Blutdruck und Prävention
Lernziel: Du kannst Blutdruck, Organschaden und Gesamtrisiko in einen Plan übersetzen.
Richtig messen
Lernziel: Du kannst Blutdruck korrekt messen und eine Hypertonie bestätigen.
Hohe Blutdruckwerte sind häufig, aber ihre Bedeutung hängt vom Zusammenhang ab. Zuerst brauchst du einen verlässlichen Messwert. Danach klärst du, ob jetzt ein Organ gefährdet ist, welche Ursachen infrage kommen und welche Behandlung langfristig nützt. Ein einzelner hoher Wert und eine behandlungsbedürftige chronische Hypertonie sind unterschiedliche Befunde.
Alle Patientenfälle sind erfunden. Die EKG-Abbildungen am Ende sind reale, anonymisierte Forschungsaufzeichnungen; die Fallgeschichten sind ihnen nicht als tatsächliche Krankengeschichte zugeordnet.
Was der Messwert bedeutet
Der systolische Druck entsteht während des Blutauswurfs, der diastolische Druck besteht zwischen den Herzschlägen. Beide werden in mmHg angegeben. Vereinfacht hängt der mittlere arterielle Druck vom Herzzeitvolumen und vom Widerstand der kleinen Arterien ab. Ein höheres Auswurfvolumen oder engere Gefäße können den Druck erhöhen. Das Herzzeitvolumen ist das Produkt aus Schlagvolumen und Herzfrequenz, etwa 70 ml × 70/min ≈ 5 l/min. Der Widerstand ist umgekehrt proportional zur vierten Potenz des Radius: Ein halbierter Radius ergibt etwa den 16-fachen Widerstand. Näherungsweise gilt: mittlerer arterieller Druck ≈ diastolischer Wert + ⅓ × (systolischer − diastolischer Wert), bei 120/80 mmHg also etwa 93 mmHg. Über längere Zeit beeinflussen die Niere, das sympathische Nervensystem und hormonelle Regelkreise diese Größen. Die Niere passt die Natrium- und Wasserausscheidung an den Druck an (Druck-Natriurese), der Sympathikus steigert über β1-Rezeptoren Frequenz und Kontraktionskraft und verengt über α1-Rezeptoren kleine Arterien; Angiotensin II verengt Gefäße, Aldosteron hält Natrium zurück.

Abbildung: Herzzeitvolumen und Gefäßwiderstand bestimmen den mittleren arteriellen Druck; Niere, Sympathikus und Hormone stellen beide Größen langfristig ein. Quelle: eigene Darstellung.
Die beiden Druckwerte beziehen sich auf unterschiedliche Phasen des Herzschlags.
| Wert | Zeitpunkt | Einheit |
|---|---|---|
| Systolisch | Während des Blutauswurfs | mmHg |
| Diastolisch | Zwischen den Herzschlägen | mmHg |
Die Gefäße werden mit dem Alter häufig steifer. Dann kann vor allem der systolische Wert steigen, während der diastolische unter 90 mmHg bleibt: isolierte systolische Hypertonie, also systolisch ≥140 mmHg bei diastolisch <90 mmHg. Das ist kein harmloser Altersbefund. Die Behandlung muss zugleich die Verträglichkeit im Stehen berücksichtigen.
| Begriff | Aussage |
|---|---|
| Blutdruckmessung | Momentaufnahme unter bestimmten Bedingungen |
| Hypertoniediagnose | Wiederholt bzw. außerhalb der Praxis bestätigte Druckerhöhung |
| Therapieziel | Angestrebter Wert bei Behandlung; nicht mit der Diagnosegrenze verwechseln |
Eine verlässliche Praxismessung
Erkläre die Messung und hole das Einverständnis ein. Verwende ein validiertes Oberarmgerät und eine zum Armumfang passende Manschette. Eine zu kleine Manschette kann zu hohe Werte ergeben. Die Manschettenblase sollte 75–100 % des Armumfangs lang und 35–50 % breit sein; den Umfang misst du in Oberarmmitte zwischen Akromion und Olekranon. Für mindestens 30 Minuten vorher möglichst kein Sport, Nikotin oder Koffein; Blase entleeren, anschließend mindestens fünf Minuten ruhig sitzen. Rücken und Arm sind gestützt, Füße stehen auf dem Boden, Beine sind nicht überkreuzt. Die Manschette liegt am freien Oberarm auf Herzhöhe. Während der Messung wird nicht gesprochen.

Abbildung: Standardisierte Praxismessung von der Vorbereitung bis zur Dokumentation. Quelle: eigene Darstellung.
Die Abfolge zeigt die Vorbereitung einer geplanten Messung. Bei akuter Atemnot oder neurologischen Ausfällen darf eine Notfallversorgung nicht für diese Ruhezeit verzögert werden.
Bei der ersten Untersuchung misst du an beiden Armen. Bestätige eine systolische Seitendifferenz von mehr als 10 mmHg durch erneute Messung; für spätere Verlaufsmessungen wird der Arm mit den höheren Werten verwendet. Eine anhaltende deutliche Differenz kann eine Gefäßerkrankung anzeigen, etwa eine Stenose der A. subclavia oder eine Aortenisthmusstenose; taste dann die Pulse beider Arme. Führe in der Regel drei Messungen im Abstand von ein bis zwei Minuten durch und bilde den Mittelwert der letzten beiden. Bei stark abweichenden Werten sind weitere Messungen sinnvoll; als stark abweichend gelten Unterschiede von mehr als 10 mmHg. Dokumentiere Arm, Lage, Manschette, Puls, Einzelwerte und Mittelwert.

Abbildung: Armvergleich beim Erstkontakt – ab einer bestätigten systolischen Differenz von mehr als 10 mmHg zählt der höhere Arm. Quelle: eigene Darstellung.
Die Dokumentation hält Messbedingungen und Ergebnisse getrennt fest.
| Bereich | Festzuhalten |
|---|---|
| Messbedingungen | Arm, Lage, Manschette |
| Puls | Erhobener Puls |
| Blutdruck | Einzelwerte und Mittelwert |
Bei unregelmäßigem Puls kann die oszillometrische Messung unzuverlässiger sein. Prüfe den Puls, wiederhole die Messung und vergleiche gegebenenfalls mit einer auskultatorischen Messung. Zähle den Puls über 60 Sekunden; ein neu festgestellter unregelmäßiger Puls wird mit einem 12-Kanal-EKG abgeklärt. Oszillometrische Geräte sind für Vorhofflimmern meist nicht validiert, daher wird dann nach Möglichkeit auskultatorisch gemessen. Dafür pumpst du die Manschette etwa 20–30 mmHg über den Druck auf, bei dem der Radialispuls verschwindet, und lässt sie mit etwa 2 mmHg pro Sekunde ab. Dabei entspricht das erste Korotkow-Geräusch dem systolischen und das Verschwinden der Geräusche dem diastolischen Druck. Ein Smartwatch-Wert ohne ausreichend validiertes Messverfahren ersetzt diese Untersuchung nicht.

Abbildung: Bei unregelmäßigem Puls zählt die Absicherung des Messverfahrens; bei Abweichung wird der auskultatorische Wert bevorzugt. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Auskultatorische Messung am sitzenden Patienten, Arm auf einer Unterlage abgelegt; das Stethoskop liegt unter der Hand der Pflegekraft distal der Manschette. Allgemein gilt: Manschette am unbekleideten Oberarm auf Herzhöhe, Bruststück in der Ellenbeuge über der A. brachialis; beim langsamen Ablassen markiert das erste Korotkow-Geräusch den systolischen, das Verschwinden der Geräusche den diastolischen Wert. Quelle: Linda Bartlett, National Cancer Institute (NCI Visuals Online, Bild 1978), via Wikimedia Commons; gemeinfrei.
| Fehlerquelle | Warum sie die Entscheidung stört |
|---|---|
| Sprechen, Schmerz, unmittelbar vorherige Belastung | Vorübergehende Druckerhöhung wird zur vermeintlichen Dauerhypertonie |
| Arm hängt unter Herzhöhe | Hydrostatischer Einfluss erhöht den Messwert |
| Unpassende Manschette | Systematischer Messfehler statt biologischer Veränderung |
Ausgearbeitetes Beispiel
Nach korrekter Vorbereitung werden 158/96, 150/92 und 146/88 mmHg gemessen. Der maßgebliche Mittelwert beträgt systolisch (150 + 146)/2 = 148 mmHg und diastolisch (92 + 88)/2 = 90 mmHg. Das ist ein erhöhter Praxiswert. Bei einer beschwerdefreien Person ohne akute Warnzeichen folgt die Diagnosebestätigung, nicht die Behauptung, der erste Wert beweise bereits eine dauerhafte Hypertonie.

Abbildung: Rechenweg des Beispiels – vom Einzelwert über den Mittelwert zur Entscheidung. Quelle: eigene Darstellung.
Außerhalb der Praxis bestätigen
Bei der häuslichen Blutdruckmessung, kurz HBPM, misst die Person selbst unter standardisierten Bedingungen. Ein praktikables Schema umfasst sieben Tage mit jeweils zwei Messungen morgens und abends im Abstand von ein bis zwei Minuten. Werte und Einnahmezeitpunkte werden vollständig notiert; keine gezielte Auswahl der niedrigsten Werte. Die Auswertung folgt einem festgelegten Protokoll, beispielsweise dem Mittel aller verwertbaren Werte nach NVL. Morgenmessungen erfolgen möglichst vor Frühstück und Medikamenteneinnahme, ohne verordnete Medikamente dafür auszulassen.

Abbildung: Heimmessung mit einem automatischen Oberarmgerät. Die Manschette sitzt am freien Oberarm, der Arm liegt auf dem Tisch. Für die Diagnose zählen ein validiertes Gerät und das vollständige Messprotokoll, nicht ein einzelner Wert. Quelle: Beendy234, Wikimedia Commons; CC0 1.0; Herstellerschriftzug entfernt, Bild oben beschnitten.
Bei der ambulanten 24-Stunden-Messung, kurz ABPM, erfasst das Gerät auch Alltag und Schlaf. Es misst tagsüber meist alle 15–30 Minuten und nachts alle 30–60 Minuten. Ein Tagebuch mit Schlaf-, Wach-, Belastungs- und Medikamentenzeiten hilft bei der Interpretation. Prüfe Messqualität und Zahl der verwertbaren Werte; gültig ist eine Aufzeichnung mit mindestens 70 % verwertbaren Messungen, meist mindestens 27 Werten in 24 Stunden; ein stark gestörter oder kaum erfasster Nachtschlaf rechtfertigt keine sichere Aussage über den nächtlichen Blutdruck.

Abbildung: Aufzeichnungsgerät der ambulanten 24-Stunden-Messung. Es wird am Körper getragen und ist über einen Schlauch mit der Oberarmmanschette verbunden. Mit der Taste mit Sonne und Mond werden Wach- und Schlafphase markiert; zusammen mit dem Tagebuch lassen sich Tages- und Nachtwerte richtig zuordnen. Quelle: Amikamraz, Wikimedia Commons; CC0 1.0; Herstellerschriftzüge entfernt.

