, TVT bei etwa 6 Prozent, nächster Schritt D-Dimer; ab 2 Punkten TVT wahrscheinlich, TVT bei etwa 28 Prozent, direkt Kompressionssonografie; darunter Ausschlüsse: Armvenen, Schwangerschaft, Phlegmasia

Abbildung: Herr A. liegt mit 3 Punkten rechts der Schwelle, die Gegenprobe mit 1 Punkt links davon – der Score entscheidet nur über den nächsten Test. Quelle: eigene Darstellung.

D-Dimer richtig einsetzen

Was das D-Dimer misst. Wie du in C09-U02-S01 gesehen hast, entsteht D-Dimer, wenn Plasmin vernetztes Fibrin abbaut. Ein erhöhter Wert sagt also: Irgendwo im Körper wird gerade Fibrin gebildet und wieder abgebaut. Er sagt nicht, wo und warum.

Sensitivität und Spezifität

  • Sensitivität = Anteil der Erkrankten, bei denen der Test positiv ist. Quantitative Labortests erreichen bei frischer VTE etwa 95 % und mehr: Fast jede frische Thrombose erhöht das D-Dimer.
  • Spezifität = Anteil der Gesunden, bei denen der Test negativ ist. Sie ist niedrig, weil viele andere Zustände das D-Dimer ebenfalls erhöhen.

Daraus folgt die wichtigste Regel: Ein negatives D-Dimer kann eine TVT ausschließen – ein positives beweist sie nicht. Und der Ausschluss gelingt nur, wenn die Vortestwahrscheinlichkeit niedrig ist. Bei „TVT unwahrscheinlich“ (Wells < 2) und D-Dimer unter dem Grenzwert ist eine TVT so unwahrscheinlich, dass du keine weitere Bildgebung brauchst. Bei „TVT wahrscheinlich“ bleibt trotz negativem D-Dimer ein zu hohes Restrisiko. Dann verlierst du mit dem Test nur Zeit – du gehst direkt zur Sonografie.

Wann das D-Dimer wenig nützt

SituationFolge für den Test
Wells ≥ 2 (TVT wahrscheinlich)nicht zum Ausschluss verwenden → direkt Sonografie
nach Operation oder Trauma, bei Hämatomoft falsch positiv
aktive Krebserkrankung, Entzündung, Infektionoft falsch positiv
Schwangerschaftsteigt physiologisch an → kaum verwertbar
höheres Alter, stationärer Aufenthalthäufiger positiv ohne TVT
laufende Antikoagulation, Beschwerden seit vielen Tagenkann falsch negativ sein

In den „oft positiv“-Situationen ist ein negatives Ergebnis weiterhin aussagekräftig – es kommt nur selten vor. Ein positives Ergebnis führt dich dort fast immer zur Sonografie.

Oben: Sensitivität hoch, mindestens 95 Prozent bei frischer VTE; Spezifität niedrig, positiv beweist nichts. In der Mitte eine Vierfeldertafel: Wells unter 2 und D-Dimer negativ – TVT ausgeschlossen, keine Bildgebung; Wells unter 2 und positiv – Kompressionssonografie; Wells ab 2 und negativ – trotzdem Kompressionssonografie, Restrisiko zu hoch; Wells ab 2 und positiv – Kompressionssonografie. Unten: oft falsch positiv nach Operation, Trauma, Hämatom, bei Krebs, Entzündung, Infektion, Schwangerschaft, Alter; falsch negativ unter Antikoagulation oder bei Beschwerden seit vielen Tagen

Abbildung: Nur ein Feld der Tafel erspart die Bildgebung: niedrige Wahrscheinlichkeit plus negatives D-Dimer. Quelle: eigene Darstellung.

Die Einheitenfalle

Der Grenzwert ist laborabhängig, typischerweise 500 µg/l FEU. FEU steht für „fibrinogen-äquivalente Einheiten“. Dieselbe Konzentration lässt sich unterschiedlich schreiben:

  • 500 µg/l = 500 ng/ml = 0,5 mg/l = 0,5 µg/ml

Die Tabelle zeigt dieselbe D-Dimer-Konzentration in vier Schreibweisen.

EinheitDieselbe Konzentration (FEU)
µg/l500
ng/ml500
mg/l0,5
µg/ml0,5

Rechenweg: 1 mg = 1000 µg, also 0,62 mg/l = 620 µg/l. Ein Befund „0,62 mg/l FEU“ liegt damit über dem Grenzwert von 500 µg/l. Wer nur „0,62 ist kleiner als 500“ liest, übersieht einen positiven Test.

Manche Labore geben D-Dimer nicht in FEU, sondern in DDU (D-Dimer-Einheiten) an; die Zahlen sind dann etwa halb so groß. Vergleiche deshalb jeden Wert nur mit dem Grenzwert, den dein Labor in derselben Einheit angibt.

Drei Schritte untereinander: 1 Einheit lesen – µg/l gleich ng/ml, mg/l gleich µg/ml, FEU oder DDU; 2 umrechnen – mg/l mal 1000 gleich µg/l, 0,62 mg/l gleich 620 µg/l; 3 auf einer Skala von 0 bis 1000 µg/l FEU mit Grenze bei 500 µg/l gleich 0,5 mg/l vergleichen, Marker bei 450 µg/l unter und bei 620 µg/l über dem Grenzwert. Unten zwei Felder: Falle „0,62 ist kleiner als 500“ übersieht einen positiven Test; richtig: 620 µg/l liegt über 500 µg/l, das D-Dimer ist positiv

Abbildung: Erst in dieselbe Einheit umrechnen, dann vergleichen – 0,62 mg/l liegt über, 0,45 mg/l unter dem Grenzwert von 0,5 mg/l. Quelle: eigene Darstellung.

Altersangepasster Grenzwert. Weil das D-Dimer mit dem Alter steigt, wird bei Verdacht auf Lungenembolie ab 50 Jahren oft ein altersangepasster Grenzwert verwendet; das lernst du in C09-U06. Für den TVT-Verdacht spricht eine große prospektive Studie (ADJUST-DVT, 2026) dafür, dass der altersangepasste Grenzwert bei unwahrscheinlicher TVT ebenfalls sicher ist. Ob deine Klinik ihn dort schon nutzt, regelt der lokale Standard; in dieser Einheit arbeitest du mit dem festen Grenzwert deines Labors.

Kompressionssonografie

Das Prinzip. Venen haben eine dünne Wand und einen niedrigen Innendruck. Drückst du mit dem Schallkopf leicht auf das Bein, kollabiert eine gesunde Vene vollständig, während die benachbarte Arterie mit ihrem hohen Druck rund bleibt oder sich nur wenig verformt. Füllt ein Thrombus die Vene, lässt sie sich nicht oder nur teilweise zusammendrücken. Die fehlende Komprimierbarkeit im Querschnitt ist das entscheidende Thrombosezeichen.

Drei untereinander angeordnete schematische Ultraschall-Querschnitte mit Schallkopf, runder Arterie A und größerer Vene V: ohne Druck beide offen; mit Druck gesunde Vene zu einem Strich zusammengedrückt; mit Druck thrombosierte Vene rund und mit grauem Material gefüllt

Vergleiche die Vene V in den Bildern 2 und 3: Gleicher Druck, aber nur die gesunde Vene verschwindet – die thrombosierte bleibt rund.

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach Herold Innere Medizin 2024, S. 828–829, und ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019 (Kap. 4.10); vereinfachte, nicht maßstabsgerechte Darstellung, keine Originalaufnahme.

Zwei nebeneinanderliegende Ultraschall-Querschnitte der Leiste, beschriftet A und B; in A zeigt ein Pfeil auf eine runde Vene mit grauem, echogenem Inhalt, in B bleibt dieselbe Vene unter Druck rund und offen

Abbildung: So sieht es im echten Ultraschall aus – Querschnitt der V. femoralis communis. A: Die Vene (Pfeil) ist mit grauem, echogenem Thrombus gefüllt. B: Unter Druck mit dem Schallkopf bleibt sie rund – nicht komprimierbar, die TVT ist gesichert. Quelle: Bornstein K, LaRosa E, Byrd K, Laney D, Ferral H, Murphy-Lavoie H. When Educational Images Don't Reflect the Population: Phlegmasia Cerulea Dolens, a Case Report. Clin Pract Cases Emerg Med 2024;8(2):163, doi:10.5811/cpcem.1905, Image 2 (Teilbilder A und B); Lizenz CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/); CT-Teilbild C weggeschnitten, in WebP umgewandelt.

Was du außerdem wissen musst

  • Ein frischer Thrombus kann fast schwarz aussehen wie fließendes Blut. Die Farbe des Lumens schließt eine Thrombose also nicht aus – entscheidend ist der Kompressionstest. Typisch für eine frische Thrombose ist zusätzlich eine aufgeweitete Vene.
  • Der Farbduplex zeigt zusätzlich den Blutfluss. Er hilft dort, wo du nicht komprimieren kannst – vor allem an den Beckenvenen und der V. cava – und zeigt, ob ein Thrombus umflossen wird.
  • Untersucherabhängigkeit: Die Aussage ist nur so gut wie die Untersuchung. Dokumentiere deshalb, welche Venenabschnitte du beurteilt hast und ob sie komprimierbar waren.

Farbduplex-Ultraschall im Längsschnitt am Oberschenkel: oben ein rot gefülltes Gefäß, unten ein blau gefülltes Gefäß, dazwischen ein graues Gefäß ohne Farbsignal; links oben ein kleines Körperpiktogramm zur Schallkopfposition

Abbildung: Farbduplex im Längsschnitt am Oberschenkel. Oben rot die A. femoralis, unten blau die durchflossene V. profunda femoris. Dazwischen die thrombosierte V. femoralis: grau, etwas echoreicher und ohne Farbsignal – hier fließt kein Blut. Quelle: Mikael Häggström, „Ultrasonography of deep vein thrombosis of the femoral vein.jpg“, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ultrasonography_of_deep_vein_thrombosis_of_the_femoral_vein.jpg); Lizenz CC0 1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/); inhaltlich unverändert (Originalgröße), in WebP umgewandelt.

Proximal oder vollständig?

Untersuchungwas erfasst wirdGrenze
proximale KUS („2-Punkt“)V. femoralis communis in der Leiste und V. poplitea in der KniekehleUnterschenkelvenen bleiben unbeurteilt
vollständige KUSalle tiefen Beinvenen von der Leiste bis zum Unterschenkelbraucht Zeit und Erfahrung

Proximal heißt: Thrombus in der V. poplitea oder weiter herzwärts (Oberschenkel, Becken). Von dort droht die größte Emboliegefahr. Eine distale TVT betrifft nur die Unterschenkelvenen (Vv. tibiales, Vv. fibulares, Muskelvenen der Wade). Sie embolisiert seltener, kann aber nach proximal wachsen – unbehandelt in bis zu etwa einem Fünftel der Fälle. Wie man sie behandelt, lernst du in C09-U05.

Daraus folgen zwei Wege, die beide sicher sind:

  • Vollständige KUS unauffällig (erfahrene Untersucherin, alle Abschnitte beurteilbar): Die TVT ist ausgeschlossen.
  • Nur proximale KUS unauffällig: Eine distale TVT ist damit nicht ausgeschlossen. Bleibt der Verdacht bestehen – etwa bei Wells ≥ 2 oder positivem D-Dimer –, wird die KUS nach 4–7 Tagen wiederholt oder sofort vollständig untersucht. Die Wiederholung erfasst einen Thrombus, der inzwischen in die Kniekehle aufgestiegen ist.

Nehmen die Beschwerden trotz unauffälliger Untersuchung zu, beurteilst du neu – unabhängig davon, welcher Weg gewählt wurde.

Venenabschnitte des Beins als Leiter von oben nach unten: Beckenvenen nur mit Farbduplex; V. femoralis communis in der Leiste als Punkt 1; V. femoralis und V. profunda femoris am Oberschenkel; V. poplitea in der Kniekehle als Punkt 2. Eine gestrichelte Linie trennt proximal mit größter Emboliegefahr von distal; darunter die Unterschenkelvenen, die unbehandelt in bis zu etwa einem Fünftel nach proximal wachsen. Unten zwei Wege: 2-Punkt-KUS unauffällig bei bleibendem Verdacht führt zur Kontrolle nach 4 bis 7 Tagen oder sofort vollständiger Untersuchung; vollständige KUS unauffällig bedeutet TVT ausgeschlossen, bei zunehmenden Beschwerden neu beurteilen

Abbildung: Die 2-Punkt-KUS prüft nur Leiste und Kniekehle – deshalb braucht sie bei bleibendem Verdacht die Kontrolle nach 4–7 Tagen. Quelle: eigene Darstellung.

Der Algorithmus und Sonderfälle

Jetzt setzt du die Bausteine zusammen.

Flussdiagramm: Verdacht auf Beinvenenthrombose; 1 Wells-Score bestimmen, Phlegmasia ohne Score. Bei unter 2 Punkten 2 D-Dimer mit Grenzwert zum Beispiel 500 µg/l FEU, TVT bei etwa 6 Prozent; negativ TVT ausgeschlossen ohne Bildgebung, positiv weiter zur Sonografie. Bei 2 oder mehr Punkten kein D-Dimer, TVT bei etwa 28 Prozent, bei Wartezeit auf die Sonografie vorab antikoagulieren, direkt weiter. 3 Kompressionssonografie im Querschnitt, proximal oder vollständig. Drei Ergebnisse: nicht komprimierbar – gesichert, Therapie; vollständige KUS unauffällig – ausgeschlossen; nur proximal oder unklar – Kontrolle nach 4 bis 7 Tagen; bei zunehmenden Beschwerden neu beurteilen

Abbildung: Verfolge beide Äste: Der D-Dimer-Test steht nur im linken Ast – beim wahrscheinlichen Verdacht führt der Weg direkt zur Sonografie. Quelle: eigene Darstellung.

Zeit ist Teil des Algorithmus. Ist eine TVT wahrscheinlich und die Sonografie nicht innerhalb weniger Stunden verfügbar, wird die Antikoagulation bereits vor dem Befund begonnen, sofern nichts dagegen spricht – womit, lernst du in C09-U05. Ergibt die Untersuchung dann keine TVT, wird sie wieder beendet.

Sonderfall 1: Schwangerschaft

  • Das D-Dimer steigt im Verlauf der Schwangerschaft physiologisch an und ist kaum verwertbar; der Wells-Score ist für Schwangere nicht geprüft.
  • Erster Schritt ist die Kompressionssonografie. In der Schwangerschaft ist häufiger das linke Bein betroffen, und häufiger liegen die Thrombosen in den Beckenvenen; isolierte Beckenvenenthrombosen machen etwa 15–20 % aus.
  • Schwillt das ganze Bein an oder bestehen Gesäß-, Flanken- oder Leistenschmerzen, denkst du an eine Beckenvenenthrombose: Sie ist mit der Kompression allein nicht zu erfassen → Farbduplex der Beckenvenen, gegebenenfalls MR-Phlebografie ohne Kontrastmittel.
  • Bleibt der Verdacht trotz unauffälliger Sonografie, wird kontrolliert: Bei unklarem Befund oder bleibendem Verdacht wiederholst du die Sonografie innerhalb von 4–7 Tagen.

Flussdiagramm: TVT-Verdacht in der Schwangerschaft, häufiger links und in den Beckenvenen. Wells-Score für Schwangere nicht geprüft, D-Dimer steigt physiologisch und ist kaum verwertbar. 1 Zuerst Sonografie: Kompression der Beinvenen von der Leiste bis zum Unterschenkel, Beckenvenen mit Farbduplex, isolierte Beckenvenen-TVT 15 bis 20 Prozent. 2 Bei Hinweis auf Beckenvenenthrombose: ganzes Bein geschwollen, Gesäß-, Flanken- oder Leistenschmerz. 3 Farbduplex der Beckenvenen, gegebenenfalls MR-Phlebografie ohne Kontrastmittel. Drei Ergebnisse: gesichert – Therapie; unauffällig – Verdacht ausgeräumt; Verdacht bleibt oder Befund unklar – Sonografie erneut in 4 bis 7 Tagen

Abbildung: Beachte den Beckenvenenast bei Schwellung des ganzen Beins oder typischen Schmerzen. Quelle: eigene Darstellung.

Sonderfall 2: Verdacht auf ein Rezidiv im selben Bein

Nach einer TVT bleiben oft Restthromben oder narbig veränderte Venen zurück. Eine nicht komprimierbare Vene kann also alt oder neu sein. Deshalb brauchst du den Vorbefund, idealerweise eine Abschlusssonografie nach der ersten Behandlung. Für ein Rezidiv sprechen ein neu betroffener Venenabschnitt oder eine deutliche Zunahme des Restthrombus gegenüber dem Vorbefund (z. B. Zunahme des Durchmessers der nicht komprimierbaren Vene um mehr als 4 mm). Im Wells-Score zählt die frühere TVT einen Punkt; ein negatives D-Dimer hilft nur bei unwahrscheinlichem Verdacht. Die AWMF-Leitlinie empfiehlt beim Rezidivverdacht trotzdem immer ein D-Dimer: Ist es normal und der Ultraschall unverändert, ist ein Rezidiv unwahrscheinlich. Nimmt der Restthrombus nur um 2–3 mm zu, bleibt der Befund unklar; dann folgt nach 4–7 Tagen eine Kontrolle mit Sonografie und D-Dimer.

Flussdiagramm: Rezidivverdacht im selben Bein. 1 Vorbefund holen, ideal die Abschlusssonografie. Dann nebeneinander 2 Sonografie vergleichen – neuer Abschnitt, Restthrombus dicker in V. femoralis oder V. poplitea – und 3 D-Dimer mitbestimmen, Wells frühere TVT plus 1. Drei Ergebnisse: Rezidiv bei neuem Abschnitt oder Zunahme über 4 mm; unklar bei Zunahme nur 2 bis 3 mm, Kontrolle mit Sonografie und D-Dimer in 4 bis 7 Tagen; unwahrscheinlich bei unverändertem Befund und normalem D-Dimer

Abbildung: Entscheidend ist die Veränderung gegenüber dem Vorbefund – erst mehr als 4 mm Zunahme sichert das Rezidiv. Quelle: eigene Darstellung.

Sonderfall 3: Arm- und Katheterthrombose

  • Hinweise: Schwellung, Schmerz und Schweregefühl in Arm oder Schulter, livide Verfärbung, sichtbare Kollateralvenen an Schulter und Brustwand. Ein Teil verläuft ohne Beschwerden.
  • Häufigste Ursachen: zentraler Venenkatheter, Port, Schrittmachersonden, Tumoren mit Venenkompression; seltener anstrengende Überkopfarbeit oder eine Engstelle an der oberen Thoraxapertur.
  • Häufigkeit: Etwa 5–7 % aller tiefen Venenthrombosen betreffen den Arm; rund drei Viertel davon sind sekundär (Katheter, Sonden, Tumor), und in 10–14 % folgt eine Lungenembolie.
  • Der Wells-Score für das Bein gilt hier nicht.
  • Diagnostik: Kompressions- und Farbduplexsonografie der V. jugularis interna, V. subclavia, V. axillaris und V. brachialis. Den Abschnitt der V. subclavia hinter dem Schlüsselbein kannst du nicht komprimieren – dort beurteilst du den Fluss. Bleibt der Befund unklar, folgt eine CT- oder MR-Phlebografie.
  • Nur wenn keine Sonografie zeitnah verfügbar ist, schätzt du die Wahrscheinlichkeit mit dem eigenen Arm-Score nach Constans ab: Katheter oder Sonde, lokaler Schmerz und einseitige Armschwellung je +1, eine mindestens ebenso wahrscheinliche Alternative −1; ≥ 2 Punkte = wahrscheinlich. Auf Bildgebung verzichtest du nur bei ≤ 1 Punkt mit normalem D-Dimer, wenn die Person ambulant, jünger als 75 Jahre, ohne Tumor und ohne Katheter ist.

Bei möglicher Armvenenthrombose wird zuerst geprüft, ob Sonografie zeitnah verfügbar ist. Wenn ja, folgen die Kompression der zugänglichen Venen und die Flussbeurteilung der V. subclavia. Wenn nein, führt der Constans-Score zur Prüfung aller Voraussetzungen für einen Bildgebungsverzicht: höchstens ein Punkt, normales D-Dimer, ambulante Person unter 75 Jahren ohne Tumor und ohne Katheter.

Abbildung: Ein niedriger Score allein reicht nicht: Für den Verzicht auf Bildgebung müssen sämtliche Bedingungen des rechten Astes erfüllt sein. Quelle: eigene Darstellung.

Ein Mann legt beide Unterarme und Hände nebeneinander auf eine weiße Unterlage; der im Bild linke Arm und die Hand sind geschwollen und leicht gerötet, die Finger wirken verdickt; am anderen Handgelenk ist ein Bereich unscharf gemacht

Abbildung: Armvenenthrombose (V. axillaris und V. subclavia) bei liegendem PICC-Katheter: Der betroffene rechte Arm (im Bild links) ist mitsamt der Hand geschwollen und leicht gerötet. Quelle: Rosen T, Chang B, Kaufman M, Soderman M, Riley DC. Emergency department diagnosis of upper extremity deep venous thrombosis using bedside ultrasonography. Crit Ultrasound J 2012;4(1):4, doi:10.1186/2036-7902-4-4, Figure 1; Lizenz CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/); Patientenarmband unkenntlich gemacht, in WebP umgewandelt.

Flussdiagramm: geschwollener Arm, etwa 5 bis 7 Prozent aller tiefen Venenthrombosen. 1 Hinweise: Schwellung, Schmerz, Schweregefühl, livide Haut, Kollateralvenen an Schulter und Brustwand, Bein-Wells gilt nicht. Ursachen nebeneinander: sekundär etwa drei Viertel durch ZVK, Port, PICC, Schrittmachersonde, Tumor; primär etwa ein Viertel durch Überkopfarbeit oder Engstelle der oberen Thoraxapertur. 2 Kompressions- und Farbduplexsonografie: komprimierbar V. jugularis interna, V. axillaris, V. brachialis; hinter dem Schlüsselbein V. subclavia nur Flussbeurteilung. Drei Ergebnisse: gesichert – Therapie, Lungenembolierisiko 10 bis 14 Prozent; unklar – CT- oder MR-Phlebografie; frei. Unten die Ausnahme ohne zeitnahe Sonografie: Constans-Score und Bedingungen für einen Verzicht auf Bildgebung

Abbildung: Hinter dem Schlüsselbein zählt die Flussbeurteilung; der Bein-Wells-Score ist hier nicht geeignet, der Constans-Score nur eine Notlösung. Quelle: eigene Darstellung.

Sonderfall 4: Oberflächliche Venenthrombose (OVT)

Eine OVT (bei Krampfadern auch Varikophlebitis) zeigt sich als geröteter, überwärmter, derber und druckschmerzhafter Venenstrang; das ganze Bein schwillt meist nicht an. Harmlos ist sie nicht: In etwa einem Fünftel der Fälle greift sie über die Mündung der Stammvene oder über Perforansvenen auf das tiefe System über, und nicht selten besteht gleichzeitig eine TVT – bei Diagnosestellung in etwa 18 % der Fälle.

Die Diagnose stellst du deshalb immer sonografisch und beantwortest drei Fragen:

  1. Wie lang ist der Thrombus, und welche Vene ist betroffen (Stammvene V. saphena magna oder parva, Seitenast)?
  2. Wie weit ist die Thrombusspitze von der Mündung ins tiefe System entfernt – der Crosse in der Leiste (V. saphena magna) bzw. der Kniekehle (V. saphena parva)?
  3. Ist das tiefe Venensystem frei? Die KUS der tiefen Venen gehört immer dazu – am ganzen Bein, weil der Thrombus in 40–50 % der Fälle mit Lücken verläuft.

Liegt die Thrombusspitze weniger als 3 cm vor der Mündung, wird die OVT wie eine TVT eingestuft, weil sie jederzeit ins tiefe System einwachsen kann. Ab 5 cm Länge bei mindestens 3 cm Abstand wird in der Regel 30–45 Tage mit Fondaparinux 2,5 mg in Prophylaxedosis behandelt, eine kurze, mündungsferne OVT symptomatisch. Länge und Abstand bestimmen die Behandlung – sie folgt in C09-U05.

Flussdiagramm: oberflächliche Venenthrombose als geröteter, warmer, derber Venenstrang; Hinweise: etwa ein Fünftel greift auf das tiefe System über, bei Diagnose TVT in etwa 18 Prozent. Sonografie immer mit drei Fragen nebeneinander: 1 welche Vene und wie lang, 2 Abstand der Spitze zur Mündung an Crosse oder Kniekehle, 3 tiefes System frei, ganzes Bein mit KUS, Thrombus in 40 bis 50 Prozent lückenhaft. Drei Ergebnisse: Spitze unter 3 cm vor der Mündung oder Übergang ins tiefe System – wie TVT; mindestens 5 cm lang und mindestens 3 cm Abstand – Fondaparinux 2,5 mg täglich für 30 bis 45 Tage; unter 5 cm und mündungsfern – symptomatisch und Kontrolle

Abbildung: Die oberflächliche Lage macht den Befund nicht harmlos; miss Länge und Abstand zur Mündung – sie entscheiden über die Behandlung. Quelle: eigene Darstellung.

Multiple Choice

Wadenschmerz nach dem Tennisspiel

Aufgabe

Herr N., 45 Jahre, hat gestern beim Tennis einen plötzlichen, peitschenhiebartigen Schmerz in der linken Wade gespürt. Seitdem kann er kaum auftreten. Befund: Druckschmerz in der medialen Wadenmuskulatur, Bluterguss oberhalb des Innenknöchels, Umfangsdifferenz 2 cm, kein eindrückbares Ödem, Fußpulse gut tastbar, Haut nicht überwärmt. Keine Vorerkrankungen, keine Operation, keine frühere TVT.

Welche Einschätzung und welcher nächste Schritt passen am besten?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patient / Beginn45 Jahre; plötzlicher Wadenschmerz links gestern beim Tennis
Lokaler BefundMedialer Druckschmerz; Bluterguss oberhalb des Innenknöchels
SeitenvergleichUmfangsdifferenz 2 cm; kein eindrückbares Ödem
Durchblutung / HautFußpulse tastbar; Haut nicht überwärmt
VorgeschichteKeine Vorerkrankungen, Operation oder frühere TVT
  1. a)Ein Muskelfaserriss ist mindestens ebenso wahrscheinlich; der Wells-Score ergibt eine unwahrscheinliche TVT, deshalb folgt ein D-Dimer-Test und bei positivem Ergebnis die Kompressionssonografie.
  2. b)Die Beschwerden sind typisch für eine TVT; er wird sofort therapeutisch antikoaguliert, weitere Diagnostik ist nicht nötig.
  3. c)Es handelt sich um eine rupturierte Baker-Zyste; die Diagnose ist klinisch gesichert, eine Bildgebung ist nicht nötig.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Wells-Score auf der Station

Aufgabe

Frau D., 71 Jahre, liegt seit fünf Tagen wegen einer Pneumonie überwiegend im Bett. Heute ist ihr linkes Bein vom Fuß bis zur Leiste geschwollen. Befund: Umfangsdifferenz am Unterschenkel 4 cm, eindrückbares Ödem links, kein Druckschmerz entlang der tiefen Venen, keine Kollateralvenen. Keine Krebserkrankung, keine Lähmung, kein Gips, keine frühere TVT. Das rechte Bein ist unauffällig; Herz und Lunge geben keinen Hinweis auf eine Herzinsuffizienz.

Berechne den Wells-Score und ordne ihn ein. Welche Option ist richtig?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin / Verlauf71 Jahre; wegen Pneumonie seit 5 Tagen überwiegend im Bett
SchwellungLinkes Bein vom Fuß bis zur Leiste
Messung / ÖdemUmfangsdifferenz 4 cm; eindrückbares Ödem links
Fehlende BefundeKein Druckschmerz, keine Kollateralvenen
Weitere AngabenKeine Krebserkrankung, Lähmung, Gips oder frühere TVT; rechtes Bein unauffällig
  1. a)2 Punkte – TVT wahrscheinlich
  2. b)4 Punkte – TVT wahrscheinlich
  3. c)5 Punkte – TVT wahrscheinlich
Lösung in der App →

Multiple Choice

Ein beruhigendes D-Dimer?

Aufgabe

Herr P., 59 Jahre, hat ein metastasiertes Kolonkarzinom und erhält eine Chemotherapie. Sein rechtes Bein ist seit gestern ganz geschwollen, die Umfangsdifferenz beträgt 5 cm, das Ödem ist eindrückbar (Wells 4 Punkte). Ein Kollege hat bereits ein D-Dimer bestimmt: 0,4 mg/l FEU. Der Laborgrenzwert beträgt 500 µg/l FEU.

Was ist der nächste Schritt?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patient59 Jahre; metastasiertes Kolonkarzinom unter Chemotherapie
BeinbefundRechtes Bein seit gestern ganz geschwollen; Differenz 5 cm; eindrückbares Ödem
Wells-Score4 Punkte
D-Dimer0,4 mg/l FEU
Laborgrenzwert500 µg/l FEU
  1. a)Keine weitere Diagnostik – mit einem D-Dimer unter dem Grenzwert ist die TVT ausgeschlossen.
  2. b)Das D-Dimer morgen wiederholen und erst bei einem Anstieg sonografieren.
  3. c)Sofort eine Kompressionssonografie veranlassen – unabhängig vom D-Dimer-Wert.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Den Sonografiebefund lesen

Aufgabe

Du liest den Befund der Kompressionssonografie bei einem 68-jährigen Patienten mit Schwellung des rechten Unterschenkels:

„V. femoralis communis und V. femoralis beidseits im Querschnitt vollständig komprimierbar. Rechts: V. poplitea aufgeweitet, Lumen echoarm, unter Druck mit dem Schallkopf nicht komprimierbar; die begleitende Arterie verformt sich leicht. Vv. tibiales posteriores rechts ebenfalls nicht komprimierbar. Links unauffällig.“

Welche Beurteilung trifft zu?

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patient68 Jahre; rechter Unterschenkel geschwollen
V. femoralis communis / V. femoralisBeidseits vollständig komprimierbar
V. poplitea rechtsAufgeweitet, echoarmes Lumen; unter Druck nicht komprimierbar
Vv. tibiales posteriores rechtsNicht komprimierbar
Übriger BefundBegleitende Arterie verformt sich leicht; links unauffällig

Zwei Ultraschall-Querschnitte der Kniekehle nebeneinander, weiße Sternchen an der Venenwand: links eine weite, unregelmäßig begrenzte Vene mit dunkelgrauem Inhalt, rechts dieselbe Stelle unter Schallkopfdruck, die Vene bleibt teilweise offen

Abbildung: Kniekehle im Querschnitt bei einer anderen Person, links ohne, rechts mit Schallkopfdruck. Die Sternchen aus dem Original markieren die Venenwand. Quelle: Unger A et al., J Clin Ultrasound 2026;54(7):1799–803, Abb. 2C, CC BY 4.0, (Teilbild ausgeschnitten, Beschriftungen entfernt)

  1. a)Unauffälliger Befund – das echoarme, dunkle Lumen zeigt freien Blutfluss.
  2. b)Proximale TVT rechts in der V. poplitea mit Ausdehnung in die Unterschenkelvenen – die Diagnose ist gesichert.
  3. c)Isolierte distale TVT rechts – nur die Unterschenkelvenen sind betroffen.
Lösung in der App →

Freie Antwort

Warum noch einmal zum Ultraschall?

Aufgabe

Frau L., 46 Jahre, kam mit Schmerzen in der linken Wade in die Notaufnahme. Wells-Score 2 Punkte, D-Dimer 950 µg/l FEU (Grenzwert 500 µg/l). Die Notfallsonografie von Leiste und Kniekehle (proximale KUS) war unauffällig; eine vollständige Untersuchung war heute nicht möglich. Geplant ist eine Kontrollsonografie in fünf Tagen. Frau L. fragt: „Warum soll ich noch einmal kommen? Der Ultraschall war doch gut.“

Erkläre Frau L. in fünf bis sieben einfachen Sätzen, was ihr Befund bedeutet, warum die Kontrolle nötig ist und bei welchen Zeichen sie nicht bis zum Termin warten darf. Prüfe am Ende, was sie verstanden hat.

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
Patientin46 Jahre; Schmerzen in der linken Wade
Wells-Score2 Punkte
D-Dimer950 µg/l FEU; Grenzwert 500 µg/l
Bisheriger UltraschallLeiste und Kniekehle unauffällig; vollständige Untersuchung heute nicht möglich
Geplanter TerminKontrollsonografie in 5 Tagen
In der App sprechen üben →

Freie Antwort

Praktische Aufgabe: Unterschenkelumfang messen und dokumentieren

Aufgabe

Ein Patient mit Verdacht auf TVT links liegt in der Notaufnahme. Bereite die Messung des Unterschenkelumfangs vor und beschreibe sie Schritt für Schritt: Ziel, Vorbereitung, Schritte mit Begründung, woran eine korrekte Messung erkennbar ist, typische Fehler und die Dokumentation. Übe die Messung anschließend unter Anleitung an einer Übungspartnerin.

Hinweis: Diese digitale Aufgabe ersetzt nicht das Üben und Beurteilen am Menschen. Eine richtige Antwort hier ist kein Nachweis deiner praktischen Fertigkeit.

Die Tabelle bündelt die Angaben der Aufgabe.

AngabeBefund
SituationPatient liegt in der Notaufnahme
FragestellungVerdacht auf TVT links
ArbeitsauftragUnterschenkelumfang messen und dokumentieren
Praktische ÜbungAn einer Übungspartnerin unter Anleitung
In der App sprechen üben →

VTE antikoagulieren

Lernziel: Du kannst ein Antikoagulans bei VTE auswählen, dosieren und überwachen.

Ziele und Phasen der Behandlung

Wo stehen wir im Kapitel? Die Thrombose ist verstanden und die Diagnose gesichert. Jetzt folgt der dritte Schritt des roten Fadens: die Behandlung abwägen. In dieser Einheit geht es um die Antikoagulation der akuten VTE – welcher Wirkstoff, welche Dosis, was du kontrollierst. Wie die Wirkstoffe angreifen, kennst du aus C09-U02. Wie lange behandelt wird und wie du Blutungen beherrschst, folgt in C09-U08.

Was die Antikoagulation leisten soll

Ein Antikoagulans löst den vorhandenen Thrombus nicht auf; das erledigt langsam das körpereigene Fibrinolysesystem. Die Antikoagulation verhindert, dass neues Fibrin angelagert wird. Daraus ergeben sich drei Ziele:

  1. Embolie verhindern: Ein wachsender, frischer Thrombus kann sich lösen und eine Lungenembolie verursachen.
  2. Ausbreitung stoppen: Ohne Behandlung wächst der Thrombus meist nach proximal weiter.
  3. Rezidive senken: Nach einer VTE ist das Risiko für eine erneute Thrombose über Monate erhöht.

Weil Ziel 1 und 2 sofort gelten, beginnst du die Antikoagulation ohne Verzögerung, sobald die Diagnose gesichert ist. Ist die klinische Wahrscheinlichkeit hoch und verzögert sich die Bildgebung, wird schon vorher antikoaguliert – sofern kein erhöhtes Blutungsrisiko besteht.

Drei Phasen

  • Initialphase (Tag 1 bis höchstens 3 Wochen): Das Rezidivrisiko ist am höchsten. Deshalb wird höher dosiert oder zuerst parenteral behandelt.
  • Erhaltungsphase (insgesamt mindestens 3 Monate): Die Standarddosis schützt, bis der Thrombus organisiert ist und der Auslöser abklingt. Dauer und Ende entscheidest du nach Auslöser und Blutungsrisiko (C09-U08).
  • Verlängerte Phase (nach Abwägung): Bei hohem Rezidivrisiko wird weiterbehandelt, teils mit reduzierter Dosis.

Zwei Wege in die Initialphase

  • Orale Lead-in-Dosis: Apixaban und Rivaroxaban starten sofort oral, aber höher dosiert.
  • Parenterale Vorbehandlung: Edoxaban und Dabigatran wurden in den Zulassungsstudien erst nach mindestens 5 Tagen NMH, Fondaparinux oder UFH gegeben. Deshalb ist dieser Weg in der Fachinformation vorgeschrieben.
  • VKA (Phenprocoumon): Der Wirkungseintritt dauert Tage. Heparin und VKA laufen deshalb überlappend, bis der INR stabil im Zielbereich liegt.

Zeitleiste mit drei Phasen (Initialphase, Erhaltung, verlängert) für fünf Wirkstoffe: Apixaban 10 mg zweimal täglich Tag 1 bis 7, dann 5 mg zweimal täglich, optional 2,5 mg zweimal täglich nach mindestens 6 Monaten; Rivaroxaban 15 mg zweimal täglich Tag 1 bis 21, dann 20 mg einmal täglich, optional 10 mg; Edoxaban und Dabigatran nach mindestens 5 Tagen parenteraler Vorbehandlung; Phenprocoumon überlappend mit Heparin

Lies jede Zeile von links nach rechts: Wo beginnt der Wirkstoff oral, wo braucht er eine parenterale Vorbehandlung, und wann ändert sich die Dosis?

Quelle: eigene Darstellung (medeKI), inhaltlich nach den Fachinformationen Eliquis, Xarelto, Lixiana, Pradaxa und Marcumar (gelesen 18.10.2026) sowie ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019; vereinfachte, nicht maßstabsgerechte Darstellung.

WirkstoffInitialphaseErhaltung
Apixaban10 mg 2×/d für 7 Tage5 mg 2×/d
Rivaroxaban15 mg 2×/d für 21 Tage20 mg 1×/d mit einer Mahlzeit
Edoxaban≥ 5 Tage parenteral60 mg 1×/d (30 mg bei Reduktionskriterien)
Dabigatran≥ 5 Tage parenteral150 mg 2×/d (110 mg 2×/d bei Kriterien)
PhenprocoumonHeparin überlappend, VKA ab Tag 1Dosis nach INR, Ziel 2,0–3,0

Merke: Ein Lead-in ist kein Fehler, sondern Teil des Schemas. Der häufigste Dosierungsfehler ist, den Wechsel auf die Erhaltungsdosis zu vergessen – oder ihn zu früh vorzunehmen.

Den passenden Wirkstoff wählen

Standard: DOAK. Für die meisten Patienten mit TVT oder Lungenembolie ist ein direktes orales Antikoagulans (DOAK) die erste Wahl. DOAK sind in den Studien mindestens so wirksam wie die Kombination aus NMH und VKA, verursachen weniger schwere Blutungen, werden in fester Dosis gegeben und brauchen kein Routinemonitoring. Die Ausnahmen musst du kennen, denn in ihnen ist ein DOAK falsch oder unsicher.

Unfraktioniertes Heparin (UFH) i.v. – wenn du schnell steuern oder abschalten musst

  • Kreislaufinstabilität oder drohende Dekompensation, also auch bei geplanter Thrombolyse oder Katheterintervention (C09-U07).
  • Eingriff in Kürze geplant oder sehr hohes Blutungsrisiko: UFH wirkt nach Stopp des Perfusors nur noch wenige Stunden und ist mit Protamin vollständig antagonisierbar.
  • Sehr schlechte Nierenfunktion (CrCl < 15 ml/min, Dialyse; laut ESC bereits ab CrCl ≤ 30 ml/min erwägen), weil UFH kaum renal eliminiert wird.
  • Dosis: Bolus 80 I.E./kg KG i.v., danach 18 I.E./kg KG/h als Perfusor. Gesteuert wird nach der aPTT, Ziel etwa das 1,5- bis 2,5-Fache des Ausgangswertes (laborabhängig); erste Kontrolle 6 Stunden nach Beginn bzw. nach jeder Dosisänderung.

Niedermolekulares Heparin (NMH) s.c. – Schwangerschaft und manche Krebspatienten

  • Schwangerschaft: NMH passiert die Plazenta nicht und ist das Mittel der Wahl; dosiert wird nach dem Körpergewicht zu Beginn der Schwangerschaft. Weil die Nieren in der Schwangerschaft mehr filtrieren, wird NMH schneller ausgeschieden; therapeutisch gibst du Enoxaparin deshalb im Zwölf-Stunden-Schema. DOAK sind in der Schwangerschaft kontraindiziert, VKA schädigen den Embryo.
  • Stillzeit: NMH (und VKA) sind möglich; DOAK werden in der Stillzeit nicht empfohlen.
  • Aktive Krebserkrankung: Apixaban, Edoxaban oder Rivaroxaban sind gleichwertige Optionen zum NMH. NMH ist vorzuziehen bei hohem Blutungsrisiko aus dem Magen-Darm- oder Urogenitaltrakt (v. a. nicht resezierter Tumor), bei Erbrechen oder unsicherer Resorption und bei relevanten Wechselwirkungen mit der Tumortherapie.
  • Dosis Enoxaparin therapeutisch: 1 mg/kg KG (100 I.E./kg) s.c. alle 12 Stunden. Die Alternative 1,5 mg/kg 1×/d gilt nur für unkomplizierte Patienten mit niedrigem Rezidivrisiko – nicht bei Krebs, Adipositas, symptomatischer LE, Rezidiv oder proximaler Thrombose bis in die Beckenvene (V. iliaca). 1 mg Enoxaparin entspricht 100 I.E. Anti-Xa-Aktivität.
  • Fondaparinux als parenterale Alternative: 7,5 mg s.c. 1×/d bei 50–100 kg, 5 mg unter 50 kg, 10 mg über 100 kg; nicht bei CrCl < 30 ml/min.

Vitamin-K-Antagonist (VKA) – wenn ein DOAK nicht ausreichend schützt

  • Antiphospholipid-Syndrom (APS) mit Thrombose, besonders mit Hochrisikoprofil (triple-positiv: Lupus-Antikoagulans, Antikardiolipin- und Anti-β2-Glykoprotein-I-Antikörper): Unter DOAK traten mehr Rezidive auf als unter VKA. Alle DOAK-Fachinformationen raten hier ab.
  • Mechanische Herzklappe: DOAK sind kontraindiziert (Dabigatran) bzw. nicht untersucht.
  • Dauerhaft sehr schlechte Nierenfunktion (CrCl < 15 ml/min, Dialyse): Nach der UFH-Akutphase ist ein VKA die übliche orale Option. Die Marcumar-Fachinformation nennt eine manifeste Niereninsuffizienz als Gegenanzeige; die Entscheidung triffst du deshalb gemeinsam mit der Nephrologie und dokumentierst die Abwägung.
  • Phenprocoumon (Marcumar, 3 mg): Tag 1 meist 6–9 mg, Tag 2 6 mg, ab Tag 3 Dosis nach INR. Heparin bzw. NMH läuft überlappend mindestens 5 Tage und bis der INR an 2 aufeinanderfolgenden Tagen ≥ 2,0 liegt. Ziel-INR bei VTE: 2,0–3,0.
  • Grund für die lange Überlappung: Protein C fällt unter VKA schon nach Stunden (Halbwertszeit 6–8 h), Prothrombin (Faktor II) erst über Tage (Halbwertszeit etwa 60–72 h) – ohne Heparin wäre die Gerinnung anfangs sogar gesteigert.

Zeitleiste von Tag 1 bis ab Tag 6: Heparin bzw. NMH mindestens 5 Tage, Phenprocoumon 6–9 mg an Tag 1, 6 mg an Tag 2, danach nach INR; darunter die zwei Stopp-Bedingungen, die Verzweigung in Heparin stoppen oder weiterführen und die Halbwertszeiten von Protein C und Prothrombin

Abbildung: Heparin endet erst, wenn beide Bedingungen erfüllt sind – fünf Tage allein reichen nicht. Quelle: eigene Darstellung.