Abbildung: Die Durchführung und die verwertbaren Messdaten bestimmen die Aussagekraft. Quelle: eigene Darstellung.
| Verfahren | Hypertonie ab einem Mittelwert von |
|---|---|
| Praxis | systolisch ≥140 oder diastolisch ≥90 mmHg |
| Zuhause / ABPM am Tag | systolisch ≥135 oder diastolisch ≥85 mmHg |
| ABPM über 24 Stunden | systolisch ≥130 oder diastolisch ≥80 mmHg |
| ABPM während des Schlafs | systolisch ≥120 oder diastolisch ≥70 mmHg |
Diese Grenzen gelten für Erwachsene außerhalb einer Schwangerschaft. Das Erreichen oder Überschreiten einer Grenze genügt. Die ESC 2024 nennt Praxiswerte von 120–139 systolisch oder 70–89 diastolisch bei Werten unterhalb der Hypertoniegrenze „erhöhten Blutdruck“. Das hebt die Hypertoniegrenze von 140/90 mmHg nicht auf. Bei hohem Gesamtrisiko können bereits niedrigere Werte eine Behandlung begründen; das folgt später.
Nach ESC 2024 wird ohne erhöhten Blutdruck etwa alle drei Jahre gemessen, ab 40 Jahren und bei erhöhtem Blutdruck jährlich. Wird bei erhöhtem Blutdruck wegen hohen Risikos eine Behandlung erwogen, wird ebenfalls außerhalb der Praxis bestätigt. Ab 160/100 mmHg erfolgt die Bestätigung zügig, spätestens innerhalb eines Monats. Ab 180/110 mmHg wird zuerst ein hypertensiver Notfall ausgeschlossen; liegt keiner vor, wird möglichst innerhalb einer Woche bestätigt.

Abbildung: Vom Praxiswert zur Diagnose – Tempo und Weg der Bestätigung richten sich nach der Höhe des Praxiswerts. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Praxis- und Heim- bzw. ABPM-Tageswerte unterscheiden vier Blutdruckmuster. Quelle: eigene Darstellung.
Lies zuerst die Messorte, dann die Kombination. „Keine Hypertonie“ bedeutet hier unterhalb der jeweiligen Hypertoniegrenze, nicht automatisch minimales kardiovaskuläres Risiko.
Weißkittelhypertonie bedeutet hohe Praxiswerte bei unauffälligen Werten außerhalb der Praxis. Sie erfordert Risikoprüfung und Verlaufskontrollen. Maskierte Hypertonie bedeutet das Gegenteil und kann sonst übersehen werden. Sie ist häufiger bei Männern, Rauchenden sowie Menschen mit Diabetes oder Adipositas. Bei bereits behandelter Hypertonie spricht man entsprechend von Weißkitteleffekt bzw. maskierter unkontrollierter Hypertonie. Normalerweise sinkt der Druck nachts um etwa 10–20 %; ein Abfall unter 10 % gilt als fehlend. Ein fehlender nächtlicher Abfall kann beispielsweise bei Schlafapnoe oder Nierenkrankheit auftreten; er ist allein keine Ursachendiagnose.
Freie Antwort
Einen Mittelwert beurteilen
Aufgabe
Nach Ruhe wurden 160/94, 144/86 und 140/84 mmHg gemessen. Berechne den Mittelwert der letzten beiden Messungen und benenne den nächsten Schritt bei Beschwerdefreiheit.
Die drei Messungen nach Ruhe stehen in ihrer ursprünglichen Reihenfolge.
| Messung | Systolisch (mmHg) | Diastolisch (mmHg) |
|---|---|---|
| 1 | 160 | 94 |
| 2 | 144 | 86 |
| 3 | 140 | 84 |

Abbildung: Auskultatorische Messung in der Praxis; der Arm der sitzenden Person liegt auf dem Tisch, das Stethoskop in der Ellenbeuge. Quelle: Biswarup Ganguly, via [Wikimedia Commons]; [CC BY 3.0]; Ausschnitt ohne Gesichter, Geräteetikett und Formular unscharf gemacht.
In der App sprechen üben →Multiple Choice
Die passende Einordnung
Aufgabe
Eine unbehandelte Person hat wiederholt Praxiswerte um 128/78 mmHg. Der korrekt erhobene Heimmittelwert beträgt 142/88 mmHg. Welche Einordnung passt?
Die Tabelle stellt die Messorte bei der unbehandelten Person gegenüber.
| Messort | Systolisch (mmHg) | Diastolisch (mmHg) |
|---|---|---|
| Praxis, wiederholt | Um 128 | Um 78 |
| Zuhause, korrekt erhobenes Mittel | 142 | 88 |

Abbildung: Selbstmessung zu Hause mit einer Oberarmmanschette auf unbekleideter Haut. Quelle: Shixart1985, via [Wikimedia Commons]; [CC BY 2.0]; beschnitten, Herstelleraufdruck unkenntlich gemacht.
- a)Weißkittelhypertonie.
- b)Maskierte Hypertonie.
- c)Hypertonie ist durch den Praxiswert ausgeschlossen.
Freie Antwort
Die Messung praktisch durchführen
Aufgabe
Führe an einer einverstandenen Person unter geeigneter Aufsicht eine Oberarmmessung durch. Erkläre zunächst den Ablauf, wähle die Manschette, positioniere die Person, erhebe und dokumentiere die Werte. Benenne anschließend zwei Bedingungen, die deine Messung verfälscht hätten.

Abbildung: Manometer, Pumpball und Manschette eines auskultatorischen Messgeräts. Auf der Manschette ist der Armumfangsbereich angegeben, für den sie vorgesehen ist. Quelle: ML5 (englischsprachige Wikipedia), via [Wikimedia Commons]; gemeinfrei; Herstelleretikett abgeschnitten, Logo auf dem Zifferblatt entfernt.
In der App sprechen üben →Ursachen und Folgen
Lernziel: Du kannst Ursachenhinweise und chronische Organschäden gezielt abklären.
Warum der Druck dauerhaft steigt
Bei primärer Hypertonie besteht keine einzelne nachweisbare Grunderkrankung als Ursache. Genetische Veranlagung, Alter, Gewicht, hohe Kochsalzzufuhr, Alkohol, Bewegungsmangel und neurohormonelle Regulation wirken zusammen. „Primär“ bedeutet weder psychisch verursacht noch ungefährlich. Die Erkrankung bleibt häufig lange symptomlos; Kopfschmerzen sind weder notwendig noch ein verlässliches Maß für die Höhe des Blutdrucks.
Bei sekundärer Hypertonie trägt eine bestimmte Erkrankung oder Substanz wesentlich zur Druckerhöhung bei. Besonders verdächtig sind ein sehr früher Beginn, eine plötzliche Verschlechterung, schwer einstellbare Werte und charakteristische Begleitbefunde. Frage auch nach nicht verschreibungspflichtigen Mitteln: NSAR wie Ibuprofen, Glukokortikoide, abschwellende Sympathomimetika, Stimulanzien, Kokain, Lakritz sowie hormonelle Präparate können relevant sein. Nach ESC 2024 ist bei etwa 10 % der Menschen mit Hypertonie eine bestimmte Ursache erkennbar; ein Beginn vor dem 40. Lebensjahr und eine resistente Hypertonie trotz drei Substanzen sind Anlass zur gezielten Suche.

Abbildung: Zusammenwirkende Faktoren sprechen für eine primäre Hypertonie; Warnzeichen und drucksteigernde Substanzen führen zu einer gezielten Frage. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Mögliche Langzeitfolgen anhaltender Druckbelastung mit typischen Schwellen; erst der Befund, nicht der Druckwert, belegt einen Organschaden. Quelle: eigene Darstellung.
Die Beziehungen zeigen mögliche Langzeitfolgen; ein hoher Wert beweist keine dieser Folgen. Zudem beeinflussen sich Nierenschaden und Blutdruck gegenseitig. Als Organschaden gelten nach ESC 2024 zum Beispiel eine UACR ab 30 mg/g, eine eGFR unter 60 ml/min/1,73 m², Karotisplaques ab 1,5 mm Wanddicke oder eine Pulswellengeschwindigkeit über 10 m/s.
Endorganschaden ist mehr als ein hoher Wert
Das linke Herz muss gegen einen höheren Auswurfwiderstand arbeiten. Eine länger anhaltende Belastung kann zur linksventrikulären Hypertrophie, also einer Zunahme der Muskelmasse, und später zu Funktionsstörungen führen. Im Echo spricht eine linksventrikuläre Masse über 115 g/m² Körperoberfläche bei Männern bzw. über 95 g/m² bei Frauen für eine Hypertrophie; typische Folgen sind gestörte diastolische Füllung, Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz. An den Nieren weist Albumin im Urin auf eine gestörte glomeruläre Barriere hin. Ein unauffälliges Kreatinin schließt frühen Nierenschaden nicht aus. Deshalb werden geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) und Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin (UACR) gemeinsam betrachtet.

Abbildung: Konzentrische linksventrikuläre Hypertrophie im Sektionspräparat. Die Muskelmasse nimmt rundum zu, das Kavum wird klein; dieses Muster entsteht typischerweise bei chronischer Druckbelastung. Quelle: Mikael Häggström, Wikimedia Commons; CC0 1.0.

Abbildung: Druckbelastung führt über die Hypertrophie zur Funktionsstörung; das EKG stützt einen Verdacht, das Echo klärt Struktur und Funktion. Quelle: eigene Darstellung.
| Untersuchung | Klinische Frage |
|---|---|
| Anamnese, Untersuchung, Pulse, Herz/Lunge, Neurologie | Bestehen Symptome, Gefäßerkrankung oder Hinweise auf eine sekundäre Ursache? |
| Kreatinin/eGFR, Natrium, Kalium, Urin/UACR | Nierenfunktion, Albuminverlust und sichere Medikamentenwahl? |
| Glukose/HbA1c und Lipidprofil | Diabetes und zusätzliche kardiovaskuläre Risiken? |
| 12-Kanal-EKG, gezielt Echokardiographie | Hypertrophiehinweis, Rhythmus oder strukturelle Herzerkrankung? |
Eine UACR von 30–300 mg/g entspricht mäßig erhöhter, über 300 mg/g stark erhöhter Albuminurie. Fieber, Infekt oder starke Belastung können vorübergehend erhöhen. Ein auffälliger Befund wird daher im passenden Kontext wiederholt. Eine chronische Nierenkrankheit setzt eine über mindestens drei Monate bestehende Funktions- oder Strukturauffälligkeit voraus. Ein einmaliger eGFR-Wert von 55 ml/min/1,73 m² beweist noch keine Chronizität. Bevorzugt wird erster Morgenurin untersucht; eine UACR unter 30 mg/g entspricht Stufe A1. Die eGFR-Stufen lauten G1 ≥90, G2 60–89, G3a 45–59, G3b 30–44, G4 15–29 und G5 <15 ml/min/1,73 m²; besteht eine eGFR unter 60 ml/min/1,73 m² mindestens drei Monate, liegt bereits dadurch eine chronische Nierenkrankheit vor.

Abbildung: Albuminurie- und eGFR-Stufe beschreiben das Ausmaß; erst die Dauer von mindestens drei Monaten belegt eine chronische Nierenkrankheit. Quelle: eigene Darstellung.
Ein EKG kann einen Hypertrophieverdacht unterstützen, schließt ihn aber bei unauffälligem Befund nicht aus. Im EKG stützen ein Sokolow-Lyon-Index über 3,5 mV oder ein Cornell-Produkt über 2440 mm·ms den Verdacht. Die Echokardiographie klärt bei entsprechender Indikation Struktur und Funktion genauer. Die gezielte EKG-Vertiefung folgt in C06-U08. Fundoskopie ist besonders bei schwerer Hypertonie und Verdacht auf akute hypertensive Organschädigung wichtig. Eine detaillierte retinale Bilddiagnostik wird hier nicht vorausgesetzt.

Abbildung: Fundus bei maligner Hypertonie. Streifenförmige Blutungen (Stern), Cotton-Wool-Herde (schwarze Pfeile), harte Exsudate an der Makula (weißer Pfeil) und Papillenschwellung zeigen eine akute hypertensive Organschädigung an. Quelle: Mishra P, Kanaujia V, Kesarwani D, Sharma K, Nanda J, Mishra P. Cureus 2024; doi:10.7759/cureus.62945, Abb. 1; CC BY 4.0.
Chronische Organschäden erhöhen das Langzeitrisiko. Ein hypertensiver Notfall setzt dagegen eine akute Organschädigung voraus. Ein alter Hypertrophiebefund allein ist deshalb kein Beweis für einen heutigen Notfall; neue Beschwerden oder Funktionsverluste müssen gesondert untersucht werden.
Sekundäre Ursachen begründet suchen
Die Erstuntersuchung prüft häufige und behandelbare Ursachen; anschließend richtet sich die Diagnostik nach dem Verdacht. Eine wahllose Hormonsammlung oder CT-Untersuchung ersetzt diese Reihenfolge nicht. Nach ESC 2024 soll ein Aldosteron-Renin-Screening bei allen Erwachsenen mit bestätigter Hypertonie erwogen werden. Bei resistenter Hypertonie zeigen bis zu 60 % Merkmale einer Schlafapnoe; die Schlafdiagnostik sichert sie ab einem Apnoe-Hypopnoe-Index über 5 pro Stunde.

Abbildung: Erst Basisdiagnostik und begründeter Verdacht, dann der passende Test; Bildgebung folgt nur, wenn ihr Ergebnis das Vorgehen ändert. Quelle: eigene Darstellung.
| Hinweis | Begründeter nächster Ansatz |
|---|---|
| Albuminurie, Hämaturie, reduzierte eGFR | Renoparenchymatöse Ursache: Urin, Verlauf und Nierensonographie |
| Schnarchen, Atempausen, Tagesschläfrigkeit | Obstruktive Schlafapnoe: Schlafanamnese und geeignete Schlafdiagnostik |
| Hypokaliämie oder resistente Hypertonie | Primären Aldosteronismus prüfen: Aldosteron und Renin unter geeigneten Bedingungen |
| Plötzliche Verschlechterung, wiederholtes Lungenödem, starker Kreatininanstieg unter RAAS-Blockade | Renovaskuläre Ursache: gezielte Gefäßdiagnostik |
| Anfallsartiges Herzrasen, Schwitzen, Kopfschmerzen | Bei begründetem Verdacht Phäochromozytom: Metanephrine, fachärztliche Abklärung |
| Typische Schilddrüsen-/Cushingzeichen | TSH bzw. gezielte endokrine Diagnostik statt ungerichteter Tests |

Abbildung: Renovaskuläre Ursache bei einer 35-jährigen Frau. Die Perlschnur-Kontur (Pfeile) ist typisch für eine fibromuskuläre Dysplasie. Bei älteren Menschen mit Gefäßrisiko ist die atherosklerotische Nierenarterienstenose häufiger. Die erste Gefäßdiagnostik ist meist Duplexsonographie, CT- oder MR-Angiographie. Quelle: Zeina AR, Vladimir W, Barmeir E. J Med Case Rep 2007; doi:10.1186/1752-1947-1-58, über Wikimedia Commons; CC BY 2.0.
Die Mineralokortikoidwirkung lässt sich kurz reaktivieren: Aldosteron fördert distal die Natriumrückresorption und begünstigt die Ausscheidung von Kalium und Wasserstoffionen. Deshalb passen Hypertonie, Hypokaliämie und metabolische Alkalose zusammen. Normales Kalium schließt einen primären Aldosteronismus nicht aus. Ein erhöhtes Aldosteron-Renin-Verhältnis ist ein Screeningbefund, noch keine sichere Diagnose oder Seitenlokalisation. Kalium, Salzhaushalt und Medikamente verändern die Messung. In der Hausarztpraxis haben etwa 5–14 % der Menschen mit Hypertonie einen primären Aldosteronismus. Die Blutentnahme erfolgt in der Regel morgens, mindestens 2 Stunden nach dem Aufstehen und nach 5–15 Minuten Sitzen bei normalem Kalium; Bestätigung und Seitenlokalisation, etwa mit Nebennierenvenenkatheter, erfolgen fachärztlich. Bereite die Untersuchung nach dem Labor-/Fachprotokoll vor; antihypertensive Medikamente werden nicht eigenmächtig vollständig abgesetzt. Die vollständige endokrinologische Test- und Behandlungsstrategie gehört zur entsprechenden Fachabklärung.

Abbildung: Der Mechanismus erklärt die Befundkombination; ein erhöhtes Verhältnis ist nur ein Screeningbefund und braucht Bestätigung und Seitenlokalisation. Quelle: eigene Darstellung.
Bei jungen Menschen kann eine Aortenisthmusstenose durch schwache/verzögerte Femoralispulse und Arm-Bein-Druckdifferenz auffallen. Ein systolischer Unterschied von mindestens 20 mmHg zwischen Arm und Bein spricht nach ESC für eine relevante Stenose; Kardio-MRT oder CT-Angiographie stellen dann die ganze Aorta dar, und bei Erwachsenen ist meist eine Stentimplantation die erste Behandlung. Das führt zur gezielten kardiologischen Bildgebung. Die Duplexsonographie und Echokardiographie arbeiten ohne ionisierende Strahlung. CT-Angiographie verursacht Strahlenexposition und verwendet meist jodhaltiges Kontrastmittel; MR-Verfahren haben andere Grenzen. Wähle Bildgebung nur bei einer Frage, deren Antwort das Vorgehen ändert. Eine nuklearmedizinische Untersuchung ist kein routinemäßiger Suchtest für jede Hypertonie.

Abbildung: Verschlechterung, Lungenödem oder Kreatininanstieg begründen die Gefäßfrage; die Bildgebung folgt einer konkreten Konsequenz. Quelle: eigene Darstellung.
Die genannten Bildgebungsverfahren unterscheiden sich hinsichtlich Strahlung und Kontrastmittel.
| Verfahren | Im Text genannte Eigenschaft |
|---|---|
| Duplexsonographie und Echokardiographie | Keine ionisierende Strahlung |
| CT-Angiographie | Strahlenexposition; meist jodhaltiges Kontrastmittel |

Abbildung: Aortenisthmusstenose in der CT-Angiographie. Die Pfeile zeigen die umschriebene Engstelle distal der linken A. subclavia, umgeben von Kollateralen. Die Darstellung ist präzise, erfordert aber Strahlung und meist jodhaltiges Kontrastmittel. Quelle: Garuma MT, Tesfa MJ, Juhar LH, Chaka TZ. Oxf Med Case Reports 2026; doi:10.1093/omcr/omag148, Abb. 2; CC BY 4.0; Rahmen entfernt.

Abbildung: Der Arm-Bein-Vergleich begründet die Bildgebung; Echo zuerst, dann MRT oder CT für die ganze Aorta, Behandlung im spezialisierten Zentrum. Quelle: eigene Darstellung.
Ein Verdacht wird zur Entscheidung
Ausgearbeitetes Beispiel
Eine 38-jährige Person hat bestätigte Hypertonie, Kalium 3,1 mmol/l und nimmt kein Diuretikum. Erstens wird die Hypokaliämie überprüft und abhängig von Ausmaß, Symptomen und EKG sicher behandelt. Zweitens wird nach Verlusten, Lakritz und Medikamenten gefragt. Drittens begründet die Kombination ein Screening auf primären Aldosteronismus. Ein Nebennieren-CT als erster Schritt würde ein zufälliges Adenom zeigen können, ohne die Ursache der Hypertonie zu beweisen. Zur Einordnung: Eine Hypokaliämie liegt unter 3,5 mmol/l vor; unter 2,5 mmol/l, bei Rhythmusstörungen oder Muskelschwäche gilt sie als schwer und wird unter Monitoring intravenös ausgeglichen (ERC 2021). Magnesium wird mitbestimmt.

Abbildung: Die Reihenfolge verhindert, dass ein zufälliges Nebennierenadenom vorschnell zur Ursache erklärt wird. Quelle: eigene Darstellung.
Multiple Choice
Chronisch oder akut?
Aufgabe
Bei langjähriger Hypertonie bestehen eine seit einem Jahr stabile UACR von 90 mg/g und echokardiographisch eine linksventrikuläre Hypertrophie. Heute werden 182/106 mmHg ohne neue Beschwerden gemessen. Beweisen die beiden bekannten Befunde einen hypertensiven Notfall?
Die Tabelle fasst die bekannten Befunde und die heutige Messung zusammen.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Vorgeschichte | Langjährige Hypertonie |
| UACR | 90 mg/g; seit einem Jahr stabil |
| Echokardiographie | Linksventrikuläre Hypertrophie |
| Blutdruck heute | 182/106 mmHg |
| Beschwerden heute | Keine neuen Beschwerden |

Abbildung: Echokardiographie in der parasternalen langen Achse mit Messung von Septum, linksventrikulärem Innendurchmesser und Hinterwand. Beispielbild für den im Fall genannten echokardiographischen Befund. Quelle: hugovillarroelabrego, via [Wikimedia Commons]; gemeinfrei; als WebP gespeichert.
- a)Ja, jeder dokumentierte Organschaden macht den heutigen Wert zum Notfall.
- b)Nein, chronischer Schaden zählt nicht zur Risikoabschätzung.
- c)Nein, es fehlt bisher der Nachweis eines akuten Organschadens; dieser muss gezielt ausgeschlossen werden.
Freie Antwort
Einen Untersuchungsschritt auswählen
Aufgabe
Eine Person mit schwer einstellbarer Hypertonie berichtet über lautes Schnarchen und beobachtete Atempausen. Formuliere eine begründete Abklärung und erkläre, warum eine reine Dosissteigerung den Befund nicht ausreichend bearbeitet.
Die berichteten Angaben stehen getrennt nach Blutdruck und Schlaf.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Hypertonie | Schwer einstellbar |
| Schnarchen | Laut |
| Atempausen | Beobachtet |
Akute Gefahr erkennen
Lernziel: Du kannst einen hypertensiven Notfall erkennen und sicher reagieren.
Der Organschaden entscheidet
Ein hypertensiver Notfall besteht bei stark erhöhtem Blutdruck mit akuter, blutdruckassoziierter Organschädigung. Häufig liegen Werte ab etwa 180/110 mmHg vor; die Zahl allein definiert den Notfall nicht. Ein rascher Anstieg und besondere Situationen wie Schwangerschaft können bereits bei niedrigeren Werten gefährlich sein. Umgekehrt ist eine chronische LVH bei 190/110 mmHg ohne neue Schädigung nicht automatisch ein akuter Notfall.