Entscheidungsbaum mit fünf Ja-Nein-Fragen von Kreislaufinstabilität bis aktiver Krebserkrankung; jede Ja-Antwort führt zu einem Kasten mit Wirkstoff und Dosis (UFH-Bolus 80 I.E./kg und 18 I.E./kg/h, Enoxaparin 1 mg/kg alle 12 h, VKA mit Ziel-INR 2,0–3,0); nach fünfmal Nein der Standard DOAK mit oralem Lead-in oder parenteraler Vorbehandlung; unten die Prüfliste für Blutung, Niere, Leber, Gewicht und Wechselwirkungen

Gehe die Fragen von oben nach unten durch und halte beim ersten „ja“ an. Erst wenn alle Fragen mit „nein“ beantwortet sind, gilt der Standard DOAK – und auch dann prüfst du den unteren Kasten.

Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019, ESC-Leitlinie Kardioonkologie 2022, S2k-Leitlinie 065-002 (2023, Sekundärzusammenfassungen) und Fachinformationen (gelesen 18.10.2026).

Welches DOAK? Alle vier sind zugelassen. Für die Auswahl helfen drei Fragen: Soll sofort oral begonnen werden (dann Apixaban oder Rivaroxaban)? Wie ist die Nierenfunktion (S04)? Welche Begleitmedikation nimmt der Patient (S04)? Bei starker Adipositas (BMI > 40 kg/m² oder > 120 kg) sind Apixaban und Rivaroxaban in Standarddosis die DOAK mit der besten Datenlage; Dabigatran und Edoxaban werden dann gemieden.

Kreatinin-Clearance und Dosis

Für fast jedes Antikoagulans brauchst du die Nierenfunktion. Die Fachinformationen geben ihre Grenzen als Kreatinin-Clearance (CrCl) nach Cockcroft-Gault an, nicht als eGFR aus dem Laborbefund. Deshalb lernst du die Formel hier einmal vollständig.

Was die Formel schätzt

Kreatinin entsteht gleichmäßig im Muskel und wird über die Niere ausgeschieden. Je schlechter die Niere filtert, desto höher steigt das Serumkreatinin. Wie viel Kreatinin ein Mensch bildet, hängt aber von seiner Muskelmasse ab – und die sinkt mit dem Alter und ist bei Frauen im Mittel geringer. Die Cockcroft-Gault-Formel korrigiert deshalb das Serumkreatinin für Alter, Körpergewicht und Geschlecht und schätzt so, wie viele Milliliter Plasma pro Minute von Kreatinin befreit werden (ml/min).

Die Formel (Kreatinin in mg/dl)

CrCl (ml/min) = (140 − Alter in Jahren) × Körpergewicht in kg ÷ (72 × Serumkreatinin in mg/dl)

  • Bei Frauen wird das Ergebnis mit 0,85 multipliziert.
  • Die Zahl 72 ist eine feste Konstante der Formel, kein Gewicht.
  • Kreatinin in µmol/l? Dann gilt: CrCl = (140 − Alter) × Gewicht × 1,23 ÷ Kreatinin in µmol/l (Frauen × 0,85). Umrechnung: 1 mg/dl Kreatinin = 88,4 µmol/l.

Grenzen: Die Formel setzt ein stabiles Kreatinin voraus. Bei akutem Nierenversagen, sehr niedriger Muskelmasse (Kachexie, Amputation) oder starker Adipositas ist sie ungenau. Die eGFR (z. B. CKD-EPI) wird dagegen in ml/min/1,73 m² angegeben und ohne Körpergewicht berechnet. Gerade bei alten, leichten Patienten liegt die eGFR oft höher als die CrCl – wer die eGFR einsetzt, überschätzt dann die Nierenfunktion und dosiert zu hoch.

Fall: Herr P., 78 Jahre, 72 kg, stellt sich mit einer sonografisch gesicherten proximalen TVT links vor. Er ist kreislaufstabil, hat keine Krebserkrankung, nimmt Amlodipin und Ramipril. Serumkreatinin 1,3 mg/dl, Hb 13,8 g/dl, Thrombozyten 245/nl, Leberwerte normal.

Schritt 1 – Werte einsetzen

  • 140 − 78 = 62
  • Zähler: 62 × 72 kg = 4464
  • Nenner: 72 × 1,3 = 93,6
  • CrCl = 4464 ÷ 93,6 ≈ 48 ml/min (Mann, kein Faktor 0,85)

Gegenprobe in µmol/l: 1,3 mg/dl × 88,4 ≈ 115 µmol/l; 62 × 72 × 1,23 ÷ 115 ≈ 48 ml/min.

Schritt 2 – Einordnen

48 ml/min bedeutet eine mittelgradig eingeschränkte Clearance. Kein DOAK ist dadurch ausgeschlossen, aber die Grenzen der Wirkstoffe unterscheiden sich:

WirkstoffBei CrCl 48 ml/minFolge für Herrn P.
Apixabankeine Anpassung (Vorsicht erst bei 15–29)Standardschema
Rivaroxaban15–49: Start 15 mg 2×/d für 3 Wochendanach 20 mg, bei hohem Blutungsrisiko 15 mg 1×/d erwägen
Edoxaban15–50: Reduktionskriterium30 mg 1×/d nach ≥ 5 Tagen parenteral
Dabigatran30–50 und Alter 75–80110 mg 2×/d erwägen; Niere engmaschig

Schritt 3 – Auswahl und Dosis

Herr P. hat keine Ausnahmesituation aus S02, also DOAK. Apixaban passt gut: oraler Start ohne parenterale Phase, keine Dosisanpassung bei dieser Clearance, keine relevante Wechselwirkung mit Amlodipin oder Ramipril.

Verordnung: Apixaban 10 mg 2×/d an Tag 1–7, ab Tag 8 5 mg 2×/d; Gesamtdauer mindestens 3 Monate, Entscheidung über die Fortsetzung nach Auslöser und Blutungsrisiko (C09-U08). Weil seine CrCl nahe an den Grenzen anderer Wirkstoffe liegt, kontrollierst du das Kreatinin bei jeder Verschlechterung des Allgemeinzustands (z. B. Exsikkose) und regelmäßig im Verlauf.

Von den Werten 78 Jahre, 72 kg und Kreatinin 1,3 mg/dl führen Zähler und Nenner parallel zur Clearance von etwa 48 ml/min; darunter folgt das Apixaban-Schema für Herrn P.

Abbildung: Die Formel verwendet das Körpergewicht; die berechnete Clearance trägt die Dosisentscheidung. Quelle: eigene Darstellung.

Kurzbeispiel 2 – NMH nach Körpergewicht

Frau D., 84 kg, CrCl 85 ml/min, soll Enoxaparin in therapeutischer Dosis erhalten (sie hat eine aktive Krebserkrankung, also das Zweimal-täglich-Schema).

  • Dosis: 1 mg/kg × 84 kg = 84 mg pro Gabe, alle 12 Stunden s.c.
  • In I.E.: 84 mg × 100 I.E./mg = 8400 I.E. pro Gabe.
  • In ml: Die Lösung enthält 100 mg/ml, also 0,84 ml pro Gabe.
  • Praxis: Es gibt graduierte Fertigspritzen zu 60, 80 und 100 mg (für höhere Dosen auch 120 und 150 mg). Du nimmst die 100-mg-Spritze, stellst die verordnete Menge am Teilstrich ein und verwirfst den Überschuss vor der Injektion; liegt die Dosis zwischen zwei Teilstrichen, gilt der Rundungsstandard deines Hauses. Dokumentiere Dosis in mg und I.E.
  • Läge ihre CrCl bei 15–30 ml/min, wäre die Dosis 1 mg/kg nur einmal täglich (84 mg 1×/d); unter 15 ml/min wird Enoxaparin nicht empfohlen.

Von 84 kg und aktiver Krebserkrankung führt die Rechnung zu 84 mg, 8400 I.E. und 0,84 ml pro Gabe; drei Äste zeigen die Gabe bei CrCl 85, bei 15–30 und die fehlende Empfehlung unter 15 ml/min; unten steht die Dokumentation.

Abbildung: Die Einzeldosis bleibt bei CrCl 15–30 ml/min gleich, der Abstand verlängert sich. Quelle: eigene Darstellung.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

Bevor du ein Antikoagulans verordnest, prüfst du fünf Bereiche: Blutung, Niere, Leber, Körpergewicht und Begleitmedikation. Dazu kommen Schwangerschaft und Stillzeit.

1. Blutung

Für alle Antikoagulanzien gilt: Eine aktive, klinisch relevante Blutung ist eine Gegenanzeige. Vorsicht bzw. Gegenanzeige auch bei Läsionen mit hohem Risiko für eine schwere Blutung, etwa einem frischen Magenulkus, einer frischen Hirnblutung oder einer kürzlichen Operation an Gehirn, Rückenmark oder Auge. Zwei Antikoagulanzien gleichzeitig gibt man nur beim geplanten Wechsel (oder UFH zum Offenhalten eines Katheters).

2. Niere und Leber je Wirkstoff

WirkstoffNiereLeber
Apixaban< 15 ml/min: nicht empfohlen; 15–29: VorsichtLeberkrankheit mit Gerinnungsstörung: KI; schwer: nicht empfohlen
Rivaroxaban< 15: nicht empfohlen; 15–49: s. S03Leberkrankheit mit Gerinnungsstörung, Child-Pugh B/C: KI
Edoxaban< 15: nicht empfohlen; 15–50: 30 mgmit Gerinnungsstörung: KI; schwer: nicht empfohlen
Dabigatran< 30 ml/min: KI (85 % renale Elimination)lebenslimitierende Leberkrankheit: KI
Enoxaparin15–30: 1 mg/kg 1×/d; < 15: nicht empfohlenZirrhose: Vorsicht, Anti-Xa unzuverlässig
Fondaparinux (Therapie)< 30 ml/min: KIschwer: Vorsicht
Phenprocoumonmanifeste Niereninsuffizienz in der Fachinformation als KI (s. S02)schwere Lebererkrankung: KI

Raster mit den Kreatinin-Clearance-Bereichen unter 15, 15–29, 30–50 und über 50 ml/min für acht Antikoagulanzien; rot nicht empfohlen oder kontraindiziert, gelb Anpassung oder Vorsicht, grün Standarddosis

Abbildung: Je weiter rechts die rote Zone endet, desto stärker hängt der Wirkstoff von der Niere ab – Dabigatran und Fondaparinux enden schon unter 30 ml/min. Quelle: eigene Darstellung.

3. Körpergewicht

  • Niedrig: Edoxaban 30 mg bei ≤ 60 kg; Fondaparinux 5 mg unter 50 kg; Apixaban < 60 kg erhöht das Blutungsrisiko (keine Dosisänderung, aber Aufmerksamkeit).
  • Hoch (> 120 kg oder BMI > 40 kg/m²): Apixaban oder Rivaroxaban in Standarddosis; Dabigatran und Edoxaban meiden. NMH wird nach tatsächlichem Gewicht dosiert; bei sehr hohem Gewicht kann ein Anti-Xa-Spiegel helfen. Fondaparinux 10 mg über 100 kg.

Raster mit fünf Gewichtsbereichen von unter 50 kg bis über 120 kg oder BMI über 40 für sechs Wirkstoffe: Fondaparinux 5, 7,5 oder 10 mg, Edoxaban 30 mg bis 60 kg und bei starker Adipositas gemieden, Apixaban und Rivaroxaban in Standarddosis, Dabigatran bei starker Adipositas gemieden, Enoxaparin nach tatsächlichem Gewicht

Abbildung: Nur Fondaparinux und Edoxaban wechseln die Dosis mit dem Gewicht; bei starker Adipositas bleiben Apixaban und Rivaroxaban. Quelle: eigene Darstellung.

4. Wechselwirkungen

Apixaban, Rivaroxaban und Edoxaban werden über P-Glykoprotein (P-gp, ein Transporter in Darm und Niere) und teils über das Leberenzym CYP3A4 eliminiert; Dabigatran vor allem über P-gp und die Niere. Hemmt ein anderes Medikament diese Wege, steigt der DOAK-Spiegel (Blutung). Induziert es sie, fällt der Spiegel (Rezidiv).

BegleitmedikationWirkung auf DOAKKonsequenz
Azol-Antimykotika (Ketoconazol, Itraconazol, Voriconazol, Posaconazol), HIV-Proteasehemmer (Ritonavir)Spiegel ↑Apixaban, Rivaroxaban: nicht empfohlen; Dabigatran mit Ketoconazol/Itraconazol: KI; Edoxaban mit Ketoconazol: 30 mg
Ciclosporin, DronedaronSpiegel ↑Dabigatran: KI; Edoxaban: 30 mg
ErythromycinSpiegel ↑Edoxaban: 30 mg
VerapamilSpiegel ↑Dabigatran: 110 mg 2×/d
Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital, JohanniskrautSpiegel ↓DOAK meiden (Apixaban zur VTE-Therapie: nicht anwenden)
NSAR, ASS, Clopidogrel, SSRI/SNRIBlutungsrisiko ↑nur mit klarer Indikation, kurz, Magenschutz erwägen

P-gp und CYP3A4 verzweigen nach links in Hemmung und nach rechts in Induktion; darunter folgen Spiegelanstieg mit Blutungsrisiko beziehungsweise Spiegelabfall mit Rezidivrisiko und die jeweiligen Konsequenzen.

Abbildung: Verfolge jede Spalte vom Begleitmedikament bis zur Wirkung auf den DOAK-Spiegel. Quelle: eigene Darstellung.

Bei VKA ist die Liste noch länger: Viele Antibiotika, Amiodaron, Azole und NSAR verstärken die Wirkung (INR ↑); Rifampicin, Carbamazepin, Johanniskraut und Vitamin-K-reiche Kost schwächen sie ab (INR ↓). Nach jeder Medikationsänderung kontrollierst du deshalb den INR früher.

5. Schwangerschaft und Stillzeit

WirkstoffSchwangerschaftStillzeit
DOAK (alle vier)kontraindiziert bzw. nicht anwendennicht empfohlen
NMH (Enoxaparin)Mittel der Wahlmöglich
Phenprocoumonkontraindiziert (Embryopathie); sichere Verhütung nötigmöglich, Vitamin-K-Prophylaxe beim Kind
Fondaparinuxnur bei zwingender Notwendigkeitnicht empfohlen

Frauen im gebärfähigen Alter unter DOAK oder VKA berätst du zur Verhütung; tritt eine Schwangerschaft ein, wird sofort auf NMH umgestellt.

Kontrolle, Ort der Behandlung und Begleitmaßnahmen

Vor Therapiebeginn bestimmst du Blutbild mit Thrombozyten, Kreatinin (und daraus die CrCl), Leberwerte sowie Quick/INR und aPTT als Ausgangswerte. Diese Werte brauchst du später zum Vergleich – etwa bei einem Thrombozytenabfall oder einer Blutung.

Im Verlauf

TherapieWas kontrollierst du?Wann?
UFH i.v.aPTT; Thrombozyten (HIT)aPTT 6 h nach Start/Änderung; Thrombozyten regelmäßig, besonders Tag 5–14
NMH, FondaparinuxThrombozyten (unter NMH); Kreatininvor Beginn und regelmäßig; Anti-Xa nur in Sonderfällen
VKAINR (Ziel 2,0–3,0)anfangs alle 1–3 Tage, dann wöchentlich; stabil mindestens alle 3–4 Wochen
DOAKKreatinin/CrCl, Hb, Leberwerteregelmäßig, häufiger bei eingeschränkter Niere, im Alter und bei akuter Erkrankung

Ein Routinemonitoring der DOAK-Wirkung gibt es nicht. Die erste ärztliche Kontrolle nach Beginn der Behandlung erfolgt nach 1–3 Wochen: Beschwerden, Blutungszeichen, Einnahme und Verträglichkeit.

Unter UFH zählst du die Thrombozyten etwa alle 2–3 Tage. Für DOAK gilt als Faustregel des EHRA-Praxisleitfadens: Kreatinin, Hb und Leberwerte mindestens einmal jährlich, ab 75 Jahren oder bei Gebrechlichkeit alle 4 Monate und bei einer CrCl ≤ 60 ml/min alle „CrCl ÷ 10“ Monate (z. B. CrCl 40 ml/min → alle 4 Monate).

Flussdiagramm: Ausgangswerte vor Beginn, dann vier Kästen mit Laborkontrollen und Intervallen für UFH, NMH und Fondaparinux, VKA und DOAK, danach die ärztliche Kontrolle nach 1–3 Wochen und unten die Anlässe für frühere Kontrollen

Abbildung: Das Labor hängt vom Wirkstoff ab, die ärztliche Kontrolle nach 1–3 Wochen gilt für alle. Quelle: eigene Darstellung; DOAK-Intervalle nach EHRA Practical Guide 2021 (Steffel et al.), UFH-Thrombozytenkontrolle nach ACCP-Leitlinie HIT 2012.

Adhärenz und Patientenschulung

DOAK wirken kurz. Wer Dosen vergisst, ist nach wenigen Stunden ungeschützt – anders als unter einem VKA. Gute Schulung umfasst: Zweck und Dauer der Behandlung, genaue Einnahme (einschließlich Dosiswechsel nach Tag 7 bzw. Tag 21; Rivaroxaban mit einer Mahlzeit), Vorgehen bei vergessener Dosis nach der jeweiligen Packungsbeilage (Wirkstoff und Behandlungsphase beachten), Blutungszeichen (Teerstuhl, Bluterbrechen, roter oder dunkler Urin, starke Kopfschmerzen, große Hämatome), Verbot der Selbstmedikation mit NSAR wie Ibuprofen, Hinweis an jeden Zahnarzt und Operateur sowie den Antikoagulanzien-Ausweis.

Bei Rivaroxaban 15 mg zweimal täglich (Tag 1–21) wird eine vergessene Dosis noch am selben Tag nachgeholt, damit insgesamt 30 mg erreicht werden; dafür dürfen zwei 15-mg-Tabletten gleichzeitig eingenommen werden, nicht mehr als 30 mg an diesem Tag. In der einmal täglichen Phase wird die vergessene Dosis am selben Tag nachgeholt, ohne die Tagesdosis zu verdoppeln; am Folgetag gilt wieder der reguläre Plan. Bei Apixaban wird eine vergessene Morgendosis sofort nachgeholt, bei Bedarf zusammen mit der Abenddosis; eine vergessene Abenddosis nur noch am selben Abend, am nächsten Morgen keine Zusatzdosis.

Nach einer vergessenen Rivaroxaban-Dosis wird zuerst die Behandlungsphase bestimmt. Tag 1–21: am selben Tag 30 mg erreichen, dafür dürfen zwei 15-mg-Tabletten zusammen eingenommen werden. In der einmal täglichen Phase wird nur die vergessene Tagesdosis nachgeholt. Am Folgetag gilt wieder der reguläre Plan.

Abbildung: Bei Rivaroxaban entscheidet die Behandlungsphase über das Nachholen; die Sonderregel gilt nur für 15 mg zweimal täglich. Quelle: eigene Darstellung.

Bei einer vergessenen Apixaban-Dosis wird zwischen Morgen und Abend unterschieden. Eine Morgendosis wird sofort nachgeholt, bei Bedarf zusammen mit der Abenddosis. Eine vergessene Abenddosis darf nur am selben Abend nachgeholt werden; am nächsten Morgen folgt allein die normale Morgendosis.

Abbildung: Bei Apixaban unterscheiden sich die Regeln für eine vergessene Morgen- und Abenddosis. Quelle: eigene Darstellung.

Ambulant oder stationär?

Die meisten Patienten mit TVT werden ambulant behandelt. Stationär behandelst du, wenn mindestens einer dieser Punkte zutrifft:

  • Phlegmasia coerulea dolens oder sehr ausgedehnte Thrombose mit starker Schwellung und Schmerzen
  • aktive Blutung oder sehr hohes Blutungsrisiko
  • schwere Niereninsuffizienz mit Bedarf an UFH oder schwere Begleiterkrankungen
  • gleichzeitige Lungenembolie, die nicht als niedriges Risiko eingestuft ist (C09-U07)
  • Versorgung zu Hause nicht gesichert (z. B. Injektionen, Einnahme, Verständnis)

Niedriges LE-Risiko heißt dabei: sPESI 0, RV-Funktion und Troponin unauffällig.

Fünf Gruppen von Aufnahmegründen – ausgedehnte Thrombose, Blutung, Niere oder Begleiterkrankung, Lungenembolie ohne niedriges Risiko und fehlende Versorgung zu Hause – führen bei keinem Grund zur ambulanten und bei mindestens einem Grund zur stationären Behandlung

Abbildung: Für eine stationäre Behandlung reicht bereits einer der genannten Gründe. Quelle: eigene Darstellung.

Kompression und Mobilisation

  • Mobilisation: Bettruhe ist nicht nötig – unabhängig davon, ob die Thrombose distal oder proximal liegt und ob sie „flottiert“. Unter wirksamer Antikoagulation steigt das Embolierisiko durch Gehen nicht. Gehen aktiviert die Wadenmuskelpumpe und lindert die Stauung.
  • Kompression: Bei Stauungsbeschwerden (Schmerz, Schwellung, Schweregefühl) beginnst du früh, möglichst innerhalb von 24 Stunden, eine Kompressionstherapie – anfangs mit Verbänden, nach Abschwellung mit einem angepassten Kompressionsstrumpf (Unterschenkelschwellung: Wadenstrumpf; Oberschenkelschwellung: Schenkelstrumpf). Hauptziel ist die Linderung der Beschwerden; ob sie das postthrombotische Syndrom verhindert, ist umstritten (C09-U09). Kompression wirkt nur, wenn der Patient geht. Gegenanzeigen: fortgeschrittene pAVK, dekompensierte Herzinsuffizienz, septische Phlebitis, Phlegmasia coerulea dolens.
  • pAVK-Grenze: Als fortgeschritten gilt hier z. B. ein ABI < 0,5 oder ein Knöchelarteriendruck < 60 mmHg; dann keine Kompression.

Mobilisation und Kompression als Begleitmaßnahmen; die Kompression verzweigt in die Prüfung der Gegenanzeigen (pAVK mit ABI unter 0,5 oder Knöchelarteriendruck unter 60 mmHg, dekompensierte Herzinsuffizienz, septische Phlebitis, Phlegmasia coerulea dolens) sowie in Waden- oder Schenkelstrumpf; unten Ziel und umstrittener PTS-Schutz

Abbildung: Vor dem ersten Verband prüfst du die Gegenanzeigen; die Strumpflänge richtet sich danach nach der Schwellung. Quelle: eigene Darstellung; pAVK-Grenzwerte nach S2k-Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie (AWMF 037/005).

Distale TVT

Eine isolierte distale TVT betrifft nur die Unterschenkelvenen (Venae tibiales, fibulares oder Muskelvenen) unterhalb der Kniekehle. Sie embolisiert seltener, kann aber nach proximal wachsen. Bei Beschwerden wird sie antikoaguliert, in der Regel über 3 Monate; für isolierte Muskelvenenthrombosen werden kürzere Zeiträume diskutiert. Hat der Patient nur geringe Beschwerden und keinen Risikofaktor für eine Ausbreitung (z. B. Krebs, frühere VTE, ausgedehnter Befund, anhaltende Immobilität), ist alternativ eine sonografische Kontrolle nach 1–2 Wochen möglich – wächst der Thrombus, wird antikoaguliert.

Als ausgedehnt gilt z. B. ein Thrombus über 5 cm Länge, über 7 mm Durchmesser, in mehreren Venen oder nahe an den proximalen Venen.

Isolierte distale TVT: erst der Sonografiebefund (Länge über 5 cm, Durchmesser über 7 mm, mehrere Venen, Nähe zu den proximalen Venen), dann Beschwerden und Risikofaktoren; bei Beschwerden oder Risiko Antikoagulation für 3 Monate, sonst Sonografie nach 1–2 Wochen mit Antikoagulation bei Wachstum und ohne Antikoagulation bei unverändertem Befund

Abbildung: Die Kontrolloption setzt geringe Beschwerden und fehlende Ausbreitungsrisiken voraus. Quelle: eigene Darstellung; Ausdehnungskriterien nach ACCP/CHEST-Leitlinie (Kearon et al. 2012, bestätigt 2016).

Oberflächliche Venenthrombose (OVT)

Die Diagnostik kennst du aus C09-U04. Die Therapie richtet sich nach Länge und Abstand zur Mündung ins tiefe System:

BefundTherapie
kurz (< 5 cm), mündungsfernKompression, Mobilisation, lokal kühlen, NSAR-Gel oder kurz NSAR; klinische Kontrolle
≥ 5 cm lang, ≥ 3 cm von der Mündung entfernt, keine TVTFondaparinux 2,5 mg s.c. 1×/d für 30 bis 45 Tage (CrCl 20–50 ml/min: 1,5 mg; < 20: KI)
< 3 cm von der Mündung (Crosse) oder Übergang ins tiefe Systemwie TVT: therapeutische Antikoagulation

Das Fondaparinux-Schema der OVT ist eine prophylaktische Dosis und nicht mit der Therapiedosis bei TVT (7,5 mg) zu verwechseln.

Nach der Kompressionssonografie drei Wege: unter 5 cm und mündungsfern symptomatische Behandlung; ab 5 cm Länge und mindestens 3 cm Abstand zur Mündung Fondaparinux 2,5 mg einmal täglich für 30–45 Tage; unter 3 cm Abstand oder Übergang ins tiefe System therapeutische Antikoagulation wie bei TVT

Abbildung: Länge und Abstand zur Mündung entscheiden; die OVT-Dosis von Fondaparinux ist eine Prophylaxedosis. Quelle: eigene Darstellung.

Heparininduzierte Thrombozytopenie (HIT) erkennen

Zwei Formen

  • HIT Typ I: nicht immunologisch, in den ersten Tagen unter Heparin, Thrombozytenabfall meist höchstens um 30 %, ohne Thrombosen. Heparin kann weitergegeben werden; die Werte normalisieren sich.
  • HIT Typ II: immunologisch. Antikörper binden an Komplexe aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin und aktivieren die Thrombozyten. Folge: Die Thrombozyten fallen, gleichzeitig entstehen venöse und arterielle Thrombosen. Typ II tritt unter UFH bei bis zu etwa 3 % auf, unter NMH etwa 30-mal seltener.

Mechanismus in vier Schritten: Heparin bindet Plättchenfaktor 4, IgG-Antikörper meist ab Tag 5–10, Aktivierung der Thrombozyten über Fc-Rezeptoren mit Thrombinbildung, daraus gleichzeitig Thrombosen und Thrombozytopenie; darunter die Häufigkeit unter UFH und NMH

Abbildung: Dieselbe Antikörperreaktion senkt die Thrombozyten und erzeugt zugleich Thrombosen. Quelle: eigene Darstellung.

Die Tabelle stellt Zeitpunkt, Thromboserisiko und Konsequenz der beiden HIT-Formen gegenüber.

FormTypischer VerlaufKonsequenz
HIT Ierste Tage; Abfall meist höchstens 30 %; keine ThrombosenHeparin kann weitergegeben werden
HIT IImeist Tag 5–10; Abfall > 50 %; venöse und arterielle Thrombosenbei mittlerer/hoher Wahrscheinlichkeit Heparin stoppen und heparinfrei antikoagulieren

Liniendiagramm der Thrombozyten in Prozent des Ausgangswerts über 14 Tage: HIT I fällt in den ersten Tagen um höchstens 30 % und erholt sich trotz Heparin; HIT II fällt ab Tag 5 um mehr als 50 % mit neuer Thrombose; nach Heparingabe in den letzten 30 Tagen fällt sie schon innerhalb von 24 Stunden

Abbildung: Zeitpunkt und Tiefe des Abfalls unterscheiden HIT I und HIT II; die Kurvenverläufe sind schematisch. Quelle: eigene Darstellung.

Typisches Bild der HIT II

  • Beginn meist 5–10 Tage nach Heparinstart; bei Heparingabe in den letzten Wochen auch innerhalb von 24 Stunden.
  • Thrombozytenabfall um mehr als 50 % des Ausgangswertes, die Werte bleiben aber meist über 20/nl.
  • Neue Thrombose unter Heparin, Hautnekrose an der Einstichstelle oder akute Reaktion nach Heparinbolus.

Foto eines Oberschenkels: um eine Heparin-Einstichstelle eine unscharf begrenzte, fleckige Rötung mit kleinen roten Pünktchen am Rand und einem zentralen blauschwarzen Nekroseherd

Abbildung: Hautnekrose an einer Enoxaparin-Einstichstelle bei serologisch und funktionell gesicherter HIT II – gerötete, schmerzhafte Läsion mit zentraler Nekrose. Eine solche Läsion kann auch ohne deutlichen Thrombozytenabfall auftreten und zählt im 4T-Score als Thrombose-Kriterium (2 Punkte). Quelle: Godet T, Perbet S, Lebreton A et al. Low Molecular Weight Heparin Induced Skin Necrosis without Platelet Fall Revealing Immunoallergic Heparin Induced Thrombocytopenia. Case Rep Hematol. 2013;2013:849168, Abb. 1 (doi:10.1155/2013/849168), Lizenz CC BY 3.0; zugeschnitten.

Die 4T – klinische Wahrscheinlichkeit

Der 4T-Score bewertet vier Merkmale mit je 0–2 Punkten:

Merkmal2 Punkte1 Punkt
ThrombozytopenieAbfall > 50 % und Tiefstwert ≥ 20/nlAbfall 30–50 % oder Tiefstwert 10–19/nl
TimingTag 5–10, oder ≤ 1 Tag bei Heparin in den letzten 30 Tagennach Tag 10, unklar, oder ≤ 1 Tag bei Heparin vor 30–100 Tagen
Thromboseneue Thrombose, Hautnekrose, Reaktion nach Bolusfortschreitende/erneute Thrombose, Verdacht, gerötete Hautläsion
andere Ursachekeine erkennbarmöglich

0 Punkte gibt es für einen Abfall unter 30 %, einen Abfall vor Tag 4 ohne frühere Heparingabe, keine Thrombose und eine sichere andere Ursache (z. B. Sepsis mit Verbrauch, Chemotherapie, Pseudothrombozytopenie im EDTA-Blut). Auswertung: 0–3 niedrig, 4–5 mittel, 6–8 hoch. Ein niedriger Score schließt eine HIT praktisch aus.

Vorgehen bei mittlerer oder hoher Wahrscheinlichkeit

  1. Heparin sofort stoppen – jedes Heparin, auch NMH, Heparin-Spülungen und heparinbeschichtete Katheter.
  2. Sofort ein Nicht-Heparin-Antikoagulans in therapeutischer Dosis beginnen, z. B. Argatroban i.v. (Elimination über die Leber, daher auch bei Niereninsuffizienz), alternativ Danaparoid oder Fondaparinux (beide renal eliminiert); DOAK sind eine Option bei stabilen Patienten. Nur Stoppen reicht nicht – das Thromboserisiko bleibt hoch.
  3. Labor: PF4/Heparin-Antikörper-Test (Immunoassay); bei positivem Ergebnis bestätigt ein funktioneller Test (z. B. HIPA). Ein negativer Immunoassay macht eine HIT sehr unwahrscheinlich.
  4. Keine Thrombozytenkonzentrate ohne Blutung – sie können neue Thrombosen auslösen.
  5. Kein neuer VKA vor Erholung der Thrombozyten; läuft bereits ein VKA, wird er gestoppt und Vitamin K gegeben (Gefahr venöser Gangrän durch Protein-C-Abfall).
  6. Sonografie der Beinvenen auf stumme Thrombosen; Dokumentation als Heparin-Unverträglichkeit im Antikoagulanzien- bzw. Allergieausweis.

Zahlen für die Umsetzung: Argatroban beginnt bei lebergesunden Erwachsenen mit 2 µg/kg/min als Dauerinfusion (Ziel-aPTT das 1,5- bis 3-Fache des Ausgangswerts, höchstens 100 s; erste Kontrolle nach 2 h). Einen VKA beginnst du erst ab Thrombozyten ≥ 150/nl und überlappend mit dem heparinfreien Antikoagulans für mindestens 5 Tage.

Handlungsweg bei HIT-Verdacht: 4T-Score mit drei Ergebnissen; bei mittlerer oder hoher Wahrscheinlichkeit jedes Heparin stoppen, dann heparinfreie Antikoagulation (Argatroban 2 µg/kg/min, Danaparoid oder Fondaparinux, DOAK), Labor und Sonografie, zu vermeidende Maßnahmen mit VKA-Beginn erst ab 150/nl Thrombozyten und zuletzt die Dokumentation

Abbildung: Ab einem 4T-Score von 4 Punkten gilt der ganze Weg – Heparin nur zu stoppen reicht nicht. Quelle: eigene Darstellung; Argatroban-Dosis nach Fachinformation Argatra, VKA-Beginn nach ACCP-Leitlinie HIT 2012.

Der gefährlichste Fehler: Eine neue Thrombose unter Heparin als „zu wenig Heparin“ zu deuten und die Dosis zu erhöhen. Bei HIT II füttert jede weitere Heparingabe den Prozess.

Wer muss überwacht werden? Unter UFH bestimmst du vor Beginn einen Ausgangswert und kontrollierst die Thrombozyten regelmäßig, besonders zwischen Tag 5 und 14. Unter NMH ist das Risiko kleiner; die Fachinformation empfiehlt dennoch Kontrollen vor und während der Behandlung. Unter DOAK und Fondaparinux entsteht keine HIT im klassischen Sinn.

Multiple Choice

TVT in der Schwangerschaft

Aufgabe

Frau A., 31 Jahre, 24. Schwangerschaftswoche, 70 kg (Gewicht zu Beginn der Schwangerschaft 62 kg), hat eine sonografisch gesicherte TVT der linken V. femoralis. Sie ist kreislaufstabil, die Nierenfunktion ist normal, Thrombozyten 230/nl. Welche Antikoagulation wählst du?

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin31 Jahre; 24. Schwangerschaftswoche
Gewichtjetzt 70 kg; zu Schwangerschaftsbeginn 62 kg
SonografieTVT der linken V. femoralis
Kreislauf / Nierestabil; Nierenfunktion normal
Thrombozyten230/nl
  1. a)Rivaroxaban 15 mg 2×/d für 21 Tage, danach 20 mg 1×/d
  2. b)Phenprocoumon mit überlappendem Heparin bis INR 2,0–3,0
  3. c)Enoxaparin gewichtsadaptiert s.c. zweimal täglich
Lösung in der App →

Multiple Choice

Clearance berechnen und DOAK wählen

Aufgabe

Frau K., 84 Jahre, 58 kg, hat eine proximale TVT rechts. Serumkreatinin 1,4 mg/dl; im Laborbefund steht eine eGFR (CKD-EPI) von 37 ml/min/1,73 m². Sie nimmt keine interagierenden Medikamente. Berechne die Kreatinin-Clearance nach Cockcroft-Gault und wähle die zutreffende Aussage.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin84 Jahre; 58 kg
Befundproximale TVT rechts
Serumkreatinin1,4 mg/dl
eGFR im Labor37 ml/min/1,73 m² (CKD-EPI)
Begleitmedikationkeine interagierenden Medikamente
  1. a)CrCl etwa 27 ml/min: Dabigatran ist kontraindiziert; Apixaban ist mit Vorsicht ohne Dosisänderung möglich.
  2. b)CrCl etwa 32 ml/min: Dabigatran 150 mg 2×/d ist nach parenteraler Vorbehandlung möglich.
  3. c)CrCl etwa 37 ml/min: Die eGFR kann direkt verwendet werden; Dabigatran 110 mg 2×/d ist möglich.
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Multiple Choice

DOAK oder nicht?

Aufgabe

Herr M., 45 Jahre, hat seine zweite proximale TVT innerhalb von zwei Jahren. Bei der Abklärung nach der ersten Thrombose wurde ein Antiphospholipid-Syndrom mit Lupus-Antikoagulans, Antikardiolipin- und Anti-β2-Glykoprotein-I-Antikörpern gesichert; die Befunde wurden nach 12 Wochen bestätigt. Er ist kreislaufstabil, CrCl 98 ml/min. Welche Langzeit-Antikoagulation ist angemessen?

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient45 Jahre; zweite proximale TVT in 2 Jahren
AntikörperLupus-Antikoagulans; Antikardiolipin; Anti-β2-Glykoprotein I
BestätigungBefunde nach 12 Wochen bestätigt
Kreislauf / Nierestabil; CrCl 98 ml/min
  1. a)Apixaban nach Standardschema, weil es weniger Blutungen verursacht als ein VKA
  2. b)Phenprocoumon mit initial überlappendem NMH, Ziel-INR 2,0–3,0
  3. c)Rivaroxaban in reduzierter Dosis von 10 mg 1×/d
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Freie Antwort

Krebs und Thrombose

Aufgabe

Herr F., 67 Jahre, 76 kg, hat ein lokal fortgeschrittenes, nicht resezierbares Pankreaskarzinom; die Bildgebung zeigt eine Tumorinfiltration der Duodenalwand. Vor drei Wochen hatte er eine Episode mit Teerstuhl; in der Gastroskopie fand sich eine oberflächliche Tumorblutung, die endoskopisch versorgt wurde. Hb jetzt stabil 10,9 g/dl, Thrombozyten 180/nl, CrCl 70 ml/min. Er erhält eine Chemotherapie ohne relevante CYP3A4- oder P-gp-Wechselwirkungen. Jetzt wird eine proximale TVT rechts gesichert; er ist kreislaufstabil.

Begründe in drei bis vier Sätzen deine Wirkstoffwahl und nenne Dosis, Kontrollen und die Mindestdauer der Behandlung.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient67 Jahre; 76 kg; kreislaufstabil
Tumornicht resezierbares Pankreaskarzinom; Duodenalinfiltration
Blutung zuvorvor 3 Wochen Teerstuhl; endoskopisch versorgte Tumorblutung
BlutbildHb stabil 10,9 g/dl; Thrombozyten 180/nl
Niere / TherapieCrCl 70 ml/min; Chemotherapie ohne relevante CYP3A4-/P-gp-Interaktion
Aktueller Befundproximale TVT rechts
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Multiple Choice

Thrombozytenabfall unter Heparin

Aufgabe

Herr S., 72 Jahre, 80 kg, terminale Niereninsuffizienz (CrCl 12 ml/min, noch keine Dialyse), erhält wegen einer TVT seit 7 Tagen UFH über einen Perfusor, aPTT im Zielbereich. Thrombozyten bei Aufnahme 220/nl, heute 90/nl. Seit heute ist sein linker Arm geschwollen; die Sonografie zeigt eine neue Thrombose der V. subclavia. Er hatte früher nie Heparin erhalten, keine Sepsis, keine neuen Medikamente. Was ist der nächste Schritt?

Ultraschall-Längsschnitt unterhalb des Schlüsselbeins: eine längs angeschnittene Vene, deren Lumen mit grauem, echoreichem Material ausgefüllt ist

Abbildung: Ultraschall der V. subclavia im Längsschnitt bei einer anderen Person. Quelle: VadlamudiChandrashekar M, Parikh J, Sheheryar H, Sharief M, Cureus 2026;18(9):e115886, Abb. 3, CC BY 4.0, (Bildfeld ausgeschnitten, Geräteangaben und Beschriftungen entfernt)

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient72 Jahre; 80 kg; CrCl 12 ml/min, keine Dialyse
HeparinUFH seit 7 Tagen; aPTT im Zielbereich
ThrombozytenAufnahme 220/nl; heute 90/nl
Neuer Befundlinker Arm geschwollen; Thrombose der V. subclavia
Weitere Angabenfrüher kein Heparin; keine Sepsis; keine neuen Medikamente
  1. a)UFH einschließlich aller Spülungen sofort stoppen, Argatroban i.v. beginnen und PF4/Heparin-Antikörper bestimmen
  2. b)UFH-Dosis erhöhen, weil die neue Thrombose eine unzureichende Antikoagulation zeigt
  3. c)UFH stoppen, Thrombozyten transfundieren und mit Phenprocoumon beginnen
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Freie Antwort

Patientenerklärung zum DOAK

Aufgabe

Frau L., 56 Jahre, wird mit Apixaban nach Hause entlassen (proximale TVT, CrCl 90 ml/min). Sie fragt: „Ich nehme bei Rückenschmerzen öfter Ibuprofen – darf ich das weiter?“

Erkläre Frau L. in einfachen Worten, wie sie Apixaban einnimmt, worauf sie achten muss und wann sie sich melden soll. Gehe auf ihre Frage ein und prüfe am Ende, was sie verstanden hat.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin56 Jahre; Entlassung nach Hause
Anlassproximale TVT; CrCl 90 ml/min
MedikamentApixaban
RückfrageIbuprofen bei Rückenschmerzen weiter einnehmen?
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Lungenembolie erkennen

Lernziel: Du kannst einen LE-Verdacht mit Wahrscheinlichkeit und Bildgebung klären.

Wo stehen wir? Du verstehst, wie eine Thrombose entsteht (C09-U01), und kannst einen TVT-Verdacht mit Wells-Score, D-Dimer und Sonografie klären (C09-U04). Jetzt folgt die gefährlichste Folge der TVT: Du lernst, was eine Lungenembolie (LE) mit dem rechten Herzen macht, wie du ihre Wahrscheinlichkeit einschätzt und welche Untersuchung du wann wählst. Wie bedrohlich eine gesicherte LE ist und wann eine Reperfusion nötig wird, lernst du in C09-U07.

Was die Embolie mit dem rechten Herzen macht

Kurz zur Erinnerung: der Lungenkreislauf

Der rechte Ventrikel (RV) pumpt das gesamte Herzzeitvolumen durch die Lunge. Der Lungenkreislauf ist ein Niederdrucksystem: Der mittlere Druck in der Pulmonalarterie liegt normal bei etwa 10–20 mmHg, der Gefäßwiderstand ist sehr niedrig. Deshalb ist die Wand des RV dünn. Er kann gut zusätzliches Volumen aufnehmen, verträgt aber einen plötzlichen Druckanstieg schlecht. Ein bisher gesunder RV kann akut kaum einen pulmonalarteriellen Mitteldruck über etwa 40 mmHg aufbauen.

Was eine Lungenembolie ist

Bei einer Lungenembolie wird ein Thrombus mit dem venösen Blut über das rechte Herz in die Lungenarterien geschwemmt und verlegt sie. In über 90 % stammt er aus den Bein- oder Beckenvenen. Je mehr Strombahn verlegt ist und je schwächer der RV vorher war, desto gefährlicher ist die Embolie. Der pulmonalarterielle Druck steigt erst deutlich, wenn etwa 30–50 % der Lungenstrombahn verlegt sind.

Die Kaskade im rechten Herzen

  1. Obstruktion: Der Embolus verlegt Lungenarterien. Zusätzlich setzen Thrombozyten Mediatoren wie Thromboxan und Serotonin frei; sie verengen auch nicht verlegte Gefäße.
  2. Nachlast ↑: Der Lungengefäßwiderstand steigt. Für den RV bedeutet das eine plötzlich erhöhte Nachlast.
  3. RV-Dilatation: Der RV dehnt sich. Die Trikuspidalklappe schließt nicht mehr dicht, die Wandspannung steigt.
  4. Septumshift: Der hohe Druck im RV drückt das Kammerseptum nach links. Der linke Ventrikel (LV) wird von zwei Seiten eingeengt: Er erhält weniger Blut aus der Lunge und kann sich schlechter füllen.
  5. Hypotonie: Schlagvolumen und Herzzeitvolumen (HZV) sinken, der Blutdruck fällt – im Extremfall bis zum obstruktiven Schock.
  6. RV-Ischämie: Der dilatierte RV braucht mehr Sauerstoff, bekommt aber weniger: Der Aortendruck sinkt und der hohe Wanddruck behindert die Durchblutung des RV-Myokards. Der RV pumpt noch schwächer – ein Teufelskreis beginnt.