Abbildung: Nicht die Zahl, sondern der neue Organschaden trennt Notfall und Entgleisung; eine unsichere Beurteilung bleibt im Notfallpfad. Quelle: eigene Darstellung.
Der Nein-Zweig setzt eine ausreichende klinische Beurteilung voraus. „Keine Beschwerden genannt“ bedeutet noch nicht „kein Organschaden“.
| Warnbefund | Gefährdete Situation |
|---|---|
| Neue fokale Ausfälle, Verwirrtheit, Krampfanfall | Schlaganfall, Blutung oder hypertensive Enzephalopathie |
| Thoraxschmerz, Ischämiezeichen | Akutes Koronarsyndrom; bei reißendem Rücken-/Thoraxschmerz auch Aortensyndrom |
| Akute Dyspnoe, Rasselgeräusche, Hypoxämie | Akutes kardiales Lungenödem |
| Oligurie, neuer Kreatininanstieg | Akute Nierenschädigung |
| Neue Sehstörung oder schwere Schwangerschaftssymptome | Retinale Beteiligung bzw. Präeklampsie/Eklampsie |
Kopfschmerzen allein beweisen keine Enzephalopathie. Neue neurologische Symptome dürfen aber nicht vorschnell als „nur hoher Blutdruck“ erklärt werden. Auch Schmerzen, Hypoxie und Angst können den Blutdruck als Reaktion erhöhen.
Vom Verdacht zur Akutversorgung
Beurteile zunächst Atemweg, Atmung und Kreislauf, Bewusstsein und neurologischen Status. Rufe früh Hilfe und organisiere bei Notfallverdacht die notfallmäßige stationäre Versorgung. Überwache Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung und EKG; lege einen venösen Zugang und prüfe Blutzucker. Sauerstoff wird bei Hypoxämie gegeben. Die gezielte Diagnostik folgt dem Verdacht: beispielsweise EKG/Troponin bei Brustschmerz, Bildgebung des Gehirns bei neurologischen Ausfällen, Kreatinin/Elektrolyte/Urin bei Nierenbeteiligung. Eine notwendige Transportentscheidung wartet nicht auf sämtliche Laborwerte.
Als Basis bei jedem Verdacht nennt das ESC-Positionspapier EKG, Fundoskopie, Blutbild, Kreatinin, Natrium, Kalium, LDH, Haptoglobin und Urinstatus. Bei Brustschmerz soll das 12-Kanal-EKG innerhalb von 10 Minuten vorliegen; Sauerstoff ist ab einer SpO₂ unter 90 % angezeigt.

Abbildung: Die Transportentscheidung wartet nicht auf sämtliche Laborwerte. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Nativ-CT bei hypertensiver Stammganglienblutung rechts (Stern). Die Pfeile markieren den medialen Blutungsrand mit hypodensem Saum. Neue fokale Ausfälle verlangen diese Bildgebung sofort; erst der Befund legt das Blutdruckregime fest. Quelle: Shazia Mirza, Sankalp Gokhale: Neuroimaging in Acute Stroke. SMGebooks 2016, Abb. 4A; CC BY 4.0; vergrößert.
Die Behandlung erfolgt mit titrierbaren Medikamenten unter Überwachung. Eine abrupte Normalisierung kann die Durchblutung von Gehirn, Herz und Niere gefährden, weil sich ihre Autoregulation an höhere Drücke angepasst hat. Als allgemeine Orientierung bei einem Notfall ohne gesondertes organspezifisches Regime, etwa bei maligner Hypertonie oder hypertensiver Enzephalopathie, gilt nach dem ESC-Positionspapier, auf das die ESC-Leitlinie 2024 verweist: den mittleren arteriellen Druck (MAP ≈ diastolischer Wert + ⅓ × [systolischer − diastolischer Wert]) zunächst um etwa 20–25 % senken, bei Enzephalopathie sofort beginnend, bei maligner Hypertonie über einige Stunden; anschließend bei Stabilität weiter kontrolliert reduzieren. Die konkrete Diagnose bestimmt Ziel und Geschwindigkeit. Diese Orientierung ist kein Rezept für jeden Schlaganfall oder jede Schwangerschaft.
Beispiel: 220/130 mmHg ergeben einen MAP von etwa 160 mmHg (130 + ⅓ × 90); die erste Stufe zielt damit auf etwa 120–128 mmHg. Bei chronischer Hypertonie ist die untere Grenze der zerebralen Autoregulation nach rechts verschoben; eine abrupte Senkung auf 120/80 mmHg (MAP ≈ 93) kann sie unterschreiten.

Abbildung: Schematische Darstellung ohne exakte Grenzwerte: Die nach rechts verschobene Autoregulation erklärt, warum die erste Stufe nur 20–25 % beträgt. Quelle: eigene Darstellung.
Eine begleitende thrombotische Mikroangiopathie (TMA) bessert sich unter Blutdrucksenkung meist innerhalb von 24–48 Stunden.

Abbildung: Die Prozentregel gilt nur im passenden Organbefund und ersetzt kein Sonderregime. Quelle: eigene Darstellung.
| Situation | Warum das allgemeine Schema nicht genügt |
|---|---|
| Akutes Aortensyndrom | Sofort systolisch <120 mmHg und Herzfrequenz <60/min, Frequenzkontrolle zuerst; Spezialteam |
| Ischämischer Schlaganfall / Hirnblutung | Lyse: vorher <185/110, danach 24 h <180/105 mmHg; ohne Reperfusion meist erst ab >220/120 mmHg vorsichtig senken; Blutung nach Schlaganfallprotokoll |
| Lungenödem / Koronarsyndrom | Rasch systolisch <140 mmHg; Nitrat, beim Ödem plus Schleifendiuretikum, Atemunterstützung; Kontraindikationen prüfen |
| Schwangerschaft | Bereits ≥160 systolisch oder ≥110 diastolisch erfordert stationären Behandlungsbeginn |
Ohne Reperfusionstherapie wird der Blutdruck beim ischämischen Schlaganfall erst ab >220/120 mmHg gesenkt, dann um etwa 15 % des MAP innerhalb von 24 Stunden. Bei Hirnblutung empfiehlt die DGN-Leitlinie, systolisch möglichst innerhalb von 2 Stunden auf ≤140 mmHg zu senken, aber nicht unter 110 mmHg. Bei schwerer Präeklampsie kommt Magnesiumsulfat i.v. zur Eklampsieprophylaxe hinzu.

Abbildung: Nach neurologischer Notfallabklärung bestimmt die Diagnose das Druckregime; bei Ischämie entscheidet zusätzlich die geplante Reperfusion. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Jedes Organ hat eigenes Ziel und eigenes Tempo; die Prozentregel ist nur eines von sechs Regimen. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Kontrastmittel-CT bei Typ-A-Dissektion. FL = falsches Lumen in Aorta ascendens und descendens; blauer Pfeil: Dissektionsmembran in der Aorta descendens; roter Pfeil: rechtes Koronarostium im wahren Lumen; gelber Pfeil: Perikarderguss. Hier gilt das Aortenregime mit Frequenzkontrolle zuerst, nicht die allgemeine Prozentregel. Quelle: Escabi-Mendoza J, Diaz-Rodriguez PE, Gonzalez-Bravo DH, Partida-Rodriguez E. Cureus 2023; doi:10.7759/cureus.38436, Abb. 8; CC BY 3.0.
Ausgearbeitetes Beispiel
Eine Person hat 224/126 mmHg, akute Luftnot und beidseits feuchte Rasselgeräusche. Die Kombination begründet den Verdacht auf ein akutes Lungenödem und damit einen hypertensiven Notfall. Es folgen Überwachung, Notfallteam, passende Atemunterstützung und gezielte Akuttherapie. Beim hypertensiven Lungenödem nennt das ESC-Positionspapier eine rasche Senkung auf systolisch unter 140 mmHg, etwa mit Nitrat und Schleifendiuretikum; eine Normalisierung auf 120 mmHg ist nicht das Ziel. Das Organbild bestimmt die Therapie; eine allgemeine Prozentregel ersetzt das Lungenödemprotokoll nicht.

Abbildung: Röntgen-Thorax bei hypertensivem Notfall mit Werten über 220/130 mmHg: beidseitige Stauungszeichen und Pleuraergüsse (Pfeile). Das Bild stützt den klinischen Befund; Atemunterstützung und Akuttherapie beginnen nach Klinik, nicht erst nach dem Röntgen. Quelle: Ibrahim J, Jacobsen TP, Boulos A, DeFrancisis JS, Simhadri P. Cureus 2025; doi:10.7759/cureus.90003, Abb. 1; CC BY 4.0; seitliche Aufnahmebeschriftung abgeschnitten.
Nach der ESC-Herzinsuffizienz-Leitlinie erhält Sauerstoff, wer eine SpO₂ unter 90 % hat; bei Atemnot mit einer Atemfrequenz über 25/min wird eine nichtinvasive Beatmung (CPAP/NIV) erwogen. Ohne diuretische Vortherapie beginnt Furosemid mit 20–40 mg i.v., bei diuretischer Vortherapie mit dem 1–2-Fachen der oralen Tagesdosis i.v.; Nitrate i.v. kommen bei systolisch über 110 mmHg in Betracht, beginnend mit 10–20 µg/min und titriert bis höchstens 200 µg/min. Vor Nitratgabe wird die Einnahme von PDE-5-Hemmern erfragt.

Abbildung: Atmung zuerst, dann Vor- und Nachlast senken; das Ziel ist systolisch < 140 mmHg, nicht 120 mmHg. Quelle: eigene Darstellung.
Ein Beispiel für ein überwachtes i.v. Antihypertensivum ist Urapidil: Nach der Fachinformation werden 10–50 mg langsam intravenös unter laufender Blutdruckkontrolle gegeben; die Injektion kann je nach Wirkung wiederholt werden. Die NVL Hypertonie nennt als Beispiel initial 12,5 mg (bis höchstens 50 mg) und danach 5–40 mg/h als Dauerinfusion. Wahl und weitere Gabe hängen von Situation, Begleitmedikation, Organfunktion und lokalem Akutprotokoll ab. Urapidil ersetzt bei einem Aortensyndrom keine erforderliche Frequenzkontrolle und bei Lungenödem keine Behandlung der Atemstörung. Für die praktische Anwendung braucht es die passende Überwachungsumgebung.

Abbildung: Fachinformation und NVL-Beispiel konkretisieren dieselbe überwachte Gabe; zusätzliche Organmaßnahmen bleiben erforderlich. Quelle: eigene Darstellung.
Die Urapidil-Angaben unterscheiden Injektion und anschließende Dauerinfusion.
| Angabe | Dosis | Anwendung |
|---|---|---|
| Fachinformation | 10–50 mg | Langsam i.v.; laufende Blutdruckkontrolle |
| NVL: Beginn | 12,5 mg, bis höchstens 50 mg | Initiale Gabe |
| NVL: anschließend | 5–40 mg/h | Dauerinfusion |
Stark erhöht, aber kein akuter Schaden
Ist eine Person klinisch stabil und ergibt die Untersuchung keinen Hinweis auf akuten Organschaden, wird kontrolliert erneut gemessen. Die NVL bezeichnet Werte über 180/110 mmHg ohne akute Begleitsymptome als „hypertensive Entgleisung“ und empfiehlt zunächst etwa 30 Minuten Ruhe und anschließend eine Kontrollmessung. Prüfe Einnahmefehler, Schmerz, Stress, auslösende Mittel und Volumenstatus.
Persistiert die Erhöhung, wird eine geeignete orale Langzeittherapie begonnen oder angepasst. Der Druck soll kontrolliert über die folgenden Tage sinken. Sublinguales oder kurzwirksames Nifedipin zur schnellen Normalisierung ist hierfür ungeeignet: Ein unkontrollierter Abfall kann Ischämien verursachen. Vereinbare eine konkrete kurzfristige Kontrolle innerhalb weniger Tage; bei unsicherem Befund oder unsicherer Versorgung früher. Bei neuen Warnzeichen sofort erneut notfallmäßig vorstellen. Ist eine sichere Abklärung oder Nachbetreuung nicht möglich, muss die Versorgung entsprechend eskaliert werden.

Abbildung: Kontrollierte Behandlung über Tage braucht einen konkreten Kontrolltermin und ein Sicherheitsnetz. Quelle: eigene Darstellung.
Multiple Choice
Priorisieren
Aufgabe
Person A: 202/112 mmHg, ansprechbar, keine neuen Beschwerden, Untersuchung zunächst unauffällig. Person B: 176/104 mmHg, neu aufgetretene Halbseitenlähmung. Welche Person benötigt unmittelbar eine neurologische Notfallabklärung?
Die beiden Personen werden mit den jeweils genannten Befunden gegenübergestellt.
| Person | Blutdruck | Weitere Angaben |
|---|---|---|
| A | 202/112 mmHg | Ansprechbar; keine neuen Beschwerden; Untersuchung zunächst unauffällig |
| B | 176/104 mmHg | Neu aufgetretene Halbseitenlähmung |
- a)Person B aufgrund des neuen fokalen Defizits.
- b)Nur Person A, weil der systolische Wert über 200 liegt.
- c)Beide erst nach einer 24-Stunden-Messung.
Freie Antwort
Einen sicheren Plan formulieren
Aufgabe
Nach Ruhe bleibt der Blutdruck bei 190/108 mmHg. Es bestehen keine neuen Beschwerden; die gezielte Untersuchung ergibt keinen akuten Schaden. Die Person hat ihre bisherige Therapie mehrfach vergessen. Formuliere das weitere Vorgehen einschließlich einer Sicherheitsanweisung.
Die Tabelle bündelt Messung, Untersuchung und Einnahmeangabe.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Blutdruck nach Ruhe | 190/108 mmHg |
| Beschwerden | Keine neuen Beschwerden |
| Gezielte Untersuchung | Kein akuter Schaden |
| Bisherige Therapie | Mehrfach vergessen |
Medikamente und Kontrolle
Lernziel: Du kannst Antihypertensiva begründet auswählen und ihre Sicherheit prüfen.
Wann und auf welchen Wert behandeln?
Lebensstilmaßnahmen gehören zu jeder Behandlung, ersetzen bei klarer Indikation aber keine wirksame Medikation. Nach ESC 2024 wird eine bestätigte Hypertonie ab 140/90 mmHg medikamentös und nichtmedikamentös behandelt. Bei Blutdruck ab 130/80 mmHg unterhalb dieser Hypertoniegrenze kann bei hohem kardiovaskulärem Risiko nach etwa drei Monaten Lebensstilintervention ebenfalls eine medikamentöse Therapie angezeigt sein. Dazu zählen beispielsweise eine manifeste Gefäßerkrankung oder andere eindeutig erhöhte Risikokonstellationen. Nach ESC 2024 gehören dazu auch Diabetes, eine mäßige bis schwere CKD, eine familiäre Hypercholesterinämie oder ein geschätztes 10-Jahres-Risiko (SCORE2/SCORE2-OP) von mindestens 10 %. Für Menschen mit niedrigem Risiko wird diese niedrigere Schwelle nicht pauschal übernommen.

Abbildung: Der Blutdruck bestimmt den Weg, das Risiko entscheidet nur im Bereich 130–139/80–89 mmHg. Lebensstilmaßnahmen gehören zu allen drei Wegen. Quelle: eigene Darstellung.
| Stufe | Zielwert in der Praxismessung |
|---|---|
| Erstes Ziel für alle (NVL 2023 und ESC 2024) | <140/90 mmHg |
| Danach bei guter Verträglichkeit (ESC 2024) | Systolisch 120–129, diastolisch 70–79 mmHg |
| Symptomatische Orthostase, ausgeprägte Gebrechlichkeit, ≥85 Jahre oder begrenzte Lebenserwartung | Individualisieren; sichere Verträglichkeit und Versorgungssituation haben Vorrang |
In diesem Kapitel gilt deshalb ein Stufenziel: zuerst unter 140/90 mmHg, anschließend bei guter Verträglichkeit systolisch 120–129 mmHg. Die NVL nennt <140/90 mmHg als idealen Zielwert und lässt individuell einen Korridor von 120/70 bis höchstens 160/90 mmHg zu; die Obergrenze ist ein Kompromiss, etwa bei Gebrechlichkeit, kein Ziel für gut belastbare Menschen. Messmethode, Beschwerden, Nierenfunktion und stehender Blutdruck bleiben Teil der Entscheidung. Die Zielwerte gelten für die Praxismessung; die NVL zieht für Heim- und ABPM-Tagesmittel 5 mmHg und für das 24-Stunden-Mittel 10 mmHg ab, nicht jedoch bei Werten unter 130 mmHg.

Abbildung: Erst das gemeinsame Ziel, dann die individuelle Stufe; dasselbe Ziel wird je nach Messart in einen anderen Zahlenwert übersetzt. Quelle: eigene Darstellung.
Wirkprinzip und Auswahl
Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, kurz RAAS, stabilisiert bei Bedarf Druck und Volumen. Angiotensin II verengt Gefäße und fördert Aldosteronfreisetzung. ACE-Hemmer vermindern seine Bildung, Sartane blockieren seinen AT₁-Rezeptor. Beide können bei albuminurischer Nierenkrankheit besonders nützlich sein; beide können aber Kalium erhöhen und die glomeruläre Filtration verändern. ACE-Hemmer verursachen zusätzlich häufiger Reizhusten und selten ein gefährliches Angioödem. Ursache ist vor allem der verminderte Abbau von Bradykinin, den ACE normalerweise übernimmt. ACE-Hemmer und Sartan werden nicht kombiniert. Typische Beispiele sind Ramipril mit 2,5–10 mg pro Tag und Candesartan, das nach Fachinformation mit 8 mg einmal täglich beginnt und bis höchstens 32 mg pro Tag gesteigert werden kann.

Abbildung: ACE-Hemmer und Sartane greifen an verschiedenen Stellen derselben Kaskade an. Der Bradykinin-Effekt erklärt Husten und Angioödem unter ACE-Hemmern; Kalium- und Kreatininkontrolle gelten für beide. Quelle: eigene Darstellung.
Dihydropyridin-Kalziumantagonisten wie Amlodipin erweitern vorwiegend Arteriolen. Typisch sind Knöchelödeme, Kopfschmerz und Flush. Das Ödem kann durch veränderte kapilläre Druckverhältnisse entstehen und bedeutet nicht automatisch Herzinsuffizienz oder einen Bedarf an mehr Diuretikum. Verapamil und Diltiazem wirken anders auf die Erregungsleitung; sie werden insbesondere bei systolischer Herzinsuffizienz oder in Kombination mit Betablockern nicht unkritisch eingesetzt.

Abbildung: Bei neuen Knöchelödemen entscheiden Begleitbefunde und klinische Untersuchung über das weitere Vorgehen. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Beidseitiges, symmetrisches Ödem an Knöcheln und Fußrücken; nach Fingerdruck bleibt eine Delle (Pfeil). Die Ursache war in diesem Fall kein Kalziumantagonist: Das Foto zeigt nur den Befund. Ob ein Amlodipinödem, eine Herzinsuffizienz oder eine andere Ursache vorliegt, klärt erst die gesamte Untersuchung. Quelle: Pustake M, Ganiyani MA, Shah D, Dhondge V, Deshmukh K. Cureus 2022; doi:10.7759/cureus.27588, Abb. 1; CC BY 3.0; Bildbuchstaben abgeschnitten.
Thiazide und thiazidartige Diuretika wie Indapamid fördern renal die Natriumausscheidung und senken langfristig auch den Gefäßwiderstand. Natrium- und Kaliumverlust, Volumenmangel und erhöhte Harnsäure sind wichtige Grenzen. Die dadurch begünstigte Alkalose knüpft an den bekannten Chlorid-/Kaliumverlust an. Schleifendiuretika sind besonders bei Stauung oder fortgeschrittener Nierenfunktionsstörung relevant, nicht der pauschale Ersatz jeder Erstlinientherapie.
Betablocker vermindern unter anderem Herzfrequenz, Kontraktilität und Reninfreisetzung. Sie sind besonders bei geeigneter Zusatzindikation wie Angina, bestimmter Herzinsuffizienz oder nötiger Frequenzkontrolle sinnvoll. Eine Bradykardie oder höhergradige AV-Blockierung spricht gegen unkritische Gabe. Asthma verlangt eine sorgfältige individuelle Auswahl; nichtselektive Betablocker können Bronchospasmen auslösen. Ein Betablocker wird nach längerem Gebrauch nicht abrupt abgesetzt.