Oben zwei Kästen zum Normalzustand (pulmonalarterieller Mitteldruck 10–20 mmHg, dünnwandiger RV) und zur Grenze des gesunden RV (akut höchstens etwa 40 mmHg); darunter der Embolus aus Bein- oder Beckenvenen und sechs nummerierte Schritte: Obstruktion, Nachlast des RV steigt, RV-Dilatation, Septumshift nach links, Schlagvolumen und HZV fallen, RV-Ischämie; ein gestrichelter roter Pfeil führt von der RV-Ischämie zurück zur RV-Dilatation (Teufelskreis); unten zwei Ergebnisse: kleine LE bei gesundem RV kompensiert, große LE oder Vorschaden führt zum obstruktiven Schock

Verfolge den Pfeil von oben nach unten und achte auf den gestrichelten Rückweg: Er erklärt, warum sich eine große LE innerhalb kurzer Zeit verschlechtern kann.

Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach ESC-Leitlinie Akute Lungenembolie 2019 (Konstantinides et al., Eur Heart J 2020;41:543–603), Herold Innere Medizin 2024, S. 841, und Duale Reihe Innere Medizin, 4. Aufl. 2018, S. 422–423.

Gestörter Gasaustausch

Verlegte Lungenabschnitte werden weiter belüftet, aber nicht mehr durchblutet (Totraum). Das Blut weicht in die offenen Gefäße aus; diese Abschnitte sind dann im Verhältnis zur Belüftung überdurchblutet, das Blut verlässt sie nicht voll oxygeniert. Dieses Ventilations-Perfusions-Missverhältnis führt zur Hypoxämie. Hypoxämie, Schmerz und Reizung von Rezeptoren in der Lunge steigern die Atmung: Der pCO₂ sinkt. Bei offenem Foramen ovale kann der hohe Druck im rechten Vorhof zusätzlich einen Rechts-links-Shunt öffnen.

Lungeninfarkt

Die Lunge hat zwei Blutzuflüsse: Pulmonal- und Bronchialarterien. Darum entsteht nur bei etwa jeder zehnten LE ein Lungeninfarkt – meist bei kleinen, peripheren Embolien, oft bei vorbestehender Linksherzinsuffizienz. Typisch sind dann atemabhängige (pleuritische) Schmerzen und Hämoptysen.

Vom Embolus gehen zwei Wege aus. Links vier nummerierte Kästen zum Gasaustausch: Totraum, Umverteilung mit V/Q-Missverhältnis, Hypoxämie mit möglichem Shunt über ein offenes Foramen ovale, gesteigerte Atmung mit Hypokapnie unter 35 mmHg. Rechts drei Kästen zum Lungeninfarkt: zwei Blutzuflüsse (nur etwa 1 von 10 LE), Infarkt eher bei kleinen peripheren Embolien und Linksherzinsuffizienz, Klinik mit pleuritischem Schmerz und Hämoptysen. Unten drei Ergebnisse: BGA mit niedrigem pO₂ und pCO₂, normale SpO₂ bei bis zu 40 %, normale BGA schließt LE nicht aus

Abbildung: Der Totraum erklärt die Hypoxämie, die doppelte Blutversorgung erklärt, warum ein Lungeninfarkt selten ist. Quelle: eigene Darstellung.

Symptome und gefährliche Alternativen

Woran du denkst

Die LE hat kein beweisendes Symptom. Häufig sind:

  • Dyspnoe und Tachypnoe – oft plötzlich; das häufigste Symptom
  • Thoraxschmerz – bei peripheren Embolien atemabhängig (pleuritisch), bei zentraler LE eher dumpf durch die Ischämie des RV
  • Tachykardie
  • Synkope oder Schock – Warnzeichen einer großen Embolie
  • Husten, Hämoptysen – meist bei Lungeninfarkt

Wichtig: Nur etwa ein Viertel der Patienten hat vor der LE Beschwerden einer TVT. Fehlende Beinbeschwerden sprechen also nicht gegen eine LE. Kleine Embolien mit flüchtigen Beschwerden – kurzer Schwindel, kurze Synkope, unklare Tachykardie – sind oft Vorboten größerer Embolien.

Gefährliche Alternativen erkennen

Plötzliche Dyspnoe, Thoraxschmerz oder Hypotonie haben weitere lebensbedrohliche Ursachen. Manche erfordern eine völlig andere Behandlung; eine Antikoagulation kann bei ihnen sogar schaden. Bevor du eine LE-Diagnostik startest, prüfe deshalb immer: Gibt es Zeichen, die besser zu einer dieser Alternativen passen? Die ausführliche Diagnostik und Behandlung dieser Krankheiten lernst du in den jeweiligen Kapiteln; hier geht es nur ums Erkennen und den nächsten Schritt.

LeitbefundDenk auch anNächster Schritt
Druck hinter dem Brustbein, Ausstrahlung in Arm oder Kiefer, ST-Hebungakutes Koronarsyndrom12-Kanal-EKG in 10 min, ACS-Pfad
reißender Schmerz zum Rücken, Pulsdifferenz oder RR-DifferenzAortendissektionCT-Angiografie der Aorta, keine Antikoagulation vor Ausschluss
einseitig fehlendes Atemgeräusch, hypersonorer Klopfschall, HypotonieSpannungspneumothoraxsofortige Entlastung
gestaute Halsvenen, Hypotonie, leise HerztönePerikardtamponadeEcho am Bett
Fieber, eitriger Auswurf, Infiltrat im RöntgenPneumonieRöntgen-Thorax, Labor

Bei plötzlicher Dyspnoe oder Thoraxschmerz werden vor dem LE-Pfad gefährliche Alternativen geprüft. Reißender Schmerz mit Puls- oder Blutdruckdifferenz führt zur Aorten-CT und zunächst keiner Antikoagulation. Retrosternaler Druck mit Ausstrahlung führt zum EKG binnen zehn Minuten und ACS-Pfad. Einseitig fehlendes Atemgeräusch mit Hypotonie führt zur sofortigen Entlastung eines Spannungspneumothorax.

Abbildung: Die Leitbefunde bestimmen den nächsten Schritt, bevor der LE-Pfad verfolgt wird. Quelle: eigene Darstellung.

Zwei Fallen: Gestaute Halsvenen mit Hypotonie passen zur Tamponade und zur großen LE mit Rechtsherzversagen – die Echokardiografie unterscheidet beides (Perikarderguss oder dilatierter RV). Und ein neues Infiltrat beim Patienten im Krankenhaus kann eine Pneumonie, aber auch ein Lungeninfarkt sein.

Bei Hypotonie mit gestauten Halsvenen folgt sofort die Echokardiografie am Bett. Drei Befunde: Perikarderguss mit eingedrücktem rechtem Herzen führt zur Tamponade und sofortigen Entlastung; dilatierter RV mit RV/LV über 1,0, flachem Septum und Trikuspidalinsuffizienz führt zur großen LE und zum Hochrisiko-Weg; fehlt beides, ist die LE als Schockursache unwahrscheinlich. Unten die zweite Falle: ein neues Infiltrat kann Pneumonie oder Lungeninfarkt sein

Abbildung: Das Echo am Bett trennt die beiden Ursachen eines obstruktiven Schocks in Minuten. Quelle: eigene Darstellung.

Lesetext und Ausgearbeitetes Beispiel: Die klinische Wahrscheinlichkeit

Warum zuerst die Wahrscheinlichkeit?

Wie bei der TVT (C09-U04) entscheidet die Vortestwahrscheinlichkeit, welcher Test sinnvoll ist. Ein negatives D-Dimer schließt eine LE nur aus, wenn sie vorher nicht wahrscheinlich war. Bei hoher Wahrscheinlichkeit gehst du direkt zur Bildgebung.

Der Wells-Score für die Lungenembolie (zweistufig)

KriteriumPunkte
klinische Zeichen einer TVT (Schwellung, Schmerz entlang der tiefen Venen)3
andere Diagnose weniger wahrscheinlich als LE3
Herzfrequenz > 100/min1,5
Operation oder Immobilisation (≥ 3 Tage) in den letzten 4 Wochen1,5
frühere TVT oder LE1,5
Hämoptyse1
aktive Krebserkrankung (Therapie aktuell oder in den letzten 6 Monaten, palliativ)1

Deutung: ≤ 4 Punkte = LE unwahrscheinlich → D-Dimer. > 4 Punkte = LE wahrscheinlich → direkt Bildgebung. Manche Lehrbücher nutzen eine dreistufige Version (niedrig, mittel, hoch); die heutigen Diagnosealgorithmen arbeiten mit der zweistufigen.

Das Kriterium „andere Diagnose weniger wahrscheinlich“ ist das wichtigste und das subjektivste: Es bringt allein 3 Punkte. Bewerte es ehrlich, nachdem du die gefährlichen Alternativen aus C09-U06-S02 und die naheliegenden harmlosen Ursachen geprüft hast.

Der revidierte Genfer Score ist eine gleichwertige Alternative. Er verwendet fast nur objektive Angaben (z. B. Alter > 65 Jahre, Herzfrequenz, einseitiger Beinschmerz) und kein subjektives Kriterium. Nutze in der Klinik den Score, den der lokale Standard vorgibt; hier üben wir mit dem Wells-Score.

PERC-Regel – nur bei sehr niedriger Wahrscheinlichkeit

PERC (Pulmonary Embolism Rule-out Criteria) hilft in der Notaufnahme, unnötige D-Dimer-Tests zu vermeiden. Du darfst sie nur anwenden, wenn du die LE schon klinisch für sehr unwahrscheinlich hältst. Sind alle acht Kriterien erfüllt, brauchst du keine weitere LE-Diagnostik:

  • Alter < 50 Jahre
  • Herzfrequenz < 100/min
  • SpO₂ ≥ 95 %
  • keine Hämoptyse
  • keine Einnahme von Östrogenen (z. B. kombinierte Pille, Hormonersatz)
  • keine frühere TVT oder LE
  • keine einseitige Beinschwellung
  • keine Operation oder Verletzung mit Krankenhausbehandlung in den letzten 4 Wochen

Ist auch nur ein Kriterium nicht erfüllt, gilt PERC nicht – du gehst den normalen Weg mit Score und D-Dimer. „Sehr unwahrscheinlich“ heißt: Du schätzt die Wahrscheinlichkeit auf unter 15 %. In der PROPER-Studie (Freund et al., JAMA 2018) trat nach einem Ausschluss mit PERC innerhalb von 3 Monaten bei 0,1 % der Patienten eine Thromboembolie auf.

Schritt 1: klinische Einschätzung, LE sehr unwahrscheinlich, geschätzt unter 15 %; nur dann PERC, sonst führt ein Pfeil nein direkt zum normalen Weg. Schritt 2: alle acht Kriterien in zwei Spalten gemeinsam prüfen. Sind alle acht erfüllt, ist PERC negativ und keine weitere LE-Diagnostik nötig (PROPER: VTE in 3 Monaten 0,1 %); ist mindestens eines nicht erfüllt, folgt der normale Weg mit Wells oder Genf und D-Dimer oder Bildgebung. Unten ein Fallbeispiel: 34 Jahre, kombinierte Pille, das Kriterium keine Östrogene ist verletzt, PERC gilt deshalb nicht

Abbildung: PERC beginnt mit der klinischen Einschätzung; erst danach zählen die acht Kriterien – und zwar alle. Quelle: eigene Darstellung.

Ausgearbeitetes Beispiel

Herr B., 52 Jahre, kommt mit seit heute Morgen bestehender Luftnot und stechenden Schmerzen rechts beim Einatmen in die Notaufnahme. Herzfrequenz 104/min, RR 132/84 mmHg, SpO₂ 94 %, Temperatur 36,9 °C. Beine unauffällig. Keine Operation, keine frühere Thrombose, keine Krebserkrankung, kein Bluthusten. Röntgen-Thorax ohne Infiltrat oder Pneumothorax, EKG ohne Ischämiezeichen.

KriteriumBefundPunkte
TVT-Zeichennein0
andere Diagnose weniger wahrscheinlichja: kein Infekt, kein Pneumothorax, keine Ischämie3
Herzfrequenz > 100/min104/min1,5
übrige Kriteriennicht erfüllt0
Summe4,5

Ergebnis: 4,5 Punkte → LE wahrscheinlich. Ein D-Dimer würde die Entscheidung nicht ändern; Herr B. bekommt eine Bildgebung, und weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, beginnst du die Antikoagulation schon vorher (falls keine Kontraindikation besteht).

Achte auf den Rechenweg: Hättest du die Pleuritis ohne Prüfung als „andere Diagnose“ gewertet, kämst du auf 1,5 Punkte und hättest nur ein D-Dimer bestimmt. PERC kommt hier nicht infrage: Herr B. ist 52 Jahre alt, hat eine Herzfrequenz über 100/min und eine SpO₂ unter 95 % – drei Kriterien sind verletzt, und PERC gilt ohnehin nur bei sehr niedriger Wahrscheinlichkeit.

Oben drei Kästen mit den Wells-Kriterien nach Punkten: 3 Punkte für TVT-Zeichen und andere Diagnose weniger wahrscheinlich, 1,5 Punkte für Herzfrequenz über 100/min, Operation oder Immobilisation und frühere TVT oder LE, 1 Punkt für Hämoptyse und aktive Krebserkrankung. Die Summe reicht von 0 bis 12,5 Punkte. Bei höchstens 4 Punkten LE unwahrscheinlich mit D-Dimer, bei über 4 Punkten LE wahrscheinlich mit Antikoagulation und direkter CTPA. Unten der Rechenweg von Herrn B. mit 4,5 Punkten

Abbildung: Die Schwelle liegt zwischen 4 und 4,5 Punkten; das subjektive Kriterium mit 3 Punkten entscheidet oft den Weg. Quelle: eigene Darstellung.

D-Dimer beim Verdacht auf Lungenembolie

Was du schon weißt (C09-U04-S03)

D-Dimere entstehen, wenn Fibrin abgebaut wird. Der Test ist sehr empfindlich (sensitiv), aber unspezifisch: Operation, Trauma, Krebs, Entzündung, Schwangerschaft, Aortendissektion und höheres Alter erhöhen ihn ebenfalls. Ein negatives D-Dimer schließt eine LE deshalb nur bei nicht hoher Wahrscheinlichkeit aus; bei „LE wahrscheinlich“ bestimmst du kein D-Dimer, sondern gehst direkt zur Bildgebung. Vergleiche jeden Wert mit dem Grenzwert deines Labors in derselben Einheit (500 µg/l FEU = 500 ng/ml FEU = 0,5 mg/l FEU).

Neu 1: der altersadaptierte Grenzwert

Das D-Dimer steigt mit dem Alter. Mit dem festen Grenzwert von 500 µg/l FEU wären bei älteren Menschen fast alle Tests positiv – und fast alle bekämen eine CT. Darum empfiehlt die ESC-Leitlinie für Patienten über 50 Jahre:

altersadaptierter Grenzwert = Alter × 10 µg/l FEU

Beispiel: 72 Jahre → 72 × 10 = 720 µg/l FEU. Ein D-Dimer von 610 µg/l FEU ist dann negativ, obwohl es über 500 liegt. Der altersadaptierte Grenzwert gilt nur bei „LE unwahrscheinlich“ – an der Regel „hohe Wahrscheinlichkeit → kein D-Dimer“ ändert er nichts. In der ADJUST-PE-Studie (Righini et al., JAMA 2014) ließ sich die LE bei über 75-Jährigen mit nicht hoher Wahrscheinlichkeit so bei etwa 30 % statt 6 % ohne Bildgebung ausschließen.

Schritt 1: Grenzwert gleich Alter mal 10 µg/l FEU, nur über 50 Jahre und nur bei LE unwahrscheinlich. Schritt 2: waagerechte Balken für 50, 60, 72, 78 und 85 Jahre mit den Grenzwerten 500, 600, 720, 780 und 850; eine gestrichelte Linie markiert den festen Grenzwert 500. Grüne Punkte zeigen 610 bei 72 Jahren und 650 bei Frau W. mit 78 Jahren, beide unter dem eigenen Grenzwert und damit negativ. Darunter LE ausgeschlossen oder CTPA und die ADJUST-PE-Ergebnisse bei Patienten ab 75 Jahren

Abbildung: Jeder Patient über 50 hat seinen eigenen Grenzwert; Werte zwischen 500 und Alter × 10 sind negativ. Quelle: eigene Darstellung.

Neu 2: das YEARS-Prinzip

YEARS ersetzt den Wells-Score durch drei einfache Fragen und passt den D-Dimer-Grenzwert an die Antwort an:

  1. Gibt es klinische Zeichen einer TVT?
  2. Gibt es Hämoptysen?
  3. Ist LE die wahrscheinlichste Diagnose?

Bei allen stabilen Patienten wird das D-Dimer bestimmt:

YEARS-KriterienGrenzwert D-DimerUnterhalb des Grenzwerts
keines erfüllt1000 µg/lkeine CTPA, LE ausgeschlossen
mindestens eines erfüllt500 µg/lkeine CTPA, LE ausgeschlossen

(1000 µg/l = 1000 ng/ml = 1,0 mg/l; prüfe wie immer, in welcher Einheit dein Labor berichtet.) Liegt das D-Dimer darüber, folgt die CTPA. Verwende einen Algorithmus konsequent – entweder Wells mit festem bzw. altersadaptiertem Grenzwert oder YEARS, je nach lokalem Standard. Die Grenzwerte beliebig zu mischen, ist nicht geprüft.

Drei YEARS-Fragen führen zu 1000 µg/l bei keinem Kriterium oder 500 µg/l bei mindestens einem Kriterium; beide Grenzwerte werden mit dem D-Dimer verglichen, darunter ist keine CTPA nötig, darüber folgt die CTPA; unten steht die getrennte Anwendung von YEARS und Wells.

Abbildung: Vergleiche den D-Dimer-Wert mit dem zur Kriterienzahl passenden Grenzwert. Quelle: eigene Darstellung.

Neu 3: Schwangerschaft

In der Schwangerschaft steigt das D-Dimer kontinuierlich an; im letzten Drittel liegt etwa jede vierte Schwangere schon ohne Thrombose über dem üblichen Grenzwert. Ein negatives D-Dimer ist deshalb seltener, aber weiterhin brauchbar. In Studien hat sich ein an die Schwangerschaft angepasster YEARS-Algorithmus als sicher erwiesen: Bei TVT-Zeichen wird zuerst das Bein sonografiert; sonst entscheiden YEARS-Kriterien und D-Dimer über die Bildgebung. Die Grenzwerte sind dieselben wie bei YEARS (1000 µg/l ohne, 500 µg/l mit mindestens einem Kriterium); in der Artemis-Studie (van der Pol et al., NEJM 2019) ließ sich so bei 39 % der Schwangeren eine CTPA vermeiden – im ersten Drittel bei 65 %, im letzten bei 32 %. Die ESC empfiehlt, D-Dimer und Vorhersageregeln auch bei Schwangeren zu nutzen, um unnötige Strahlung zu vermeiden. Den genauen Ablauf legt der Standard deiner Klinik fest.

Bei einer stabilen Schwangeren mit LE-Verdacht folgt bei TVT-Zeichen zuerst die Bein-Kompressionssonografie; eine TVT führt zur Behandlung mit NMH ohne CTPA. Sonst Schritt 2: YEARS-Fragen und D-Dimer, Grenzwert 1000 µg/l bei 0 Kriterien und 500 µg/l bei mindestens einem Kriterium. Darunter ist die LE ausgeschlossen, darüber folgt eine CTPA mit niedriger Dosis. Unten die Artemis-Ergebnisse: CTPA vermieden gesamt 39 %, im 1. Trimenon 65 %, im 3. Trimenon 32 %

Abbildung: Der angepasste YEARS-Weg in der Schwangerschaft spart vor allem im ersten Drittel viele CT-Untersuchungen. Quelle: eigene Darstellung.

Bildgebung, Kontrastmittel und Strahlenschutz

CT-Pulmonalisangiografie (CTPA) – Methode der ersten Wahl

Bei der CTPA wird jodhaltiges Kontrastmittel gespritzt und der Thorax in der arteriellen Phase gescannt. Ein Embolus erscheint als Füllungsdefekt: eine dunkle Aussparung im hellen, kontrastierten Gefäß.

  • Ein Füllungsdefekt in einer segmentalen oder weiter zentral gelegenen Arterie sichert die LE.
  • Eine unauffällige CTPA schließt eine LE bei „LE unwahrscheinlich“ bzw. niedriger und mittlerer Vortestwahrscheinlichkeit aus. Ob bei hoher Wahrscheinlichkeit und unauffälliger CTPA weitere Tests nötig sind, ist umstritten; das entscheidest du mit der Radiologie.
  • Isolierte kleine subsegmentale Defekte sind schwieriger zu bewerten; hier wird ärztlich abgewogen.
  • Die CTPA zeigt zusätzlich Alternativen (Pneumonie, Pneumothorax, Dissektion bei passendem Protokoll) und die Größe des RV im Verhältnis zum LV – wichtig für die Risikoeinschätzung in C09-U07.

Die CTPA wird nach Ort des Füllungsdefekts und Vortestwahrscheinlichkeit beurteilt. Ein segmentaler oder zentraler Defekt sichert die LE. Eine unauffällige CTPA schließt sie bei niedriger oder mittlerer Wahrscheinlichkeit aus; bei hoher Wahrscheinlichkeit werden weitere Tests mit der Radiologie abgewogen. Isolierte kleine subsegmentale Defekte erfordern eine ärztliche Abwägung.

Abbildung: Eine negative CTPA und ein kleiner isolierter Defekt brauchen den klinischen Kontext; ein segmentaler oder zentraler Defekt sichert die LE. Quelle: eigene Darstellung.

Axiales CT-Schnittbild des Thorax nach Kontrastmittelgabe in Höhe der Pulmonalisbifurkation: Aorta und Pulmonalarterien hell kontrastiert; an der Aufteilung des Pulmonalarterienstamms und in der linken Pulmonalarterie graue Aussparungen im hellen Gefäß, auf die ein schwarzer und ein weißer Pfeil zeigen

Abbildung: CTPA bei einem 58-jährigen Patienten mit Synkope und Hypotonie. Die Pfeile zeigen Füllungsdefekte: Ein Embolus reitet auf der Aufteilung des Pulmonalarterienstamms und reicht in die rechte und linke Pulmonalarterie (reitender Embolus). Wo der Thrombus liegt, bleibt das Gefäß grau statt kontrastmittelhell. Quelle: Au A, Hsu P, McClure M, Cabrera G, Kalivoda EJ. Serial Point-of-care Echocardiography Performed by an Emergency Physician to Guide Thrombolytic Management of Massive Pulmonary Embolism. Cureus 2020;12(4):e7771, Abb. 6 (doi:10.7759/cureus.7771), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten.

Axiales CT-Schnittbild des Thorax nach Kontrastmittelgabe in Höhe der Herzkammern: der rechte Ventrikel vorne deutlich breiter als der linke Ventrikel; Doppelpfeile mit den Beschriftungen RV und LV markieren die beiden Querdurchmesser

Abbildung: Dieselbe CTPA weiter unten, in Höhe der Kammern: Der RV ist breiter als der LV. Ein Durchmesserverhältnis RV/LV ≥ 1,0 zeigt eine Belastung des RV an – diesen Befund brauchst du für die Risikoeinschätzung in C09-U07. Quelle: Au A, Hsu P, McClure M, Cabrera G, Kalivoda EJ. Serial Point-of-care Echocardiography Performed by an Emergency Physician to Guide Thrombolytic Management of Massive Pulmonary Embolism. Cureus 2020;12(4):e7771, Abb. 7 (doi:10.7759/cureus.7771), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten.

Kontrastmittel – was du vorher prüfst

  • Nierenfunktion: Kreatinin/eGFR bestimmen. Bei schwerer Niereninsuffizienz Nutzen und Risiko abwägen; die V/Q-Szintigrafie kommt ohne jodhaltiges Kontrastmittel aus.
  • Schilddrüse: Jod kann bei Hyperthyreose oder Autonomie eine thyreotoxische Krise auslösen. TSH kennen; bei Hyperthyreose Alternative erwägen oder nach lokalem Standard schützen.
  • Allergie: Nach früherer schwerer Reaktion (Anaphylaxie) auf jodhaltiges Kontrastmittel ist die V/Q-Szintigrafie die bessere Wahl.

Als kritisch gilt eine eGFR unter 30 ml/min/1,73 m² (ESUR-Leitlinie). Bei manifester Hyperthyreose ist jodhaltiges Kontrastmittel laut Fachinformation kontraindiziert; bei latenter Hyperthyreose oder Autonomie schützt man üblicherweise mit Natriumperchlorat.

Vor der CTPA mit jodhaltigem Kontrastmittel drei nummerierte Fragen: Niere mit Kreatinin und eGFR, kritisch unter 30 ml/min/1,73 m²; Schilddrüse mit TSH, Hyperthyreose oder Autonomie; Allergie mit früherer Kontrastmittelreaktion. Auffällige Befunde: bei eGFR unter 30 Nutzen und Risiko abwägen und V/Q erwägen; bei manifester Hyperthyreose Kontrastmittel kontraindiziert, bei latenter Hyperthyreose oder Autonomie Perchlorat-Schutz; nach Anaphylaxie V/Q-Szintigrafie. Alle drei auffälligen Wege führen zur V/Q-Szintigrafie für stabile Patienten; sind alle drei unauffällig, folgt die CTPA

Abbildung: Niere, Schilddrüse und frühere schwere Reaktion entscheiden zwischen CTPA und V/Q-Szintigrafie. Quelle: eigene Darstellung.

V/Q-Szintigrafie

Ein radioaktiv markierter Stoff zeigt die Durchblutung (Perfusion, Q), ein inhaliertes Gas oder Aerosol die Belüftung (Ventilation, V). Typisch für die LE ist ein Perfusionsausfall bei erhaltener Belüftung (Mismatch). Eine normale Perfusion schließt eine LE aus. Die Strahlendosis ist niedrig, Kontrastmittel ist nicht nötig. Nachteile: Etwa die Hälfte der planaren Untersuchungen ist nicht eindeutig (mit SPECT-Technik deutlich weniger), sie zeigt keine Alternativdiagnosen und ist nicht überall rund um die Uhr verfügbar. Sie eignet sich nur für stabile Patienten, am besten bei unauffälligem Röntgen-Thorax.

Zwei Szintigrafie-Aufnahmen der Lunge von hinten nebeneinander: links (A) die Ventilation mit gleichmäßiger Aktivität in beiden Lungen, rechts (B) die Perfusion mit mehreren hellen, keil- bis segmentförmigen Aussparungen in beiden Lungen

Abbildung: V/Q-Szintigrafie einer jungen Frau unter oraler Kontrazeption, Ansicht von hinten. A: Ventilation (Xenon-133) gleichmäßig. B: Perfusion (Tc-99m-markiertes Albumin) mit mehreren segmentalen Ausfällen in beiden Lungen. Belüftet, aber nicht durchblutet – das ist der Mismatch der LE. Quelle: Westgate EJ, FitzGerald GA. Pulmonary Embolism in a Woman Taking Oral Contraceptives and Valdecoxib. PLoS Med 2005;2(7):e197 (doi:10.1371/journal.pmed.0020197), via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY 2.5; verkleinert, in Graustufen.

Schritt 1: V/Q-Szintigrafie mit Perfusion über radioaktiv markierte Partikel und Ventilation über Gas oder Aerosol; Etiketten etwa 2 mSv, kein Kontrastmittel, nur stabil, Röntgen-Thorax unauffällig. Drei Befunde: Perfusion normal schließt die LE aus; Mismatch mit Perfusionsausfall bei erhaltener Ventilation sichert die LE; nicht eindeutig (planar etwa jede zweite Untersuchung, mit SPECT deutlich seltener) verlangt weitere Abklärung mit Bein-KUS oder CTPA. Unten die Grenzen

Abbildung: Eine normale Perfusion schließt aus, ein Mismatch sichert – alles dazwischen braucht einen weiteren Test. Quelle: eigene Darstellung.

Bein-Kompressionssonografie (KUS)

Du kennst sie aus C09-U04-S04. Findest du bei LE-Verdacht eine proximale TVT, ist die venöse Thromboembolie gesichert und eine Antikoagulation begründet – oft ohne zusätzliche CT. Eine unauffällige Bein-KUS schließt die LE aber nicht aus, weil der Thrombus vollständig in die Lunge abgewandert sein kann.

Echokardiografie am Bett – beim instabilen Patienten

Ein Patient im Schock kann oft nicht sicher zur CT gebracht werden. Die Echokardiografie zeigt bei hämodynamisch relevanter LE einen dilatierten, schlecht pumpenden RV, ein zum LV hin abgeflachtes Septum (der LV erscheint im Querschnitt D-förmig statt rund) und eine Trikuspidalinsuffizienz. Sind diese Zeichen vorhanden und eine CT nicht sofort möglich, wird der Patient wie bei einer Hochrisiko-LE behandelt. Fehlen sie beim Patienten im Schock, ist die LE als Schockursache unwahrscheinlich. Beim stabilen Patienten schließt eine unauffällige Echokardiografie eine LE dagegen nicht aus. Weitere Zeichen der RV-Dysfunktion sind ein Durchmesserverhältnis RV/LV > 1,0 und eine TAPSE unter 16 mm (C09-U07).

Echokardiografie im apikalen Vierkammerblick: Schallfächer von oben, links im Bild der rechte, rechts der linke Ventrikel; der rechte Ventrikel ist deutlich breiter als der linke; Doppelpfeile mit den Beschriftungen RV und LV markieren die Querdurchmesser

Abbildung: Echokardiografie am Bett beim selben Patienten vor der Lyse, apikaler Vierkammerblick: Der RV ist dilatiert und breiter als der LV (RV/LV > 1,0). Quelle: Au A, Hsu P, McClure M, Cabrera G, Kalivoda EJ. Serial Point-of-care Echocardiography Performed by an Emergency Physician to Guide Thrombolytic Management of Massive Pulmonary Embolism. Cureus 2020;12(4):e7771, Abb. 2 (doi:10.7759/cureus.7771), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten.

Echokardiografie in der parasternalen kurzen Achse: oben links der große rechte Ventrikel, rechts unten der linke Ventrikel; ein Pfeil zeigt auf das abgeflachte Kammerseptum zwischen beiden; Beschriftungen RV und LV

Abbildung: Derselbe Patient in der parasternalen kurzen Achse: Der dilatierte RV drückt das Kammerseptum (Pfeil) flach zum LV hin; der LV ist dadurch nicht mehr rund, sondern D-förmig. Das ist der Septumshift aus der Kaskade in C09-U06-S01. Quelle: Au A, Hsu P, McClure M, Cabrera G, Kalivoda EJ. Serial Point-of-care Echocardiography Performed by an Emergency Physician to Guide Thrombolytic Management of Massive Pulmonary Embolism. Cureus 2020;12(4):e7771, Abb. 3 (doi:10.7759/cureus.7771), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten.

Die Bedeutung des Echos am Bett hängt vom Kreislauf ab. Links Schock oder instabil: Schritt 1 sucht RV-Belastung (RV/LV über 1,0, flaches Septum, Trikuspidalinsuffizienz, TAPSE unter 16 mm); ja führt zur Behandlung wie Hochrisiko-LE mit UFH 80 I.E./kg und Reperfusion, nein macht die LE als Ursache unwahrscheinlich. Rechts stabil: ein unauffälliges Echo schließt die LE nicht aus, weiter mit Wells, D-Dimer und CTPA

Abbildung: Im Schock ist das Echo ein Entscheidungstest, beim stabilen Patienten kein Ausschlusstest. Quelle: eigene Darstellung.

VerfahrenStärkeGrenze
CTPAschnell, sicher, zeigt AlternativenKontrastmittel, Strahlung
V/Q-Szintigrafiewenig Strahlung, kein Kontrastmitteloft nicht eindeutig, nur bei Stabilen
Bein-KUSohne Strahlung, proximale TVT reichtnegativ schließt LE nicht aus
Echo am Bettsofort beim Instabilennegativ schließt LE beim Stabilen nicht aus

Strahlenschutz

Jede Untersuchung mit ionisierender Strahlung braucht in Deutschland eine rechtfertigende Indikation: Eine Ärztin oder ein Arzt mit Fachkunde im Strahlenschutz stellt fest, dass der Nutzen im Einzelfall das Strahlenrisiko überwiegt (Strahlenschutzgesetz, § 83 Abs. 3). Praktisch heißt das: Erst die Vortestwahrscheinlichkeit und – wo sinnvoll – das D-Dimer, dann die CT. Eine CTPA bringt etwa 3–10 mSv effektive Dosis und belastet bei jungen Frauen die Brustdrüse; eine V/Q-Szintigrafie liegt bei etwa 2 mSv. Zum Vergleich: Eine Röntgen-Thorax-Aufnahme bringt etwa 0,02–0,05 mSv, die natürliche Strahlung in Deutschland durchschnittlich 2,1 mSv pro Jahr (BfS).

Schwangerschaft

Eine LE ist eine der häufigsten Ursachen mütterlicher Todesfälle; der Verdacht muss also geklärt werden, nicht aus Angst vor Strahlung vermieden. Die Dosis für das Ungeborene liegt bei CTPA (etwa 0,05–0,5 mGy) und Perfusionsszintigrafie (etwa 0,02–0,2 mGy) weit unter dem Bereich von 50–100 mGy, der mit Schäden in Verbindung gebracht wird. Das Vorgehen:

  1. Bei Beinbeschwerden zuerst Bein-KUS – eine proximale TVT macht weitere Strahlung überflüssig.
  2. D-Dimer und angepasste Vorhersageregeln nutzen.
  3. Röntgen-Thorax: Ist er auffällig, ist die CTPA (mit niedriger Dosis) die erste Wahl; ist er unauffällig, kommen Perfusionsszintigrafie oder Niedrigdosis-CTPA infrage – je nach Verfügbarkeit und Erfahrung vor Ort.
  4. Bei wahrscheinlicher LE schon vor der Bildgebung mit niedermolekularem Heparin antikoagulieren.

Die Tabelle vergleicht die im Text genannten fetalen Dosen der beiden Verfahren.

VerfahrenFetale DosisEinordnung
CTPAetwa 0,05–0,5 mGyweit unter 50–100 mGy
Perfusionsszintigrafieetwa 0,02–0,2 mGyweit unter 50–100 mGy

Oben die rechtfertigende Indikation nach § 83 Strahlenschutzgesetz und die Reihenfolge Vortestwahrscheinlichkeit, D-Dimer, Bildgebung. Darunter ein Balkendiagramm der effektiven Dosis: Röntgen-Thorax 0,02–0,05 mSv, V/Q-Szintigrafie etwa 2 mSv, natürliche Strahlung pro Jahr 2,1 mSv, CTPA 3–10 mSv. Ein zweites Balkendiagramm zeigt die Dosis für das Ungeborene: CTPA 0,05–0,5 mGy und Perfusionsszintigrafie 0,02–0,2 mGy als kaum sichtbare Balken weit links vom rot markierten Schadensbereich 50–100 mGy

Abbildung: Die CTPA bringt mehr Strahlung als die V/Q-Szintigrafie; für das Ungeborene liegen beide weit unter dem Schadensbereich. Quelle: eigene Darstellung.

Bei Beinbeschwerden steht die Kompressionssonografie zuerst; eine proximale TVT führt zur Behandlung ohne weitere Strahlung, bei fehlendem Nachweis folgen D-Dimer und angepasste Vorhersageregeln; falls thorakale Bildgebung nötig ist, trennt das Röntgenbild die Wahl von CTPA und Perfusionsszintigrafie.

Abbildung: Die positive Bein-KUS kann den Strahlenpfad beenden; eine negative Bein-KUS kann die LE nicht ausschließen. Quelle: eigene Darstellung.

Gesamtweg bei LE-Verdacht: Schritt 1 fragt nach hämodynamischer Instabilität (Reanimation, obstruktiver Schock, RR systolisch unter 90 mmHg oder Abfall um mindestens 40 mmHg über 15 min). Ja: Hilfe holen, UFH-Bolus 80 I.E./kg, Echo am Bett; mit RV-Belastung CTPA, wenn sofort möglich, sonst wie Hochrisiko-LE; ohne RV-Belastung LE als Ursache unwahrscheinlich. Nein: Wells zweistufig; bei höchstens 4 Punkten D-Dimer (über 50 Jahre Alter × 10 oder YEARS), negativ keine CTPA, positiv CTPA; bei über 4 Punkten Antikoagulation und CTPA. Die CTPA sichert die LE bei Füllungsdefekt. Unten V/Q-Szintigrafie und Bein-KUS als Alternativen

Folge zuerst der obersten Frage: Die Kreislaufsituation entscheidet über den Weg – erst danach kommen Score und D-Dimer. Das Bild zeigt den Weg mit dem Wells-Score; nutzt deine Klinik YEARS, ersetzt dieser Weg Score und Grenzwert (C09-U06-S04). Hämodynamisch instabil heißt nach ESC: Reanimation, obstruktiver Schock oder anhaltende Hypotonie (systolisch < 90 mmHg oder Abfall um ≥ 40 mmHg über mehr als 15 min); der UFH-Bolus beträgt 80 I.E./kg KG i.v. (C09-U05, Einzelheiten in C09-U07).

Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach ESC-Leitlinie Akute Lungenembolie 2019 (Abb. 4 und 5) und DGK-CardioCard „Management der akuten Lungenembolie“ 2021.

Lesetext und Ausgearbeitetes Beispiel: Was EKG, BGA und Röntgen beitragen

Kurze EKG-Erinnerung

Den Rhythmus beurteilst du an den P-Wellen: Steht vor jedem QRS-Komplex eine gleichförmige P-Welle, die in II positiv ist, liegt ein Sinusrhythmus vor. Die Frequenz schätzt du am schnellsten, indem du die QRS-Komplexe im 10-Sekunden-Rhythmusstreifen zählst und mit 6 multiplizierst. Den Lagetyp bestimmst du aus I und aVF: Ist I überwiegend negativ und aVF positiv, liegt die Herzachse rechts (Rechtstyp bzw. überdrehter Rechtstyp). Ein Rechtsschenkelblock zeigt sich in V1 als rSR′-Form („M-Form“) mit breitem S in I und V6; ab einer QRS-Dauer von 120 ms ist er komplett, darunter inkomplett. Eine T-Negativierung in V1–V3 kann normal sein, in V1–V4 zusammen mit anderen Zeichen spricht sie für eine Belastung des RV.

EKG bei Lungenembolie: unspezifisch, aber nützlich

  • Häufigster Befund ist die Sinustachykardie; bei leichter LE oft der einzige.
  • Zeichen der akuten Rechtsherzbelastung sieht man eher bei schwerer LE: T-Negativierung in V1–V4, QR-Form in V1, S in I mit Q und negativem T in III (SI-QIII-Typ) oder S-Zacken in I, II und III (SI-SII-SIII-Typ, dann ist kein Lagetyp sinnvoll bestimmbar), tiefe S-Zacken bis V5/V6 (S-Persistenz), inkompletter oder kompletter Rechtsschenkelblock, Drehung der Herzachse nach rechts, hohe spitze P-Welle in II (≥ 0,25 mV, P dextroatriale).
  • Auch Vorhofflimmern kann neu auftreten: unregelmäßige RR-Abstände ohne erkennbare P-Wellen.

Alle diese Zeichen kommen auch bei anderen Ursachen vor, und ein normales EKG schließt eine LE nicht aus. Den größten Nutzen hat das EKG bei LE-Verdacht deshalb so: Es erkennt eine gefährliche Alternative (vor allem ein akutes Koronarsyndrom), und es zeigt im Vergleich mit einem Vor-EKG, ob Zeichen der Rechtsherzbelastung neu sind.

EKG bei LE-Verdacht, unspezifisch. Vier nummerierte Kästen: Rhythmus (Sinustachykardie am häufigsten, oft einziger Befund, neues Vorhofflimmern möglich), Lagetyp (Drehung nach rechts, SI-QIII-Typ, SI-SII-SIII-Typ), Erregungsleitung (Rechtsschenkelblock, komplett ab QRS 120 ms, S-Persistenz bis V5/V6), Repolarisation und P (T negativ in V1–V4, QR-Form in V1, P in II mindestens 0,25 mV). Unten drei Konsequenzen: ST-Hebung mit Spiegelbild führt zuerst in den ACS-Pfad, Rechtsherzzeichen mit Vor-EKG vergleichen, unauffälliges EKG schließt LE nicht aus

Abbildung: Die Rechtsherzzeichen ordnen sich nach den Schritten der EKG-Befundung. Quelle: eigene Darstellung.

BGA

Typisch sind eine Hypoxämie und eine Hypokapnie: Die gesteigerte Atmung senkt den pCO₂, und es entsteht eine akute respiratorische Alkalose. Wie du sie erkennst und warum ein niedriger pCO₂ nicht automatisch „Angst“ bedeutet, hast du im BGA-Kapitel gelernt (G04-U09; akute Gegenregulation G02-U15; Oxygenierung und Ventilation getrennt beurteilen G04-U10). Wichtig: Bis zu 40 % der Patienten mit LE haben eine normale Sauerstoffsättigung – eine unauffällige BGA schließt die LE nicht aus. Von Hypokapnie spricht man bei einem pCO₂ unter 35 mmHg.

Röntgen-Thorax

Er ist bei LE oft normal oder nur unspezifisch verändert: kleiner Pleuraerguss, Zwerchfellhochstand, Plattenatelektasen; selten eine keilförmige periphere Verschattung beim Lungeninfarkt. Sein Wert liegt in der Differenzialdiagnose: Pneumothorax, Pneumonie, Lungenödem. Außerdem hilft ein unauffälliges Röntgenbild, eine V/Q-Szintigrafie sicher zu beurteilen.

Drei nummerierte Hilfsbefunde nebeneinander: EKG erkennt ACS und neue Rechtsherzzeichen, ein normales EKG schließt LE nicht aus; BGA mit Hypoxämie und pCO₂ unter 35 mmHg, normale SpO₂ bei bis zu 40 %; Röntgen-Thorax oft normal oder unspezifisch mit Erguss, Zwerchfellhochstand, Plattenatelektase, selten keilförmiger Infarkt. Schritt 4 fragt nach einer gefährlichen Alternative: ja führt zu deren Behandlung, nein zum LE-Weg mit Wells, D-Dimer oder Bildgebung

Abbildung: Hilfsbefunde zeigen Alternativen; die LE-Abklärung bleibt wahrscheinlichkeitsgeführt. Quelle: eigene Darstellung.

Ausgearbeitetes Beispiel: ein EKG mit Rechtsherzzeichen

Herr K., 70 Jahre, wird wegen zunehmender Luftnot vorgestellt. Ein Vor-EKG liegt nicht vor.

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: schmale QRS-Komplexe mit hoher Frequenz, in V1 hohe R-Zacke, in V2 bis V4 tiefe S-Zacken, in I überwiegend negativer QRS-Komplex

Achte auf V1 und auf Ableitung I.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 14173, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

SchrittBefund
Rhythmusregelmäßig; vor jedem QRS eine kleine P-Welle in II → Sinusrhythmus
Frequenz18 QRS in 10 s → ca. 110/min (RR ca. 0,55 s) → Sinustachykardie
LagetypI überwiegend negativ, aVF positiv → überdrehter Rechtstyp
PQnicht sicher messbar (P in II flach, Grundlinie unruhig)
QRSschmal, ca. 0,08–0,10 s; kein kompletter Rechtsschenkelblock
R/S in den BrustwandableitungenV1: hohes R (ca. 2 mV), nur kleines s → R-Dominanz; V2–V4: tiefe S-Zacken
QT/QTcQT ca. 0,34–0,36 s; bei 110/min nur eingeschränkt beurteilbar, nicht sicher verlängert
ST/TV1: ST-Senkung mit negativem T; V2–V3 T positiv; I und III wegen Grundlinienunruhe eingeschränkt beurteilbar

Beurteilung: Sinustachykardie, überdrehter Rechtstyp und R-Dominanz in V1 mit T-Negativierung – Zeichen einer rechtsventrikulären Druckbelastung.