Abbildung: Zwei der drei Erstlinienklassen bilden den Start; die weiteren Klassen brauchen einen eigenen Grund. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Jede Stufe setzt Verträglichkeit und Laborkontrollen voraus; Betablocker kommen auf jeder Stufe nur mit Zusatzindikation hinzu. Quelle: eigene Darstellung.
Die Darstellung zeigt einen häufigen Weg außerhalb der Schwangerschaft. Vor jeder Stufe werden Verträglichkeit und Kontrollen geprüft; ein Pfeil bedeutet keine automatische Dosissteigerung. Nach ESC 2024 folgt auf die niedrig dosierte Zweifachkombination bei fehlender Kontrolle zunächst eine niedrig dosierte Dreifachkombination und erst danach die Steigerung auf maximal verträgliche Dosen. Bis zum Erreichen des Ziels wird alle 1–3 Monate kontrolliert, im Ziel mindestens jährlich.
Konkrete orale Beispiele
Für die meisten nicht gebrechlichen Erwachsenen eignet sich eine niedrig dosierte Zweifachkombination: ACE-Hemmer oder Sartan plus Amlodipin oder ein Thiazid/Thiazidartiges. Eine passende Einzeltablettenkombination kann die Einnahme erleichtern. Monotherapie ist insbesondere bei besonderer Empfindlichkeit, ausgeprägter Gebrechlichkeit oder nur gering erforderlicher Senkung erwägenswert. Die folgenden Beispiele beziehen sich auf orale Dauertherapie bei Erwachsenen; sie sind keine universelle Verordnung für jeden der genannten Begleitzustände.
| Wirkstoff | Üblicher Einstieg und Bereich | Wichtige Grenze |
|---|---|---|
| Ramipril | 2,5 mg einmal täglich; schrittweise bis 10 mg/Tag | Bei Volumenmangel/hoher RAAS-Aktivität oft 1,25 mg; Nierendosis beachten |
| Candesartan | 8 mg einmal täglich; bei Bedarf 16, maximal 32 mg/Tag | Bei Nierenfunktionsstörung 4 mg; bei Volumenmangel niedrigeren Einstieg erwägen |
| Amlodipin | 5 mg einmal täglich; maximal 10 mg/Tag | Langsamer steigern bei älteren Menschen oder Leberfunktionsstörung |
| Indapamid retard | 1,5 mg einmal morgens, unzerkaut | Nicht zur raschen Akutsenkung; kontraindiziert bei Kreatinin-Clearance <30 ml/min |
Ramipril wird üblicherweise in Abständen von zwei bis vier Wochen titriert. Nach der verwendeten Fachinformation gilt bei Kreatinin-Clearance 30–60 ml/min eine Tageshöchstdosis von 5 mg; bei 10–30 ml/min beginnt man mit 1,25 mg und höchstens 5 mg/Tag. Kreatinin-Clearance und die auf 1,73 m² bezogene eGFR sind nicht identisch; für die Dosierung muss die im jeweiligen Präparat geforderte Größe beachtet werden.
Die Tabelle bündelt die im Text genannten Nierendosisgrenzen für Ramipril.
| Kreatinin-Clearance | Vorgabe für Ramipril |
|---|---|
| 30–60 ml/min | Höchstens 5 mg/Tag |
| 10–30 ml/min | Einstieg 1,25 mg; höchstens 5 mg/Tag |

Abbildung: Die Nierenfunktion legt Startdosis und Obergrenze fest; nach jedem Schritt folgt eine Laborkontrolle, bevor weiter gesteigert wird. Quelle: eigene Darstellung.
ACE-Hemmer/Sartane sind in der Schwangerschaft ungeeignet. Vorsicht gilt bei relevanter beidseitiger Nierenarterienstenose, Hyperkaliämie und Volumenmangel. Nach einem ACE-Hemmer-Angioödem wird kein anderer ACE-Hemmer als „Versuch“ gegeben. Kaliumpräparate, kaliumsparende Mittel und kaliumreiche Salzersatzprodukte können unter RAAS-Blockade das Hyperkaliämierisiko erhöhen. Lithium kann mit Diuretika und RAAS-Blockern problematisch interagieren.

Abbildung: Harte Grenzen stehen vor allem anderen; Vorsichtsgründe führen zu niedrigerem Start und früherer Kontrolle, nicht automatisch zum Verzicht. Quelle: eigene Darstellung.
Wirksamkeit und Sicherheit kontrollieren
Vor Beginn werden Blutdruck einschließlich möglicher Orthostase, Puls, Kreatinin/eGFR, Kalium und je nach Wirkstoff Natrium erhoben. Nach Beginn oder Dosisänderung eines RAAS-Blockers werden Kreatinin und Kalium innerhalb von zwei bis vier Wochen kontrolliert, bei erhöhtem Risiko früher. Ein vereinbarter Termin nach ein bis zwei Wochen ist bei CKD, höherem Alter, zusätzlichem Diuretikum oder möglichen Volumenproblemen oft sinnvoll. Auch nach Diuretikabeginn müssen Elektrolyte und Nierenfunktion kontrolliert werden. Bei Indapamid sieht die Fachinformation für Risikogruppen eine erste Kaliumkontrolle bereits in der ersten Woche vor; dazu zählen etwa ältere Menschen, Personen mit Herzkrankheit oder mehrfacher Medikation.
Die Kontrollen richten sich nach Wirkstoff und Risiko.
| Situation | Zeitpunkt | Kontrolle |
|---|---|---|
| RAAS-Blocker begonnen oder gesteigert | Innerhalb von 2–4 Wochen; bei erhöhtem Risiko früher | Kreatinin und Kalium |
| RAAS-Beginn/-Steigerung bei CKD, höherem Alter, zusätzlichem Diuretikum oder möglichen Volumenproblemen | Termin nach 1–2 Wochen oft sinnvoll | Kreatinin und Kalium |
| Indapamid bei Risikogruppen | Erste Woche | Erste Kaliumkontrolle |

Abbildung: Der Zeitpunkt der ersten Kontrolle hängt von Wirkstoff und Risiko ab; die Schwelle für Dringlichkeit bleibt dieselbe. Quelle: eigene Darstellung.
| Beobachtung | Reaktion |
|---|---|
| Neuer Reizhusten unter ACE-Hemmer | Andere Ursachen prüfen; bei Zusammenhang geeigneten Wechsel, häufig auf Sartan, erwägen |
| Lippen-/Zungenschwellung, Atemnot | Angioödemverdacht: Medikament stoppen und sofortige Notfallversorgung |
| Deutlicher Kreatininanstieg / Hyperkaliämie | Volumen, Begleitmittel, Nierenarterienproblem und Dosis prüfen; Schweregrad bestimmt Dringlichkeit |
| Schwindel beim Aufstehen | Stehend messen; Dehydratation, Begleitmittel und Intensität der Behandlung prüfen |

Abbildung: ACE-Hemmer-Angioödem mit ausgeprägter Zungen- und Lippenschwellung (Pfeil: Zunge), hier erst nach drei Jahren stabiler Einnahme. Eine solche Schwellung kann die Atemwege verlegen: Medikament stoppen und sofort notfallmedizinisch versorgen. Quelle: Khalid M, Nafis S. Cureus 2026; doi:10.7759/cureus.100829, Abb. 1; CC BY 4.0.
Ein Kreatininanstieg von mehr als 30 % innerhalb von vier Wochen nach Beginn/Steigerung eines RAAS-Blockers ist ein Anlass zur zeitnahen Ursachen- und Therapieprüfung. Ein kleinerer stabiler Anstieg bedeutet nicht automatisch eine Schädigung durch das Medikament. Bei ausgeprägter Hyperkaliämie, EKG-Veränderungen, Symptomen oder rascher Verschlechterung ist die Abklärung dringend; die Prozentregel ersetzt diese Beurteilung nicht. Als Orientierung gilt nach ERC Kalium von 5,5–5,9 mmol/l als leichte, von 6,0–6,4 mmol/l als mittelgradige und ab 6,5 mmol/l als schwere Hyperkaliämie.

Abbildung: Kaliumwert und Warnbefunde bestimmen die Dringlichkeit; die Kreatinin-Prozentregel ersetzt diese Prüfung nicht. Quelle: eigene Darstellung.
Ausgearbeitetes Beispiel
Vor Beginn liegt Kreatinin bei 1,0 mg/dl, zwei Wochen später bei 1,2 mg/dl. Die Zunahme beträgt (1,2 − 1,0)/1,0 × 100 = 20 %. Bei stabilem klinischem Zustand, akzeptablem Kalium und guter Drucksenkung kann die Therapie häufig mit Kontrolle fortgeführt werden. Bei einem Wert von 1,4 mg/dl wären es 40 %; dann müssen beispielsweise Volumenmangel, NSAR und eine renovaskuläre Ursache geprüft werden. Die Entscheidung wird nicht allein aus der Prozentzahl getroffen.

Abbildung: Der Ausgangswert ist der Nenner; die 30-%-Grenze löst eine Prüfung aus, ersetzt aber nicht die Beurteilung von Kalium, Zustand und Ursachen. Quelle: eigene Darstellung.
Scheinresistenz vor vierter Tablette
Von resistenter Hypertonie spricht man bei weiterhin mindestens 140 mmHg systolisch oder 90 mmHg diastolisch in der Praxis trotz tatsächlich eingenommener Dreifachtherapie aus RAAS-Blocker, Kalziumantagonist und geeignetem Diuretikum in maximalen bzw. maximal verträglichen Dosen. Die fehlende Kontrolle muss außerhalb der Praxis bestätigt werden. Als unkontrolliert gelten nach ESC 2024 Heimwerte ab 135/85 mmHg oder ein 24-Stunden-Mittel ab 130/80 mmHg. Zunächst werden falsche Messung, Weißkitteleffekt, Einnahmeprobleme und drucksteigernde Substanzen ausgeschlossen. Bei fortgeschrittener CKD muss die diuretische Behandlung zur Nierenfunktion und zum Volumenstatus passen. Bei einer eGFR unter 30 ml/min/1,73 m² verlangt ESC 2024 dafür ein ausreichend gesteigertes Schleifendiuretikum. Das Nichterreichen eines intensiveren Zielwertes von beispielsweise 125 mmHg allein definiert noch keine resistente Hypertonie.