Konsequenz: Das EKG sagt dir, dass der RV belastet ist, aber nicht, warum und seit wann. Eine so hohe R-Zacke in V1 spricht eher für eine länger bestehende Hypertrophie des RV (z. B. bei pulmonaler Hypertonie). Ein solches Muster kann auch bei akuter Rechtsherzbelastung vorkommen; es beweist keine LE und kommt auch bei anderen Ursachen vor. Als Nächstes brauchst du deshalb den Vergleich mit einem Vor-EKG, die klinische Wahrscheinlichkeit (Wells) und je nach Ergebnis D-Dimer oder Bildgebung; die Echokardiografie zeigt, ob der RV dilatiert oder verdickt ist.

Multiple Choice

Warum der Blutdruck fällt

Aufgabe

Frau D., 61 Jahre, hat eine bestätigte zentrale Lungenembolie. Ihr Blutdruck fällt von 125/80 auf 88/60 mmHg, die Halsvenen sind gestaut. Welcher Mechanismus erklärt den Blutdruckabfall am besten?

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin61 Jahre; zentrale LE bestätigt
Blutdruck zuvor125/80 mmHg
Blutdruck jetzt88/60 mmHg
Halsvenengestaut
  1. a)Der Embolus gelangt in die Koronararterien und verursacht einen Herzinfarkt.
  2. b)Der dilatierte rechte Ventrikel drückt das Septum nach links, der linke Ventrikel wird schlechter gefüllt und das Herzzeitvolumen sinkt.
  3. c)Die Hypoxämie erweitert die Gefäße im großen Kreislauf so stark, dass der Gefäßwiderstand zusammenbricht.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Thoraxschmerz mit Pulsdifferenz

Aufgabe

Herr S., 64 Jahre, bekannte arterielle Hypertonie, hat seit 40 Minuten heftige Schmerzen in der Brust, die in den Rücken ziehen, und Luftnot. RR rechts 165/90 mmHg, links 120/70 mmHg, Herzfrequenz 108/min, SpO₂ 95 %. Das EKG zeigt eine Sinustachykardie ohne ST-Hebung. Eine Kollegin schlägt vor, wegen LE-Verdachts sofort therapeutisch Heparin zu geben. Was ist dein nächster Schritt?

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient64 Jahre; arterielle Hypertonie
Beschwerdenseit 40 min Brustschmerz zum Rücken; Luftnot
Blutdruckrechts 165/90; links 120/70 mmHg
VitalwerteHerzfrequenz 108/min; SpO₂ 95 %
EKGSinustachykardie; keine ST-Hebung
  1. a)Heparin geben und eine CTPA anmelden, weil die Tachykardie für eine LE spricht.
  2. b)Zuerst ein D-Dimer bestimmen; ist es erhöht, ist die LE bestätigt.
  3. c)Kein Heparin, bis eine Aortendissektion ausgeschlossen ist; CT-Angiografie der Aorta veranlassen.
  4. d)Troponin abwarten und den Patienten in zwei Stunden erneut beurteilen.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Wells-Score berechnen

Aufgabe

Frau A., 47 Jahre, erhält wegen eines Mammakarzinoms eine Chemotherapie. Seit gestern hat sie Husten mit gelblichem Auswurf, Fieber bis 38,4 °C und Luftnot. Herzfrequenz 112/min, SpO₂ 93 %. Vor fünf Jahren hatte sie eine Beinvenenthrombose. Beide Beine sind unauffällig, kein Bluthusten, keine Operation oder Bettlägerigkeit in den letzten Wochen. Eine Pneumonie hältst du für mindestens ebenso wahrscheinlich wie eine LE.

Berechne den Wells-Score und ordne ihn ein.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin47 Jahre; Mammakarzinom unter Chemotherapie
Aktuelle BeschwerdenHusten mit gelblichem Auswurf; Fieber bis 38,4 °C; Luftnot
VitalwerteHerzfrequenz 112/min; SpO₂ 93 %
VorgeschichteBeinvenenthrombose vor 5 Jahren
Fehlende Befundekeine TVT-Zeichen; keine Hämoptyse; keine kürzliche OP oder Bettlägerigkeit
Klinische EinschätzungPneumonie mindestens ebenso wahrscheinlich wie LE
  1. a)4 Punkte – LE unwahrscheinlich – D-Dimer bestimmen
  2. b)5,5 Punkte – LE wahrscheinlich – direkt CTPA
  3. c)7 Punkte – LE wahrscheinlich – direkt CTPA
  4. d)2,5 Punkte – LE unwahrscheinlich – keine weitere LE-Diagnostik nötig
Lösung in der App →

Multiple Choice

D-Dimer bei einer 78-Jährigen

Aufgabe

Frau W., 78 Jahre, hat seit zwei Tagen leichte Belastungsdyspnoe. Herzfrequenz 104/min, RR 138/80 mmHg, SpO₂ 95 %. Wells-Score 1,5 Punkte (nur die Herzfrequenz). D-Dimer 650 µg/l FEU; das Labor gibt als Grenzwert 500 µg/l FEU an. Deine Klinik nutzt den Wells-Score mit altersadaptiertem Grenzwert. Wie gehst du weiter vor?

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin78 Jahre; seit 2 Tagen Belastungsdyspnoe
VitalwerteHerzfrequenz 104/min; RR 138/80 mmHg; SpO₂ 95 %
Wells-Score1,5 Punkte
D-Dimer650 µg/l FEU; Laborgrenze 500 µg/l FEU
KlinikstandardWells mit altersadaptiertem Grenzwert
  1. a)CTPA anmelden, weil das D-Dimer über 500 µg/l FEU liegt.
  2. b)V/Q-Szintigrafie anmelden, um die Strahlung einer CT zu sparen.
  3. c)Das D-Dimer morgen wiederholen und dann entscheiden.
  4. d)Keine Bildgebung zur LE: Der altersadaptierte Grenzwert beträgt 780 µg/l FEU, das D-Dimer ist negativ; andere Ursache der Dyspnoe suchen.
Lösung in der App →

Freie Antwort

Bildgebungsplan bei Niereninsuffizienz und Kontrastmittelallergie

Aufgabe

Herr F., 69 Jahre, hat seit gestern Luftnot und rechtsseitige Thoraxschmerzen. RR 128/76 mmHg, Herzfrequenz 106/min, SpO₂ 92 %, kein Schock. Die linke Wade ist geschwollen und druckschmerzhaft. Wells-Score 7,5 Punkte. Kreatinin-Clearance 25 ml/min. Vor drei Jahren hatte er nach einer Kontrastmittel-CT eine anaphylaktische Reaktion mit Blutdruckabfall. Röntgen-Thorax: kein Infiltrat, kein Erguss.

Begründe in drei bis fünf Sätzen, wie du die Diagnose sicherst und was du bis dahin tust.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient69 Jahre; Luftnot und rechtsseitiger Thoraxschmerz
VitalwerteRR 128/76 mmHg; Herzfrequenz 106/min; SpO₂ 92 %; kein Schock
Bein / Scorelinke Wade geschwollen und druckschmerzhaft; Wells 7,5
NierenfunktionCrCl 25 ml/min
Frühere ReaktionAnaphylaxie nach Kontrastmittel-CT vor 3 Jahren
Röntgen-Thoraxkein Infiltrat; kein Erguss

Röntgen-Thorax im posterior-anterioren Strahlengang: beide Lungen gleichmäßig belüftet und bis an die Brustwand gezeichnet, Zwerchfellkuppen und seitliche Rippenwinkel scharf, Herzschatten schlank

Abbildung: Röntgen-Thorax p.a. einer anderen Person zum Vergleich mit dem Befund im Fall. Quelle: Mikael Häggström, CC0 1.0, (Seitenbuchstaben oben weggeschnitten, verkleinert)

In der App sprechen üben →

Multiple Choice

Ein EKG Schritt für Schritt lesen

Aufgabe

Herr G., 72 Jahre, hat seit heute Belastungsdyspnoe. RR 135/85 mmHg, SpO₂ 93 %, keine Thoraxschmerzen. Du schreibst ein EKG.

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe, vor jedem QRS eine deutlich sichtbare P-Welle

Gehe die Schritte durch, bevor du antwortest.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 5955, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Gehe so vor:

  1. Frequenz: Zähle die QRS-Komplexe im Rhythmusstreifen (10 s) und multipliziere mit 6.
  2. Rhythmus: Steht vor jedem QRS eine P-Welle? Ist sie in II positiv?
  3. P-Welle: Wie hoch ist sie in II? (1 mm = 0,1 mV)
  4. Lagetyp: Sind I und aVF positiv? In welcher Ableitung ist der QRS-Komplex am größten?
  5. QRS und ST/T: Ist der QRS schmal? Siehst du ST-Hebungen oder neue T-Negativierungen?

Welche Beurteilung und Konsequenz passt?

  1. a)Das EKG zeigt typische Zeichen einer Lungenembolie; eine Bildgebung ist nicht mehr nötig, die Behandlung kann beginnen.
  2. b)Sinustachykardie mit hoher, spitzer P-Welle in II; das ist unspezifisch – die Wahrscheinlichkeit der LE bestimmst du weiter mit dem Wells-Score.
  3. c)Vorhofflimmern mit schneller Überleitung; zuerst muss die Frequenz gesenkt werden.
  4. d)Inferiore ST-Hebung; der Patient gehört in den ACS-Pfad.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Normales EKG bei hoher Wahrscheinlichkeit

Aufgabe

Herr N., 46 Jahre, trainierter Freizeitläufer, ist vor drei Tagen von einem 11-stündigen Flug zurückgekehrt. Seit heute hat er Luftnot und Schmerzen beim Einatmen. Seine rechte Wade ist geschwollen und entlang der tiefen Venen druckschmerzhaft. RR 130/85 mmHg, Herzfrequenz 54/min, SpO₂ 95 %. Für Luftnot und Schmerz findest du keine andere naheliegende Erklärung. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe mit langen Abständen, P-Wellen vor jedem QRS, feines Zittern der Grundlinie in III und aVL

Werte das EKG systematisch aus und entscheide über den nächsten Schritt.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 1867, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

  1. a)Das EKG ist normal; eine relevante LE ist damit ausgeschlossen.
  2. b)D-Dimer bestimmen; ist es negativ, ist keine Bildgebung nötig.
  3. c)Antikoagulation beginnen und die Diagnose mit Bildgebung sichern – Bein-KUS und/oder CTPA.
  4. d)Zunächst ein Belastungs-EKG, um eine Ischämie auszuschließen.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Luftnot nach Hüftoperation – und dieses EKG

Aufgabe

Frau H., 87 Jahre, wurde vor zehn Tagen an einer Schenkelhalsfraktur operiert und ist noch kaum mobil. Seit drei Stunden hat sie Übelkeit, Luftnot und ein Druckgefühl in der Brust. RR 110/70 mmHg, SpO₂ 92 %. Der Stationsarzt denkt sofort an eine LE. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: in III und aVF angehobene ST-Strecken, in I und aVL gesenkte ST-Strecken; Grundlinie im Rhythmusstreifen und in V3 unruhig

Beurteile vor allem die ST-Strecken und entscheide, welchen Weg du zuerst gehst.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 19269, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

  1. a)ACS-Pfad: ST-Hebung inferior mit spiegelbildlicher Senkung – sofort Kardiologie bzw. Herzkatheter nach Standard verständigen; eine LE bleibt als Differenzialdiagnose im Blick.
  2. b)CTPA zuerst, weil die Operation das LE-Risiko erhöht und die ST-Veränderungen dazu passen.
  3. c)Systemische Thrombolyse wegen Verdachts auf Hochrisiko-LE.
  4. d)D-Dimer bestimmen und danach über die Bildgebung entscheiden.
Lösung in der App →

Bedrohliche Lungenembolie

Lernziel: Du kannst das LE-Risiko einordnen und eine Reperfusion begründen.

Wo stehen wir? Du weißt, wie eine Lungenembolie das rechte Herz belastet (C09-U06-S01) und wie du sie nachweist (C09-U06-S05). Jetzt geht es um den dritten Schritt der Kapitel-Landkarte, Behandlung abwägen: Wie gefährlich ist diese Embolie für diesen Menschen – und wann reicht ein Antikoagulans, wann muss der Thrombus aktiv aufgelöst oder entfernt werden?

Instabil oder stabil?

Die erste Frage bei jeder gesicherten oder dringend vermuteten Lungenembolie (LE) lautet: Ist der Kreislauf stabil? Sie entscheidet in Minuten über das weitere Vorgehen.

Warum der Kreislauf versagen kann. Ein großer Embolus erhöht schlagartig den Widerstand in der Lungenstrombahn. Der dünnwandige rechte Ventrikel (RV) ist an niedrigen Druck gewöhnt. Er dehnt sich, pumpt weniger, und das Septum drückt in den linken Ventrikel. Der linke Ventrikel füllt sich schlechter, das Herzzeitvolumen fällt, der Blutdruck sinkt. Gleichzeitig wird der RV-Muskel selbst schlechter durchblutet – ein Teufelskreis, der bis zum Kreislaufstillstand führen kann.

Hämodynamisch instabil ist ein Patient nach ESC-Leitlinie 2019, wenn eine der drei Situationen vorliegt:

FormWoran du sie erkennst
KreislaufstillstandReanimation nötig
obstruktiver SchockRR syst. < 90 mmHg oder Vasopressor nötig, um ≥ 90 mmHg zu halten – trotz ausreichender Füllung – und Zeichen der Minderdurchblutung (Verwirrtheit, kalte feuchte Haut, Oligurie/Anurie, Laktat ↑)
anhaltende HypotonieRR syst. < 90 mmHg oder Abfall um ≥ 40 mmHg für > 15 Minuten, nicht erklärt durch neue Rhythmusstörung, Volumenmangel oder Sepsis

Ein instabiler Patient mit LE hat per Definition ein hohes Risiko. Ein kurzer Kollaps beim Aufstehen mit danach normalem Blutdruck erfüllt die Definition nicht – er ist aber ein Warnzeichen, das du im Blick behältst.

Was du beim instabilen Patienten sofort tust:

  1. Hilfe holen: Notfall- bzw. Intensivteam, Oberärztin/Oberarzt; Monitoring, zwei sichere Zugänge, Sauerstoff.
  2. Unfraktioniertes Heparin (UFH) i.v. als gewichtsadaptierten Bolus beginnen – schon bei dringendem Verdacht, wenn keine Kontraindikation besteht. UFH ist hier erste Wahl, weil es sofort wirkt, kurz wirkt und eine Lyse nicht behindert (Bolus 80 I.E./kg KG, danach 18 I.E./kg KG/h; Details: C09-U05-S02).
  3. Diagnose am Bett sichern: Ist eine CT sofort möglich und der Patient transportfähig, folgt die CT-Pulmonalisangiografie. Sonst zeigt die Echokardiografie am Bett, ob der RV akut belastet ist; dann wird – nach Ausschluss anderer Schockursachen – wie eine Hochrisiko-LE behandelt (C09-U06-S05). Ist der RV im Echo unauffällig, ist eine LE als Schockursache unwahrscheinlich – dann suchst du nach einer anderen Ursache.
  4. Kreislauf stützen (C09-U07-S06) und über die Reperfusion entscheiden (C09-U07-S04).

Flussdiagramm: oben die drei Formen der Instabilität nebeneinander – Kreislaufstillstand, obstruktiver Schock mit RR unter 90 mmHg oder Vasopressor plus Minderperfusion, Hypotonie unter 90 mmHg oder Abfall um mindestens 40 mmHg länger als 15 Minuten; darunter 1 Hilfe holen mit Monitoring, zwei Zugängen und Sauerstoff bei SpO2 unter 90 %, 2 UFH-Bolus 80 I.E. pro kg, dann 18 I.E. pro kg und Stunde, 3 Diagnose am Bett: transportfähig zur CT mit RV/LV ab 1,0, nicht transportfähig zum Echo mit RV/LV über 1,0, D-Form, McConnell und TAPSE unter 16 mm, normaler RV spricht gegen LE; 4 Hochrisiko-LE: parallel Kreislauf stützen (höchstens 500 ml, Noradrenalin 0,2–1,0 µg/kg/min) und Reperfusion (Alteplase 100 mg über 2 h, bei Kontraindikation Katheter oder OP, LE-Team)

Abbildung: Erst die Instabilität erkennen, dann in vier Schritten handeln. Die Transportfähigkeit entscheidet über CT oder Bett-Echo; Kreislaufstützung und Reperfusion laufen parallel. Quelle: eigene Darstellung.

Vier Bilder einer Notfall-Echokardiografie: links oben ein stark erweiterter rechter Ventrikel mit markiertem Querdurchmesser d, links unten in der kurzen Achse ein D-förmiger linker Ventrikel (rot gestrichelt umrandet); rechts nach der Lyse ein kleinerer rechter Ventrikel und ein wieder runder linker Ventrikel

Abbildung: Bett-Echo bei Schock mit dringendem LE-Verdacht, als eine CT nicht mehr möglich war. Vor der Lyse (A apikaler Blick, B kurze Achse): RV größer als LV, LV D-förmig. Nach systemischer Lyse und Rückkehr des Spontankreislaufs (C, D): RV kleiner als LV, Septum wieder gerade. Quelle: Zhang Q, Ou X, Liu W, Xiao L. Diagnosis of acute pulmonary embolism by point-of-care ultrasound under continuous cardiopulmonary resuscitation: case series. Int J Surg Case Rep. 2025;132:111434, Abb. 1 (doi:10.1016/j.ijscr.2025.111434), Lizenz CC BY 4.0; unverändert.

Merksatz: Instabil heißt hohes Risiko – und hohes Risiko heißt: Der Thrombus muss aus der Strombahn, nicht nur am Wachsen gehindert werden.

Risiko bei stabilen Patienten

Die meisten Patienten mit LE sind bei Aufnahme stabil. Ihr Risiko, in den nächsten Tagen zu versterben oder zu dekompensieren, reicht trotzdem von unter 1 % bis zu deutlich zweistelligen Werten. Drei Bausteine helfen beim Einordnen.

Baustein 1 – klinischer Score: sPESI. Der vereinfachte Pulmonary Embolism Severity Index fasst Alter, Begleiterkrankungen und Vitalzeichen zusammen. Jedes zutreffende Merkmal zählt 1 Punkt:

MerkmalPunkte
Alter > 80 Jahre1
Krebserkrankung1
chronische Herzinsuffizienz oder chronische Lungenerkrankung1 (auch wenn beides vorliegt)
Herzfrequenz ≥ 110/min1
RR systolisch < 100 mmHg1
arterielle Sauerstoffsättigung < 90 %1

sPESI 0 bedeutet eine 30-Tage-Sterblichkeit von etwa 1 %, sPESI ≥ 1 etwa 11 %. Der ausführliche PESI (Klassen I–V) kann statt des sPESI verwendet werden; Klasse I–II entspricht dann sPESI 0.

So steigt die 30-Tage-Sterblichkeit über die fünf PESI-Klassen (ESC 2019):

PESI-KlassePunkte30-Tage-Sterblichkeit
I – sehr niedrig≤ 650–1,6 %
II – niedrig66–851,7–3,5 %
III – mittel86–1053,2–7,1 %
IV – hoch106–1254,0–11,4 %
V – sehr hoch> 12510,0–24,5 %

Baustein 2 – Bildgebung: Ist der RV überlastet? Die RV-Dysfunktion lässt sich in der CT-Pulmonalisangiografie oder in der Echokardiografie erkennen:

MethodeZeichen der RV-Dysfunktion
CTDurchmesser RV/LV ≥ 1,0
EchoRV/LV > 1,0; abgeflachtes Septum (LV „D-förmig“); TAPSE < 16 mm; McConnell-Zeichen (freie RV-Wand akinetisch, Spitze bewegt sich)

TAPSE ist die Längsbewegung des Trikuspidalklappenrings in der Systole – ein einfaches Maß für die RV-Pumpfunktion.

Axiales kontrastverstärktes CT des Thorax auf Höhe der Herzkammern: der rechte Ventrikel ist stark erweitert und deutlich breiter als der linke; ein roter Pfeil zeigt auf das zum linken Ventrikel hin abgeflachte Septum

Abbildung: CT bei massiver Lungenembolie: Der RV ist deutlich breiter als der LV (RV/LV klar über 1,0), das Septum ist zum LV hin abgeflacht. Verglichen werden die größten Querdurchmesser beider Kammern. Quelle: Dave PR, Khan MZ, Higgins JR. Massive Pulmonary Embolism Presenting as Recurrent Cardiac Arrest: Successful Resuscitation and Thrombolysis in a 74-Year-Old Male. Cureus. 2026;18(4):e106909, Abb. 3 (doi:10.7759/cureus.106909), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten, vergrößert, englische Beschriftung durch deutsche ersetzt.

Transthorakales Echo im apikalen Vierkammerblick: stark erweiterter rechter Ventrikel; ein Pfeil zeigt auf die freie Wand des rechten Ventrikels, ein zweiter auf die Spitze des rechten Ventrikels

Abbildung: McConnell-Zeichen beim selben Patienten: Der RV ist größer als der LV, die freie RV-Wand bewegt sich kaum, die Spitze kontrahiert weiter. Im Standbild siehst du die Erweiterung, die Wandbewegung beurteilst du im laufenden Bild. Quelle: Dave PR, Khan MZ, Higgins JR. Massive Pulmonary Embolism Presenting as Recurrent Cardiac Arrest: Successful Resuscitation and Thrombolysis in a 74-Year-Old Male. Cureus. 2026;18(4):e106909, Abb. 1 (doi:10.7759/cureus.106909), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten, vergrößert, englische Beschriftung durch deutsche ersetzt.

Transthorakales Echo in der parasternalen kurzen Achse: oben der rechte Ventrikel, darunter das abgeflachte Septum entlang einer rot gestrichelten Linie; der linke Ventrikel erscheint dadurch D-förmig statt rund

Abbildung: „D-Zeichen“ in der parasternalen kurzen Achse bei Lungenembolie: Der hohe Druck im RV drückt das Septum flach (gestrichelte Linie), der LV verliert seine runde Form. Quelle: Flanagan L, DuPlooy P, Judge G, McDermott C. Thrombus in Transit: Key Echocardiography Findings in the ED. Cureus. 2024;16(9):e69109, Abb. 3 (doi:10.7759/cureus.69109), Lizenz CC BY 4.0; vergrößert, englische Beschriftung durch deutsche ersetzt.

Baustein 3 – Labor: Leidet der Herzmuskel? Ein erhöhtes hochsensitives Troponin (über dem assayspezifischen Grenzwert) zeigt einen Schaden der überlasteten RV-Muskulatur. Ein erhöhtes NT-proBNP (ab etwa 600 ng/l) spricht für Dehnung des Ventrikels und kann ergänzend genutzt werden.

Aus den Bausteinen werden vier Risikoklassen (ESC 2019):

Stufenschema in drei Schritten: 1 Instabil? Reanimation, obstruktiver Schock mit RR unter 90 mmHg oder Vasopressor plus Minderperfusion, anhaltender Abfall – bei ja Kasten HOCH mit sofortiger Reperfusion; bei nein 2 sPESI mit je einem Punkt für Alter über 80, Krebs, chronische Herz- oder Lungenerkrankung, Herzfrequenz ab 110, RR unter 100 und SaO2 unter 90 %, daneben 30-Tage-Sterblichkeit etwa 1 % bei 0 und etwa 11 % ab 1 Punkt; 3 RV und Troponin mit CT RV/LV ab 1,0, Echo RV/LV über 1,0 und TAPSE unter 16 mm, hs-Troponin, NT-proBNP ab 600 ng/l; unten drei farbige Ergebniskästen intermediär-hoch, intermediär-niedrig und niedrig mit ihren Bedingungen und Konsequenzen

Abbildung: Lies von oben nach unten. Nur der instabile Patient springt sofort nach rechts zu „hoch“; alle anderen werden über sPESI, RV und Troponin einer der drei unteren Klassen zugeordnet. Quelle: eigene Darstellung.

  • Hoch: instabil → sofortige Reperfusion (C09-U07-S04).
  • Intermediär-hoch: stabil, sPESI ≥ 1, RV-Dysfunktion und Troponin erhöht → stationär mit Monitoring (Intensiv- oder Intermediate-Care-Station) in den ersten Tagen, Antikoagulation, Rescue-Reperfusion bereithalten.
  • Intermediär-niedrig: stabil, sPESI ≥ 1, aber höchstens einer der beiden Befunde auffällig – oder sPESI 0 mit auffälligem RV bzw. Troponin → stationäre Antikoagulation.
  • Niedrig: stabil, sPESI 0, RV und Troponin unauffällig (falls bestimmt) → frühe Entlassung erwägen.

Frühe Entlassung bei niedrigem Risiko. Patienten mit niedrigem Risiko können nach ESC 2019 früh nach Hause gehen – oft innerhalb von 24–48 Stunden –, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: (1) das LE-bedingte Risiko ist niedrig, (2) es gibt keine schwere Begleiterkrankung, die eine Aufnahme erfordert, und (3) Antikoagulation und Nachsorge sind ambulant gesichert. Als Checkliste dienen die Hestia-Kriterien: Jedes „Ja“ spricht gegen die frühe Entlassung, zum Beispiel Sauerstoffbedarf über mehr als 24 Stunden, starke Schmerzen mit Bedarf an i.v.-Schmerzmitteln über mehr als 24 Stunden, aktive Blutung oder hohes Blutungsrisiko, LE unter laufender Antikoagulation, Kreatinin-Clearance < 30 ml/min, schwere Leberinsuffizienz, Schwangerschaft, HIT in der Vorgeschichte oder ein medizinischer bzw. sozialer Grund für die Aufnahme. Wer innerhalb von 24–48 Stunden entlassen werden soll, sollte keine RV-Dysfunktion und keinen Thrombus im rechten Herzen haben. Vollständig umfasst die Hestia-Liste elf Fragen; dazu gehören auch Kreislaufinstabilität (RR syst. < 100 mmHg mit Herzfrequenz > 100/min oder Bedarf an Intensivbehandlung) und eine nötige Lyse oder Embolektomie.

Flussdiagramm: Niedriges Risiko (stabil, sPESI 0, RV und Troponin unauffällig) führt zu 1 Hestia mit elf Fragen in zwei Kästen – Klinik und Therapie: instabil mit RR unter 100 und Herzfrequenz über 100, Lyse oder Embolektomie nötig, Sauerstoff über 24 h, i.v.-Schmerzmittel über 24 h, LE unter Antikoagulation; Risiken und Umstände: Blutung, CrCl unter 30 ml/min, schwere Leberinsuffizienz, Schwangerschaft, HIT, Aufnahmegrund; bei mindestens einem Ja stationäre Behandlung, bei allen Nein 2 ambulant gesichert? mit Antikoagulans, Nachsorge-Termin, kein RV-Befund und kein Rechtsherzthrombus; ja führt zur frühen Entlassung oft nach 24–48 Stunden, nein zur stationären Behandlung

Abbildung: Niedriges Risiko allein genügt nicht: Erst wenn alle elf Hestia-Fragen mit Nein beantwortet sind und die ambulante Versorgung steht, ist eine frühe Entlassung sinnvoll. Quelle: eigene Darstellung.

Wie gefährlich ist diese Embolie?

Fall: Frau K., 66 Jahre, kommt mit seit dem Morgen bestehender Luftnot in die Notaufnahme. Vor zwei Wochen hatte sie einen Unterschenkelgips. Keine Krebserkrankung, keine Herz- oder Lungenerkrankung bekannt.

BefundWert
RR / Herzfrequenz118/76 mmHg / 112/min
SpO₂ (Raumluft)89 %
CT-PulmonalisangiografieEmboli in beiden Hauptästen; RV/LV 1,3
hs-Troponin T58 ng/l (Grenzwert 14 ng/l)

Schritt 1 – Ist sie instabil? Nein. Der Blutdruck ist normal, es gibt keinen Schock und keine Reanimation. Also kein hohes Risiko.

Schritt 2 – sPESI berechnen.

  • Alter > 80? Nein → 0
  • Krebs? Nein → 0
  • chronische Herz- oder Lungenerkrankung? Nein → 0
  • Herzfrequenz ≥ 110/min? Ja, 112/min → 1
  • RR syst. < 100 mmHg? Nein, 118 mmHg → 0
  • SpO₂ < 90 %? Ja, 89 % → 1

sPESI = 2. Damit ist sie nicht in der Niedrigrisiko-Gruppe.

Schritt 3 – RV und Troponin. RV/LV 1,3 in der CT liegt über 1,0 → RV-Dysfunktion. Das Troponin liegt über dem Grenzwert. Beide Befunde sind positiv.

Ergebnis: intermediär-hohes Risiko.

Plan und Begründung:

  • Aufnahme mit Monitoring (Intermediate-Care- oder Intensivstation): Bei dieser Gruppe tritt eine Dekompensation, wenn sie kommt, meist in den ersten ein bis drei Tagen auf.
  • Antikoagulation sofort, in den ersten Tagen bevorzugt mit niedermolekularem Heparin (NMH); UFH, wenn eine Reperfusion bald wahrscheinlich wird. Die Umstellung auf ein DOAK erfolgt nach Stabilisierung.
  • Sauerstoff, weil die Sättigung unter 90 % liegt.
  • Keine routinemäßige systemische Lyse: Sie verhindert in dieser Gruppe zwar einzelne Dekompensationen, verursacht aber zu viele schwere Blutungen (Zahlen in C09-U07-S05).
  • Rescue bereithalten: Lyse-Kontraindikationen jetzt schon prüfen und dokumentieren, das LE-Team bzw. PERT informieren. Fällt der Blutdruck ab, wird sofort reperfundiert.

Merksatz: Intermediär-hoch heißt nicht „lysieren“, sondern „engmaschig beobachten und für die Lyse vorbereitet sein“.

Frau K. ist bei 118 zu 76 mmHg kreislaufstabil; Herzfrequenz 112 und Sättigung 89 Prozent ergeben zwei sPESI-Punkte. RV/LV 1,3 und Troponin T 58 über 14 ng/l führen gemeinsam zur Einordnung intermediär-hohes Risiko, mit Monitoring, NMH, Sauerstoff und vorbereitetem Rescue-Weg.

Abbildung: Beide Zusatzbefunde sind positiv: deshalb Monitoring und Rescue-Bereitschaft trotz normalem Blutdruck. Quelle: eigene Darstellung.

Reperfusion – wann und wie

Reperfusion heißt, die verlegte Lungenstrombahn wieder zu eröffnen. Ein Antikoagulans allein verhindert nur, dass der Thrombus wächst; auflösen muss ihn der Körper über Tage bis Wochen selbst. Beim instabilen Patienten ist diese Zeit nicht vorhanden.

Drei Wege der Reperfusion:

  • Systemische Thrombolyse: Ein Fibrinolytikum (in Deutschland Alteplase, rt-PA) wandelt Plasminogen in Plasmin um, das Fibrin im Embolus auflöst. Am meisten nützt sie in den ersten 48 Stunden nach Symptombeginn, sie kann aber noch bis etwa 6–14 Tage danach wirken. Bei etwa 8 % der Hochrisiko-Patienten bleibt sie erfolglos: Der Kreislauf bleibt instabil oder die RV-Funktion ist nach 36 Stunden unverändert.
  • Katheterbasierte Verfahren: Über die Leistenvene wird ein Katheter in die Pulmonalarterie vorgeschoben. Der Thrombus wird abgesaugt oder mechanisch zerkleinert, oder es wird eine niedrige Lysedosis direkt in den Thrombus gegeben. Besteht eine Kontraindikation gegen die Lyse, wählt das Team ein rein mechanisches Verfahren ohne Lysemittel. Die Gerätetypen sind Spezialwissen.
  • Chirurgische Embolektomie: Der Embolus wird mit Herz-Lungen-Maschine operativ aus den Pulmonalarterien entfernt.

Vergleichsdiagramm: oben Reperfusion heißt Strombahn wieder öffnen, ein Antikoagulans allein verhindert nur das Wachstum. Darunter drei Kästen nebeneinander: systemische Lyse mit Alteplase i.v., Plasmin löst Fibrin, Nutzen in den ersten 48 h am größten, wirkt bis 6–14 Tage, Hinweis intrakranielle Blutung 1,7 %; Kathetertherapie über die Leistenvene in die Pulmonalarterie mit Absaugen, Zerkleinern oder niedrig dosierter Lyse, Hinweis Zentrum; Embolektomie mit Herz-Lungen-Maschine, Hinweis Herzchirurgie. Unten: Lyse ist erste Wahl bei hohem Risiko ohne Kontraindikation, Katheter und OP sind die Alternative; gestrichelt: intermediär-hoch und stabil keine Routine-Reperfusion

Abbildung: Die drei Wege nebeneinander. Die Lyse wirkt im ganzen Körper und blutet deshalb am meisten; Katheter und Operation brauchen ein erfahrenes Zentrum. Quelle: eigene Darstellung.

Vier Pulmonalisangiografie-Aufnahmen im Herzkatheterlabor: oben vor dem Eingriff Kontrastmittelaussparungen in der rechten und linken Pulmonalarterie (rote Pfeile), unten nach der Thrombektomie wieder kontrastierte Lappen- und Segmentarterien

Abbildung: Katheterbasierte mechanische Thrombektomie bei massiver Lungenembolie. A und B vor dem Eingriff: Thromben verlegen die rechte und die linke Pulmonalarterie (Pfeile). C und D danach: Lappen- und Segmentarterien füllen sich wieder mit Kontrastmittel. Quelle: Avilés Castillo AC, Jiron R, Suárez García ME et al. Multidisciplinary Management of Massive Pulmonary Embolism in Twin Pregnancy Using Percutaneous Thrombectomy: Maternal-Fetal Survival. Cureus. 2026;18(3):e105400, Abb. 5 A–D (doi:10.7759/cureus.105400), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten.

Foto eines auf einem blauen OP-Tuch ausgebreiteten, verzweigten, dunkelroten Thrombus-Ausgusses der Pulmonalarterien (Pfeil a) unter einem Maßstab von 15 cm; darunter ein weiteres längliches Thrombusstück (Pfeil b)

Abbildung: Bei einer chirurgischen Embolektomie mit Herz-Lungen-Maschine entfernter Embolus: (a) etwa 25 cm langer Ausguss aus rechter und linker Pulmonalarterie mit ihren Ästen, (b) Thrombusstück, das durch die Trikuspidalklappe reichte. Quelle: Acharya GK, Adedayo AM, Prabhu H, Brinster DR, Mir P. Right Heart Transvalvular Embolus with High Risk Pulmonary Embolism in a Recently Hospitalized Patient: A Case Report of a Therapeutic Challenge. Case Rep Pulmonol. 2015;2015:481357, Abb. 4 (doi:10.1155/2015/481357), Lizenz CC BY 3.0; Herstelleraufdruck auf dem Lineal unkenntlich gemacht.

Wer bekommt was? (ESC 2019, S2k-Leitlinie 2023)

SituationVorgehen
hohes Risiko, keine Lyse-Kontraindikationsystemische Lyse (erste Wahl)
hohes Risiko mit Lyse-Kontraindikation oder erfolgloser Lysechirurgische Embolektomie oder Katheterverfahren
intermediär-hoch, stabilAntikoagulation + Monitoring, keine Routine-Lyse
intermediär-hoch, wird instabilRescue-Reperfusion: Lyse, bei Kontraindikation Katheter oder OP
intermediär-niedrig, niedrigAntikoagulation ohne Reperfusion

Flussdiagramm: oben links hohes Risiko (instabil, UFH-Bolus 80 I.E. pro kg, Kreislauf stützen), rechts intermediär-hoch (stabil, RV und Troponin positiv, Antikoagulation, Monitoring 1–3 Tage); sofort bzw. wenn instabil geht es zu 1 Reperfusion nötig mit LE-Team aus Intensivmedizin, Kardiologie/Angiologie, Radiologie und Herzchirurgie, Prüfung der Lyse-Kontraindikationen und früher Verlegung; ohne Kontraindikation 2a systemische Lyse mit Alteplase 100 mg über 2 h, danach UFH; mit Kontraindikation 2b Katheter oder OP im erfahrenen Zentrum; 3 Lyse erfolgreich? erfolglos bei etwa 8 % (weiter instabil oder RV nach 36 h unverändert) führt zu 2b; unten stabilisiert mit UFH, später NMH oder DOAK, und bei refraktärem Schock VA-ECMO im Zentrum

Abbildung: Beide Risikoklassen treffen sich im LE-Team. Danach entscheidet die Kontraindikation zwischen Lyse und Katheter/OP – und eine erfolglose Lyse führt ebenfalls zu Katheter oder OP. Quelle: eigene Darstellung.

Das LE-Team (PERT). Katheter- und OP-Verfahren gibt es nicht überall. Deshalb empfehlen ESC und Deutsche Gesellschaft für Kardiologie ein multidisziplinäres Lungenembolie-Team (Pulmonary Embolism Response Team, PERT): Intensivmedizin, Kardiologie bzw. Angiologie, Radiologie und Herzchirurgie entscheiden gemeinsam und schnell. Patienten mit hohem oder intermediär-hohem Risiko werden diesem Team direkt nach der Diagnose vorgestellt. Ist das Verfahren vor Ort nicht verfügbar, wird früh die Verlegung in ein erfahrenes Zentrum geplant – solange der Patient noch transportfähig ist.

Nur als Referenz: Bei refraktärem Schock oder unter Reanimation kann ein Zentrum eine venoarterielle ECMO (extrakorporale Membranoxygenierung) einsetzen, meist zusammen mit Embolektomie oder Kathetertherapie. Ein Vena-cava-Filter ist der Ausnahme vorbehalten, etwa wenn eine Antikoagulation absolut kontraindiziert ist.

Neue Datenlage – Leitlinienanpassung steht aus (nur zur Orientierung). In der Studie HI-PEITHO (N Engl J Med 2026) senkte eine ultraschallunterstützte Katheterlyse zusätzlich zur Antikoagulation bei ausgewählten Patienten mit RV-Belastung, Troponin-Erhöhung und Zeichen der Kreislauf- oder Atembelastung Tod, Kreislaufkollaps oder Rezidiv in 7 Tagen (4,0 % gegen 10,3 %), ohne signifikanten Unterschied bei schweren Blutungen; zudem ordnet die US-Leitlinie AHA/ACC 2026 die LE neu in klinische Kategorien A–E ein. Für Deutschland gelten bis zur Anpassung weiter ESC 2019 und S2k 2023 – eine Katheterbehandlung bei intermediär-hohem Risiko bleibt eine Einzelfallentscheidung des LE-Teams.

Lyse sicher durchführen

Das Alteplase-Schema (Fachinformation Actilyse, Stand April 2026; ESC 2019):

SituationDosisHinweis
Standard, ≥ 65 kg10 mg Bolus über 1–2 min, dann 90 mg über 2 h (gesamt 100 mg)zugelassen
< 65 kg10 mg Bolus, dann Infusion über 2 h; gesamt höchstens 1,5 mg/kgzugelassen
Reanimation oder drohender Kreislaufstillstandbeschleunigt 0,6 mg/kg über 15 min, höchstens 50 mgnicht zugelassen (Off-Label)

Beispiel beschleunigtes Schema: 80 kg × 0,6 mg/kg = 48 mg über 15 Minuten. Bei 90 kg ergäben sich rechnerisch 54 mg – hier gilt die Obergrenze von 50 mg. Im zugelassenen Schema unter 65 kg erhält eine 60 kg schwere Patientin höchstens 90 mg (1,5 mg/kg): 10 mg als Bolus, den Rest über 2 Stunden.

Flussdiagramm: Alteplase bei Hochrisiko-LE, vorher Kontraindikationen prüfen; 1 zwei Fragen nach Körpergewicht und Kreislaufstillstand; drei Äste: Standard ab 65 kg mit 10 mg Bolus über 1–2 min, 90 mg über 2 h, gesamt 100 mg, zugelassen; unter 65 kg mit 10 mg Bolus, Rest über 2 h, gesamt höchstens 1,5 mg pro kg, bei 60 kg höchstens 90 mg, zugelassen; beschleunigt bei Arrest mit 0,6 mg pro kg über 15 min, höchstens 50 mg, Reanimation 60–90 min fortsetzen, Off-Label; 2 Rechenbeispiele 80 kg ergibt 48 mg, 90 kg ergibt rechnerisch 54 mg, gegeben werden 50 mg; unten Heparin: Bolus vorher, nach der Lyse aPTT-gesteuert

Abbildung: Gewicht und Kreislaufsituation bestimmen das Schema; im beschleunigten Weg gilt nach der Rechnung immer noch die Obergrenze von 50 mg. Quelle: eigene Darstellung.

Heparin rund um die Lyse. Vor der Lyse läuft bereits UFH (Bolus, S01). Nach der Fachinformation wird Heparin nach der Alteplase-Infusion fortgesetzt bzw. wieder begonnen, sobald die aPTT unter dem Zweifachen des oberen Normwerts liegt, und dann aPTT-gesteuert weitergeführt; Ziel ist laut Fachinformation eine aPTT von 50–70 s (das 1,5- bis 2,5-Fache des Referenzwerts). Die ESC-Leitlinie erlaubt, UFH während der Alteplase-Infusion weiterlaufen zu lassen. Halte dich an das Protokoll deiner Klinik. Erst wenn der Patient stabil ist und keine Intervention mehr ansteht, wird auf ein NMH bzw. orales Antikoagulans umgestellt.

Zeitlicher Ablauf in vier Schritten: 1 vor der Lyse UFH-Bolus 80 I.E. pro kg, dann 18 I.E. pro kg und Stunde; 2 während der zweistündigen Alteplase-Infusion nach Klinikprotokoll – links ESC-Leitlinie 2019: UFH darf weiterlaufen, rechts Fachinformation: Heparin nach der Infusion fortsetzen bzw. neu starten; 3 aPTT messen, Heparin wieder starten, sobald die aPTT unter dem Zweifachen des oberen Normwerts liegt; 4 UFH aPTT-gesteuert mit Ziel 50–70 s, Kontrolle 6 h nach jeder Änderung, Thrombozyten besonders Tag 5–14; unten bei stabilem Patienten ohne weiteren Eingriff Umstellung auf NMH oder orales Antikoagulans, bei bedrohlicher Blutung Lyse stoppen, UFH pausieren, ggf. Protamin und Tranexamsäure

Abbildung: Heparin begleitet die Lyse vom Bolus bis zur Umstellung. Ob UFH während der Alteplase-Infusion weiterläuft, regelt das Klinikprotokoll. Quelle: eigene Darstellung.

Kontraindikationen der Lyse (ESC 2019):

Absolute Kontraindikationen
hämorrhagischer Schlaganfall oder Schlaganfall unklarer Ursache – jemals
ischämischer Schlaganfall in den letzten 6 Monaten
Tumor des zentralen Nervensystems
schweres Trauma, größere Operation oder Kopfverletzung in den letzten 3 Wochen
hämorrhagische Diathese (Blutungsneigung)
aktive Blutung
Relative Kontraindikationen
TIA in den letzten 6 Monaten
orale Antikoagulation
Schwangerschaft oder erste Woche nach der Geburt
nicht komprimierbare Punktionsstelle
traumatische Reanimation
therapierefraktäre Hypertonie (RR syst. > 180 mmHg)
fortgeschrittene Lebererkrankung
infektiöse Endokarditis
aktives peptisches Ulkus

Wie lese ich das? Bei einer absoluten Kontraindikation wird nicht systemisch lysiert; der Patient braucht einen anderen Reperfusionsweg (Katheter oder OP). Bei einer relativen Kontraindikation wägst du mit dem Team ab: Wie bedroht ist der Patient, wie groß ist die Blutungsgefahr? Bei einem instabilen Patienten überwiegt oft der Nutzen der Lyse.

Wie groß ist die Blutungsgefahr? In der Metaanalyse, die die ESC-Leitlinie 2019 zitiert, gingen Lysen mit 9,9 % schweren Blutungen und 1,7 % intrakraniellen Blutungen einher. Die PEITHO-Studie zeigt das Dilemma bei stabilen Patienten mit intermediär-hohem Risiko (Lyse mit Tenecteplase gegen Placebo, jeweils mit Heparin):

EreignisLysePlacebo
Tod oder Kreislaufkollaps in 7 Tagen2,6 %5,6 %
hämorrhagischer Schlaganfall2,0 %0,2 %
schwere Blutung außerhalb des Schädels6,3 %1,2 %

Die Lyse verhinderte also etwa drei Kollapse pro 100 Behandelte, verursachte aber etwa zwei zusätzliche Hirnblutungen und fünf weitere schwere Blutungen. Patienten über 75 Jahre bluteten besonders häufig. Deshalb wird bei intermediär-hohem Risiko nicht routinemäßig lysiert – sondern erst, wenn der Patient instabil wird.

Balkendiagramm zur PEITHO-Studie: drei Kästen mit je einem Balken für Lyse und Placebo – Tod oder Kreislaufkollaps in 7 Tagen 2,6 gegen 5,6 %, etwa 3 weniger; hämorrhagischer Schlaganfall 2,0 gegen 0,2 %, etwa 2 mehr; schwere Blutung außerhalb des Schädels 6,3 gegen 1,2 %, etwa 5 mehr, jeweils je 100 Behandelte; darunter Blutungsrisiko jeder Lyse aus der Metaanalyse: schwere Blutung 9,9 %, intrakranielle Blutung 1,7 %, über 75 Jahre besonders hoch; unten bleibt stabil: keine Routine-Lyse, wird instabil: Rescue-Reperfusion

Abbildung: Nutzen und Schaden der Lyse bei stabilen Patienten mit intermediär-hohem Risiko auf einen Blick: Drei verhinderten Kollapsen stehen etwa sieben zusätzliche schwere Blutungen gegenüber. Quelle: eigene Darstellung.

Während und nach der Lyse überwachst du: Blutdruck und Herzfrequenz, Neurologie (Bewusstsein, Pupillen, neue Ausfälle), Punktionsstellen, Hämoglobin und Gerinnung. Keine intramuskulären Injektionen und keine unnötigen arteriellen Punktionen. Bei einer bedrohlichen Blutung wird die Infusion gestoppt, Heparin pausiert und ggf. mit Protamin aufgehoben; Tranexamsäure hemmt die Fibrinolyse (Blutungsmanagement allgemein: C09-U08).

Links führt eine absolute Gegenanzeige zum anderen Reperfusionsweg; rechts wird bei relativer Gegenanzeige mit dem Team abgewogen. Nur der mögliche Lyseweg setzt sich mit UFH nach Klinikprotokoll, Überwachung und Maßnahmen bei bedrohlicher Blutung fort.

Abbildung: Der Ast mit absoluter Gegenanzeige endet bei Katheter oder Operation. Quelle: eigene Darstellung.

Kreislauf bei Rechtsherzversagen stützen

Beim akuten Rechtsherzversagen gelten andere Regeln als beim Volumenmangelschock. Das Problem ist nicht zu wenig Blut, sondern ein überlasteter RV vor einem verlegten Lungengefäßbett.

MaßnahmeWarum und wie
Volumen nur vorsichtigNur bei niedrigem zentralvenösem Druck bzw. kleiner, atemvariabler unterer Hohlvene: höchstens 500 ml über 15–30 min. Mehr Volumen überdehnt den RV, verschiebt das Septum und senkt das Herzzeitvolumen weiter.
NoradrenalinHebt den Blutdruck und damit die Durchblutung der RV-Muskulatur (0,2–1,0 µg/kg/min).
DobutaminBei niedrigem Herzzeitvolumen trotz normalisiertem Blutdruck erwägen (2–20 µg/kg/min); kann allein den Blutdruck senken.
SauerstoffBei SpO₂ < 90 %; High-Flow-Sauerstoff über die Nase (HFNC) bevorzugen, auch nichtinvasive Beatmung möglich.
Intubation nur, wenn unvermeidbarNarkoseeinleitung und Überdruckbeatmung können den Blutdruck abrupt senken und den Rückstrom zum RV vermindern – bis zum Kreislaufstillstand. Nur wenn nichtinvasive Verfahren nicht ausreichen; dann erfahrenstes Team, kreislaufschonende Einleitung, Vasopressor laufend, kleine Tidalvolumina (etwa 6 ml/kg) und Plateaudruck < 30 cmH₂O.

Zwei Spalten zeigen parallel Kreislauf und Atmung: links vorsichtige Volumengabe bei niedriger Füllung, Noradrenalin und gegebenenfalls Dobutamin; rechts Sauerstoff beziehungsweise nichtinvasive Unterstützung und nur bei unzureichendem Erfolg eine vorsichtige Intubation.

Abbildung: Volumen ist an niedrige Füllung gebunden; Dobutamin setzt einen normalisierten Blutdruck voraus. Quelle: eigene Darstellung.

Reanimation bei Verdacht auf LE. Kommt es zum Kreislaufstillstand und ist eine LE die wahrscheinliche Ursache (z. B. bekannte LE, typische Vorgeschichte, massiv dilatierter RV im Notfall-Echo), soll eine Lyse erwogen werden – dann im beschleunigten Schema (S05). Im Monitor zeigt sich dabei meist eine pulslose elektrische Aktivität. Weil das Fibrinolytikum Zeit zum Wirken braucht, wird die Reanimation nach der Lyse mindestens 60–90 Minuten fortgesetzt, bevor sie beendet wird (ESC 2019; ebenso die Reanimationsleitlinien des ERC 2025). In einem Zentrum kann eine ECMO-gestützte Reanimation eine Option sein (Referenz).

Flussdiagramm: Kreislaufstillstand – ist eine LE die Ursache? 1 Hinweise: bekannte LE oder typische Vorgeschichte, meist pulslose elektrische Aktivität, im Notfall-Echo massiv dilatierter RV ohne Erguss, Echo nur in der Pulskontrolle; 2 Lyse erwägen im beschleunigten Schema mit 0,6 mg pro kg über 15 min, höchstens 50 mg, bei 80 kg 48 mg, dazu UFH, Off-Label; dann links immer 3 weiter reanimieren mindestens 60–90 Minuten nach der Lyse, rechts im Zentrum ECMO-gestützte Reanimation mit Embolektomie oder Kathetertherapie; 4 Verlauf: bei Spontankreislauf Intensivstation mit UFH aPTT-gesteuert, ohne Spontankreislauf nach 60–90 Minuten Abbruch im Team erwägen

Abbildung: Nach einer Lyse unter Reanimation entscheidet erst der Verlauf nach 60–90 Minuten über einen Abbruch – das Fibrinolytikum braucht Zeit. Quelle: eigene Darstellung.

Merksatz: Beim akuten Rechtsherzversagen gilt: wenig Volumen, früh Noradrenalin, Intubation nur, wenn sie wirklich nötig ist – und die Ursache, den Embolus, beseitigen.

Multiple Choice

Wer hat ein hohes Risiko?

Aufgabe

Bei drei Patienten wurde in der Notaufnahme eine Lungenembolie in der CT nachgewiesen. Bei wem liegt nach ESC-Definition ein hohes Risiko vor?

Die Tabelle bündelt die Angaben der drei Patienten.

AngabeBefund
Patientin A, 74 Jahrekurzer Kollaps; jetzt RR 126/80 mmHg, Herzfrequenz 104/min; wach und orientiert
Patient B, 61 JahreRR 104/68 mmHg; Herzfrequenz 128/min; SpO₂ 87 %; RV/LV 1,4; Troponin erhöht
Patient C, 57 JahreRR 82/50 mmHg trotz 500 ml; kalte marmorierte Haut; verwirrt; Laktat 4,6 mmol/l
  1. a)74-jährige Frau, beim Aufstehen kurz kollabiert; jetzt RR 126/80 mmHg, Herzfrequenz 104/min, wach und orientiert
  2. b)61-jähriger Mann, RR 104/68 mmHg, Herzfrequenz 128/min, SpO₂ 87 %, RV/LV 1,4, Troponin erhöht
  3. c)57-jähriger Mann, RR 82/50 mmHg trotz 500 ml Infusion, kalte marmorierte Haut, verwirrt, Laktat 4,6 mmol/l
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Multiple Choice

sPESI berechnen

Aufgabe

Herr D., 83 Jahre, hat ein Bronchialkarzinom unter Chemotherapie, eine COPD und eine chronische Herzinsuffizienz. Bei LE-Nachweis misst du: RR 112/70 mmHg, Herzfrequenz 104/min, SpO₂ 93 %. Berechne den sPESI.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient83 Jahre; LE nachgewiesen
VorerkrankungenBronchialkarzinom unter Chemotherapie; COPD; chronische Herzinsuffizienz
Blutdruck112/70 mmHg
Herzfrequenz / SpO₂104/min; 93 %
  1. a)3 Punkte
  2. b)4 Punkte
  3. c)5 Punkte
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Multiple Choice

Stabil, aber belastet

Aufgabe

Eine 58-jährige Patientin mit beidseitiger zentraler LE ist kreislaufstabil (RR 124/78 mmHg, Herzfrequenz 114/min, SpO₂ 92 % unter 2 l O₂/min). In der CT beträgt RV/LV 1,2, das hs-Troponin ist erhöht. Kontraindikationen gegen eine Lyse bestehen nicht. Welches Vorgehen ist richtig?

Axiales CT des Thorax mit Kontrastmittel in Höhe des Herzens: die rechte Herzkammer ist deutlich weiter als die linke; ein blauer Pfeil aus dem Original zeigt auf sie

Abbildung: CT einer anderen Person mit Lungenembolie: Größenverhältnis der beiden Herzkammern in der axialen Schicht. Der Pfeil stammt aus dem Original. Quelle: Szymkiewicz S, Wróbel M, Cureus 2026;18(2):e103190, Abb. 2, CC BY 4.0, (Rand beschnitten)

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin58 Jahre; beidseitige zentrale LE
Blutdruck / Herzfrequenz124/78 mmHg; 114/min
SättigungSpO₂ 92 % unter 2 l O₂/min
CT / LaborRV/LV 1,2; hs-Troponin erhöht
Weitere Angabekeine Lyse-Kontraindikation
  1. a)Sofort systemische Lyse mit Alteplase 100 mg über 2 Stunden, weil RV und Troponin auffällig sind
  2. b)Entlassung mit einem DOAK und Kontrolle beim Hausarzt in drei Tagen
  3. c)Einlage eines Vena-cava-Filters, um weitere Embolien abzufangen
  4. d)Antikoagulation, Aufnahme mit Monitoring und Rescue-Reperfusion bei Verschlechterung
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Freie Antwort

Hochrisiko-LE nach Kraniotomie

Aufgabe

Herr B., 62 Jahre, wurde vor 10 Tagen an einem Meningeom operiert (Kraniotomie). Auf der Normalstation wird er plötzlich luftnötig und kaltschweißig. RR 78/46 mmHg trotz 500 ml Infusion, Herzfrequenz 132/min, SpO₂ 84 % unter 6 l O₂/min, Laktat 3,9 mmol/l. Das Echo am Bett zeigt einen massiv dilatierten RV mit D-förmigem LV; die CT bestätigt eine beidseitige zentrale LE. Die Klinik hat eine Herzchirurgie und ein Katheterlabor mit LE-Erfahrung.

Begründe in vier bis sechs Sätzen Risikoklasse, Reperfusionsweg und die nächsten Maßnahmen.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patient62 Jahre; Kraniotomie wegen Meningeom vor 10 Tagen
KreislaufRR 78/46 mmHg trotz 500 ml; Herzfrequenz 132/min; kaltschweißig
Atmung / LaborSpO₂ 84 % unter 6 l O₂/min; Laktat 3,9 mmol/l
Echo / CTRV massiv dilatiert, LV D-förmig; zentrale LE beidseits
Vor OrtHerzchirurgie und Katheterlabor mit LE-Erfahrung

Echokardiografie in der parasternalen kurzen Achse: die linke Herzkammer ist nicht rund, sondern D-förmig, weil die Kammerscheidewand abgeflacht ist; drei weiße Pfeile aus dem Original zeigen auf die Scheidewand

Abbildung: Echokardiografie einer anderen Person, parasternale kurze Achse. Die Pfeile stammen aus dem Original. Quelle: Ejjebli HE, Boulouiz S, Bazid Z, Ismaili N, El Ouafi N, Radiol Case Rep 2026;21(9):4028–36, Abb. 3B, CC BY 4.0, (Teilbild ausgeschnitten, Buchstabe überdeckt, vergrößert)

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Multiple Choice

Beschleunigtes Alteplase-Schema

Aufgabe

Eine 70 kg schwere Patientin mit bekannter zentraler LE wird zunehmend bradykard und hypoton; ein Kreislaufstillstand droht. Die Oberärztin entscheidet sich für das beschleunigte Alteplase-Schema. Berechne die Dosis.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Gewicht70 kg
Befundzentrale LE bekannt
Verlaufzunehmende Bradykardie und Hypotonie; Kreislaufstillstand droht
VorgabeOberärztin wählt beschleunigtes Alteplase-Schema
  1. a)50 mg über 15 Minuten
  2. b)42 mg über 15 Minuten
  3. c)100 mg über 2 Stunden
  4. d)105 mg über 2 Stunden
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Multiple Choice

Absolute Kontraindikation erkennen

Aufgabe

Bei vier Patienten mit Hochrisiko-LE wird eine systemische Lyse erwogen. Bei wem liegt eine absolute Kontraindikation vor?

Die Tabelle bündelt die Angaben der vier Patienten.

AngabeBefund
Patientin A, 64 Jahreischämischer Schlaganfall vor 4 Monaten
Patient B, 68 JahreTIA vor 4 Monaten; seitdem beschwerdefrei
Patientin C, 72 JahrePhenprocoumon bei Vorhofflimmern; INR 1,9
Patient D, 59 JahreRR vor Kreislaufversagen 190/100 mmHg
  1. a)64-jährige Frau, ischämischer Schlaganfall vor 4 Monaten
  2. b)68-jähriger Mann, TIA vor 4 Monaten, seitdem beschwerdefrei
  3. c)72-jährige Frau, nimmt wegen Vorhofflimmern Phenprocoumon ein, INR 1,9
  4. d)59-jähriger Mann, Blutdruck vor dem Kreislaufversagen 190/100 mmHg
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Freie Antwort

Übergabe an die Intensivstation

Aufgabe

Du betreust in der Notaufnahme Frau T., 59 Jahre. Seit gestern Luftnot, vor 3 Wochen Langstreckenflug. Befunde: RR 112/70 mmHg, Herzfrequenz 116/min, Atemfrequenz 24/min, SpO₂ 90 % unter 2 l O₂/min. CT: zentrale LE beidseits, RV/LV 1,4. hs-Troponin T 64 ng/l (Grenzwert 14 ng/l), Laktat 1,4 mmol/l. Keine Krebserkrankung, keine Herz- oder Lungenerkrankung, keine Lyse-Kontraindikation. Enoxaparin in therapeutischer Dosis wurde vor 30 Minuten gegeben.

Stelle Frau T. der Oberärztin der Intensivstation telefonisch vor. Nutze dafür die Struktur: Anlass – besonders relevant – führende Diagnose mit Begründung – gefährliche Alternative bzw. Verlaufsgefahr – nächster Schritt – Dringlichkeit.

Die Tabelle bündelt die Angaben des Falls.

AngabeBefund
Patientin / Verlauf59 Jahre; seit gestern Luftnot; Langstreckenflug vor 3 Wochen
KreislaufRR 112/70 mmHg; Herzfrequenz 116/min
Atmung24/min; SpO₂ 90 % unter 2 l O₂/min
CTzentrale LE beidseits; RV/LV 1,4
Laborhs-Troponin T 64 ng/l (Grenze 14); Laktat 1,4 mmol/l
Bishertherapeutisches Enoxaparin vor 30 min; keine Lyse-Kontraindikation

Axiales CT des Thorax mit Kontrastmittel in Höhe der Aufzweigung der Lungenarterie: in beiden Hauptästen liegen dunkle Aussparungen im hellen Kontrastmittel; zwei grüne Pfeile aus dem Original zeigen darauf

Abbildung: CT-Pulmonalisangiografie einer anderen Person mit vergleichbarem Befund. Die Pfeile stammen aus dem Original. Quelle: Valladares C, Nuñez C, Villacis E et al., Cureus 2025;17(10):e95353, Abb. 1, CC BY 4.0, (Buchstabe und Maßstab weggeschnitten)

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Blutung, Dauer, Nachsorge

Lernziel: Du kannst Blutungen unter Antikoagulation steuern und die Dauer festlegen.

Wo stehen wir? Du kannst eine VTE erkennen, ihr Risiko einordnen und ein Antikoagulans auswählen (C09-U04 bis C09-U07). Jetzt geht es um die Schattenseite und um die Zeit danach: Was tust du, wenn es unter der Antikoagulation blutet? Wie lange wird behandelt? Und worauf achtest du bei der Kontrolle nach drei Monaten?

Wie gefährlich ist die Blutung?

Jedes Antikoagulans, das Thrombosen verhindert, lässt auch leichter bluten. Größere Blutungen sind unter Antikoagulation nicht selten, besonders in den ersten Wochen und bei älteren Menschen. Du brauchst deshalb zwei Fähigkeiten: vorher erkennen, wer gefährdet ist, und im Ernstfall schnell einschätzen, wie schwer eine Blutung ist. In den Zulassungsstudien traten schwere Blutungen in den ersten 3–12 Monaten unter DOAK bei etwa 1 % auf, unter NMH mit anschließendem VKA bei knapp 2 %.

Wer blutet eher?

RisikofaktorWarum er zählt
Alter über 75 Jahreempfindlichere Gefäße, Stürze, oft schwächere Nierenfunktion
frühere Blutung, Anämiedie alte Blutungsquelle kann wieder bluten; wenig Reserve
aktive KrebserkrankungTumorblutung, Chemotherapie, niedrige Thrombozyten
Niereninsuffizienzrenal ausgeschiedene Mittel (Dabigatran, NMH) reichern sich an
Lebererkrankungweniger Gerinnungsfaktoren, Varizen, niedrige Thrombozyten
früherer Schlaganfallhöheres Risiko einer Hirnblutung
ASS, Clopidogrel, NSARzusätzliche Plättchenhemmung; NSAR schädigen die Magenschleimhaut
Sturzneigung, AlkoholVerletzungen, Magenulkus, unzuverlässige Einnahme
schwankende INR unter VKAWerte über dem Zielbereich lassen bluten

So nutzt du die Tabelle: Ein Risikofaktor ist in der Akutphase einer VTE fast nie ein Grund, auf die Antikoagulation zu verzichten – die Thrombose selbst ist meist gefährlicher. Er ist ein Grund, genauer hinzusehen und Veränderbares zu ändern: NSAR absetzen, ASS ohne klare Indikation beenden, einen Magenschutz geben, die Dosis an die Nierenfunktion anpassen (C09-U05). Später, bei der Frage nach der Behandlungsdauer, wiegt das Blutungsrisiko dagegen schwer (S03).

Oben die Häufigkeit schwerer Blutungen in Studien: DOAK etwa 1 %, NMH plus VKA knapp 2 %, am häufigsten in den ersten Wochen. Darunter zwei Spalten: veränderbare Faktoren wie NSAR, ASS ohne Indikation, fehlender Magenschutz, nicht angepasste Dosis und schwankende INR, die geändert werden; feste Faktoren wie Alter über 75 Jahre, frühere Blutung, Krebs, Niere, Leber, früherer Schlaganfall und Sturzneigung, die eingerechnet werden. Unten: in der Akutphase trotzdem antikoagulieren; nach 3 Monaten wiegt das Blutungsrisiko bei der Dauerentscheidung schwer.

Abbildung: Veränderbare Risikofaktoren beseitigst du sofort; die festen sprechen in der Akutphase nicht gegen die Antikoagulation, wiegen aber bei der Dauerentscheidung nach 3 Monaten schwer. Quelle: eigene Darstellung.

Wie schwer ist eine Blutung?

International wird eine schwere Blutung (engl. major bleeding) nach den Kriterien der ISTH (International Society on Thrombosis and Haemostasis) so definiert – es reicht ein Kriterium:

  • Die Blutung ist tödlich.
  • Sie betrifft einen kritischen Ort: intrakraniell, intraspinal, intraokulär, retroperitoneal, intraartikulär, perikardial oder intramuskulär mit Kompartmentsyndrom.
  • Sie senkt das Hämoglobin um mindestens 2 g/dl oder macht die Transfusion von mindestens 2 Erythrozytenkonzentraten nötig.

Für dein Handeln am Bett ordnest du jede Blutung in eine von drei Stufen ein:

StufeMerkmaleGrundhaltung
leichtz. B. kurzes Nasenbluten, Zahnfleischbluten, kleines Hämatom; Kreislauf und Hb stabillokal stillen, ggf. eine Dosis aussetzen, Ursache und Komedikation prüfen
schwermindestens ein ISTH-Kriterium, Kreislauf aber stabilpausieren, Blutung stillen, Volumen/Transfusion; die Wirkung lässt mit der Zeit nach
lebensbedrohlichSchock trotz Volumen, Blutung an kritischem Ort (z. B. Hirnblutung), nicht stillbaralles aus „schwer“ plus Wirkung gezielt aufheben (S02)

Zwei Fragen stellst du bei jeder Blutung sofort: Welches Mittel, in welcher Dosis, wann zuletzt eingenommen? und Wie ist die Nierenfunktion? Davon hängt ab, wie lange die Wirkung noch anhält.

Flussdiagramm: 1 sofort Wirkstoff, Dosis, letzte Einnahme, Kreatinin-Clearance, Blutdruck, Herzfrequenz, Hb-Verlauf und Blutungsort erheben; 2 ISTH-Kriterien für schwere Blutung: tödlich, kritischer Ort (intrakraniell, intraspinal, intraokulär, retroperitoneal, intraartikulär, perikardial, Muskel mit Kompartmentsyndrom), Hb-Abfall um mindestens 2 g/dl oder mindestens 2 Erythrozytenkonzentrate. Drei Spalten: leicht, schwer mit stabilem Kreislauf, lebensbedrohlich mit Schock, kritischem Ort oder nicht stillbarer Blutung. Ergebniszeile: lokal stillen; pausieren plus stillen und Volumen, DOAK-Wirkung lässt in 12–24 Stunden nach; zusätzlich Wirkung mit Antidot oder PPSB aufheben.

Abbildung: Erst Wirkstoff, Niere und Kreislauf erheben, dann mit den ISTH-Kriterien einstufen – die Stufe bestimmt, ob lokal gestillt, pausiert oder die Wirkung zusätzlich aufgehoben wird. Quelle: eigene Darstellung.

Blutung behandeln

Die drei Prinzipien der Gegenmittel kennst du aus C09-U02-S05: Zeit nutzen, das Molekül neutralisieren, fehlende Faktoren ersetzen. Jetzt setzt du sie in eine feste Reihenfolge.

Flussdiagramm in vier Schritten: 1 Schwere einschätzen mit Wirkstoff, letzter Einnahme und Kreatinin-Clearance; 2 allgemeine Maßnahmen immer: pausieren (DOAK meist nach 12–24 Stunden abgeklungen, Phenprocoumon wirkt 7–14 Tage nach), Blutung stillen, zwei großlumige Zugänge, Volumen, Erythrozytenkonzentrate, ASS, Clopidogrel und NSAR stoppen, Aktivkohle bei DOAK-Einnahme vor höchstens 2 Stunden. Dann die Frage lebensbedrohlich oder Notfall-OP: nein führt zu Zeit und Blutstillung mit engmaschiger Kontrolle; ja führt zum gestrichelten Schritt 3 Wirkung gezielt aufheben: Dabigatran mit Idarucizumab 5 g (wirkt in Minuten), Apixaban und Rivaroxaban sowie Edoxaban mit PPSB 50 I.E./kg (etwa 30 Minuten), Vitamin-K-Antagonist mit Vitamin K 10 mg i.v. plus PPSB (30 Minuten und 4–6 Stunden), UFH mit Protamin im Verhältnis 1 zu 1 nach I.E. (Minuten). 4 Wiederbeginn prüfen: behandelte Quelle meist früh, Magen-Darm-Blutung möglichst innerhalb von etwa 7 Tagen, kritischer Ort individuell und oft später.

Abbildung: Schritt 3 ist gestrichelt, weil er nur bei lebensbedrohlicher Blutung oder vor einer Notfalloperation dazukommt; die gelben Schilder zeigen, wann die jeweilige Gegenmaßnahme wirkt. Quelle: eigene Darstellung.

Schritt 2 – allgemeine Maßnahmen, immer

  • Pausieren: Die nächste Dosis entfällt. DOAK und UFH wirken nur Stunden; bei normaler Nierenfunktion ist ein großer Teil der Wirkung nach 12–24 Stunden abgeklungen. Phenprocoumon dagegen wirkt nach dem Absetzen noch 7–14 Tage nach.
  • Blutung stillen: Druck, Tamponade, endoskopische Blutstillung bei Magen-Darm-Blutung, Operation oder interventionelle Radiologie. Das ist oft wirksamer als jedes Gegenmittel.
  • Kreislauf stützen: zwei großlumige Zugänge, Volumen, Erythrozytenkonzentrate nach Hb und Klinik, bei Bedarf Thrombozyten.
  • Ursachen und Begleitmittel: ASS, Clopidogrel, NSAR und Wechselwirkungen prüfen; nach einer Blutungsquelle suchen – eine unerklärte Magen-Darm-Blutung kann ein Tumor sein.
  • Kurz nach der Einnahme: Liegt die letzte DOAK-Einnahme (vor allem bei Überdosis) höchstens etwa 2 Stunden zurück, kann Aktivkohle die Aufnahme verringern.

Schritt 3 – Wirkung gezielt aufheben (lebensbedrohlich oder Notfall-OP)

WirkstoffVorgehenDosis
DabigatranIdarucizumab (bindet Dabigatran sofort)5 g i.v. (2 × 2,5 g direkt nacheinander); ohne Idarucizumab: Dialyse erwägen
Apixaban, RivaroxabanPPSB oder Andexanet alfaPPSB 25–50 I.E./kg, meist 50 I.E./kg; Andexanet nach Schema (siehe unten)
EdoxabanPPSB (Andexanet hierfür nicht zugelassen)25–50 I.E./kg, meist 50 I.E./kg
Vitamin-K-AntagonistVitamin K plus PPSBVitamin K 5–10 mg langsam i.v. (lebensbedrohlich bzw. INR > 5: 10 mg); PPSB nach INR (Tabelle unten)
UFHProtamin1.000 I.E. Protamin neutralisieren etwa 1.000 I.E. Heparin; nach der noch wirksamen Heparinmenge der letzten Stunden, langsam i.v.
NMHProtamin, nur teilweise wirksamnach Fachinformation des NMH; hebt höchstens etwa 60 % der Anti-Xa-Wirkung auf
Fondaparinuxkein Antidot; Protamin wirkt nichtallgemeine Maßnahmen; Faktorenkonzentrate nur im Einzelfall nach Rücksprache

PPSB beim Vitamin-K-Antagonisten richtet sich nach der INR vor der Gabe:

INR vor der GabePPSB-Dosis (Faktor IX)
2,0–3,925 I.E./kg
4,0–6,035 I.E./kg
über 6,050 I.E./kg

Flussdiagramm: 1 INR vor der Gabe und Körpergewicht bis höchstens 100 kg; drei Kästen: INR 2,0–3,9 ergibt 25 I.E./kg, bei 70 kg 1.750 I.E.; INR 4,0–6,0 ergibt 35 I.E./kg, bei 70 kg 2.450 I.E.; INR über 6,0 ergibt 50 I.E./kg, bei 70 kg 3.500 I.E. 2 Beides zusammen geben: PPSB i.v. mit Faktoren II, VII, IX und X, wirkt nach etwa 30 Minuten, hält nur Stunden; Vitamin K 10 mg langsam i.v., neue Faktoren nach 4–6 Stunden, wirkt anhaltend. 3 INR im Verlauf kontrollieren, weil Phenprocoumon 7–14 Tage weiterwirkt. Ergebniszeile: PPSB plus Vitamin K von Anfang an zusammen richtig; nur PPSB lässt die INR nach Stunden wieder steigen; nur Vitamin K wirkt erst nach 4–6 Stunden.

Abbildung: Die PPSB-Dosis folgt der INR vor der Gabe (Beispiel 70 kg); Vitamin K gehört von Anfang an dazu, sonst steigt die INR nach einigen Stunden wieder. Quelle: eigene Darstellung.

Was du zu den einzelnen Mitteln wissen musst:

  • PPSB (Prothrombinkomplex-Konzentrat) enthält die Faktoren II, VII, IX und X. Beim VKA ersetzt es genau die fehlenden Faktoren und wirkt nach etwa 30 Minuten; die I.E.-Angabe bezieht sich auf Faktor IX, gerechnet wird mit dem Körpergewicht bis höchstens 100 kg. Bei Xa-Hemmern „überspielt“ PPSB die Hemmung durch ein Überangebot an Faktoren; das ist außerhalb der Zulassung (off-label), aber in Leitfäden fest verankert.
  • Vitamin K braucht 4–6 Stunden, bis neue Faktoren gebildet sind, wirkt dafür aber anhaltend. Beim VKA gibst du es immer zusammen mit PPSB: PPSB allein wirkt nur Stunden, danach steigt die INR wieder. Bei Blutung immer i.v., nicht i.m.
  • Andexanet alfa ist ein verändertes, unwirksames Faktor-Xa-Molekül, das Apixaban und Rivaroxaban abfängt. Es ist in der EU (seit 2019, bedingte Zulassung) für lebensbedrohliche oder unkontrollierbare Blutungen unter diesen beiden Wirkstoffen zugelassen; nicht jede Klinik hält es vor. Schema: Bolus über 15–30 min, dann 120 min Infusion – niedrige Dosis 400 mg + 4 mg/min, hohe Dosis 800 mg + 8 mg/min. Die niedrige Dosis gilt, wenn die letzte Dosis Apixaban ≤ 5 mg bzw. Rivaroxaban ≤ 10 mg war oder die letzte Einnahme mindestens 8 Stunden zurückliegt; sonst die hohe. Beachte: Thromboembolien sind eine bekannte Nebenwirkung, und nach Andexanet wirkt Heparin kaum – vor Operationen mit geplanter Heparingabe meiden. In der randomisierten Studie ANNEXA-I bei Hirnblutung senkte Andexanet die Sterblichkeit im Vergleich zur Standardbehandlung (meist PPSB) nicht, führte aber häufiger zu thrombotischen Ereignissen und ischämischen Schlaganfällen. Die Zahlen: thrombotische Ereignisse 10,3 % gegen 5,6 %, ischämische Schlaganfälle 6,5 % gegen 1,5 %, Tod nach 30 Tagen 27,8 % gegen 25,5 %. Der G-BA sah deshalb im Januar 2026 keinen Zusatznutzen gegenüber einer Therapie mit PPSB, bei Hirnblutung sogar einen Anhaltspunkt für einen geringeren Nutzen; in den USA ist das Präparat seit Ende 2025 nicht mehr auf dem Markt. Für dich heißt das: PPSB ist der Standardweg; Andexanet ist eine zugelassene Option nach dem Protokoll deiner Klinik, und bei hohem Thromboserisiko (z. B. frische VTE) wiegt sein Nachteil besonders schwer.

Entscheidungsdiagramm bei lebensbedrohlicher Blutung unter Apixaban oder Rivaroxaban. Links Standard PPSB 25–50 I.E./kg, meist 50, off-label, auch für Edoxaban; rechts Option Andexanet alfa, EU-Zulassung 2019 bedingt, nur Apixaban und Rivaroxaban, nach Klinikprotokoll, nicht überall vorrätig. 2 Andexanet-Dosis: Bolus über 15–30 Minuten, dann Infusion über 120 Minuten; niedrig 400 mg plus 4 mg/min bei letzter Dosis Apixaban bis 5 mg oder Rivaroxaban bis 10 mg oder Einnahme mindestens 8 Stunden zurück; hoch 800 mg plus 8 mg/min bei höherer Dosis und Einnahme vor weniger als 8 Stunden oder unbekannt. 3 ANNEXA-I bei Hirnblutung, Andexanet gegen meist PPSB: Blutungskontrolle 67 gegen 53 %, Thrombosen 10,3 gegen 5,6 %, ischämischer Schlaganfall 6,5 gegen 1,5 %, Tod nach 30 Tagen 27,8 gegen 25,5 %. Ergebniszeile: PPSB Standardweg; Andexanet Option nach Klinikprotokoll; Vorsicht bei frischer VTE, vor Operation mit Heparin meiden.

Abbildung: PPSB bleibt der Standardweg; wird Andexanet nach Klinikprotokoll gegeben, bestimmen letzte Dosis und Einnahmezeit die Dosis. ANNEXA-I zeigt den Preis: bessere Blutungskontrolle, aber mehr Thrombosen und Schlaganfälle ohne Überlebensvorteil. Quelle: eigene Darstellung.

  • Idarucizumab ist ein Antikörperfragment gegen Dabigatran und wirkt innerhalb von Minuten.
  • Tranexamsäure hemmt die Fibrinolyse und kann bei manchen Blutungen ergänzen; bei Magen-Darm-Blutung hat sie in einer großen Studie nicht genützt und wird dort nicht routinemäßig gegeben.

Schritt 4 – Wiederbeginn prüfen

Eine VTE bleibt nach der Blutung bestehen. Besonders in den ersten drei Monaten nach einer VTE ist das Rückfallrisiko ohne Antikoagulation hoch. Deshalb fragst du, sobald die Blutung steht: Ist die Quelle behandelt (z. B. Ulkus endoskopisch versorgt)? Dann ist ein früher Wiederbeginn meist richtig – den Zeitpunkt legst du gemeinsam mit der Fachdisziplin fest, die die Blutung versorgt hat. Nach einer Magen-Darm-Blutung empfiehlt die ESGE-Leitlinie (2021) den Wiederbeginn, sobald die Blutung kontrolliert ist – möglichst innerhalb von etwa 7 Tagen. Bei einer Blutung ohne behandelbare Ursache oder an kritischem Ort (z. B. Hirnblutung) wird individuell und oft später entschieden. Gleichzeitig prüfst du Wirkstoff und Dosis (Nierenfunktion, Wechselwirkungen) und beendest vermeidbare Zusatzrisiken. Muss die Antikoagulation in der Frühphase einer frischen proximalen Thrombose längere Zeit ganz ausfallen, kann ein vorübergehender Vena-cava-Filter erwogen werden – das entscheiden Spezialisten.

Flussdiagramm: 1 Steht die Blutung, Kreislauf und Hb stabil, Quelle behandelt, Ort kritisch? Ja führt zu Quelle behandelt, z. B. Ulkus endoskopisch versorgt, Magen-Darm möglichst innerhalb von etwa 7 Tagen, DOAK wirkt in Stunden, VKA erst nach Tagen, Schild früh. Nein oder kritisch führt zu z. B. Hirnblutung oder nicht behandelbarer Quelle, Zeitpunkt individuell und oft später, interdisziplinär, Schild später. 2 Gemeinsam festlegen mit der Fachdisziplin, Wirkstoff und Dosis nach Nierenfunktion und Wechselwirkungen. 3 Zusatzrisiken beenden: NSAR und ASS ohne Indikation absetzen, nach Ulkusblutung PPI fortführen. Ergebniszeile: früh, später, Vena-cava-Filter nur bei langer Pause in der Frühphase einer frischen proximalen TVT.

Abbildung: Die behandelte Blutungsquelle öffnet den Weg zum frühen Wiederbeginn; nach Magen-Darm-Blutung möglichst innerhalb von etwa 7 Tagen, den genauen Zeitpunkt legt die Fachdisziplin mit fest. Quelle: eigene Darstellung.

Wie lange antikoagulieren?

Die Behandlung einer VTE hat zwei Ziele mit unterschiedlicher Dauer: Zuerst muss der aktuelle Thrombus stabil werden und sich zurückbilden – dafür braucht jede VTE mindestens 3 Monate therapeutische Antikoagulation. Danach geht es nur noch um die Frage: Wie hoch ist das Risiko einer neuen VTE, wenn wir aufhören – und lohnt sich dafür das Blutungsrisiko einer Fortsetzung?

Die Antwort steckt in der Auslöser-Einordnung aus C09-U01-S03, die du jetzt anwendest:

Entscheidungsdiagramm nach mindestens 3 Monaten: 1 Auslöser einordnen, Rückfallrisiko pro Jahr nach Therapieende, dazu Blutungsrisiko und Wunsch der Person. Vier Zeilen mit Konsequenz: starker vorübergehender Auslöser vorbei, z. B. große OP oder Fraktur, Rückfall unter 3 % pro Jahr, beenden; schwacher oder anhaltender nicht bösartiger Faktor oder kein Auslöser, 3–8 % pro Jahr, verlängert erwägen, ab 6 Monaten Apixaban 2,5 mg zweimal täglich oder Rivaroxaban 10 mg; aktive Krebserkrankung, über 8 % pro Jahr, weiterführen mindestens 6 Monate und solange der Krebs aktiv ist; erneute VTE ohne starken Auslöser oder Antiphospholipid-Syndrom, über 8 % pro Jahr, unbefristet, beim APS VKA mit Ziel-INR 2,0–3,0. 2 Jede Fortführung neu bewerten, mindestens jährlich, bei hohem Blutungsrisiko alle 3–6 Monate.

Abbildung: Der Auslöser bestimmt das Rückfallrisiko nach dem Absetzen und damit die Grundrichtung; Blutungsrisiko und Wunsch der Person entscheiden in der mittleren Gruppe. Quelle: eigene Darstellung.

Die ESC-Leitlinie beziffert das Rückfallrisiko nach Therapieende grob: niedrig unter 3 %, mittel 3–8 %, hoch über 8 % pro Jahr.

So liest du das Diagramm:

  • Starker, vorübergehender Auslöser vorbei (z. B. TVT nach Gelenkersatz): Der Grund für die Thrombose ist weg, das Rückfallrisiko danach niedrig. Nach 3 Monaten wird beendet.
  • Schwacher Auslöser, anhaltender nicht bösartiger Faktor oder gar kein Auslöser: Das Rückfallrisiko nach dem Absetzen bleibt dauerhaft erhöht. Eine verlängerte Therapie ohne festes Enddatum wird erwogen – sie senkt Rückfälle deutlich, kostet aber Blutungen. Hier entscheiden das Blutungsrisiko (S01) und der informierte Wunsch der Person. Ein niedriges Blutungsrisiko spricht für Fortsetzen, ein hohes eher für Beenden.
  • Aktive Krebserkrankung: mindestens 6 Monate und darüber hinaus, solange der Krebs aktiv ist oder behandelt wird. Die Wahl des Mittels bei Krebs kennst du aus C09-U05.
  • Erneute VTE ohne starken Auslöser oder Antiphospholipid-Syndrom: unbefristet; beim Antiphospholipid-Syndrom mit VKA statt DOAK.

Verlängerte Therapie mit reduzierter Dosis

Wer nach den ersten 6 Monaten weiterbehandelt wird, braucht bei zwei Wirkstoffen nicht mehr die volle Dosis – die Rückfallschutzwirkung bleibt in Studien erhalten, das Blutungsrisiko sinkt tendenziell:

WirkstoffVerlängerte Phase (nach ≥ 6 Monaten)Hinweis
Apixaban2,5 mg 2×/dStandard der verlängerten Phase
Rivaroxaban10 mg 1×/d20 mg 1×/d bei hohem Rückfallrisiko
Edoxaban, DabigatranDosis unverändertreduzierte Dosis nicht untersucht
PhenprocoumonINR 2,0–3,0keine Niedrigdosis

Zahlen aus den Studien zur verlängerten Phase: In AMPLIFY-EXT traten im folgenden Jahr unter Placebo bei 8,8 %, unter Apixaban 2,5 mg 2×/d bei 1,7 % erneute VTE auf (schwere Blutungen 0,5 % gegen 0,2 %); in EINSTEIN-CHOICE lagen die Rückfälle unter ASS bei 4,4 %, unter Rivaroxaban 10 mg bei 1,2 % und unter 20 mg bei 1,5 % (schwere Blutungen 0,3–0,5 %).

Verlängert heißt nicht vergessen. Jede Fortführung wird regelmäßig neu bewertet, mindestens einmal jährlich, bei hohem Blutungsrisiko alle 3–6 Monate: Blutungen, Nierenfunktion und Blutbild, Adhärenz, neue Begleitmedikamente, Wunsch der Person.

Oben zwei Studienkästen mit Balken für Rückfall und schwere Blutung im Jahr der verlängerten Behandlung: AMPLIFY-EXT Placebo 8,8 % und 0,5 %, Apixaban 2,5 mg zweimal täglich 1,7 % und 0,2 %; EINSTEIN-CHOICE ASS 100 mg 4,4 % und 0,3 %, Rivaroxaban 10 mg 1,2 % und 0,4 %, Rivaroxaban 20 mg 1,5 % und 0,5 %. Darunter Abwägen in der mittleren Gruppe: für Fortsetzen sprechen kein oder anhaltender Auslöser, niedriges Blutungsrisiko und Wunsch nach Schutz; für Beenden hohes Blutungsrisiko, frühere schwere Blutung und Wunsch aufzuhören. Ergebniszeile: fortsetzen mit reduzierter Dosis ab 6 Monaten und jährlicher Neubewertung oder beenden nach 3 Monaten mit Prophylaxe in Risikosituationen.

Abbildung: Die reduzierte Dosis schützt in den Studien ähnlich gut wie die volle, schwere Blutungen bleiben selten – die Entscheidung fällt mit Blutungsrisiko und Wunsch der Person. Quelle: eigene Darstellung.

Nachsorge nach VTE

Nach etwa 3 Monaten – also vor der Dauerentscheidung – sieht jede Person mit VTE noch einmal eine Ärztin oder einen Arzt. Diese Kontrolle hat feste Inhalte:

Was du prüfstWieKonsequenz
Dauer der AntikoagulationAuslöser, Blutungsrisiko, Wunsch (S03)beenden, verlängern, Dosis anpassen
Blutung, Adhärenz, BegleitmittelAnamnese, MedikationslisteNSAR/ASS beenden, Einnahme schulen
Niere, Leber, BlutbildLaborDosis und Wirkstoff überprüfen
Luftnot, LeistungsfähigkeitAnamnese, Untersuchungbei anhaltender Dyspnoe: Echokardiografie, dann ggf. V/Q-Szintigrafie
Beine nach TVTSchwere, Schwellung, Hautveränderungenan ein postthrombotisches Syndrom denken (C09-U09)
Hinweise auf KrebsAnamnese, Untersuchung, Basislaborgezielt abklären; altersentsprechende Vorsorge

Senkrechter Zeitstrahl mit fünf Stationen: Entlassung mit Brief (Wirkstoff, Dosis, Datum der Umstellung, Mindestdauer, Warnzeichen, keine NSAR); nach etwa 4 Wochen Hausarzt (Kreatinin, Blutbild, Blutung, Einnahme, neue Medikamente); nach etwa 3 Monaten Wiedervorstellung (Dauer beenden oder verlängern, Luftnot mit Echo auf CTEPH, Beine auf postthrombotisches Syndrom, Hinweise auf Krebs und Vorsorge, ggf. Thrombophilie-Test planen); nach 6 Monaten nur bei Verlängerung Apixaban 2,5 mg zweimal täglich oder Rivaroxaban 10 mg einmal täglich möglich; jährlich Neubewertung, bei hohem Blutungsrisiko alle 3–6 Monate.

Abbildung: Die Kontrolle nach etwa 3 Monaten ist der Dreh- und Angelpunkt: Dort fällt die Dauerentscheidung, und dort fragst du gezielt nach Luftnot, Beinen und Krebszeichen. Quelle: eigene Darstellung.

Luftnot nach Lungenembolie – an CTEPH denken

Viele Menschen fühlen sich nach einer Lungenembolie noch wochenlang weniger belastbar; oft liegt das an Trainingsmangel oder Begleiterkrankungen. Selten bleibt aber Thrombusmaterial organisiert in den Lungenarterien liegen. Der Gefäßwiderstand steigt, und es entsteht eine chronisch thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) – eine behandelbare, unbehandelt aber fortschreitende Erkrankung. Sie entwickelt sich bei etwa 3 % der Menschen, die eine Lungenembolie überleben.