Abbildung: Erst wenn alle vier Prüfungen unauffällig sind, liegt eine echte Resistenz vor; ein nur verfehltes intensiveres Ziel genügt dafür nicht. Quelle: eigene Darstellung.
Bleibt echte Resistenz, werden sekundäre Ursachen gesucht und eine spezialisierte Mitbehandlung organisiert. Spironolacton blockiert den Mineralokortikoidrezeptor und vermindert dadurch Natriumrückresorption und Kaliumausscheidung. Es kann als weitere Substanz infrage kommen, nach ESC 2024 bei eGFR ≥30 ml/min/1,73 m² und Kalium ≤4,5 mmol/l. Eine typische niedrige Dosis ist 25 mg oral täglich; Voraussetzung sind geeignete Ausgangswerte und frühe, wiederholte Kontrollen. Hyperkaliämie und Gynäkomastie sind wichtige Risiken. Der Zulassungsstatus bei resistenter Hypertonie ist präparateabhängig: Die Fachinformation von Spironolacton Accord (Stand 05/2025) nennt „therapiebegleitend resistente Hypertonie“ mit 25 mg täglich als Anfangsdosis, andere Präparate nennen diese Indikation nicht. Wähle deshalb ein Präparat mit dieser Indikation. Wird ein Präparat ohne sie eingesetzt, ist das ein Off-Label-Use mit besonderer Aufklärungspflicht, etwa über die fehlende Herstellerhaftung, und mit Dokumentation. Spezielle Eingriffe wie renale Denervation gehören zur individualisierten Entscheidung in einem erfahrenen Zentrum. Bei einer eGFR unter 40 ml/min/1,73 m² wird sie nach ESC 2024 nicht empfohlen.

Abbildung: Die beiden Laborgrenzen stehen vor der zusätzlichen Substanz; Hyperkaliämie und Gynäkomastie bleiben die wichtigsten Risiken der Kontrollen. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Beidseitige Gynäkomastie unter Spironolacton (Pfeile). Bei Kontrollterminen gezielt nach Brustspannen oder Brustvergrößerung fragen. Quelle: Brahmbhatt SV, Jain D. Cureus 2026; doi:10.7759/cureus.114587, Abb. 1; CC BY 4.0; verkleinert.
Multiple Choice
Auswahl mit Begründung
Aufgabe
Eine 58-jährige Person hat bestätigte Hypertonie, wiederholt UACR 160 mg/g, eGFR 65 ml/min/1,73 m² und Kalium 4,2 mmol/l. Es bestehen keine Kontraindikationen. Welche Strategie passt am besten?
Die Tabelle ordnet die Ausgangsbefunde für die Therapieentscheidung.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Alter | 58 Jahre |
| Hypertonie | Bestätigt |
| UACR | Wiederholt 160 mg/g |
| eGFR | 65 ml/min/1,73 m² |
| Kalium | 4,2 mmol/l |
| Kontraindikationen | Keine |
- a)ACE-Hemmer und Sartan gemeinsam beginnen.
- b)Einen RAAS-Blocker erwägen und Kreatinin/Kalium kontrollieren.
- c)Albuminurie ist bei normalem Kalium ohne Bedeutung.
Freie Antwort
Eine Kontrollrechnung
Aufgabe
Kreatinin steigt nach Beginn eines Sartans von 1,2 auf 1,7 mg/dl. Berechne den relativen Anstieg und formuliere die nächste Entscheidung. Die Person berichtet zusätzlich über Durchfall und nimmt Ibuprofen.
Ausgangswert, Verlauf und Begleitumstände sind getrennt aufgeführt.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Kreatinin vor Sartanbeginn | 1,2 mg/dl |
| Kreatinin nach Sartanbeginn | 1,7 mg/dl |
| Zusätzliche Beschwerden | Durchfall |
| Weiteres Medikament | Ibuprofen |
Freie Antwort
Scheinresistenz unterscheiden
Aufgabe
Eine Person nimmt drei Mittel, darunter ein Diuretikum. In der Praxis werden 164/96, zuhause im gültigen Siebentageprotokoll 126/76 mmHg gemessen. Warum ist eine automatische vierte Substanz nicht der nächste Schritt?
Die Messwerte sind nach Messort und Protokoll geordnet.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Medikamente | Drei Mittel, darunter ein Diuretikum |
| Praxis | 164/96 mmHg |
| Zuhause | 126/76 mmHg |
| Heimprotokoll | Gültiges Siebentageprotokoll |

Abbildung: Automatisches Oberarmgerät, wie es für ein Heimprotokoll verwendet wird. Quelle: Beendy234, via [Wikimedia Commons]; [CC BY 4.0]; verkleinert, Hersteller- und Modellaufdruck unkenntlich gemacht.
In der App sprechen üben →Gesamtrisiko senken
Lernziel: Du kannst Lipide, Tabak und Bewegung in einen Präventionsplan einbeziehen.
Mehrere Risiken zusammen betrachten
Das absolute Risiko beschreibt die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses in einem festgelegten Zeitraum. Es hängt unter anderem von Alter, Blutdruck, Lipiden, Rauchen und Vorerkrankungen ab. Eine wirksame Blutdruckbehandlung beseitigt deshalb nicht alle übrigen Risiken. Umgekehrt kann eine Person mit nur mäßig erhöhtem Blutdruck aufgrund einer bestehenden Gefäßerkrankung erheblich gefährdet sein.

Abbildung: Mehrere Faktoren bestimmen gemeinsam das Gesamtrisiko; jeder veränderbare Bereich hat ein eigenes, konkretes Ziel. Quelle: eigene Darstellung.
Die Verbindungslinien bedeuten keine Addition von Prozentzahlen. Das Risiko wird mit einem für die Person geeigneten Verfahren beurteilt.
SCORE2 schätzt bei scheinbar gesunden Personen im Alter von 40–69 Jahren das Zehnjahresrisiko tödlicher und nichttödlicher kardiovaskulärer Ereignisse; für Personen von 70–89 Jahren gibt es SCORE2-OP. Verwende das passende Alters- und Länder-/Risikomodell mit den tatsächlich erhobenen Daten. Manifeste atherosklerotische Erkrankung, relevante CKD, Diabetes oder familiäre Hypercholesterinämie benötigen ihre eigene Risikoeinordnung. Ein gewöhnlicher SCORE2 darf diese Konstellationen nicht „herunterrechnen“. Ein sehr junger Mensch kann trotz niedrigen Zehnjahresrisikos ein hohes Lebenszeitrisiko haben. Deutschland gehört für SCORE2 zur Region mit moderatem Risiko. Die ESC-Präventionsleitlinie 2021 ordnet das Ergebnis altersabhängig ein: Hohes Risiko beginnt unter 50 Jahren bei 2,5 %, mit 50–69 Jahren bei 5 % und ab 70 Jahren bei 7,5 %; sehr hoch ist es ab 7,5 %, 10 % bzw. 15 %.

Abbildung: Erst die Eignung prüfen, dann das Altersmodell wählen und das Ergebnis altersabhängig einordnen. Quelle: eigene Darstellung.
| Ausgangssituation | Passender Denkweg |
|---|---|
| Keine bekannte Gefäßerkrankung, kein Diabetes/keine relevante CKD | Geeigneten validierten Risikorechner verwenden; Familienanamnese ergänzen |
| Bereits Herzinfarkt, atherosklerotisch bedingter ischämischer Schlaganfall/TIA oder pAVK | Sekundärprävention; sehr hohes Risiko bereits durch Erkrankung |
| Stark erhöhtes LDL, frühe Ereignisse in der Familie | Familiäre Hypercholesterinämie prüfen; niedrigen Alters-Score nicht beruhigend werten |

Abbildung: Sehnenxanthome über Fingergelenken und Strecksehnen bei einer 18-jährigen Patientin mit familiärer Hypercholesterinämie und frühem Herzinfarkt. Solche Xanthome sind ein klinischer Hinweis auf FH; fehlende Xanthome schließen sie nicht aus. Quelle: Kumar AA et al., Cases Journal 2008;1:71, via Wikimedia Commons; CC BY 2.0; als WebP gespeichert.
Ausgearbeitetes Beispiel
Ein korrekt angewandter Rechner gibt für eine geeignete Person ein Zehnjahresrisiko von 12 % aus. Das bedeutet ungefähr zwölf Ereignisse unter hundert vergleichbaren Personen in diesem Zeitraum, keine sichere Vorhersage für diesen einzelnen Menschen. Die Zahl beschreibt auch nicht, dass zwölf Prozent des Herzens geschädigt seien. Nutzen und Belastung einer Behandlung werden gemeinsam besprochen.

Abbildung: Ein Zehnjahresrisiko lässt sich als „12 von 100“ verständlich und ohne falsche Gewissheit erklären. Quelle: eigene Darstellung.
Was LDL mit Gefäßen zu tun hat
LDL transportiert Cholesterin im Blut. Eine anhaltend hohe Konzentration fördert dessen Einlagerung in die Arterienwand und die Atherosklerose. HDL ist ein anderer Lipoproteinanteil; ein hoher HDL-Wert hebt ein hohes LDL nicht auf. Non-HDL-Cholesterin ist Gesamtcholesterin minus HDL und erfasst mehrere atherogene Partikel. Triglyzeride werden ebenfalls beurteilt; stark erhöhte Werte können die LDL-Berechnung einschränken und bei ausgeprägter Erhöhung ein eigenes Pankreatitisrisiko anzeigen. Ab Triglyzeriden über 400 mg/dl (4,5 mmol/l) ist das berechnete LDL unzuverlässig; ein klinisch relevantes Pankreatitisrisiko besteht ab etwa 880 mg/dl (10 mmol/l).

Abbildung: Triglyzeride werden vor der Interpretation eines berechneten LDL-Werts geprüft; oberhalb von 880 mg/dl kommt ein eigenes Pankreatitisrisiko hinzu. Quelle: eigene Darstellung.
Die Lipidwerte beschreiben unterschiedliche Aspekte des Risikos.
| Wert | Bedeutung |
|---|---|
| LDL | Anhaltend hohe Konzentration fördert Einlagerung in die Arterienwand |
| HDL | Ein hoher Wert hebt ein hohes LDL nicht auf |
| Non-HDL | Gesamtcholesterin minus HDL; mehrere atherogene Partikel |
| Triglyzeride | Stark erhöht: LDL-Berechnung kann eingeschränkt sein; ausgeprägt erhöht: Pankreatitisrisiko möglich |

Abbildung: Atherosklerose der Aorta im Autopsiepräparat. Gelblich-weiße Plaques entstehen aus Cholesterineinlagerungen in der Gefäßwand; aufgebrochene Plaques können Thromben tragen. Quelle: CDC/Dr. Edwin P. Ewing, Jr., CDC Public Health Image Library (PHIL 846), via Wikimedia Commons; gemeinfrei; Präparatschild weggeschnitten.