Foto mehrerer blasser, gelblich-weißer, häutig-zäher und gefalteter Gewebestücke auf einem blauen OP-Tuch

Abbildung: Bei einer pulmonalen Endarteriektomie wegen CTEPH aus den Lungenarterien entferntes Material. Es ist blass und fibrotisch organisiert – kein frischer, roter Thrombus mehr. Deshalb löst es sich unter Antikoagulation nicht mehr auf. Quelle: Zeeshan M, Pearl GJ, Chakinala MM et al. Multidisciplinary Management and Staged Surgical Treatment for Chronic Thromboembolic Pulmonary Hypertension and Subclavian Vein Thrombosis Caused by Venous Thoracic Outlet Syndrome. Cureus. 2025;17(5):e84953, Abb. 5b (doi:10.7759/cureus.84953), Lizenz CC BY 4.0; zugeschnitten, vergrößert.

Daran denkst du, wenn 3 Monate nach einer Lungenembolie trotz wirksamer Antikoagulation Belastungsdyspnoe oder Leistungsminderung bestehen oder neu auftreten. Der Weg ist gestuft:

  1. Transthorakale Echokardiografie: Wie wahrscheinlich ist eine pulmonale Hypertonie (geschätzter Druck, rechter Ventrikel)? Hinweisend ist vor allem eine Rückflussgeschwindigkeit über der Trikuspidalklappe (TRV) von mehr als 2,8 m/s.
  2. Bei mittlerer oder hoher Wahrscheinlichkeit: Ventilations-/Perfusionsszintigrafie (V/Q). Sie findet bleibende Perfusionsausfälle empfindlicher als die CT (Prinzip der V/Q: C09-U06-S05). Eine normale Perfusion schließt eine CTEPH weitgehend aus.
  3. Bei nicht passenden Perfusionsausfällen (Perfusion fehlt, Belüftung erhalten): Überweisung in ein Zentrum für pulmonale Hypertonie zur weiteren Abklärung. Dort sichert der Rechtsherzkatheter die pulmonale Hypertonie (mittlerer Pulmonalarteriendruck > 20 mmHg); behandelt wird je nach Befund mit Operation (pulmonale Endarteriektomie), Ballonangioplastie oder Medikamenten.

Flussdiagramm: Luftnot nach mindestens 3 Monaten wirksamer Antikoagulation. Einordnen: CTEPH bei etwa 3 % der Überlebenden einer Lungenembolie, häufiger Trainingsmangel oder Begleiterkrankungen. 1 Transthorakale Echokardiografie: Rückflussgeschwindigkeit über der Trikuspidalklappe, über 2,8 m/s oder Zeichen am rechten Ventrikel machen eine pulmonale Hypertonie möglich, Wahrscheinlichkeit niedrig, mittel oder hoch. Niedrig führt zu anderer Ursache wie Training, COPD, Herz oder Anämie und Verlaufskontrolle; mittel oder hoch führt zu 2 V/Q-Szintigrafie, empfindlicher als die CT für alte Perfusionsausfälle. Normal: CTEPH weitgehend ausgeschlossen; Mismatch mit fehlender Perfusion bei erhaltener Belüftung: ins Zentrum. 3 Zentrum für pulmonale Hypertonie: Rechtsherzkatheter mit pulmonaler Hypertonie bei mittlerem Pulmonalarteriendruck über 20 mmHg, CT-Angiografie oder Pulmonalisangiografie, Therapie mit Operation, Ballonangioplastie oder Medikamenten.

Abbildung: Die Echokardiografie geht der V/Q-Szintigrafie voraus; eine normale Perfusion schließt die CTEPH weitgehend aus, ein Mismatch führt ins Zentrum für pulmonale Hypertonie. Quelle: eigene Darstellung.

Zwei nebeneinanderstehende szintigrafische Aufnahmen beider Lungen auf schwarzem Grund. Links die Ventilation mit gleichmäßiger Aktivität in beiden Lungen, beschriftet mit Ventilation, beide Lungen gleichmäßig belüftet. Rechts die Perfusion mit fleckiger, an mehreren Stellen fehlender Aktivität in beiden Lungen, beschriftet mit Perfusion, mehrere segmentale Ausfälle in beiden Lungen.

Abbildung: V/Q-Szintigrafie bei CTEPH: Die Belüftung ist gleichmäßig, die Perfusion zeigt mehrere segmentale Ausfälle in beiden Lungen. Diese nicht passenden Ausfälle (Mismatch) führen ins Zentrum für pulmonale Hypertonie. Quelle: Zeeshan M, Pearl GJ, Chakinala MM et al. Cureus. 2025;17(5):e84953, Abb. 2 (doi:10.7759/cureus.84953), Lizenz CC BY 4.0; Buchstaben entfernt, deutsche Beschriftung ergänzt.

Ohne Beschwerden ist keine routinemäßige Bildgebung der Lungengefäße nötig. Ein normales Kontroll-CT „zur Sicherheit“ ändert nichts und kostet Strahlung.

Gezielte statt ausgedehnte Tumorsuche

Eine VTE kann das erste Zeichen eines Krebses sein, vor allem wenn kein Auslöser erkennbar ist. Trotzdem hat eine routinemäßige Ganzkörpersuche mit CT oder PET in Studien nicht mehr Tumoren rechtzeitig gefunden als ein gezieltes Vorgehen. Deshalb gilt: sorgfältige Anamnese (Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Husten, B-Symptome), körperliche Untersuchung, Basislabor (Blutbild, Leber- und Nierenwerte), ein Röntgenbild des Thorax, falls kein CT des Thorax erfolgt ist, und die altersentsprechenden Vorsorgeuntersuchungen (z. B. Darmkrebsvorsorge). Auffällige Befunde klärst du gezielt weiter. In der SOME-Studie wurde im ersten Jahr nach einer VTE ohne Auslöser bei 3,9 % ein Krebs entdeckt; ein zusätzliches CT von Abdomen und Becken fand nicht mehr Tumoren.

Flussdiagramm zur Tumorsuche nach VTE ohne Auslöser: Häufigkeit in der SOME-Studie 3,9 % neue Krebsdiagnosen im ersten Jahr, ein zusätzliches CT von Abdomen und Becken fand nicht mehr Tumoren und nicht früher. 1 Basisprogramm für alle in drei Kästen: Anamnese mit Gewichtsverlust, B-Symptomen, Blut im Stuhl und Husten; sorgfältige körperliche Untersuchung; Basislabor mit Blutbild, Leber- und Nierenwerten. 2 Ergänzen: Röntgen-Thorax, wenn kein CT des Thorax erfolgt ist, und altersentsprechende Vorsorge wie Koloskopie. Ergebniszeile: auffällig, gezielt weiter abklären; unauffällig, keine Routine-Suche mit Ganzkörper-CT oder PET.

Abbildung: Das Basisprogramm plus altersentsprechende Vorsorge reicht; nur auffällige Befunde werden gezielt weiter abgeklärt. Quelle: eigene Darstellung.

Thrombophilie – nur ausgewählt (Referenz)

Wann du an eine Thrombophilie denkst, kennst du aus C09-U01-S03. Getestet wird nur ausgewählt und nie in der Akutphase: Das Ergebnis ändert die Akutbehandlung nicht, und Thrombus sowie Antikoagulanzien verfälschen viele Messwerte. Wenn überhaupt, plant man den Test frühestens etwa 3 Monate nach dem Ereignis, abgestimmt mit einer Gerinnungsambulanz. Eine Ausnahme mit direkter Folge ist das Antiphospholipid-Syndrom, weil es die Wahl des Mittels (VKA statt DOAK) und die Dauer (unbefristet) bestimmt.

Hormone und Verhütung

Östrogenhaltige Präparate (kombinierte Pille, Hormonersatz) wirken gerinnungsfördernd und werden nach einer VTE in der Regel nicht fortgesetzt. Wer im gebärfähigen Alter mit einem DOAK behandelt wird, braucht eine sichere Verhütung ohne Östrogen, weil DOAK in der Schwangerschaft kontraindiziert sind (C09-U05).

Nach VTE werden zwei Fragen parallel bearbeitet: Thrombophilietests werden in der Akutphase vermieden und nur ausgewählt frühestens nach etwa drei Monaten mit einer Gerinnungsambulanz geplant. Ein Antiphospholipid-Syndrom verändert Mittel und Dauer. Östrogenhaltige Präparate werden in der Regel nicht fortgesetzt; unter DOAK ist eine sichere Verhütung ohne Östrogen nötig.

Abbildung: Die Testfrage hat ihren geplanten Zeitpunkt; die Hormon- und Verhütungsberatung gehört schon zur Nachsorge. Quelle: eigene Darstellung.

Kleinere Eingriffe unter Antikoagulation (Referenz)

Eine Antikoagulation wird vor einer Zahnextraktion, Hautbiopsie oder ähnlichen kleinen Eingriffen nicht pauschal abgesetzt. Oft wird ohne Unterbrechung oder nach einer kurzen, abgesprochenen Pause operiert und lokal blutgestillt; ein Überbrücken mit Heparin („Bridging“) ist bei DOAK in der Regel nicht nötig. Den Zeitpunkt stimmen behandelnde Ärztin und Operateur gemeinsam ab. Die Einzelheiten gehören zum perioperativen Gerinnungsmanagement.

Von Zahnextraktion oder Hautbiopsie unter DOAK führen die lokale Blutstillbarkeit und das Rückfallrisiko zur gemeinsamen Absprache. Je nach Absprache erfolgt der Eingriff ohne Unterbrechung oder nach kurzer Pause. Lokale Blutstillung gehört dazu; Heparin-Bridging ist bei DOAK in der Regel nicht nötig.

Abbildung: Bei kleinen Eingriffen bestimmen gemeinsame Absprache und lokale Blutstillung das Vorgehen; eine pauschale lange Pause ist nicht vorgesehen. Quelle: eigene Darstellung.

Das Procedere im Entlassungsbrief

Was in der Nachsorge passieren soll, muss im Brief stehen – sonst passiert es nicht. Ein gutes Procedere nach VTE enthält:

  • Medikation mit Wirkstoff, Dosis, Datum jeder Dosisänderung und geplanter Mindestdauer
  • Kontrollen: was, wann, durch wen (z. B. Kreatinin und Blutbild beim Hausarzt)
  • Wiedervorstellung nach etwa 3 Monaten zur Dauerentscheidung
  • Warnzeichen, bei denen die Person sofort kommen soll
  • eine bedingte Prognose: keine Garantie, sondern eine Erwartung unter Voraussetzungen

Für die bedingte Prognose nutzt du vier Satzbausteine:

  1. Unter der Voraussetzung, dass …, ist … zu erwarten.
  2. Diese Einschätzung hängt insbesondere von … ab.
  3. Wir überprüfen den Verlauf anhand von …
  4. Bei … muss die Situation erneut beurteilt werden.

Ein Beispiel nach einer Beinvenenthrombose:

Procedere: Rivaroxaban 15 mg 2×/d bis einschließlich 21.10.2026, ab 22.10.2026 20 mg 1×/d zu einer Mahlzeit; geplante Dauer mindestens 3 Monate (Auslöser: Unterschenkelfraktur mit Gips). Kreatinin und Blutbild in 4 Wochen beim Hausarzt. Wiedervorstellung in unserer Gefäßambulanz Anfang Januar 2027 zur Entscheidung über das Therapieende. Keine NSAR; bei Schmerzen Paracetamol.

Die Termine ordnen das Procedere dieses Beispiels zeitlich.

ZeitpunktGeplanter Schritt
bis einschließlich 21.10.2026Rivaroxaban 15 mg 2×/d
ab 22.10.2026Rivaroxaban 20 mg 1×/d zu einer Mahlzeit
in 4 WochenKreatinin und Blutbild beim Hausarzt
Anfang Januar 2027Gefäßambulanz: Entscheidung über das Therapieende

Prognose: Unter der Voraussetzung, dass Rivaroxaban regelmäßig eingenommen wird, ist eine Rückbildung der Beschwerden in den nächsten Wochen zu erwarten. Diese Einschätzung hängt insbesondere von der Therapietreue und vom Ausbleiben einer Blutung ab. Wir überprüfen den Verlauf anhand von Beinbefund, Blutbild und Nierenfunktion. Bei zunehmender Beinschwellung, Luftnot, Brustschmerz, Teerstuhl oder anderen Blutungszeichen muss die Situation sofort erneut beurteilt werden.

Beachte: Im Brief steht, was geplant ist, nicht ein erfundenes Ergebnis. „Beschwerden werden verschwinden“ wäre ein Versprechen; „ist zu erwarten, sofern …“ ist eine ehrliche Prognose.

Teerstuhl unter Apixaban

Fall: Frau H., 81 Jahre, 62 kg, wird vom Hausarzt eingewiesen. Sie hatte vor 7 Wochen eine Lungenembolie ohne erkennbaren Auslöser und nimmt seitdem Apixaban 5 mg 2×/d. Wegen Knieschmerzen nimmt sie seit 10 Tagen Ibuprofen 400 mg 3×/d. Seit gestern hat sie schwarzen, klebrigen Stuhl (Teerstuhl) und ist beim Aufstehen schwindelig. RR 108/64 mmHg, HF 102/min, Hb 7,8 g/dl (vor 4 Wochen 11,6 g/dl), Thrombozyten 240/nl, Kreatinin-Clearance 35 ml/min. Letzte Apixaban-Einnahme vor 6 Stunden (5 mg).

1. Wie schwer ist die Blutung?

  • Teerstuhl → Blutung im oberen Magen-Darm-Trakt, typisch z. B. aus einem NSAR-Ulkus.
  • Hb-Abfall um 3,8 g/dl (11,6 → 7,8) → ISTH-Kriterium erfüllt: schwere Blutung.
  • Kreislauf: tachykard und orthostatisch schwindelig, aber nicht hypoton, kein Schock → schwer, derzeit nicht lebensbedrohlich. Das kann sich ändern; du überwachst engmaschig.
  • Wirkung: Apixaban vor 6 Stunden – die Wirkung ist noch nahezu voll vorhanden. Apixaban wird nur zu etwa einem Viertel über die Niere ausgeschieden; die CrCl von 35 ml/min verlängert die Wirkung nur mäßig. Du erwartest ein deutliches Nachlassen innerhalb der nächsten 12–24 Stunden.

2. Allgemeine Maßnahmen

  • Apixaban pausieren, Ibuprofen absetzen.
  • Zwei großlumige Zugänge, Blutgruppe und Kreuzprobe, Volumen; bei Hb 7,8 g/dl, Symptomen und hohem Alter Gabe von Erythrozytenkonzentraten.
  • Hochdosierter Protonenpumpenhemmer i.v. und zeitnahe Gastroskopie zur Blutstillung, innerhalb von 24 Stunden.
  • Keine Aktivkohle: Die Einnahme liegt 6 Stunden zurück. Keine routinemäßige Tranexamsäure bei Magen-Darm-Blutung.

Sechs endoskopische Fotos von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren in zwei Reihen, jeweils mit Beschriftung. Obere Reihe: Forrest Ia, spritzende Blutung; Forrest Ib, Sickerblutung; Forrest IIa, sichtbarer Gefäßstumpf; alle drei mit rotem Etikett endoskopisch stillen. Untere Reihe: Forrest IIb, haftendes Koagel, mit orangem Etikett Koagel entfernen erwägen; Forrest IIc, flacher Hämatinfleck, und Forrest III, fibrinbedeckter Grund, beide mit grauem Etikett keine Blutstillung nötig.

Abbildung: Was die Gastroskopie bei Teerstuhl zeigen kann – die Forrest-Einteilung der Ulkusblutung. Aktive Blutung (Ia, Ib) und sichtbarer Gefäßstumpf (IIa) werden endoskopisch gestillt; bei haftendem Koagel (IIb) wird das Entfernen erwogen; IIc und III brauchen keine endoskopische Blutstillung. Quelle: Yen HH, Wu PY, Chen MF, Lin WC, Tsai CL, Lin KP. Current Status and Future Perspective of Artificial Intelligence in the Management of Peptic Ulcer Bleeding: A Review of Recent Literature. J Clin Med. 2021;10(16):3527, Abb. 2 (doi:10.3390/jcm10163527), Lizenz CC BY 4.0; Einzelbilder neu angeordnet, deutsche Beschriftung ergänzt.

3. Wirkung gezielt aufheben?

Derzeit nein: Die Blutung ist schwer, aber nicht lebensbedrohlich, und Endoskopie plus Zeit sind die wirksamsten Mittel. Du legst den Plan für eine Verschlechterung aber jetzt fest: Bei Schock oder nicht stillbarer Blutung erhält Frau H. PPSB 50 I.E./kg: 62 kg × 50 I.E./kg = 3.100 I.E. Andexanet alfa wäre nach Klinikprotokoll möglich, dann in niedriger Dosis (letzte Dosis 5 mg ≤ 5 mg → niedrige Dosis, unabhängig vom Zeitpunkt: 400 mg Bolus, dann 4 mg/min über 120 min). Bei ihrer erst 7 Wochen alten Lungenembolie spricht das erhöhte Thromboserisiko unter Andexanet aber eher für PPSB.

4. Wiederbeginn

Die Lungenembolie liegt erst 7 Wochen zurück – das Rückfallrisiko ohne Antikoagulation ist in dieser Phase hoch. Sobald die Blutungsquelle endoskopisch versorgt ist und der Hb stabil bleibt, wird Apixaban nach Absprache mit der Gastroenterologie früh wieder begonnen, in der für die VTE-Therapie vorgesehenen Dosis 5 mg 2×/d. Ibuprofen bleibt abgesetzt (bei Knieschmerzen z. B. Paracetamol), der Protonenpumpenhemmer wird fortgeführt. Die frühere Einordnung „kein Auslöser“ spräche nach 3 Monaten für eine verlängerte Therapie; die schwere Blutung geht nun als wichtiges Gegengewicht in diese Entscheidung ein.

Die Falldaten mit Hb-Abfall um 3,8 g/dl führen zur schweren, zunächst nicht lebensbedrohlichen Blutung. Links stehen aktuelle Maßnahmen, rechts der Eskalationsplan mit PPSB 3.100 I.E. bei Schock oder nicht stillbarer Blutung. Nach Blutstillung und stabilem Hb folgt der frühe Wiederbeginn mit Apixaban.

Abbildung: Der rechte Ast ist ein vorbereiteter Eskalationsplan; die aktuelle Kreislaufstabilität erlaubt zunächst Endoskopie und Zeit. Quelle: eigene Darstellung.

Kurz gesagt: „Schwere, derzeit nicht lebensbedrohliche obere GI-Blutung unter Apixaban und Ibuprofen mit Hb-Abfall um 3,8 g/dl. Apixaban und Ibuprofen pausiert, Transfusion, PPI i.v., Gastroskopie heute. Bei Kreislaufinstabilität PPSB 3.100 I.E. (alternativ nach Klinikprotokoll Andexanet alfa in niedriger Dosis). Nach Blutstillung früher Wiederbeginn von Apixaban 5 mg 2×/d ohne NSAR.“

Multiple Choice

Notfall-OP unter Dabigatran

Aufgabe

Herr P., 77 Jahre, 80 kg, nimmt seit 2 Monaten Dabigatran 150 mg 2×/d wegen einer tiefen Beinvenenthrombose. Er ist zu Hause gestürzt und wird zunehmend somnolent. Das CT zeigt ein akutes Subduralhämatom mit Mittellinienverlagerung; die Neurochirurgie plant die sofortige Entlastung. Letzte Dabigatran-Einnahme vor 3 Stunden, Kreatinin-Clearance 45 ml/min.

Axiale Computertomografie des Kopfes ohne Kontrastmittel: auf der im Bild linken Seite eine breite, sichelförmige, hellere Blutung zwischen Schädelknochen und Gehirn, markiert mit einem roten Pfeil; die Mittellinie und die Seitenventrikel sind deutlich zur Gegenseite verschoben, der Seitenventrikel auf der Seite der Blutung ist kaum noch zu sehen

Abbildung: Akutes Subduralhämatom im CT (Pfeil): sichelförmige, hyperdense Blutung entlang der Konvexität mit deutlicher Verlagerung der Mittellinie zur Gegenseite. Quelle: Evbayiro U, Delmas T, Lat T. Non-traumatic Acute Subdural Hematoma in a Patient With Scleroderma Complicated by Pulmonary Arterial Hypertension: A Case Report. Cureus. 2023;15(5):e38769, Abb. 1A (doi:10.7759/cureus.38769), Lizenz CC BY 4.0; Teilbild ausgeschnitten, Buchstabe entfernt, vergrößert.

Welche Maßnahme hebt die Antikoagulation vor der Operation am zuverlässigsten auf?

  1. a)Andexanet alfa in hoher Dosis
  2. b)PPSB 50 I.E./kg als alleinige Maßnahme
  3. c)Protamin langsam i.v.
  4. d)Idarucizumab 5 g i.v.
Lösung in der App →

Multiple Choice

Hirnblutung unter Phenprocoumon

Aufgabe

Frau G., 72 Jahre, 70 kg, nimmt Phenprocoumon wegen wiederholter Lungenembolien. Sie wird mit plötzlicher Halbseitenlähmung rechts eingeliefert. Das CT zeigt eine intrazerebrale Blutung links. INR 6,5, Hb 12,9 g/dl, RR 168/92 mmHg.

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Person72 Jahre; 70 kg
MedikationPhenprocoumon wegen wiederholter Lungenembolien
Beschwerden / CTplötzliche Halbseitenlähmung rechts; intrazerebrale Blutung links
INR6,5
Hb12,9 g/dl
RR168/92 mmHg

Welches Vorgehen ist richtig?

Axiales Schädel-CT ohne Kontrastmittel: in der linken Hirnhälfte (im Bild rechts) ein großer, heller, unregelmäßig begrenzter Herd in der Tiefe mit dunklem Saum; zwei feine farbige Hilfslinien des Betrachtungsprogramms kreuzen das Bild

Abbildung: Schädel-CT einer anderen Person mit vergleichbarem Befund (im Bild rechts = Patientenseite links). Die farbigen Linien stammen aus dem Original. Quelle: Roman C, Mihaila R, Cindea CN et al., Cureus 2024;16(11):e74750, Abb. 1 (linkes Teilbild), CC BY 4.0, (Teilbild ausgeschnitten, vergrößert)

  1. a)Phenprocoumon absetzen, sofort PPSB 3.500 I.E. (50 I.E./kg) und zusätzlich Vitamin K 10 mg langsam i.v.
  2. b)Phenprocoumon absetzen und die INR nach 24 Stunden kontrollieren
  3. c)Phenprocoumon absetzen und Vitamin K 10 mg oral geben
  4. d)Phenprocoumon absetzen und PPSB 3.500 I.E. geben; Vitamin K nur, falls die INR später wieder steigt
Lösung in der App →

Freie Antwort

Zwei Patienten, zwei Therapiedauern

Aufgabe

Beide Patienten sind seit 3 Monaten mit Apixaban 5 mg 2×/d behandelt und kommen zur Kontrolle. Bei beiden gab es keine Blutung, die Nierenfunktion ist normal, es gibt keinen Hinweis auf Krebs.

  • Herr A., 58 Jahre: tiefe Beinvenenthrombose 3 Wochen nach Kniegelenkersatz in Vollnarkose. Jetzt wieder voll mobil.
  • Frau B., 49 Jahre: Lungenembolie ohne erkennbaren Auslöser (keine OP, keine Hormone, keine Immobilisation). Niedriges Blutungsrisiko. Sie sagt: „Ich nehme nicht gern dauerhaft Tabletten.“

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
BeideApixaban 5 mg 2×/d seit 3 Monaten
Bisheriger Verlaufkeine Blutung; normale Nierenfunktion; kein Hinweis auf Krebs
Herr A.58 Jahre; TVT 3 Wochen nach Kniegelenkersatz in Vollnarkose; jetzt voll mobil
Frau B.49 Jahre; LE ohne OP, Hormone oder Immobilisation; niedriges Blutungsrisiko
Wunsch von Frau B.nimmt nicht gern dauerhaft Tabletten

Lege für beide die weitere Dauer der Antikoagulation fest. Begründe sie mit der Auslöser-Kategorie und nenne für Frau B. das konkrete Vorgehen einschließlich Dosis.

In der App sprechen üben →

Freie Antwort

Das Procedere im Entlassungsbrief

Aufgabe

Herr K., 63 Jahre, 84 kg, wurde wegen einer beidseitigen segmentalen Lungenembolie ohne erkennbaren Auslöser behandelt. Wegen einer COPD war sein sPESI 1; rechter Ventrikel und Troponin waren unauffällig → intermediär-niedriges Risiko. Apixaban wurde am 12.10.2026 mit 10 mg 2×/d begonnen (Tag 1). Kreatinin-Clearance 78 ml/min, Hb 14,2 g/dl, Thrombozyten 230/nl. Keine Hinweise auf Krebs in Anamnese, Untersuchung, Basislabor und CT des Thorax; eine Darmkrebsvorsorge hatte er noch nie. Er nimmt bei Rückenschmerzen gelegentlich Diclofenac. Entlassung am 16.10.2026.

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Person / Ereignis63 Jahre; 84 kg; beidseitige segmentale LE ohne erkennbaren Auslöser
Beginn / EntlassungApixaban-Beginn 12.10.2026; Entlassung 16.10.2026
Bisherige DosisApixaban 10 mg 2×/d
LaborCrCl 78 ml/min; Hb 14,2 g/dl; Thrombozyten 230/nl
BegleiterkrankungCOPD; RV und Troponin unauffällig
Vorsorge / Begleitmittelnoch keine Darmkrebsvorsorge; gelegentlich Diclofenac

Schreibe den Abschnitt „Procedere“ für seinen Entlassungsbrief (Medikation mit Dosis und Datum der Umstellung, Dauer, Kontrollen, Wiedervorstellung, Warnzeichen) und ergänze eine bedingte Prognose in vier Sätzen.

In der App sprechen üben →

Multiple Choice

Luftnot vier Monate nach Lungenembolie

Aufgabe

Frau D., 66 Jahre, hatte vor 4 Monaten eine Lungenembolie mit intermediär-hohem Risiko. Sie nimmt Rivaroxaban 20 mg 1×/d zuverlässig ein. Seit Wochen bekommt sie beim Treppensteigen schon nach einem Stockwerk Luftnot; vor der Embolie war sie problemlos wandern. Kein Bein-Befund, SpO₂ in Ruhe 96 %, keine Infektzeichen.

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Zeitpunkt66 Jahre; LE vor 4 Monaten
MedikationRivaroxaban 20 mg 1×/d; zuverlässige Einnahme
Belastbarkeitseit Wochen Luftnot nach einem Stockwerk; vorher Wandern möglich
RuhebefundeSpO₂ 96 %; kein Bein-Befund; keine Infektzeichen

Was ist der nächste diagnostische Schritt?

  1. a)Kontroll-CT-Angiografie der Lungenarterien zum Ausschluss eines Rezidivs
  2. b)Transthorakale Echokardiografie zur Einschätzung einer pulmonalen Hypertonie
  3. c)Beruhigen: Trainingsmangel nach Lungenembolie ist häufig; Wiedervorstellung in einem Jahr
  4. d)D-Dimer bestimmen; bei negativem Wert keine weitere Diagnostik
Lösung in der App →

Chronische Venenerkrankung

Lernziel: Du kannst CVI, postthrombotisches Syndrom und Ulcus cruris behandeln.

Wo stehen wir? Bisher ging es um die akute Thrombose: erkennen, behandeln, Blutungen beherrschen, die Dauer festlegen (C09-U01 bis C09-U08). Jetzt kommt die lange Strecke danach – und die Venenerkrankung, die ganz ohne Thrombose entsteht. Beide enden am selben Ort: bei einem dauerhaft zu hohen Venendruck im Bein, der die Haut schädigt und im schlimmsten Fall ein Ulkus hinterlässt. Du lernst, diesen Weg zu erkennen, einzuordnen und zu behandeln – vor allem mit Kompression, die du nur nach Prüfung der arteriellen Durchblutung einsetzt.

Wenn Venenklappen versagen – die Varikose

Was normal ist. Aus C09-U01-S01 kennst du die drei Venensysteme des Beins: die oberflächlichen Venen über der Muskelfaszie (V. saphena magna und parva mit ihren Seitenästen), die tiefen Venen zwischen den Muskeln und die Perforansvenen, die beide verbinden. Klappen lassen das Blut nur herzwärts und von außen nach innen fließen. Beim Gehen pressen Waden- und Sprunggelenkpumpe das Blut nach oben; der Venendruck am Fuß fällt dadurch von 90–100 mmHg im Stehen auf etwa 35 mmHg.

Was eine Varikose ist. Varizen (Krampfadern) sind erweiterte, meist geschlängelte oberflächliche Venen. Schließen ihre Klappen nicht mehr, fließt das Blut im Stehen zurück nach unten (Reflux) und dehnt die Vene weiter – ein sich selbst verstärkender Prozess.

  • Primäre Varikose (rund 95 %): Die Venenwand und die Klappen der oberflächlichen Venen sind von sich aus schwach. Risikofaktoren sind familiäre Belastung, Alter, Schwangerschaften und langes Stehen oder Sitzen. Die tiefen Venen sind frei.
  • Sekundäre Varikose (rund 5 %): Die oberflächlichen Venen erweitern sich als Umgehungskreislauf, weil der Abfluss in der Tiefe behindert ist – meist nach einer tiefen Venenthrombose (S03).

Welche Varizen es gibt

TypKennzeichen
Besenreiserfeinste Hautvenen unter 1 mm; meist kosmetisch
retikuläre Varizennetzartige Venen von 1 bis unter 3 mm
Seitenastvarizenerweiterte Äste der Stammvenen
StammvarikoseReflux in der V. saphena magna oder parva selbst, oft ab der Mündung (Crosse)
PerforansvarikoseReflux aus der Tiefe nach außen, häufig oberhalb des Innenknöchels

Foto eines stehenden Beins von innen: an der Innenseite von Oberschenkel und Unterschenkel zahlreiche dicke, geschlängelte, knotig vorgewölbte Venen unter der Haut, mit violettem Stift umrandet; die Haut des Unterschenkels leicht bräunlich

Abbildung: Primäre Varikose bei einem 22-jährigen Mann: dicke, geschlängelte Seitenastvarizen an Oberschenkel und Unterschenkel. Die Duplexsonografie zeigte einen Reflux in der V. saphena magna ab der Crosse (Stammvarikose); die tiefen Venen waren frei. Die violetten Linien sind Markierungen vor der Behandlung (Radiofrequenzablation und Schaumsklerosierung). So siehst du Varizen am besten: im Stehen. Quelle: La Marca MA, Bruno S, Dinoto E, Federico R, Pecoraro F, Mirabella D. Minimally invasive management of chronic venous insufficiency: A case report on combined radiofrequency ablation and sclerotherapy in an obese patient. Int J Surg Case Rep. 2025;130:111290, Abb. 1 (doi:10.1016/j.ijscr.2025.111290), Lizenz CC BY 4.0; Rand beschnitten.

Beschwerden. Schwere-, Spannungs- und Müdigkeitsgefühl in den Beinen, abendliche Knöchelschwellung, nächtliche Wadenkrämpfe, Juckreiz. Typisch ist der Tagesverlauf: Die Beschwerden nehmen nach langem Stehen oder Sitzen, abends und bei Wärme zu und bessern sich beim Gehen und Hochlegen. Das unterscheidet sie von der pAVK, bei der gerade das Gehen schmerzt.

Komplikationen sind die Varikophlebitis (schmerzhafter, geröteter, verhärteter Strang über einer Varize; Abklärung und Therapie kennst du aus C09-U04-S05 und C09-U05-S05), die tiefe Venenthrombose und – über Jahre – die chronische venöse Insuffizienz bis zum Ulkus (S02).

Untersuchung. Inspektion im Stehen, Tasten der Fußpulse. Die entscheidende Untersuchung ist die farbkodierte Duplexsonografie: Sie zeigt, ob die tiefen Venen frei sind und wo der Reflux beginnt und endet. Ältere Funktionstests (z. B. nach Trendelenburg) hat sie ersetzt. Als krankhafter Reflux gilt ein Rückfluss von mehr als 0,5 Sekunden in oberflächlichen Venen und Perforansvenen und von mehr als 1 Sekunde in V. femoralis und V. poplitea.

Behandlung – nur als Referenz. Konservativ helfen Bewegung, Hochlagern und Kompressionsstrümpfe; ein Medikament, das Varizen sicher zurückbildet, gibt es nicht. Ursächlich werden refluxive Stammvenen heute meist endovenös verschlossen (thermisch mit Laser oder Radiofrequenz), alternativ operativ (Crossektomie und Stripping) entfernt; kleinere Varizen werden verödet (Sklerosierung, auch als Schaum). Voraussetzung ist ein durchgängiges tiefes Venensystem; ist der tiefe Abfluss verschlossen, bleiben die Umgehungsvenen erhalten. Welche Technik passt, entscheiden Phlebologie und Gefäßchirurgie. Für dich zählt: Bei Varikose mit Zeichen einer CVI (ab Ödem, siehe S02) soll eine Behandlung angestrebt werden, die den Reflux wirksam ausschaltet.

Flussdiagramm Varikose: oben Varizen im Stehen mit Schwere und abendlicher Knöchelschwellung, darunter zwei Kästen primär etwa 95 Prozent (Wand und Klappen schwach, Familie, Alter, Schwangerschaft, Stehen, tiefe Venen frei) und sekundär etwa 5 Prozent (tiefer Abfluss behindert, meist nach TVT, Umgehungskreislauf). Beide führen zu 1 farbkodierte Duplexsonografie im Stehen: tiefe Venen frei, Beginn und Ende des Refluxes, pathologisch über 0,5 Sekunden oberflächlich und Perforans, über 1 Sekunde in V. femoralis und poplitea. Dann 2 CEAP-Klasse: C1 Besenreiser unter 1 mm und retikulär 1 bis unter 3 mm, C2 Varizen ab 3 mm, ab C3 Ödem gleich CVI mit Refluxbehandlung. Raute: tiefes System ausreichend durchgängig? Ja führt zu 3 Reflux ausschalten (Stammvene endovenös thermisch mit Laser oder Radiofrequenz, alternativ Crossektomie und Stripping, Seitenäste und kleine Varizen Sklerosierung); nein führt zu Umgehung erhalten (Umgehungsvenen nicht entfernen, tiefe Ursache klären, Kompression und Bewegung). Unten für alle: gehen, hochlagern, Kompressionsstrumpf; kein Medikament bildet Varizen zurück.

Abbildung: Erst die Duplexsonografie im Stehen klärt Reflux und tiefen Abfluss; nur bei durchgängigem tiefem System wird der oberflächliche Reflux ausgeschaltet. Quelle: eigene Darstellung.

Chronische venöse Insuffizienz – vom Venendruck zur Hautveränderung

Definition. Die chronische venöse Insuffizienz (CVI) ist die Folge eines dauerhaft erhöhten Venendrucks im Bein mit Ödem und typischen Haut- und Unterhautveränderungen. Ursachen sind vor allem das postthrombotische Syndrom (S03) und eine fortgeschrittene primäre Varikose; seltener angeborene Klappendefekte.

Der zentrale Mechanismus: ambulatorische venöse Hypertonie. Entscheidend ist nicht der Druck im Stehen – der ist bei Gesunden genauso hoch –, sondern der Druck beim Gehen. Wenn Klappen undicht sind oder ein Restverschluss den Abfluss bremst, kann die Muskelpumpe den Druck nicht mehr senken. Das Bein steht den ganzen Tag unter hohem Druck. Je höher der Druck beim Gehen, desto häufiger entsteht ein Ulkus: In einer klassischen Messreihe trat unter 30 mmHg kein Ulkus auf, über 90 mmHg bei allen Betroffenen.

Mechanismus der CVI: oben zwei Ursachen, primäre Varikose mit undichten oberflächlichen Klappen und Perforansvenen und Zustand nach TVT mit zerstörten tiefen Klappen und Restverschluss. Beide führen zur ambulatorischen venösen Hypertonie, bei der der Venendruck beim Gehen kaum sinkt. Ein Säulendiagramm zeigt den Venendruck am Fuß: gesund im Stehen 90 bis 100 mmHg und beim Gehen etwa 35 mmHg, bei CVI im Stehen gleich hoch und beim Gehen weiterhin hoch. Daneben ein grüner Kasten mit Gehen, Sprunggelenk bewegen, Kompression, Beine hochlagern, Reflux ausschalten. Zwei Etiketten: Gehdruck unter 30 mmHg kein Ulkus, über 90 mmHg Ulkus bei allen. Darunter fünf nummerierte Schritte: 1 Kapillaren mit gesteigerter Filtration, 2 Ödem (C3), 3 Hämosiderin mit brauner Pigmentierung (C4a), 4 Leukozyten und Entzündung mit Ekzem, Verhärtung und Vernarbung (C4a/C4b), 5 Ulcus cruris venosum meist über dem Innenknöchel (C6).

Abbildung: Vom Klappenschaden zum Ulkus – entscheidend ist der Unterschied der Säulen beim Gehen; die fünf Schritte entsprechen der Liste im Text, die Etiketten den CEAP-Klassen. Quelle: eigene Darstellung.

Was der hohe Druck anrichtet – Schritt für Schritt:

  1. In den Kapillaren steigt der Filtrationsdruck. Flüssigkeit, Eiweiß und rote Blutkörperchen treten ins Gewebe aus.
  2. Das Lymphsystem kann den Mehranfall nicht abtransportieren → Ödem, zuerst abends um die Knöchel.
  3. Ausgetretene Erythrozyten zerfallen; ihr Eisen bleibt als Hämosiderin in der Haut → bräunliche Pigmentierung.
  4. Weiße Blutkörperchen haften an den Gefäßwänden und lösen eine chronische Entzündung aus → Ekzem, Verhärtung, Vernarbung, Verlust kleiner Hautgefäße.
  5. Die Haut wird schlecht ernährt. Schon eine kleine Verletzung heilt nicht mehr → Ulkus.

Die Hautzeichen, die du erkennen musst

BefundWas du siehst
Corona phlebectaticaKranz feiner, bläulicher Venen am inneren (und äußeren) Fußrand; frühes Warnzeichen
Hyperpigmentierungbräunliche Flecken im unteren Unterschenkel durch Hämosiderin
Stauungsekzemjuckende, gerötete, schuppende Haut, oft beidseits im Knöchelbereich
Dermatoliposklerosederbe, verhärtete, oft bräunliche Haut; der Unterschenkel verjüngt sich wie eine umgedrehte Sektflasche
Atrophie blancheweißliche, eingesunkene, narbige Herde mit feinen roten Punkten; heilt schlecht, Ulkusgefahr
Ulcus cruris venosumoffene Wunde, meist oberhalb oder hinter dem Innenknöchel

Foto eines liegenden Unterschenkels mit Fuß von der Seite: am Fußrand unterhalb des Knöchels ein dichtes Netz feiner blauvioletter und roter Äderchen; am unteren Unterschenkel fleckige rotbraune Verfärbung und feine Schuppung der Haut

Abbildung: Corona phlebectatica – ein Kranz feiner bläulicher und roter Venen am Fußrand unterhalb des Knöchels. Darüber bräunliche Hyperpigmentierung und schuppende Haut. Nach CEAP sind das C4c (Corona) und C4a (Pigment, Ekzem). Quelle: Lessiani G, Gazzabin L, Cocco G, Corvino A, D’Ardes D, Boccatonda A et al. Understanding CEAP Classification: Insights from an Italian Survey on Corona Phlebectatica and Recurrent Active Venous Ulcers by Vascular Specialists. Medicina (Kaunas). 2024;60(4):618, Abb. 1 (doi:10.3390/medicina60040618), Lizenz CC BY 4.0; Rand beschnitten.

Stauungsekzem oder Kontaktallergie? Die vorgeschädigte Haut reagiert leicht allergisch auf Salben, Duftstoffe oder Pflaster. Ein plötzlich aufflammendes Ekzem unter einer neuen Creme ist deshalb oft eine Kontaktallergie (mehr in S04).

Einteilen mit CEAP. International (und laut den aktuellen deutschen Leitlinien) wird die chronische Venenerkrankung nach CEAP beschrieben: Clinical (klinisches Bild), Etiology (Ursache), Anatomy (betroffenes Venensystem), Pathophysiology (Reflux, Obstruktion). Im Alltag reicht als Mindestangabe die C-Klasse. Die ältere deutsche Einteilung nach Widmer soll nicht mehr verwendet werden.

Treppe der CEAP-C-Klassen, jede Stufe breiter: blau C0 keine sichtbaren oder tastbaren Zeichen, C1 Besenreiser unter 1 mm und retikuläre Venen 1 bis unter 3 mm, C2 Varizen ab 3 mm und C2r Rezidivvarizen; ocker C3 venöses Ödem, C4a Pigmentierung und Ekzem, C4b Dermatoliposklerose und Atrophie blanche mit höchstem Ulkusrisiko in C4, C4c Corona phlebectatica, neu 2020; rot C5 abgeheiltes Ulkus, C6 florides Ulkus und C6r Rezidivulkus. Darunter drei Regeln: alle Befunde zuordnen, höchste Klasse benennt den Schweregrad, s mit und a ohne Beschwerden; Beispiel Varizen plus Ödem plus Atrophie blanche gleich C2, C3, C4b, also C4b,s. Unten E, A und P: Ep primär, Es sekundär, Ec angeboren; As oberflächlich, Ad tief, Ap Perforans; Pr Reflux, Po Obstruktion, Pr,o beides.

Abbildung: Die C-Klassen der CEAP-Klassifikation (Revision 2020): blau ohne CVI, ocker CVI ohne Ulkus, rot Ulkus; die höchste zutreffende Klasse benennt den Schweregrad. Quelle: eigene Darstellung.

So wendest du CEAP an – drei Regeln:

  • Alle Befunde aufzählen, die höchste Klasse benennt den Schweregrad. Ein Bein mit Varizen, Ödem und Atrophie blanche ist C2, C3, C4b – kurz: C4b.
  • Beschwerden ergänzen: „s“ (symptomatisch) oder „a“ (asymptomatisch), z. B. C4b,s.
  • Neu seit 2020: C4c (Corona phlebectatica) und das „r“ für Rezidive (C2r, C6r). Beim Ulkus unterscheidest du C6 (offen) und C5 (abgeheilt).

Bei der Ursache (E) schreibst du „Ep“ für primär und „Es“ für sekundär, etwa postthrombotisch. Die übrigen Buchstaben braucht vor allem die Fachambulanz.

Nahaufnahme eines Unterschenkels: in der Mitte eine flache, rote, feucht glänzende Wunde mit gelblichem Rand; ringsum fleckige rotbraune Verfärbungen, schuppige, wachsartig glänzende und gespannte Haut sowie weißliche Areale

Abbildung: So sieht die Haut nach Jahren venöser Hypertonie aus: bräunliche Hämosiderin-Flecken, schuppige, wachsartig glänzende, verhärtete Haut (Dermatoliposklerose) und mittendrin ein florides Ulkus. Für CEAP gilt die höchste Klasse: Das offene Ulkus macht den Befund zu C6. Quelle: Xie T, Ye J, Rerkasem K, Mani R. The venous ulcer continues to be a clinical challenge: an update. Burns Trauma. 2018;6:18, Abb. 2a (doi:10.1186/s41038-018-0119-y), Lizenz CC BY 4.0; Teilbild ausgeschnitten, Buchstabe entfernt.

Das postthrombotische Syndrom

Definition. Das postthrombotische Syndrom (PTS) ist eine CVI als Spätfolge einer tiefen Venenthrombose. Es ist die häufigste Ursache einer schweren CVI. Nach einer proximalen TVT entwickeln je nach Definition etwa 20 bis über 50 % der Betroffenen ein PTS, meist innerhalb der ersten zwei Jahre; schwer verläuft es bei etwa 5–10 %.

Wie es entsteht. Der Körper versucht, den Thrombus abzubauen. Selten gelingt das ohne Schaden. Meist wird der Thrombus bindegewebig umgebaut: Die Vene wird zwar wieder durchgängig, aber ihre Wand ist starr und ihre Klappen sind zerstört (Reflux). Bei einem Teil bleibt ein Abschnitt verschlossen (Obstruktion). Beides führt zur ambulatorischen venösen Hypertonie – mit denselben Folgen wie in S02. Oft öffnen sich zusätzlich oberflächliche Umgehungsvenen (sekundäre Varikose).

Wer ist besonders gefährdet?

  • ausgedehnte, proximale Thrombose, vor allem mit Beteiligung der Becken- und Oberschenkelvenen
  • erneute Thrombose im selben Bein
  • anhaltende Beschwerden in den ersten Wochen nach der TVT
  • unzureichende Antikoagulation in den ersten Monaten (z. B. INR oft unter dem Zielbereich, Einnahmelücken)
  • Übergewicht, höheres Alter, schon vorher bestehende Varikose oder CVI

Flussdiagramm Entstehung des PTS: oben rot tiefe Venenthrombose, vor allem Becken- und Oberschenkelvenen. Grauer Kasten: Risiko steigt bei ausgedehnter proximaler TVT, erneuter TVT im selben Bein, über Wochen anhaltenden Beschwerden, lückenhafter Antikoagulation und Übergewicht, höherem Alter oder vorbestehender CVI. Schritt 1, was mit dem Thrombus geschieht, mit drei Ästen: selten aufgelöst mit intakten Klappen ohne Folgen; meist bindegewebig umgebaut, Vene wieder offen, Wand starr, Klappen zerstört, Reflux; bei einem Teil bleibt ein Abschnitt verschlossen, Obstruktion, Umgehungsvenen öffnen sich. Die beiden letzten führen zu Schritt 2 ambulatorische venöse Hypertonie und Schritt 3 postthrombotisches Syndrom mit Schwere, Schwellung, Besserung beim Hochlegen, Hautzeichen bis zum Ulkus und Claudicatio venosa bei Beckenvenenverschluss. Unten drei Zahlenfelder: 20 bis über 50 Prozent nach proximaler TVT, etwa 5 bis 10 Prozent schweres PTS, meist in den ersten zwei Jahren.

Abbildung: Reflux durch zerstörte Klappen und ein Restverschluss sind die beiden Wege von der Thrombose zum PTS. Quelle: eigene Darstellung.

Woran du es erkennst. Schwere, Schwellung, Spannungs- und Schmerzgefühl im betroffenen Bein, oft nach langem Stehen und abends, Besserung beim Hochlegen; dazu die Hautzeichen aus S02 bis zum Ulkus. Bei Verschluss der Beckenvenen kann beim Gehen ein berstender Schmerz im ganzen Bein auftreten (Claudicatio venosa).

Wann du die Diagnose stellst. Schmerz und Schwellung der akuten TVT brauchen Wochen, um abzuklingen. Ein PTS beurteilst du deshalb erst nach der Akutphase, in der Regel frühestens 3–6 Monate nach der TVT. Und: Nimmt die Schwellung plötzlich wieder zu, denkst du zuerst an eine erneute Thrombose – sie klärst du mit Kompressionssonografie im Vergleich zum Vorbefund (C09-U04-S05).

Den Schweregrad messen: der Villalta-Score. Er ist der empfohlene Standard. Die Person bewertet fünf Beschwerden, du bewertest sechs Befunde am Bein – jeweils mit 0 (fehlt), 1 (leicht), 2 (mäßig) oder 3 (stark):

Beschwerden (Person)Befunde (Ärztin/Arzt)
Schmerzprätibiales Ödem
KrämpfeHautverhärtung (Induration)
SchweregefühlHyperpigmentierung
Missempfindungen (Parästhesien)Rötung
JuckreizVenenerweiterungen (Venektasien)
Schmerz bei Wadenkompression

Deutung: Summe 0–4 = kein PTS. ≥ 5 Punkte = PTS: 5–9 leicht, 10–14 mittelschwer, ≥ 15 Punkte oder ein venöses Ulkus = schwer. Ein Ulkus macht das PTS also immer schwer, egal wie hoch die Summe ist.

Flussdiagramm: Bein nach TVT schwer und geschwollen. Raute: plötzlich mehr Schwellung oder Schmerz? Ja führt rot zu erst Rezidiv ausschließen mit Kompressionssonografie und Vergleich mit dem Vorbefund. Nein führt zu 1 Akutphase abwarten, PTS frühestens 3 bis 6 Monate nach TVT beurteilen, dann 2 Villalta-Score bilden aus 5 Beschwerden und 6 Befunden, je 0 bis 3 Punkte, Summe 0 bis 33. Raute venöses Ulkus? Ja führt direkt zu schwerem PTS; nein: die Summe zählt. Ergebniszeile: 0 bis 4 kein PTS, 5 bis 9 leicht, 10 bis 14 mittelschwer, ab 15 oder Ulkus schwer.

Abbildung: Plötzliche Verschlechterung heißt zuerst Rezidiv ausschließen; nach der Akutphase stuft der Villalta-Score das PTS ein, ein Ulkus macht es immer schwer. Quelle: eigene Darstellung.

Vorbeugen – das meiste geschieht in der Akutphase

  • Wirksame Antikoagulation von Anfang an und ohne Lücken (C09-U05). Jede neue Thrombose im selben Bein erhöht das PTS-Risiko deutlich.
  • Frühe Mobilisation, keine Bettruhe (C09-U05-S05).
  • Kompression: Bei akuter TVT beginnt die Kompression direkt nach der Diagnose – anfangs als Verband, nach Abschwellung als angepasster, meist wadenlanger Kompressionsstrumpf der Klasse 2 (23–32 mmHg an der Fessel); bei zusätzlicher Oberschenkelschwellung anfangs schenkellang. Sicher belegt ist, dass Schmerz und Schwellung schneller zurückgehen. Ob Strümpfe das PTS verhindern, ist umstritten: Mehrere ältere Studien und ein deutscher Übersichtsartikel (2024) sprechen für etwa halb so viele PTS, die große SOX-Studie fand keinen Nutzen. Deutsche Leitlinien empfehlen die Kompression; nach 6 Monaten prüfst du anhand von Beschwerden und Befund (z. B. Villalta-Score, kurzer Auslassversuch), ob sie weiter nötig ist – eine individuelle Dauer ist einer starren Dauer von 2 Jahren nicht unterlegen.

Flussdiagramm PTS vorbeugen: oben rot akute TVT, drei grüne Hebel Antikoagulation von Anfang an ohne Lücken (Rezidiv im selben Bein erhöht das PTS-Risiko), Mobilisation früh ohne Bettruhe, Kompression direkt nach der Diagnose. Ablauf der Kompression: 1 Kompressionsverband sofort nach der Diagnose bis zur Abschwellung, vorher arterielle Durchblutung prüfen; 2 angepasster Strumpf Klasse 2 mit 23 bis 32 mmHg an der Fessel, meist wadenlang, bei Oberschenkelschwellung anfangs schenkellang; 3 nach 6 Monaten Bedarf prüfen mit Beschwerden, Befund und Villalta-Score sowie kurzem Auslassversuch, individuell statt starr 2 Jahre. Ergebnis: bei Beschwerden oder PTS weiter tragen, beschwerdefrei absetzen möglich. Hinweis: Schutz vor PTS umstritten, SOX-Studie ohne Nutzen.

Abbildung: Antikoagulation, Mobilisation und Kompression wirken in der Akutphase; nach 6 Monaten entscheidest du individuell über den Strumpf. Quelle: eigene Darstellung.

Behandeln – wenn das PTS da ist

MaßnahmeWarum
Kompressionsstrumpf, meist Klasse 2; bei schwerem PTS Klasse 3 (34–46 mmHg) oder flachgestricktsenkt den Venendruck beim Gehen, lindert Schwellung und Schwere
Gehen, Wadenmuskel- und Sprunggelenktraining, Hochlagernaktiviert die Pumpen; ein steifes Sprunggelenk verschlechtert die CVI
Gewicht reduzieren, Hautpflegeweniger Druck, weniger Ekzem und Ulkusgefahr
oberflächlichen Reflux ausschalten, wenn er relevant beiträgtentlastet das Bein; tiefe Venen müssen ausreichend durchgängig sein
Ulkus: Vorgehen nach S04ein Ulkus heißt schweres PTS

Nur als Referenz: Bei schwerem PTS durch einen Verschluss der Beckenvenen können Zentren die Vene mit Katheter und Stent wieder eröffnen. Die Auswahl der Patienten und die Technik sind Spezialwissen.

Zwei Fotos derselben Wadeninnenseite nebeneinander: links eine große, unregelmäßige, dunkelrot verkrustete Wunde in tiefrot-bräunlich verfärbter, schuppiger Haut, darüber ein runder Markierungsaufkleber; rechts dieselbe Region mit geschlossener Haut, nur noch bräunlichen Flecken und kleinen Krusten

Abbildung: Schweres PTS bei einem 66-jährigen Mann, Jahrzehnte nach einer TVT: wiederkehrendes Ulkus an der Wadeninnenseite, umgeben von Hämosiderin-Pigment und Stauungsekzem (links). Die Duplexsonografie zeigte einen alten Verschluss von der Becken- bis zur Unterschenkelvene. Rechts dieselbe Region 15 Wochen nachdem ein Zentrum den alten Thrombus per Katheter entfernt und die Beckenvene mit einem Stent offen gehalten hatte: Das Ulkus ist abgeheilt. Für dich bleiben Kompression und Bewegung die Basis. Quelle: Mouawad NJ. Chronic venous ulcer resolution and post-thrombotic syndrome improvement after percutaneous mechanical thrombectomy of a 42-year-old deep vein thrombosis. J Vasc Surg Cases Innov Tech. 2022;8(2):196–200, Abb. 4 (doi:10.1016/j.jvscit.2022.03.001), Lizenz CC BY 4.0; zwei Teilbilder ausgeschnitten, Zeitangaben entfernt, nebeneinandergesetzt.

Vor jeder Kompression – auch beim PTS – prüfst du die arterielle Durchblutung. Wie das geht, lernst du jetzt.

Ulcus cruris – erst die Ursache, dann die Wunde

Ein Ulcus cruris ist eine Wunde am Unterschenkel, die nicht von allein heilt. Etwa 80 % sind gefäßbedingt, die Hälfte aller Ulzera ist venös. Ein venöses Ulkus ist von Beginn an eine chronische Wunde: Es heilt nur, wenn die Ursache mitbehandelt wird. Deshalb fragst du bei jedem Ulkus zuerst: Woher kommt es?

Typische Lage und Befund – die Differenzialdiagnose

UrsacheTypische Lage und BefundHinweis
venös (CVI, PTS, Perforansvarikose)oberhalb oder hinter dem Innenknöchel; flach, belegt bis granulierend; Umgebung mit Ödem, Pigment, DermatoliposkleroseSchmerz bessert sich beim Hochlegen
arteriell (pAVK)Zehen, Ferse, Fußrücken, äußerer Fußrand, Schienbein; tief, scharf begrenzt, blass oder nekrotisch; kühler Fuß, Pulse fehlenSchmerz nimmt beim Hochlegen zu
venös und pAVK (früher „Ulcus mixtum“)Lage meist wie venös, zusätzlich Zeichen der pAVKSchweregrad der pAVK entscheidet über die Kompression
andere (etwa jedes fünfte Ulkus)atypische Lage, livider oder unterminierter Rand, starke Schmerzen, rasches Wachstum: Vaskulitis, Pyoderma gangraenosum, hypertensives Ulkus (Martorell), Tumor, diabetisch-neuropathisches Ulkus, Infektionan Biopsie denken

Merke: Der Begriff „Ulcus mixtum“ wird heute zunehmend ersetzt durch „venöses Ulkus mit begleitender pAVK“. Damit wird klar, dass der Grad der pAVK das Vorgehen bestimmt.

Zwei Fotos untereinander. Oben ein Unterschenkel mit Fuß: an zwei Zehen kleine schwarze Nekrosen, trockene, rissige, gerötete Haut am Fuß, am Unterschenkel ein großer, tiefer, scharf begrenzter roter Defekt und ein kleiner runder Defekt. Unten eine Knöchelregion: flache Wunde mit gelblich-rot gekörntem Grund, ringsum Rötung und weißliche Haut, oberhalb feine bläuliche Venen

Abbildung: Oben ein arterielles Ulkus: schwarze Nekrosen an den Zehen, trockene, rissige Haut am Fuß und ein tiefer, scharf begrenzter Defekt am Unterschenkel. Unten ein venöses Ulkus in der Knöchelregion: flach, mit gelblich-rotem, granulierendem Grund, umgeben von entzündlich geröteter Haut und sichtbaren kleinen Venen. Das Bild lenkt den Verdacht; ob komprimiert werden darf, entscheidet erst der ABI. Quelle: Neuwieser H, Jami NVSJ, Meier RJ, Liebsch G, Felthaus O, Klein S et al. Interpreting Venous and Arterial Ulcer Images Through the Grad-CAM Lens: Insights and Implications in CNN-Based Wound Image Classification. Diagnostics (Basel). 2025;15(17):2184, Abb. 1 (doi:10.3390/diagnostics15172184), Lizenz CC BY 4.0; Teilbilder beschnitten, Buchstaben entfernt.

Die arterielle Durchblutung prüfen: der Knöchel-Arm-Index (ABI)

Kompression drückt nicht nur auf Venen, sondern auch auf Arterien und Haut. Bei schlechter arterieller Durchblutung kann sie Haut und Zehen absterben lassen. Fußpulse allein reichen zur Beurteilung nicht. Deshalb misst du vor jeder Kompression (bei Ulkus, CVI, PTS) den ABI (ankle-brachial index, Knöchel-Arm-Druck-Index):

  1. Person liegt einige Minuten flach.
  2. Mit Blutdruckmanschette und Taschendoppler misst du den systolischen Druck an beiden Armen und am Knöchel an der A. tibialis posterior und der A. dorsalis pedis.
  3. ABI = höherer Knöcheldruck dieses Beins ÷ höherer Armdruck.
ABIBedeutung
über 0,9 bis unter 1,3normal
≤ 0,9pAVK
< 0,5fortgeschrittene pAVK
≥ 1,3nicht verwertbar: Arterien verkalkt und kaum komprimierbar (Mediasklerose, z. B. bei Diabetes, Dialyse) → Dopplerkurve, Zehendruck

Beispiel: Arm rechts 142, links 138 mmHg; Knöchel A. tibialis posterior 120, A. dorsalis pedis 112 mmHg → ABI = 120 ÷ 142 ≈ 0,85 → pAVK. (Wie die pAVK selbst abgeklärt und behandelt wird, gehört zur arteriellen Gefäßmedizin; hier brauchst du den ABI für die Entscheidung über Kompression.)

Flussdiagramm ABI: Kopf ABI vor jeder Kompression, Fußpulse allein reichen nicht. 1 systolisch messen nach einigen Minuten Liegen mit Manschette und Taschendoppler an beiden Armen sowie A. tibialis posterior und A. dorsalis pedis. Zwei Kästen: Arm rechts 142, links 138, gewählt 142 mmHg; Knöchel tibialis posterior 120, dorsalis pedis 112, gewählt 120 mmHg. 2 ABI gleich 120 geteilt durch 142 etwa 0,85. 3 einordnen in vier Farbfeldern: über 0,9 bis unter 1,3 normal, bis 0,9 pAVK, unter 0,5 fortgeschrittene pAVK, ab 1,3 nicht verwertbar wegen Mediasklerose mit Dopplerkurve und Zehendruck. Beispiel 0,85 mit Knöcheldruck 120 über 60 mmHg: angepasste Kompression.

Abbildung: In jeder Messgruppe zählt der höhere Wert; das Ergebnis ordnest du in vier Bereiche ein – im Beispiel ABI 0,85, also pAVK mit angepasster Kompression. Quelle: eigene Darstellung.

Darf komprimiert werden? (S2k-Leitlinie Ulcus cruris venosum 2024)

BefundKompression
ABI > 0,9 (und nicht ≥ 1,3)ja, mit üblichem Druck
ABI 0,5–0,9 und Knöcheldruck > 60 mmHgja, aber angepasst: wenig dehnbares Material, geringerer Anpressdruck, engmaschige Kontrolle, Gefäßmedizin einbeziehen
ABI < 0,5 oder Knöcheldruck < 60 mmHg oder Zehendruck < 30 mmHgnein – zuerst Durchblutung verbessern (Revaskularisation prüfen)

Flussdiagramm Ulcus cruris: Kopf Ulkus am Unterschenkel, etwa 80 Prozent gefäßbedingt, die Hälfte venös. 1 Woher kommt es: venös über oder hinter dem Innenknöchel, flach, Ödem, Pigment, Hochlegen lindert; arteriell an Zehen, Ferse, Fußrücken, tief, blass, Nekrose, Pulse fehlen; atypisch etwa jedes fünfte Ulkus, livider Rand, starker Schmerz, Biopsie erwägen. 2 Darf komprimiert werden: ABI an beiden Knöchelarterien, ab 1,3 Zehendruck; Stopp unabhängig vom ABI bei dekompensierter Herzinsuffizienz NYHA III bis IV, Phlegmasia, septischer Phlebitis. Drei Farbfelder: ABI über 0,9 Kompression mindestens 40 mmHg an der Fessel; ABI 0,5 bis 0,9 und Knöcheldruck über 60 mmHg angepasst unter 40 mmHg und Gefäßmedizin; ABI unter 0,5 oder Knöcheldruck unter 60 oder Zehendruck unter 30 mmHg keine Kompression, Revaskularisation prüfen. Die beiden ersten führen zu 3 Duplexsonografie: oberflächlicher Reflux früh ausschalten, tiefer Reflux oder Verschluss Kompression und Bewegung. 4 drei Säulen gleichzeitig: Kompression, Wunde, Ursache. Raute Heilungstendenz nach 6 Wochen? Ja: weiter bis zur Abheilung, danach Strumpf auf Dauer, halbiert etwa die Rezidive. Nein: Diagnose und Therapie prüfen, Kompression getragen, pAVK, Infektion, Allergie, bei unklarer Ursache Biopsie mit Rand, bei Tumorverdacht sofort.

Abbildung: Abklärung und Behandlung eines Ulcus cruris: Der ABI steht vor jeder Kompression und bestimmt den Druck; nach sechs Wochen ohne Heilungstendenz wird die Diagnose überprüft. Quelle: eigene Darstellung.

Weitere Gegenanzeigen der Kompression – unabhängig vom ABI:

  • dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA III–IV): Die Kompression drückt Flüssigkeit aus den Beinen in den Kreislauf zurück und belastet das Herz zusätzlich.
  • Phlegmasia coerulea dolens (C09-U04-S01) und septische Phlebitis.
  • Vorsicht bei schwerer Neuropathie (Druckstellen werden nicht gespürt) und bei nässenden Dermatosen oder Unverträglichkeit des Materials.

Die drei Säulen der Ulkusbehandlung

1. Kompression – ohne sie heilt kaum ein venöses Ulkus.

  • Zu Beginn, solange das Bein geschwollen ist: Kompressionsverband aus Kurzzugbinden, mehrlagig und gut gepolstert (Watte, Polster über Knochenvorsprüngen), meist rund um die Uhr; wer ihn selbst wieder anlegen kann, darf ihn nachts abnehmen. Alternative: adaptive Klettbandagen, die die Person selbst nachstellen kann.
  • Nach dem Abschwellen: Ulkus-Kompressionsstrumpfsystem – ein dünner Unterstrumpf hält den Wundverband, ein zweiter Strumpf darüber liefert den Druck.
  • Nach der Abheilung: Kompressionsstrumpf auf Dauer. Er halbiert ungefähr die Rezidivrate.
  • Für die Abheilung eines venösen Ulkus wird an der Fessel ein Druck von mindestens 40 mmHg angestrebt; bei begleitender pAVK (ABI 0,5–0,9, Knöcheldruck > 60 mmHg) bleibt er darunter.
  • Schmerzen sollen unter Kompression abnehmen. Nehmen sie zu, oder werden Zehen blass, blau, taub oder kalt, wird die Kompression sofort gelockert bzw. abgenommen und die Durchblutung überprüft.

Strümpfe werden nach dem Andruck an der Fessel in Kompressionsklassen eingeteilt:

KlasseAndruck an der Fesseltypischer Einsatz
118–21 mmHgleichte Beschwerden, Varikose ohne wesentliches Ödem
223–32 mmHgCVI, PTS, nach TVT, Rezidivschutz nach Ulkus
334–46 mmHgschweres PTS, ausgeprägtes Ödem
4≥ 49 mmHgselten, v. a. schweres Lymphödem

Flussdiagramm Kompression beim venösen Ulkus, nur nach ABI und ohne Gegenanzeige: 1 Entstauen mit Kompressionsverband aus Kurzzugbinden, mehrlagig, gut gepolstert, meist rund um die Uhr, Alternative adaptive Klettbandage, Ziel mindestens 40 mmHg an der Fessel. Wenn das Bein abgeschwollen ist: 2 Ulkus-Kompressionsstrumpfsystem, Unterstrumpf hält den Wundverband, Überstrumpf liefert den Druck. Wenn das Ulkus abgeheilt ist: 3 Kompressionsstrumpf auf Dauer, meist Klasse 2 mit 23 bis 32 mmHg, halbiert etwa die Rezidivrate, etwa alle 6 Monate neu. Unten zwei Kästen: mit pAVK bei ABI 0,5 bis 0,9 und Knöcheldruck über 60 mmHg wenig dehnbares Material, unter 40 mmHg, engmaschig; jederzeit sofort lockern bei zunehmendem Schmerz oder blassen, blauen, tauben, kalten Zehen und Durchblutung prüfen.

Abbildung: Die Kompression wechselt mit dem Heilungsverlauf vom Verband über das Ulkus-Strumpfsystem zum Dauerstrumpf; Warnzeichen der Durchblutung gelten in jeder Phase. Quelle: eigene Darstellung.

Kompressionsstrumpf im Alltag – was du der Person mitgibst:

  • Morgens gleich nach dem Aufstehen anziehen, bevor das Bein anschwillt; abends ausziehen.
  • Anziehhilfe und gumminoppige Handschuhe erleichtern das Anziehen; keine Falten, nicht umkrempeln (Einschnürung).
  • Haut abends pflegen (rückfettend, ohne Duftstoffe), nicht direkt vor dem Anziehen – Fett schädigt das Gewebe und macht das Anziehen schwer.
  • Zwei Strümpfe zum Wechseln; sie verlieren mit der Zeit Druck und werden etwa alle 6 Monate neu verordnet.
  • Melden bei Schmerz, Taubheit, blassen oder blauen Zehen, Druckstellen, neuer Wunde oder plötzlich zunehmender Schwellung.

Diagramm Kompressionsstrumpf im Alltag, jeden Tag auch nach der Abheilung, mit vier Kästen: 1 morgens gleich nach dem Aufstehen, bevor das Bein anschwillt, mit Anziehhilfe und Noppenhandschuhen; 2 Sitz glatt ohne Falten, nicht umkrempeln, Einschnürung vermeiden; 3 abends ausziehen, Haut rückfettend und duftstofffrei pflegen, nicht morgens; 4 Versorgung mit zwei Strümpfen zum Wechseln, etwa alle 6 Monate neu, weil der Druck nachlässt. Raute Warnzeichen? Nein: weiter tragen, täglich auf Dauer, Rezidive etwa halbiert. Ja: sofort melden bei Schmerz, Druckstelle, Taubheit, blassen, blauen oder kalten Zehen, neuer Wunde oder plötzlich mehr Schwellung; Strumpf ab und Durchblutung prüfen.

Abbildung: Vier Alltagsregeln für den Strumpf; Warnzeichen der Durchblutung verlangen sofortiges Handeln. Quelle: eigene Darstellung.

2. Wundversorgung – sauber, feucht, hautfreundlich. Die Grundlagen der Wundbehandlung gehören zur allgemeinen Wundlehre; für das Ulkus brauchst du vier Regeln:

  • Reinigen bei jedem Verbandwechsel: lockere Beläge mechanisch entfernen, mit steriler Kochsalz- oder Ringerlösung spülen; festere Nekrosen und Beläge werden gezielt abgetragen (Débridement).
  • Feucht halten: moderne Wundauflagen (z. B. Schaumstoff, Hydrogel, Alginat bei viel Exsudat) schaffen ein feuchtes Wundmilieu, in dem die Wunde schneller heilt. Trockene Gaze klebt und reißt neues Gewebe ab.
  • Haut schützen: Wundrand und Umgebung vor Nässe schützen, Ekzem behandeln.
  • Keine Allergene: Die Haut bei CVI sensibilisiert leicht. Meide z. B. Neomycin und andere lokale Antibiotika, Perubalsam, Wollwachs, Melkfett, Duftstoffe, pflanzliche Salben (Ringelblume, Rosskastanie, Teebaum) und lokales Diclofenac.

Vier Regeln strukturieren die hautfreundliche Wundversorgung.

RegelKonkretes Vorgehen
Reinigenbei jedem Wechsel lockere Beläge entfernen; Kochsalz- oder Ringerlösung
Feucht haltenSchaumstoff oder Hydrogel; Alginat bei viel Exsudat
Haut schützenWundrand und Umgebung vor Nässe schützen; Ekzem behandeln
Allergene meidenkeine lokalen Antibiotika, Duftstoffe oder pflanzlichen Salben

Bei jedem Verbandwechsel werden Wundbett und Exsudat geprüft. Lockere Beläge werden mechanisch entfernt und gespült, festere Nekrosen gezielt abgetragen. Schaumstoff oder Hydrogel halten die Wunde feucht; bei viel Exsudat ist Alginat eine Möglichkeit. Anschließend werden Wundrand und Umgebung geschützt und Allergene vermieden.

Abbildung: Die lokale Versorgung folgt dem Wundbefund und ergänzt die Behandlung von Stauung und Ursache. Quelle: eigene Darstellung.

Erysipel erkennen. Die gestörte Haut ist eine Eintrittspforte für Bakterien. Eine akut auftretende, scharf begrenzte, überwärmte, schmerzhafte Rötung, oft mit Fieber, Schüttelfrost und erhöhten Entzündungswerten, ist ein Erysipel – kein Stauungsekzem. Das Stauungsekzem ist chronisch, juckt, ist meist beidseitig und ohne Fieber. Beim Erysipel beginnst du eine systemische Antibiotikatherapie nach dem Vorgehen der Wund- und Weichteilinfektionslehre; Blasen, rasch zunehmende Schmerzen, Kreislaufzeichen oder eine Ausbreitung trotz Therapie sind Warnzeichen für eine schwere Weichteilinfektion und brauchen sofortige stationäre bzw. chirurgische Beurteilung. Die Kompression wird während der akuten Entzündung meist pausiert oder reduziert und wieder aufgenommen, sobald Rötung und Schmerz unter der Therapie abklingen.

Die Tabelle trennt die akute Infektion vom chronischen Stauungsekzem.

MerkmalErysipelStauungsekzem
Verlaufakutchronisch
Hautscharf begrenzt, heiß, schmerzhaftjuckend, meist beidseitig
Allgemeinzeichenoft Fieber, Schüttelfrost, erhöhte Entzündungswerteohne Fieber

Vergleichsdiagramm rote Haut am Unterschenkel bei CVI mit drei Spalten: Erysipel akut, meist ein Bein, scharf begrenzt, heiß, schmerzhaft, Fieber, Schüttelfrost, CRP erhöht, Eintrittspforte suchen; Stauungsekzem chronisch, meist beidseits, juckend, schuppend, Pigment, Ödem, kein Fieber; Kontaktallergie neu unter Salbe oder Material, juckend, Ekzem, kein Fieber, zum Beispiel Neomycin oder Duftstoffe. Darunter die Maßnahmen: Antibiotika systemisch, Kompression pausieren oder reduzieren und wieder beginnen, wenn die Rötung abklingt; Stauung behandeln mit Kompression nach ABI, allergenarmer Pflege und Duplex; Auslöser meiden. Roter Kasten: Warnzeichen schwerer Weichteilinfektion sind Blasen, rasch zunehmende Schmerzen, Kreislaufzeichen und Ausbreitung trotz Therapie, dann sofort stationär bzw. chirurgisch beurteilen. Hinweis: derber Strang über einer Varize ist eine Varikophlebitis, dann Sonografie.

Abbildung: Akut, einseitig und Fieber sprechen für ein Erysipel; chronisch, beidseitig und juckend für ein Stauungsekzem; Ekzem unter einem neuen Produkt für eine Kontaktallergie. Quelle: eigene Darstellung.

3. Ursache sanieren. Die farbkodierte Duplexsonografie zeigt, ob ein oberflächlicher Reflux (Stamm-, Seitenast- oder Perforansvarikose), ein tiefer Reflux oder ein Verschluss vorliegt. Ein relevanter oberflächlicher Reflux soll früh ausgeschaltet werden (endovenös oder operativ, siehe S01): Das Ulkus heilt schneller und kommt seltener wieder. Liegt die Ursache in den tiefen Venen (PTS), bleiben Kompression und Bewegung die Basis.

Zwei Fotos derselben Knöchelregion nebeneinander: links eine flache, gerötete, nässende Wunde mit gelblichen Belägen oberhalb des Knöchels in grau-bräunlich verfärbter, schuppiger Haut; rechts dieselbe Stelle unter einer durchsichtigen Folie mit nur noch kleinen roten Granulationsinseln, ringsum dunkelbraune Pigmentierung

Abbildung: Venöses Ulkus an der Innenseite des rechten Knöchels bei einer 60-jährigen Frau mit Stammvarikose der V. saphena magna (schwerer Reflux, tiefe Venen frei, ABI 1,06). Links vor, rechts eine Woche nach endovenöser Laserablation der V. saphena magna: Die Wunde ist deutlich kleiner und granuliert; nach 6 Monaten war sie abgeheilt. Die unterschiedliche Hautfarbe kommt von Licht und Kamera. Quelle: Taofan T, Dakota I, Kartamihardja AHA, Afandy JE, Indriani S, Adiarto S. Satisfactory result of great saphenous vein endovenous laser ablation until below the knee on active venous leg ulcer: a case series. F1000Res. 2023;12:184 (Version 4, 2024), Abb. 1 (doi:10.12688/f1000research.131695.4), Lizenz CC BY 4.0; Teilbilder beschnitten, Buchstaben entfernt.

Wenn das Ulkus nicht heilt. Nach spätestens 6 Wochen leitliniengerechter Behandlung sollte eine Heilungstendenz sichtbar sein. Fehlt sie, gilt die Wunde als stagnierend, und du überprüfst Diagnose und Therapie:

  • Wird die Kompression wirklich täglich und richtig getragen? Stimmt der Druck?
  • Liegt doch eine relevante pAVK, eine Infektion oder eine Kontaktallergie vor?
  • Ist die Ursache überhaupt venös? Gefäßmedizin und Dermatologie werden spätestens jetzt einbezogen.
  • Bei unklarer Ursache folgt eine Biopsie: ausreichend tief, mit Ulkusrand und intakter Haut, nicht nur Granulationsgewebe. Ein tumorverdächtiger Bezirk (wuchernder, wulstiger Rand, Blutung, neue Schmerzen) wird sofort biopsiert – in alten Ulzera kann ein Plattenepithelkarzinom entstehen.

Zuerst werden Verlauf und Ulkusrand geprüft. Wuchernder oder wulstiger Rand, Blutung und neue Schmerzen führen bei Tumorverdacht sofort zur Biopsie. Ohne Heilungstendenz nach spätestens sechs Wochen werden Kompression, Druck und Adhärenz sowie pAVK, Infektion und Kontaktallergie geprüft; Gefäßmedizin und Dermatologie werden einbezogen. Bei unklarer Ursache erfolgt eine ausreichend tiefe Biopsie mit Rand und intakter Haut.

Abbildung: Die Sechs-Wochen-Grenze gilt für die stagnierende Wunde; ein tumorverdächtiger Bezirk wird sofort biopsiert. Quelle: eigene Darstellung.

Wunde am Innenknöchel

Fall: Herr W., 71 Jahre, stellt sich in der Gefäßambulanz vor. Seit 3 Wochen hat er eine nässende Wunde über dem linken Innenknöchel; sie entstand nach einem Stoß an der Bettkante. Vor 9 Jahren hatte er eine Oberschenkel- und Beckenvenenthrombose links, die 6 Monate antikoaguliert wurde. Seitdem schwillt das linke Bein abends an. Keine Herzinsuffizienz, kein Diabetes, Nichtraucher.

BefundWert
Wunde3 × 2 cm, flach, gelblich belegt, Rand flach; medial oberhalb des Knöchels
Umgebungbraune Pigmentierung, derbe Haut im unteren Drittel, Venenkranz am inneren Fußrand, Ödem
Fußpulsebeide tastbar, Fuß warm
Blutdruck Armrechts 140 mmHg, links 136 mmHg
Knöcheldruck linksA. tibialis posterior 133 mmHg, A. dorsalis pedis 126 mmHg

Schritt 1 – Was für ein Ulkus? Lage über dem Innenknöchel, flacher Rand, typische Hautzeichen der CVI und eine frühere große Thrombose im selben Bein: Das spricht für ein venöses Ulkus bei postthrombotischem Syndrom. Nichts deutet auf eine atypische Ursache (kein livider Rand, kein rasches Wachstum).

Schritt 2 – CEAP. Befunde: Ödem (C3), Pigmentierung (C4a), Dermatoliposklerose (C4b), Corona phlebectatica (C4c), offenes Ulkus (C6). Höchste Klasse: C6, mit Beschwerden („s“), Ursache sekundär (Es, postthrombotisch). Im Villalta-Score ist das PTS damit schwer – das Ulkus allein genügt.

Schritt 3 – Darf ich komprimieren? ABI = höherer Knöcheldruck ÷ höherer Armdruck = 133 ÷ 140 = 0,95 → normal, kein Hinweis auf relevante pAVK. Keine Herzinsuffizienz, keine Phlegmasie. Kompression ist erlaubt – mit üblichem Druck.

Schritt 4 – Plan in drei Säulen

  1. Kompression: mehrlagiger, gepolsterter Kurzzugverband, bis das Ödem zurückgeht; danach Ulkus-Kompressionsstrumpfsystem. Gehtraining und Sprunggelenkübungen.
  2. Wundversorgung: Beläge bei jedem Verbandwechsel mechanisch entfernen, mit Kochsalzlösung spülen, feuchte Wundauflage; Wundrand schützen; keine allergenen Salben.
  3. Ursache klären: farbkodierte Duplexsonografie beider Systeme – wie stark sind tiefer Reflux und Restverschluss, gibt es zusätzlich einen behandelbaren oberflächlichen Reflux oder eine Perforansvene unter dem Ulkus?

Schritt 5 – Kontrolle und Ausblick. Wiedervorstellung in 2 Wochen und eine feste Bewertung nach 6 Wochen: Ist keine Heilungstendenz zu sehen, werden Kompression, Diagnose und Ursache überprüft, bei unklarer Ursache mit Biopsie. Nach der Abheilung trägt Herr W. dauerhaft einen Kompressionsstrumpf, weil die Ursache – die zerstörten tiefen Klappen – bleibt.

Die frühere proximale TVT und der typische Wundbefund führen zur venösen Ursache. CEAP C6,s und schweres PTS stehen neben der ABI-Rechnung 133 durch 140 gleich 0,95. Es folgen Kompression und Wundversorgung, Duplex und Bewegung sowie feste Kontrollen nach zwei und sechs Wochen.

Abbildung: Der normale ABI erlaubt die Kompression; der Behandlungsplan umfasst zugleich Wunde, venöse Ursache und Verlaufskontrolle. Quelle: eigene Darstellung.

Kurz gesagt: Ursache aus Lage und Umgebung → CEAP und Schweregrad → ABI vor der Kompression → Kompression, Wundversorgung, Ursache → nach 6 Wochen bewerten.

Multiple Choice

Die CEAP-Klasse bestimmen

Aufgabe

Frau G., 63 Jahre, Verkäuferin, klagt über schwere, abends geschwollene Beine. Am rechten Bein findest du: geschlängelte Varizen bis 6 mm an der Innenseite des Unterschenkels, ein eindrückbares Ödem um den Knöchel, bräunliche Flecken im unteren Unterschenkel und dort eine derbe, verhärtete Haut. Am inneren Fußrand ein Kranz feiner bläulicher Venen. Eine Wunde oder Narbe besteht nicht.

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Beschwerdenschwere, abends geschwollene Beine
Venengeschlängelte Varizen bis 6 mm; feine bläuliche Venen am inneren Fußrand
Schwellungeindrückbares Ödem um den rechten Knöchel
Hautbräunliche Flecken; derbe, verhärtete Haut am unteren Unterschenkel
Wunde / Narbenicht vorhanden

Welche C-Klasse nach CEAP gibst du für das rechte Bein an?

Foto eines Unterschenkels von der Seite: das untere Drittel ist geschwollen, die Haut dort rötlich bis rotbraun, glänzend und wirkt derb; am Fußrücken und um den Knöchel feine bläuliche Äderchen

Abbildung: Unterschenkel einer anderen Person: Schwellung, Hautverfärbung und verhärtete Haut im unteren Drittel, feine Venen am Fuß. Quelle: Péret LA, Vidal HM, Gomes GAC, Oliveira GVB, Aguiar LM, J Vasc Bras 2019;18:e20190031, Abb. 1 (rechtes Teilbild), CC BY 4.0, (Teilbild ausgeschnitten, vergrößert)

  1. a)C3,s – entscheidend ist das venöse Ödem
  2. b)C4a,s – entscheidend ist die Pigmentierung
  3. c)C4b,s – entscheidend ist die verhärtete Haut
  4. d)C5,s – entscheidend ist die geschädigte Haut als Vorstufe des Ulkus
Lösung in der App →

Multiple Choice

Ulkus am Fußrücken

Aufgabe

Herr K., 76 Jahre, Typ-2-Diabetes, raucht seit 50 Jahren. Seit 5 Wochen besteht eine schmerzhafte Wunde am Fußrücken links über dem Grundgelenk der zweiten Zehe, 1,5 cm groß, scharf begrenzt, blass, mit schwarzem Rand. Der Fuß ist kühl, die Fußpulse links sind nicht tastbar. Nachts lässt er das Bein aus dem Bett hängen, weil der Schmerz dann besser wird. Seine Pflegekraft fragt, ob sie einen Kompressionsverband anlegen soll.

Messwerte: Armdruck rechts 140 mmHg, links 132 mmHg; Knöcheldruck links A. tibialis posterior 58 mmHg, A. dorsalis pedis 63 mmHg.

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Person76 Jahre; Typ-2-Diabetes; raucht seit 50 Jahren
Wundeseit 5 Wochen; 1,5 cm; Fußrücken links, blass, schwarzer Rand
Fuß / Schmerzkühl; Pulse nicht tastbar; Herabhängen lindert
Armdruck rechts / links140 / 132 mmHg
A. tibialis posterior links58 mmHg
A. dorsalis pedis links63 mmHg

Berechne den ABI links und entscheide über das weitere Vorgehen.

Foto eines Fußrückens: über dem Mittelfuß eine kleine, scharf begrenzte, runde Wunde mit rotem, leicht blutendem Grund; die umgebende Haut ist dünn, trocken und kaum behaart, oben links der Rand eines Tupfers

Abbildung: Wunde am Fußrücken bei einer anderen Person mit Diabetes und langjährigem Rauchen. Der Wundgrund ist hier rot und blutet leicht; bei Herrn K. ist er blass mit schwarzem Rand. Quelle: Jonathan Moore, The Foot and Ankle Online Journal 2008;1(9):2, über Wikimedia Commons, CC BY 3.0, (Ausschnitt, Hand mit Tupfer weitgehend weggeschnitten, vergrößert)

  1. a)ABI 0,45 – keine Kompression; dringende angiologische bzw. gefäßchirurgische Abklärung mit Frage nach Revaskularisation
  2. b)ABI 0,63 – angepasste Kompression mit geringem Druck, weil der ABI über 0,5 liegt
  3. c)ABI 0,48 – Kompressionsverband mit üblichem Druck, damit das Ödem nicht die Heilung behindert
  4. d)ABI 0,41 – keine Kompression; nur feuchte Wundversorgung und Kontrolle in 6 Wochen
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Freie Antwort

Ein Jahr nach der Thrombose

Aufgabe

Herr D., 48 Jahre, Lagerarbeiter, BMI 31 kg/m², hatte vor 13 Monaten eine Thrombose der V. femoralis und V. poplitea rechts nach einer Sprunggelenkfraktur mit Gips. Er wurde 3 Monate mit Rivaroxaban behandelt; Kompressionsstrümpfe hat er „nach ein paar Wochen weggelassen, weil sie lästig waren“. Jetzt klagt er über ein schweres, abends geschwollenes rechtes Bein; die Beschwerden haben sich über Monate langsam entwickelt, nicht plötzlich.

Villalta-Bewertung rechts: Schmerz 1, Krämpfe 1, Schweregefühl 2, Missempfindungen 0, Juckreiz 1; prätibiales Ödem 2, Induration 1, Hyperpigmentierung 1, Rötung 0, Venektasien 1, Wadenkompressionsschmerz 0. Fußpulse tastbar. ABI rechts 1,08.

Die Tabelle ordnet die angegebenen Einzelwerte, ohne sie zu addieren.

AngabeFallinformation
VerlaufTVT rechts vor 13 Monaten; Beschwerden schleichend über Monate
Schmerz / Krämpfe1 / 1
Schweregefühl / Missempfindungen2 / 0
Juckreiz1
Prätibiales Ödem / Induration2 / 1
Hyperpigmentierung / Rötung1 / 0
Venektasien / Wadenkompressionsschmerz1 / 0
Fußpulse / ABItastbar / rechts 1,08

Berechne den Villalta-Score, ordne den Befund ein und begründe in vier bis sechs Sätzen deinen Behandlungsplan.

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Multiple Choice

Ein Ulkus, das nicht heilt

Aufgabe

Frau S., 68 Jahre, hat seit 4 Monaten ein Ulkus am linken Unterschenkel, etwas oberhalb und vor dem Innenknöchel. Bei Aufnahme in deine Wundsprechstunde vor 12 Wochen: CVI mit Stammvarikose der V. saphena magna, ABI 1,02. Seitdem erhält sie einen mehrlagigen Kompressionsverband, den der Pflegedienst dreimal pro Woche wechselt, und eine feuchte Wundversorgung. Die Wunde ist unverändert groß; der Rand ist leicht erhaben und bläulich-livid, die Schmerzen haben zugenommen. Ein Termin zur Ausschaltung des Refluxes steht noch aus.

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Wundeseit 4 Monaten; links oberhalb und vor dem Innenknöchel
AusgangsbefundStammvarikose der V. saphena magna; ABI 1,02
Behandlung seit 12 Wochenmehrlagige Kompression; Wechsel 3× pro Woche; feuchte Wundversorgung
VerlaufGröße unverändert; Schmerzen zunehmend
Randleicht erhaben und bläulich-livid
AusstehendTermin zur Refluxausschaltung

Was ist jetzt der wichtigste nächste Schritt?

Foto des unteren Unterschenkels oberhalb des Knöchels: eine etwa handtellergroße, flache Wunde mit rotem, teils weißlich belegtem Grund und unregelmäßigem, leicht erhabenem, rötlich-lividem Rand; darunter am Fuß feine Besenreiser

Abbildung: Chronische Wunde am Unterschenkel einer anderen Person, die trotz Behandlung nicht abheilte. Quelle: Toussaint F, Erdmann M, Berking C, Erfurt-Berge C, J Clin Med 2021;10(11):2251, Abb. 5, CC BY 4.0, (unterer Rand mit Schriftrest weggeschnitten)

  1. a)Den Kompressionsdruck erhöhen und weitere 3 Monate abwarten, weil venöse Ulzera oft lange brauchen
  2. b)Diagnose und Therapie überprüfen: Kompression und Adhärenz kontrollieren, Gefäßmedizin und Dermatologie einbeziehen und eine ausreichend tiefe Biopsie mit Ulkusrand entnehmen
  3. c)Eine neomycinhaltige Salbe auftragen, weil eine Wundinfektion die Heilung bremst
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Freie Antwort

Den Kompressionsstrumpf erklären

Aufgabe

Herr W. aus dem ausgearbeiteten Beispiel (C09-U09-S05) kommt nach 10 Wochen wieder: Das Ulkus ist abgeheilt. Du verordnest ihm einen Kompressionsstrumpf der Klasse 2. Er sagt: „Jetzt ist die Wunde doch zu. Muss ich das Ding wirklich weiter tragen? Und wie soll ich den überhaupt anziehen?“

Die Tabelle bündelt die Angaben aus dem Fall.

AngabeFallinformation
Kontrollenach 10 Wochen
WundeUlkus abgeheilt
VerordnungKompressionsstrumpf Klasse 2
Fragen von Herrn W.weiter tragen? Wie anziehen?

Erkläre Herrn W. in einfachen Worten, wozu der Strumpf dient, wie er ihn im Alltag benutzt und wann er sich melden soll. Gehe auf seine Frage ein und prüfe, was er verstanden hat.

Foto: Eine sitzende Person stellt den Fuß in einen weinroten Kompressionsstrumpf, der über ein Metallgestell mit zwei langen Griffen gespannt ist, und zieht ihn an den Griffen nach oben

Abbildung: Anziehhilfe für Kompressionsstrümpfe: Der Strumpf ist über ein Gestell gespannt, der Fuß wird hineingestellt und der Strumpf mit den Griffen hochgezogen. Quelle: Enter (Wikimedia-Commons-Nutzer), CC0 1.0, (verkleinert)

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Gesamtfälle VTE

Lernziel: Du kannst VTE-Fälle vom Verdacht bis zur Nachsorge begründen.

Multiple Choice

Wo stehen wir? Du hast alle Bausteine: Thrombose verstehen (C09-U01 bis C09-U03), Wahrscheinlichkeit prüfen (C09-U04, C09-U06) und Behandlung abwägen (C09-U02, C09-U05, C09-U07 bis C09-U09). In dieser Einheit kommt nichts Neues dazu. Du gehst vier Fälle vom ersten Verdacht bis zur Nachsorge durch und nutzt dabei genau die Scores, Grenzwerte und Dosierungen aus den Einheiten. Jeder Fall besteht aus zwei bis drei Aufgaben, die aufeinander aufbauen. Lies die Befundtabelle jedes Falls genau: Nicht jeder Wert ist entscheidend – auch das Auswählen gehört zur Aufgabe. Am Ende prüfst du mit einer Checkliste, was du sicher kannst.

Fall 1 – Schwellung am sechsten Tag nach der Operation (Wahrscheinlichkeit)

Aufgabe

Frau B., 74 Jahre, 64 kg, liegt auf der chirurgischen Station. Vor 6 Tagen wurde bei ihr wegen einer wiederholt entzündeten Sigmadivertikulitis offen ein Teil des Dickdarms entfernt; die Histologie zeigte keinen Tumor. Sie erhält seit der Operation Enoxaparin 40 mg s.c. 1×/d zur Prophylaxe und ist seit gestern wieder auf dem Flur unterwegs. Heute klagt sie über ein dickes, spannendes linkes Bein.

BefundWert
ganzes linkes Beingeschwollen, eindrückbares Ödem am Unterschenkel
Unterschenkelumfang (10 cm unter Tuberositas tibiae)links 39 cm, rechts 35 cm
Druckschmerz entlang der tiefen Venennicht sicher auslösbar
Kollateralvenenkeine
Vorgeschichtekeine frühere TVT, keine Krebserkrankung
VitalzeichenRR 132/78 mmHg, HF 84/min, SpO₂ 97 %, keine Luftnot
andere ErklärungWunde reizlos, rechtes Bein unauffällig, kein Hinweis auf Hämatom oder Erysipel
D-Dimer (heute früh abgenommen)3,8 mg/l FEU

Berechne den Wells-Score für die TVT und entscheide über den nächsten Schritt.

  1. a)2 Punkte – TVT wahrscheinlich; weil das D-Dimer erhöht ist, folgt die Kompressionssonografie
  2. b)3 Punkte – TVT wahrscheinlich; zuerst das D-Dimer wiederholen, weil es nach Operationen schwankt
  3. c)4 Punkte – TVT wahrscheinlich; direkt Kompressionssonografie, das D-Dimer hilft nach der Operation nicht weiter
  4. d)1 Punkt – TVT unwahrscheinlich; das erhöhte D-Dimer erklärt sich durch die Operation, deshalb keine weitere Diagnostik
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Multiple Choice

Fall 1 – Clearance berechnen und Antikoagulans wählen (Therapie)

Aufgabe

Frau B. aus C09-U10-Q01 hat eine proximale TVT links. Die Chirurgen sehen von ihrer Seite aus kein erhöhtes Blutungsrisiko mehr: Die Wunde ist trocken, das Hb ist stabil, eine erneute Operation ist nicht geplant.

BefundWert
Alter, Gewicht, Geschlecht74 Jahre, 64 kg, weiblich
Serumkreatinin1,4 mg/dl (stabil seit 3 Tagen)
Hb / Thrombozyten11,2 g/dl / 286/nl
Leberwertenormal
DauermedikationRamipril 5 mg, Pantoprazol 20 mg

Berechne die Kreatinin-Clearance nach Cockcroft-Gault und wähle die passende Behandlung.

  1. a)CrCl etwa 42 ml/min; Dabigatran 150 mg 2×/d sofort ohne parenterale Vorphase
  2. b)CrCl etwa 36 ml/min; Apixaban 10 mg 2×/d für 7 Tage, danach 5 mg 2×/d; Prophylaxe-Enoxaparin beenden
  3. c)CrCl etwa 36 ml/min; Enoxaparin-Prophylaxe 40 mg 1×/d fortführen, weil die Niere eingeschränkt ist
  4. d)CrCl etwa 25 ml/min; unfraktioniertes Heparin i.v., weil DOAK kontraindiziert sind
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Freie Antwort

Fall 1 – Dauer und Procedere festlegen (Nachsorge)

Aufgabe

Frau B. wird am 20.10.2026 entlassen. Sie hat Apixaban am 18.10.2026 begonnen. Schreibe den Abschnitt Procedere für den Entlassungsbrief: Medikation mit Dosis und Datum der Dosisänderung, geplante Dauer mit Begründung, Kontrollen, Wiedervorstellung und Warnzeichen – ergänzt um eine kurze bedingte Prognose (zwei bis drei Sätze).

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Multiple Choice

Fall 2 – Synkope in der Notaufnahme (Risiko)

Aufgabe

Herr R., 58 Jahre, 92 kg, wird nach einem Kollaps beim Treppensteigen in die Notaufnahme gebracht. Seit 3 Tagen Luftnot, vor 2 Wochen Knie-Arthroskopie. Keine Krebserkrankung, keine Herz- oder Lungenerkrankung. Er ist wach und orientiert.

BefundWert
Blutdruck95/60 mmHg (wiederholt, ohne Vasopressor)
Herzfrequenz118/min
Atemfrequenz26/min
SpO₂88 % bei Raumluft
Haut, Bewusstsein, Urinwarm, orientiert, Urin fließt
Laktat1,8 mmol/l
CT-Pulmonalisangiografiezentrale LE beidseits, RV/LV 1,3
hs-Troponin T78 ng/l (Grenzwert 14 ng/l)

Berechne den sPESI und ordne das Risiko nach ESC 2019 ein.

Axiales CT des Thorax mit Kontrastmittel in Höhe der Lungenarterien: in der rechten und linken Lungenarterie dunkle Aussparungen im hellen Kontrastmittel, rote Pfeile aus dem Original zeigen darauf; ein grüner Stern markiert den Stamm der Lungenarterie

Abbildung: CT-Pulmonalisangiografie einer anderen Person mit vergleichbarem Befund. Pfeile und Stern stammen aus dem Original. Quelle: Szymkiewicz S, Wróbel M, Cureus 2026;18(2):e103190, Abb. 1, CC BY 4.0

  1. a)sPESI 3; intermediär-hohes Risiko: stationär mit Monitoring, Antikoagulation (wegen möglicher Reperfusion bevorzugt UFH), LE-Team informieren, Rescue-Reperfusion bereithalten
  2. b)sPESI 3; hohes Risiko: sofortige systemische Lyse, weil der Blutdruck unter 100 mmHg liegt
  3. c)sPESI 2; intermediär-niedriges Risiko: Antikoagulation auf der Normalstation
  4. d)sPESI 0; niedriges Risiko: frühe Entlassung erwägen, weil er wach und orientiert ist
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Multiple Choice

Fall 2 – Er wird instabil (Reperfusion)

Aufgabe

Herr R. aus C09-U10-Q04 erhält einen UFH-Bolus und einen Perfusor und liegt auf der Intensivstation. Zwei Stunden später: RR 82/50 mmHg trotz 500 ml Volumen, Noradrenalin wird begonnen; er ist unruhig und verwirrt, die Haut kalt und feucht, Laktat 3,6 mmol/l. Das Notfall-Echo zeigt einen weiter dilatierten RV.

Aus der Vorgeschichte erfährst du jetzt: Vor 3 Wochen wurde in einer Magenspiegelung ein Ulcus duodeni nachgewiesen (ohne Blutung); er nimmt seitdem Pantoprazol. Weitere Lyse-Kontraindikationen bestehen nicht. Ein Katheterverfahren ist in deinem Haus heute nicht verfügbar, die nächste Klinik mit Katheterverfahren ist 90 Minuten entfernt.

Welches Vorgehen ist richtig?

Echokardiografie in der parasternalen langen Achse: die vorn liegende rechte Herzkammer ist auffallend weit; ein weißer Pfeil aus dem Original zeigt auf den Bereich der Pulmonalklappe

Abbildung: Notfall-Echo am Bett bei einer anderen Person, parasternale lange Achse. Der Pfeil stammt aus dem Original. Quelle: Golea A, Tat RM, Adam C, Luka S, Stoia MA, Vesa ȘC, Diagnostics (Basel) 2025;16(1):48, Abb. 1A, CC BY 4.0, (Teilbild ausgeschnitten, Geräteangaben und Datum entfernt)

  1. a)Keine Lyse, weil ein Ulkus eine absolute Kontraindikation ist; Herr R. wird für eine Katheterbehandlung verlegt
  2. b)Antikoagulation fortführen und abwarten, weil der Patient unter Noradrenalin einen Blutdruck erreichen kann
  3. c)Beschleunigtes Schema 0,6 mg/kg Alteplase über 15 Minuten, also 55 mg, weil er instabil ist
  4. d)Hohes Risiko → Reperfusion; das aktive Ulkus ist eine relative Kontraindikation: nach kurzer Abwägung im Team systemische Lyse mit Alteplase 10 mg Bolus und 90 mg über 2 Stunden, UFH-Management nach Protokoll, engmaschige Blutungsüberwachung
Lösung in der App →

Freie Antwort

Fall 2 – Herrn R. vorstellen (Kommunikation)

Aufgabe

Bevor die Lyse beginnt, rufst du die diensthabende Oberärztin der Intensivstation an, die noch nicht im Haus ist. Stelle Herrn R. mit den Daten aus C09-U10-Q04 und C09-U10-Q05 vor. Nutze die Struktur: Anlass – besonders relevant – führende Diagnose mit Begründung – gefährliche Alternative bzw. Risiko – nächster Schritt – Dringlichkeit.

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Multiple Choice

Fall 3 – Teerstuhl unter Rivaroxaban (Blutung)

Aufgabe

Frau H., 69 Jahre, 70 kg, hatte vor 6 Wochen eine Lungenembolie mit intermediär-niedrigem Risiko ohne erkennbaren Auslöser. Sie nimmt Rivaroxaban 20 mg 1×/d, letzte Einnahme heute um 8 Uhr mit dem Frühstück. Seit 4 Tagen nimmt sie wegen Knieschmerzen Ibuprofen 400 mg 3×/d aus der Hausapotheke. Heute um 14 Uhr kommt sie mit zwei schwarzen, teerartigen Stühlen und Schwindel beim Aufstehen.

BefundWert
Blutdruck / Herzfrequenz108/64 mmHg / 104/min, nach 1.000 ml Vollelektrolytlösung 118/70 mmHg / 92/min
Bewusstseinwach, orientiert
Hb heute9,4 g/dl
Hb bei Entlassung vor 6 Wochen12,9 g/dl
Kreatinin / CrCl0,9 mg/dl / etwa 65 ml/min
Thrombozyten241/nl

Ordne die Blutung ein und wähle das richtige Vorgehen.

  1. a)Leichte Blutung (Kreislauf stabil); Rivaroxaban weiter, Ibuprofen absetzen, ambulante Kontrolle
  2. b)Schwere, aber nicht lebensbedrohliche Blutung (Hb-Abfall 3,5 g/dl): Rivaroxaban pausieren, Ibuprofen absetzen, Kreislauf stützen und Erythrozytenkonzentrate nach Hb und Klinik, PPI i.v., rasche Endoskopie zur Blutstillung; kein Antidot
  3. c)Lebensbedrohliche Blutung: sofort Andexanet alfa in hoher Dosis, weil die letzte Einnahme weniger als 8 Stunden zurückliegt
  4. d)Schwere Blutung: Vitamin K 10 mg i.v. und PPSB 25 I.E./kg zur Aufhebung des Rivaroxaban
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Fall 3 – Wann wieder antikoagulieren? (Wiederbeginn)

Aufgabe

Bei Frau H. aus C09-U10-Q07 zeigt die Endoskopie am selben Abend ein Ulcus duodeni mit sichtbarem Gefäßstumpf, das endoskopisch sicher versorgt wird. Am nächsten Morgen ist das Hb nach 1 Erythrozytenkonzentrat stabil bei 9,8 g/dl, es gibt keine weiteren Teerstühle. Sie fragt: „Muss ich dieses Blutverdünnungsmittel überhaupt wieder nehmen? Es hat mir doch die Blutung eingebrockt.“

Begründe in fünf bis sieben Sätzen, ob, wann und wie die Antikoagulation fortgesetzt wird, und gehe dabei auf ihre Frage ein.

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Multiple Choice

Fall 4 – Vier Monate danach: Villalta und ABI (Nachsorge)

Aufgabe

Frau E., 54 Jahre, kommt zur geplanten Kontrolle in die Gefäßambulanz. Vor 4 Monaten hatte sie eine unprovozierte TVT der V. femoralis und V. poplitea links mit einer kleinen segmentalen Lungenembolie (niedriges Risiko). Sie nimmt Apixaban 5 mg 2×/d, verträgt es gut, keine Blutungen, keine Begleitmedikamente. Sie raucht 15 Zigaretten am Tag.

Sie berichtet über ein schweres, abends geschwollenes linkes Bein und seit etwa 6 Wochen über Luftnot beim Treppensteigen in den 2. Stock, die vorher nicht bestand.

Villalta linksPunkte
Schmerz / Krämpfe / Schweregefühl / Parästhesien / Juckreiz1 / 0 / 2 / 0 / 1
prätibiales Ödem / Induration / Hyperpigmentierung / Rötung / Venektasien / Wadenkompressionsschmerz2 / 0 / 1 / 0 / 1 / 0
DruckmessungWert
Arm rechts / links138 / 134 mmHg
Knöchel links A. tibialis posterior / A. dorsalis pedis113 / 106 mmHg

Berechne den Villalta-Score und den ABI links. Welche Einordnung ist richtig?

  1. a)Villalta 8 → leichtes PTS; ABI 0,82 → pAVK ohne fortgeschrittene Kriterien: Kompression angepasst möglich (wenig dehnbares Material, geringerer Druck, Kontrolle, Gefäßmedizin einbeziehen)
  2. b)Villalta 8 → leichtes PTS; ABI 0,77 → Kompression kontraindiziert
  3. c)Villalta 4 → kein PTS; ABI 0,82 → Kompression mit üblichem Druck
  4. d)Villalta 8 → mittelschweres PTS; ABI 0,84 → normal, Kompression mit üblichem Druck
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Multiple Choice

Fall 4 – Luftnot nach der Lungenembolie (Abklärung)

Aufgabe

Bei Frau E. aus C09-U10-Q09 ist die Luftnot beim Treppensteigen neu und besteht trotz durchgehender Antikoagulation seit 6 Wochen, also über 3 Monate nach der Lungenembolie. Lunge auskultatorisch frei, keine Beinschwellung rechts, SpO₂ in Ruhe 96 %, Hb 13,6 g/dl. Die transthorakale Echokardiografie zeigt eine mittlere Wahrscheinlichkeit für eine pulmonale Hypertonie.

Was ist der nächste diagnostische Schritt?

  1. a)Ventilations-/Perfusionsszintigrafie; bei nicht passenden Perfusionsausfällen Überweisung in ein Zentrum für pulmonale Hypertonie
  2. b)Erneute CT-Pulmonalisangiografie, weil sie bleibende Perfusionsausfälle empfindlicher findet als die Szintigrafie
  3. c)Keine weitere Diagnostik, weil die Luftnot sicher durch das Rauchen und den Trainingsmangel erklärt ist
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Fall 4 – Den Plan zusammenführen (Dauer und Kompression)

Aufgabe

Fasse für Frau E. aus C09-U10-Q09 und C09-U10-Q10 den weiteren Plan in fünf bis sieben Sätzen zusammen: Dauer und Dosis der Antikoagulation, Behandlung des Beins, weitere Abklärung und Kontrollen. Frau E. möchte möglichst bald „alle Tabletten absetzen“.

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Selbsteinschätzung – der ganze Weg

Du hast vier Fälle durch alle Phasen begleitet. Das Schema zeigt noch einmal den Weg, den du in jedem Fall gegangen bist, und in welcher Einheit du jeden Schritt gelernt hast.

Senkrechter Weg mit sieben Kästen. Vorher: Thrombosen vorbeugen, Risiko gegen Blutungsrisiko, zum Beispiel Enoxaparin 40 mg einmal täglich. 1 Verdacht: Bein einseitig dick, Lunge Luftnot oder Synkope, Auslöser wie Operation unter 12 Wochen, Krebs, Immobilität, gefährliche Alternativen. 2 Wahrscheinlichkeit: Wells-TVT unter 2 unwahrscheinlich, ab 2 wahrscheinlich; Wells-LE bis 4 unwahrscheinlich, über 4 wahrscheinlich; oder YEARS. 3 Test: D-Dimer nur bei unwahrscheinlich, Grenzwert 500 µg/l FEU, bei LE ab 50 Jahren Alter mal 10; TVT Kompressionssonografie, LE CTPA. 4 Risiko: instabil bei RR unter 90 mmHg oder Vasopressor mit Minderdurchblutung; stabil mit sPESI, RV/LV ab 1,0, hs-Troponin; Blutungsrisiko. 5 Therapie: DOAK nach Kreatinin-Clearance, UFH bei Instabilität, NMH in der Schwangerschaft, bei hohem Risiko Alteplase 10 mg plus 90 mg über 2 Stunden. 6 Dauer und Nachsorge: jede VTE mindestens 3 Monate, Villalta ab 5 gleich PTS, ABI vor Kompression, Dyspnoe nach 3 Monaten an CTEPH denken. Unten vier farbige Felder: Fall 1 TVT nach Operation, 3 Monate; Fall 2 LE im Schock, Lyse; Fall 3 Blutung, Pause und früh wieder; Fall 4 PTS und CTEPH, verlängert.

Der Weg durch jeden VTE-Fall mit den entscheidenden Grenzwerten je Schritt; die Felder unten zeigen den Ausgang der vier Fälle. Zum Nachlesen: Prophylaxe C09-U03, Verdacht C09-U01/U04/U06, Wahrscheinlichkeit und Test C09-U04/U06, Risiko C09-U07/U08, Therapie C09-U02/U05/U07, Dauer und Nachsorge C09-U08/U09.

Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach den Einheiten C09-U01 bis C09-U09 dieses Kapitels (ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019, AWMF-S2k-Leitlinien 065-002 [2023] und 037-009 [2024]).

Fall 4 hat gezeigt, dass nach einer VTE zwei Spätfolgen nebeneinander auftreten können. Das zweite Schema hält ihre Wege auseinander:

Oben der Kasten Kontrolle nach etwa 3 Monaten: Dauer festlegen, Blutung und Adhärenz, Niere, Leber und Blutbild. Darunter zwei Spalten mit nummerierten Schritten. Links das Bein: 1 an PTS denken bei Schwere, Schwellung, Hautzeichen, frühestens 3 bis 6 Monate nach der TVT; 2 bei plötzlicher Verschlechterung Kompressionssonografie mit Vorbefund, Rezidiv ausschließen; 3 Villalta-Score, ab 5 PTS, 5 bis 9 leicht, 10 bis 14 mittel, ab 15 oder Ulkus schwer; 4 ABI vor Kompression, über 0,9 üblicher Druck, 0,5 bis 0,9 angepasst, unter 0,5 oder Knöcheldruck unter 60 mmHg keine; 5 Behandlung mit Strumpf Klasse 2, 23 bis 32 mmHg, Gehen, Gewicht, Hautpflege. Rechts die Lunge: 1 an CTEPH denken bei Belastungsdyspnoe über 3 Monate trotz wirksamer Antikoagulation; 2 Echokardiografie, TRV bis 2,8, 2,9 bis 3,4 oder über 3,4 m/s, niedrige, mittlere oder hohe Wahrscheinlichkeit; bei mittel oder hoch 3 V/Q-Szintigrafie, Mismatch mit fehlender Perfusion bei erhaltener Belüftung; bei Mismatch 4 PH-Zentrum mit Rechtsherzkatheter, mPAP über 20 mmHg, Endarteriektomie, Ballonangioplastie, Antikoagulation lebenslang. Unten: Beides kann gleichzeitig auftreten, die eine Spätfolge erklärt die andere nicht.

Zwei Spätfolgen, zwei Wege mit ihren Grenzwerten: links das Bein, rechts die Lunge – prüfe in der Nachsorge immer beide Spalten.

Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach C09-U08-S04 und C09-U09-S03 bis C09-U09-S04 (ESC-Leitlinie Lungenembolie 2019, ESC/ERS-Leitlinie Pulmonale Hypertonie 2022, AWMF-S2k-Leitlinie 037-009 [2024]).

Wie du die Checkliste nutzt: Lies jede Aussage und frage dich ehrlich, ob du sie ohne Nachschlagen an einem neuen Fall anwenden könntest. Wo du zögerst, gehst du zum genannten Schritt zurück und löst dort die zugehörigen Aufgaben noch einmal.

Ich kann …Einheit
Virchow-Trias und Auslöser (stark/schwach, vorübergehend/anhaltend, unprovoziert) an einem Fall benennenC09-U01-S02, C09-U01-S03
Antikoagulanzien nach Angriffspunkt, Wirkungseintritt und Kontrolltest unterscheidenC09-U02-S02 bis C09-U02-S04
eine Thromboseprophylaxe nach Risiko und Blutungsrisiko planenC09-U03-S04
den Wells-Score für die TVT berechnen und den nächsten Test begründenC09-U04-S02, C09-U04-S05
begründen, wann ein D-Dimer hilft und wann nichtC09-U04-S03, C09-U06-S04
die Kreatinin-Clearance berechnen und danach Wirkstoff und Dosis wählenC09-U05-S03, C09-U05-S04
einen LE-Verdacht mit Wells-LE und Bildgebung klärenC09-U06-S03, C09-U06-S05
instabil von stabil unterscheiden und mit sPESI, RV und Troponin die Risikoklasse bestimmenC09-U07-S01, C09-U07-S02
eine Reperfusion begründen und Lyse-Kontraindikationen abwägenC09-U07-S04, C09-U07-S05
einen Patienten mit LE strukturiert vorstellenC09-U07-Q07, C09-U10-Q06
eine Blutung unter Antikoagulation einordnen, behandeln und den Wiederbeginn begründenC09-U08-S01, C09-U08-S02
die Dauer der Antikoagulation nach dem Auslöser festlegenC09-U08-S03
in der Nachsorge an PTS und CTEPH denken und sie abklärenC09-U08-S04, C09-U09-S03
vor jeder Kompression den ABI bestimmen und die Kompression danach wählenC09-U09-S04
ein Ulcus cruris nach Ursache einordnen und in drei Säulen behandelnC09-U09-S04, C09-U09-S05

Dein Ziel nach diesem Kapitel: Bei Thrombose- oder Embolieverdacht verbindest du Wahrscheinlichkeit, Untersuchung und Risiko und begründest Antikoagulation, Eskalation und Nachsorge passend zur Person vor dir – so wie in den vier Fällen dieser Einheit.


Pool: EKG bei LE-Verdacht

Lernziel: Du kannst EKG-Befunde bei LE-Verdacht beschreiben und einordnen.

Multiple Choice

In diesem Pool übst du mit sechs echten 12-Kanal-EKGs, was du in C09-U06-S06 gelernt hast. Die Fälle sind erfunden und passen zum jeweiligen EKG; die Diagnose der aufgenommenen Personen kennen wir nicht, keines ist ein belegtes Lungenembolie-EKG. Befunde jedes EKG zuerst vollständig – Rhythmus, Frequenz, Lagetyp, PQ, QRS, QT, ST/T – und entscheide erst dann, was der Befund für den LE-Verdacht bedeutet.

Fünf nummerierte Stufen mit Pfeilen unter der Überschrift „Jedes EKG im Pool“. 1 Systematisch befunden mit zwei Kästen: Rhythmus und Frequenz – P vor jedem QRS und in II positiv bedeutet Sinusrhythmus, QRS im 10-Sekunden-Streifen mal 6 ergibt die Frequenz, über 100/min Tachykardie, unter 60/min Bradykardie; Zeiten und Lagetyp – PQ 0,12 bis 0,20 s, QRS unter 0,12 s, ab 0,12 s Schenkelblock, QTc verlängert bei Männern ab 0,45 s und bei Frauen ab 0,46 s, Lagetyp aus I, II und III. 2 Gefährliche Alternative zuerst: ST-Hebung ab 1 mm in zwei benachbarten Ableitungen mit Spiegelbild – ACS-Pfad hat Vorrang; Tachyarrhythmie – Vorhofflattern mit Sägezahn und bei 2:1 Kammerfrequenz um 150/min, Vorhofflimmern mit unregelmäßigen RR-Abständen ohne P-Wellen. Pfeil „nein“ zu 3 Zeichen der Rechtsherzbelastung: passt zu akuter Belastung – Sinustachykardie als häufigster Befund, SI-QIII- oder SI-SII-SIII-Typ mit S bis V6, Rechtsschenkelblock, T negativ in V1 bis V4, P in II ab 0,25 mV, neues Vorhofflimmern; eher länger bestehend – R größer als S in V1 als RV-Hypertrophie mit Rechtstyp und P dextroatriale, entsteht in Wochen bis Monaten. 4 Neu oder alt im Vergleich mit dem Vor-EKG: unverändert trägt nichts bei, neu passt zu akuter Rechtsherzbelastung und beweist keine LE, ohne Vor-EKG ist das Muster unspezifisch. 5 Die Klinik entscheidet mit drei Ergebnissen: instabil bei RR systolisch unter 90 mmHg – Echo am Bett; Wells bis 4 – D-Dimer, über 50 Jahre Grenzwert Alter mal 10 µg/l; Wells über 4 – direkt CTPA ohne D-Dimer. Darunter: Kein EKG-Zeichen beweist eine LE – ein normales EKG schließt sie nicht aus.

Deine Reihenfolge für jedes EKG in diesem Pool: erst vollständig befunden, dann Alternativen und Rechtsherzzeichen prüfen, dann neu oder alt – entscheiden musst du am Ende mit der Klinik. Als Normwerte gelten dabei: PQ 0,12–0,20 s, QRS unter 0,12 s; eine QTc ab 0,45 s bei Männern bzw. ab 0,46 s bei Frauen ist verlängert.

Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach C09-U06-S06 (ESC-Leitlinie Akute Lungenembolie 2019, Kap. 4.1; Herold Innere Medizin 2024, S. 842); Normwerte nach Duale Reihe Innere Medizin, 4. Aufl. 2018, Tab. A-3.2, und AHA/ACCF/HRS-Empfehlungen zur EKG-Interpretation 2009 (QTc).

Den Lagetyp liest du an den Extremitätenableitungen ab. Jeder Lagetyp entspricht einem Winkelbereich der Herzachse: überdrehter Linkstyp unter −30°, Linkstyp −30° bis +30°, Indifferenztyp +30° bis +60°, Steiltyp +60° bis +90°, Rechtstyp +90° bis +120°, überdrehter Rechtstyp über +120°.

Oben ein waagerechtes Band der Herzachse von −60° bis +150° mit sechs farbigen Abschnitten: überdreht links unter −30°, Linkstyp −30° bis +30°, Indifferenztyp +30° bis +60°, Steiltyp +60° bis +90° (diese drei grün), Rechtstyp +90° bis +120° (gelb), überdreht rechts über +120°; darunter die Richtungen der Ableitungen aVL bei −30°, I bei 0°, II bei +60°, aVF bei +90°, III bei +120°. Darunter eine Tabelle mit der Polarität des QRS in I, II und III: überdrehter Linkstyp plus, minus, minus, z. B. linksanteriorer Hemiblock; Linkstyp plus, plus, minus, mit dem Alter häufiger; Indifferenztyp plus, plus, plus, I größer als III; Steiltyp plus, plus, plus, III größer als I; Rechtstyp minus, plus, plus, Rechtsbelastung möglich, Klinik und Vor-EKG beachten; überdrehter Rechtstyp minus, plus oder minus, plus, aVR positiv, immer Ursache suchen; SI-SII-SIII-Typ mit S-Zacken in allen drei, kein Lagetyp bestimmbar. Unten der Schnellcheck mit I und aVF: beide positiv 0° bis +90° normal; I positiv, aVF negativ unter 0°; I negativ, aVF positiv über +90°, Rechts- oder überdrehter Rechtstyp.

Abbildung: Den Lagetyp bestimmst du aus der Polarität in I, II und III; Indifferenz- und Steiltyp trennst du daran, ob der QRS in I oder in III größer ist. Quelle: eigene Darstellung, inhaltlich nach C09-U06-S06; Winkelbereiche nach der in Deutschland üblichen Einteilung am Cabrera-Kreis; Hemiblock nach Herold Innere Medizin 2024, Kap. Reizleitungsstörungen.

Tachykardie nach Operation

Aufgabe

Herr L., 68 Jahre, wurde vor drei Tagen am Darm operiert. Seit heute Nacht ist er kurzatmig. Herzfrequenz 126/min, RR 124/78 mmHg, SpO₂ 93 %, Temperatur 37,4 °C. Beine unauffällig, Wunde reizlos, kein Bluthusten, keine frühere Thrombose. Eine andere Ursache für Luftnot und Tachykardie findest du nicht. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe in kurzen Abständen, Grundlinie leicht unruhig, V1 mit sehr kleinen Ausschlägen

Zähle zuerst die QRS-Komplexe im Rhythmusstreifen und suche die P-Wellen.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 18914, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Befunde das EKG systematisch. Welche Beurteilung und welcher nächste Schritt passen?

  1. a)Sinustachykardie ohne Zeichen der Rechtsherzbelastung; damit ist eine LE unwahrscheinlich – Kontrolle am nächsten Morgen.
  2. b)Sinustachykardie, sonst ohne sicheren Befund; der Wells-Score ergibt „LE wahrscheinlich“ – Antikoagulation nach Rücksprache mit dem Operateur abwägen und CTPA.
  3. c)Vorhofflattern mit 2:1-Überleitung; zuerst die Kammerfrequenz senken.
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Multiple Choice

Seit Monaten kurzatmig

Aufgabe

Herr T., 33 Jahre, bemerkt seit etwa acht Monaten zunehmende Luftnot beim Treppensteigen. Heute keine akute Verschlechterung, kein Thoraxschmerz. Herzfrequenz 88/min, RR 122/76 mmHg, SpO₂ 94 %, Beine unauffällig. Ein Vor-EKG gibt es nicht. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe, in I überwiegend negativer Ausschlag, in III und aVF hohe positive Ausschläge, in V1 eine positive Zacke

Achte besonders auf Ableitung I, auf V1 und auf die P-Welle in II.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 21050, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Befunde das EKG systematisch. Welche Einordnung trifft zu?

  1. a)Das Bild ist typisch für eine frische LE; die Diagnose ist damit gesichert.
  2. b)Ein unauffälliges EKG eines jungen Mannes; eine weitere Abklärung der Luftnot ist nicht nötig.
  3. c)Zeichen einer länger bestehenden Druckbelastung des rechten Ventrikels; Echokardiografie zur Abklärung einer pulmonalen Hypertonie, eine akute LE prüfst du getrennt nach klinischer Wahrscheinlichkeit.
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Multiple Choice

Breiter QRS – alt oder neu?

Aufgabe

Herr P., 76 Jahre, kommt mit seit gestern zunehmender Luftnot. Herzfrequenz um 60/min, regelmäßig, RR 138/82 mmHg, SpO₂ 93 %. Der Hausarzt hat ein EKG von vor einem Jahr mitgegeben; es zeigt dasselbe Bild wie heute. Das heutige EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige Abstände, kleine P-Wellen vor jedem QRS-Komplex, breite Komplexe mit zwei Gipfeln in V1 bis V3, breite S-Zacken in I und V6

Miss die QRS-Breite und achte auf die Form des QRS-Komplexes in V1.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 10359, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Befunde das EKG systematisch. Was folgt für die Abklärung der Luftnot?

  1. a)Sinusrhythmus mit komplettem Rechtsschenkelblock, im Vergleich zum Vor-EKG unverändert; das EKG trägt zur LE-Frage nichts bei – du bestimmst den Wells-Score und gehst danach vor.
  2. b)Ein neuer Rechtsschenkelblock beweist die LE; du planst sofort eine Thrombolyse.
  3. c)Inkompletter Rechtsschenkelblock ohne Krankheitswert; der Vergleich mit dem Vor-EKG ist überflüssig.
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Multiple Choice

S-Zacken überall

Aufgabe

Herr R., 68 Jahre, langjähriger Raucher, hat seit drei Tagen zunehmende Luftnot. Herzfrequenz 117/min, RR 128/80 mmHg, SpO₂ 91 %, Beine unauffällig. Ein Vor-EKG liegt nicht vor. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe in kurzen Abständen, kleine Ausschläge in I, tiefe S-Zacken in II und in V4 bis V6, V1 verrauscht

Vergleiche die positiven und negativen Anteile des QRS in I, II und III, und verfolge die S-Zacke von V1 bis V6.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 10331, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Befunde das EKG systematisch. Welche Einordnung ist richtig?

  1. a)Der QRS ist breit und in V6 überwiegend positiv; es liegt ein Linksschenkelblock vor, der in den ACS-Pfad gehört.
  2. b)Sinustachykardie mit SI-SII-SIII-Typ und S-Persistenz bis V6; das passt zu einer Rechtsherzbelastung, ist aber unspezifisch (z. B. auch bei Lungenemphysem) – du bestimmst den Wells-Score und gehst danach vor.
  3. c)Unauffälliges EKG; eine LE ist damit ausgeschlossen.
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Multiple Choice

Rechtstyp bei einem jungen Mann

Aufgabe

Herr J., 35 Jahre, hat seit dem Vormittag stechende Schmerzen links im Thorax, die beim Drehen des Oberkörpers und bei Druck auf den Brustkorb zunehmen. Herzfrequenz 74/min, RR 126/78 mmHg, SpO₂ 99 %. Kein Bluthusten, keine Hormoneinnahme, keine frühere Thrombose, keine Operation oder Verletzung, Beine unauffällig. Du hältst eine LE für sehr unwahrscheinlich. Ein Kollege meint, das EKG zeige einen Rechtstyp und einen Rechtsschenkelblock, deshalb brauche Herr J. eine CTPA. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe, in I kleine Ausschläge, in II, III und aVF positive Ausschläge, in V1 und V2 kleine Zacken mit einer zusätzlichen kleinen positiven Zacke am Ende

Bestimme den Lagetyp und miss die QRS-Breite in V1.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 6263, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Befunde das EKG systematisch. Wie antwortest du dem Kollegen?

  1. a)Rechtstyp und inkompletter Rechtsschenkelblock sind bei einem jungen Mann häufig eine Normvariante; allein sind sie kein LE-Hinweis. Bei sehr niedriger Wahrscheinlichkeit und erfüllten PERC-Kriterien ist keine weitere LE-Diagnostik nötig.
  2. b)Er hat recht: Rechtstyp und Rechtsschenkelblock sind Zeichen einer akuten Rechtsherzbelastung, Herr J. braucht eine CTPA.
  3. c)Es liegt ein kompletter Rechtsschenkelblock vor; Herr J. muss sofort kardiologisch aufgenommen werden.
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Multiple Choice

Normales EKG, niedrige Wahrscheinlichkeit

Aufgabe

Herr M., 50 Jahre, trägt seit zehn Tagen einen Unterschenkelgips nach einer Sprunggelenksfraktur und geht an Unterarmgehstützen. Seit gestern hat er leichte Luftnot, dazu Husten und Halskratzen. Herzfrequenz 72/min, RR 132/84 mmHg, SpO₂ 97 %. Keine Zeichen einer TVT am freien Bein und oberhalb des Gipses, kein Bluthusten, keine frühere Thrombose, keine Krebserkrankung. Einen beginnenden Atemwegsinfekt hältst du für mindestens ebenso wahrscheinlich wie eine LE. Das EKG:

12-Kanal-EKG in drei Zeilen zu je vier Ableitungen mit Rhythmusstreifen II: regelmäßige schmale QRS-Komplexe in normalen Abständen, Grundlinie in I, aVL und III zitterig

Lass dich von der zitterigen Grundlinie in I und aVL nicht ablenken.

Quelle: PTB-XL (Wagner et al., PhysioNet), ecg_id 2361, CC BY 4.0; Kurvenwerte unverändert neu gezeichnet. Die Diagnose der aufgenommenen Person ist nicht bekannt; das EKG ist kein belegtes Lungenembolie-EKG.

Befunde das EKG systematisch. Wie geht es weiter? Deine Klinik nutzt den Wells-Score mit altersadaptiertem D-Dimer.

  1. a)Das EKG ist normal; damit ist eine LE ausgeschlossen, weitere Diagnostik ist nicht nötig.
  2. b)Wegen des Gipses ist eine LE wahrscheinlich; du meldest ohne D-Dimer eine CTPA an.
  3. c)Das EKG ist normal und hilft hier nicht weiter; Wells 1,5 Punkte → „LE unwahrscheinlich“ → D-Dimer mit dem Grenzwert 500 µg/l FEU, weil Herr M. nicht älter als 50 Jahre ist.
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Thrombose verstehenDer Weg des Blutes zurück zum HerzenVirchow-Trias und VerlaufRisikofaktoren einordnenWadenschmerz nach dem FlugUnterschenkelgipsProvoziert oder unprovoziert?Risikoprofil bei KrebserkrankungGerinnung gezielt hemmenWas Gerinnung brauchtAngriffspunkteZeit, Niere, HalbwertszeitWas man misstGegenmittel im PrinzipINR und aPTT richtig lesenDas passende WirkprinzipUnabhängig von AntithrombinDen Heparin-Perfusor steuernÜberlappung erklärenGegenmittel unter FondaparinuxThrombosen vorbeugenWer braucht Prophylaxe?Basismaßnahmen und physikalische ProphylaxeMedikamentöse ProphylaxeDer EntscheidungswegKolonkarzinom-OperationProphylaxe trotz HirnblutungProphylaxe bei schwerer NiereninsuffizienzPneumonie im AlterWann reicht ASS nicht?Beinvenenthrombose abklärenWoran du eine TVT denkst – und was sonst passtLesetext und Ausgearbeitetes Beispiel: Den Wells-Score berechnenD-Dimer richtig einsetzenKompressionssonografieDer Algorithmus und SonderfälleWadenschmerz nach dem TennisspielWells-Score auf der StationEin beruhigendes D-Dimer?Den Sonografiebefund lesenWarum noch einmal zum Ultraschall?Praktische Aufgabe: Unterschenkelumfang messen und dokumentierenVTE antikoagulierenZiele und Phasen der BehandlungDen passenden Wirkstoff wählenKreatinin-Clearance und DosisGegenanzeigen und WechselwirkungenKontrolle, Ort der Behandlung und BegleitmaßnahmenHeparininduzierte Thrombozytopenie (HIT) erkennenTVT in der SchwangerschaftClearance berechnen und DOAK wählenDOAK oder nicht?Krebs und ThromboseThrombozytenabfall unter HeparinPatientenerklärung zum DOAKLungenembolie erkennenWas die Embolie mit dem rechten Herzen machtSymptome und gefährliche AlternativenLesetext und Ausgearbeitetes Beispiel: Die klinische WahrscheinlichkeitD-Dimer beim Verdacht auf LungenembolieBildgebung, Kontrastmittel und StrahlenschutzLesetext und Ausgearbeitetes Beispiel: Was EKG, BGA und Röntgen beitragenWarum der Blutdruck fälltThoraxschmerz mit PulsdifferenzWells-Score berechnenD-Dimer bei einer 78-JährigenBildgebungsplan bei Niereninsuffizienz und KontrastmittelallergieEin EKG Schritt für Schritt lesenNormales EKG bei hoher WahrscheinlichkeitLuftnot nach Hüftoperation – und dieses EKGBedrohliche LungenembolieInstabil oder stabil?Risiko bei stabilen PatientenWie gefährlich ist diese Embolie?Reperfusion – wann und wieLyse sicher durchführenKreislauf bei Rechtsherzversagen stützenWer hat ein hohes Risiko?sPESI berechnenStabil, aber belastetHochrisiko-LE nach KraniotomieBeschleunigtes Alteplase-SchemaAbsolute Kontraindikation erkennenÜbergabe an die IntensivstationBlutung, Dauer, NachsorgeWie gefährlich ist die Blutung?Blutung behandelnWie lange antikoagulieren?Nachsorge nach VTETeerstuhl unter ApixabanNotfall-OP unter DabigatranHirnblutung unter PhenprocoumonZwei Patienten, zwei TherapiedauernDas Procedere im EntlassungsbriefLuftnot vier Monate nach LungenembolieChronische VenenerkrankungWenn Venenklappen versagen – die VarikoseChronische venöse Insuffizienz – vom Venendruck zur HautveränderungDas postthrombotische SyndromUlcus cruris – erst die Ursache, dann die WundeWunde am InnenknöchelDie CEAP-Klasse bestimmenUlkus am FußrückenEin Jahr nach der ThromboseEin Ulkus, das nicht heiltDen Kompressionsstrumpf erklärenGesamtfälle VTEFall 1 – Schwellung am sechsten Tag nach der Operation (Wahrscheinlichkeit)Fall 1 – Clearance berechnen und Antikoagulans wählen (Therapie)Fall 1 – Dauer und Procedere festlegen (Nachsorge)Fall 2 – Synkope in der Notaufnahme (Risiko)Fall 2 – Er wird instabil (Reperfusion)Fall 2 – Herrn R. vorstellen (Kommunikation)Fall 3 – Teerstuhl unter Rivaroxaban (Blutung)Fall 3 – Wann wieder antikoagulieren? (Wiederbeginn)Fall 4 – Vier Monate danach: Villalta und ABI (Nachsorge)Fall 4 – Luftnot nach der Lungenembolie (Abklärung)Fall 4 – Den Plan zusammenführen (Dauer und Kompression)Selbsteinschätzung – der ganze WegPool: EKG bei LE-VerdachtTachykardie nach OperationSeit Monaten kurzatmigBreiter QRS – alt oder neu?S-Zacken überallRechtstyp bei einem jungen MannNormales EKG, niedrige Wahrscheinlichkeit

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