Abbildung: Anhaltend hohes LDL führt über Einlagerung in die Gefäßwand zur Plaque; die Lipidsenker setzen an verschiedenen Stellen an. Quelle: eigene Darstellung.
Die europäischen LDL-Ziele sind risikoadaptiert und wurden durch die fokussierte Aktualisierung 2025 nicht pauschal angehoben. Die Risikokategorie wird zuerst bestimmt; sie lässt sich nicht aus dem LDL-Ziel rückwärts ableiten.
| Risikokategorie | LDL-Ziel |
|---|---|
| Sehr hoch, beispielsweise manifeste ASCVD | <55 mg/dl (<1,4 mmol/l) und mindestens 50 % unter Ausgangswert |
| Hoch | <70 mg/dl (<1,8 mmol/l) und mindestens 50 % unter Ausgangswert |
| Moderat | <100 mg/dl (<2,6 mmol/l) |
| Niedrig | <116 mg/dl (<3,0 mmol/l) |
ASCVD bedeutet atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung. Für spezielle Konstellationen, etwa wiederholte Ereignisse, können noch niedrigere Ziele erwogen werden. Die Tabelle ist keine Indikation, jede Person mit leicht erhöhtem LDL automatisch medikamentös zu behandeln.
Statine hemmen die Cholesterinsynthese in der Leber; die vermehrte LDL-Aufnahme senkt den Blutspiegel. Bei klarer Indikation wird ein ausreichend wirksames, verträgliches Statin gewählt. Atorvastatin wird einmal täglich oral gegeben; die Fachinformation nennt 10 mg als üblichen Einstieg und 80 mg als Tageshöchstdosis. Bei hohem bzw. sehr hohem Risiko kann eine hohe Intensität, beispielsweise 40–80 mg täglich, erforderlich sein. Eine hochintensive Statintherapie senkt LDL im Mittel um mindestens 50 %. Auswahl und Einstieg richten sich nach benötigter Senkung, Begleitmitteln und Verträglichkeit.
Vor Beginn werden unter anderem Lebererkrankung, Wechselwirkungen und Schwangerschaft abgeklärt. Aktive Lebererkrankung ist eine Kontraindikation des hier genannten Präparats; in Schwangerschaft und Stillzeit wird es nicht eingesetzt. Neue deutliche Muskelschmerzen, Schwäche oder dunkler Urin verlangen eine ärztliche Beurteilung, bei Verdacht auf schwere Muskelschädigung einschließlich CK und Nierenfunktion. Eine routinemäßige CK-Messung bei jeder beschwerdefreien Person ist dagegen nicht der Kern der Nachkontrolle. Interaktionen, beispielsweise mit bestimmten Makroliden oder Azolantimykotika, können das Muskelrisiko erhöhen.

Abbildung: Muskelschmerzen, Schwäche oder dunkler Urin steuern die Sicherheitsabklärung; bei Beschwerdefreiheit steht die geplante Lipid- und Verträglichkeitskontrolle im Vordergrund. Quelle: eigene Darstellung.
Nach Beginn oder Anpassung werden Lipide und Verträglichkeit kontrolliert, nach etwa vier bis sechs Wochen. Reicht die maximal verträgliche Statintherapie nicht, kommt insbesondere Ezetimib hinzu, das die intestinale Cholesterinaufnahme hemmt. Ezetimib wird mit 10 mg einmal täglich gegeben und senkt LDL zusätzlich zum Statin um etwa 21–27 %; PCSK9-Hemmer senken LDL im Mittel um etwa 60 %. Je nach Risiko, Rest-LDL und Verträglichkeit sind weitere Wirkprinzipien wie PCSK9-Hemmung oder Bempedoinsäure fachärztlich zu prüfen. Muskelsymptome werden ernst genommen und abgeklärt; sie sind kein Grund, ohne weitere Prüfung jede Lipidsenkung endgültig aufzugeben. ASS wird allein wegen Hypertonie in der Primärprävention nicht routinemäßig angesetzt, da Blutungen den Nutzen aufwiegen können.

Abbildung: Die Kontrolle nach 4–6 Wochen prüft absolutes Ziel und prozentuale Senkung getrennt und entscheidet über den nächsten Schritt. Quelle: eigene Darstellung.
Aus Ratschlägen werden Schritte
Beim Rauchstopp genügt „Sie müssen aufhören“ selten. Frage nach Konsum, bisherigen Versuchen und Veränderungsbereitschaft, empfiehl klar den vollständigen Rauchstopp und biete konkrete Unterstützung an. Verhaltenstherapeutische Unterstützung und gegebenenfalls geeignete Entwöhnungsmedikamente werden gemeinsam ausgewählt. Ein vereinbarter Folgetermin gehört dazu. Den Konsum dokumentierst du in Packungsjahren: Packungen pro Tag × Raucherjahre. Nach der S3-Leitlinie Tabakentwöhnung werden Nikotinersatz oder alternativ Vareniclin bzw. Bupropion angeboten; wer mehr als 20 Zigaretten täglich raucht, erhält eine Kombination aus Nikotinpflaster und einem kurzwirksamen Nikotinpräparat. Vareniclin wird üblicherweise 12 Wochen eingenommen. Auch Passivrauch soll reduziert werden. Der zentrale Gewinn ist die Senkung des gesamten Gefäßrisikos, nicht eine garantierte sofortige Normalisierung des Blutdrucks.

Abbildung: Aus dem Rat wird ein Plan: fragen, klar empfehlen, Bereitschaft klären, konkret unterstützen und nachbesprechen. Quelle: eigene Darstellung.
| Handlungsfeld | Konkreter Einstieg |
|---|---|
| Bewegung | Schrittweise mindestens 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche, ergänzt durch Krafttraining |
| Ernährung und Salz | Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, geeignete Fette; stark gesalzene Fertigprodukte reduzieren |
| Gewicht und Alkohol | Bei Übergewicht realistische Gewichtsreduktion; Alkohol reduzieren, keine Empfehlung zum „Herzschutztrinken“ |
| Tabak | Ausstieg planen, Unterstützung anbieten und Rückfallrisiken nachbesprechen |
In Deutschland empfiehlt die NVL Hypertonie weniger als 6 g Kochsalz pro Tag; dieses Ziel verwenden wir in der Beratung. Die ESC 2024 nennt mit etwa 5 g Kochsalz ein noch strengeres Ziel. Kochsalz und Natrium sind nicht dieselbe Mengenangabe: 5 g Salz entsprechen ungefähr 2 g Natrium. Kaliumhaltiger Salzersatz ist bei CKD oder unter kaliumsteigernden Medikamenten nicht automatisch sicher.
Bei stark unkontrolliertem Blutdruck oder Symptomen muss vor intensiver Belastung ärztlich geklärt werden, was sicher ist. Moderate Bewegung wird allmählich aufgebaut. Nach einem kardiovaskulären Ereignis kann eine strukturierte Rehabilitation helfen, Belastbarkeit, Medikamente und langfristige Gewohnheiten gemeinsam zu bearbeiten.
Die ESC 2024 präzisiert: mindestens 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche, etwa an 5–7 Tagen je mindestens 30 Minuten, ergänzt durch Krafttraining 2–3-mal pro Woche. Für Alkohol nennt sie eine Obergrenze von 100 g reinem Alkohol pro Woche; am günstigsten ist Verzicht. Bei Übergewicht ist eine Abnahme um 5–10 % des Ausgangsgewichts ein realistisches erstes Ziel.

Abbildung: Lebensstilberatung wird mit konkreten Zielzahlen, Sicherheitsprüfung und einem überprüfbaren Einstieg umsetzbar. Quelle: eigene Darstellung.
Ausgearbeitetes Beispiel – Patientengespräch
„Die Blutdrucktablette behandelt einen wichtigen Teil Ihres Risikos. Das Rauchen belastet die Gefäße zusätzlich. Wie wichtig wäre Ihnen ein Rauchstopp im Moment, und was hat beim letzten Versuch gefehlt? Wir können Unterstützung auswählen und einen Termin vereinbaren. Für Bewegung könnten wir mit einem Spaziergang an fünf Tagen pro Woche beginnen und dann langsam steigern.“
Die Erklärung verbindet Nutzen, eigene Priorität und einen umsetzbaren Schritt. Sie verspricht kein bestimmtes Ergebnis.
Freie Antwort
Zwei LDL-Bedingungen prüfen
Aufgabe
Eine Person nach Herzinfarkt hat vor Behandlung LDL 160 mg/dl, unter Therapie 70 mg/dl. Berechne die relative Senkung und beurteile, ob das sehr hohe Risikoziel vollständig erreicht ist.
Die LDL-Werte der Person nach Herzinfarkt sind nach dem Behandlungszeitpunkt geordnet.
| Zeitpunkt | LDL |
|---|---|
| Vor Behandlung | 160 mg/dl |
| Unter Therapie | 70 mg/dl |
Multiple Choice
Risiko richtig einordnen
Aufgabe
Eine 46-jährige Person mit früherem Herzinfarkt hat aktuell einen gut eingestellten Blutdruck. Sie möchte einen gewöhnlichen SCORE2 berechnen, um zu entscheiden, ob das Statin noch nötig ist. Welche Antwort passt?
Die Tabelle bündelt die Angaben zur gewünschten Risikoberechnung.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Alter | 46 Jahre |
| Vorgeschichte | Früherer Herzinfarkt |
| Blutdruck aktuell | Gut eingestellt |
| Gewünschte Berechnung | Gewöhnlicher SCORE2 |
| Anliegen | Entscheiden, ob das Statin noch nötig ist |
- a)Ein niedriger Score unter Behandlung hebt die Sekundärprävention auf.
- b)Bei normalem Blutdruck braucht man LDL nicht mehr zu beachten.
- c)Die manifeste Gefäßerkrankung bestimmt bereits die Hochrisikosituation; der gewöhnliche Score ist dafür nicht gedacht.
Freie Antwort
Eine Beratung vervollständigen
Aufgabe
„Ich möchte mehr laufen, aber 150 Minuten schaffe ich niemals.“ Antworte in drei bis vier Sätzen mit einem gemeinsam planbaren Einstieg und einer Nachkontrolle.
In der App sprechen üben →Besondere Situationen
Lernziel: Du kannst Orthostase, CKD, Alter und Schwangerschaft im Plan berücksichtigen.
Stehender Druck ist ein eigener Befund
Beim Aufstehen versackt Blut vorübergehend in den unteren Körperabschnitten. Normalerweise stabilisieren Gefäßverengung und eine angemessene Kreislaufreaktion den Druck. Volumenmangel, autonome Störungen und Medikamente können diese Anpassung beeinträchtigen. Typisch sind Schwindel, Schwarzwerden vor Augen oder Stürze nach dem Aufstehen.
Nach etwa fünf Minuten Liegen werden Blutdruck und Puls gemessen; anschließend im Stehen, üblicherweise nach einer und drei Minuten. Sichere die Person gegen Stürze. Bei erheblichen Beschwerden wird die Untersuchung abgebrochen und die Person sicher gelagert. Eine anhaltende Abnahme um mindestens 20 mmHg systolisch oder 10 mmHg diastolisch innerhalb von drei Minuten spricht für orthostatische Hypotonie. Bei ausgeprägter Hypertonie im Liegen kann eine systolische Abnahme um mindestens 30 mmHg als spezifischere Grenze verwendet werden. Symptome bleiben auch bei knapp verfehlter Zahl relevant. Steigt der Puls trotz deutlichen Druckabfalls um weniger als 15/min, spricht das eher für eine autonome Ursache, etwa bei Diabetes oder Parkinson; ein kräftiger Pulsanstieg passt eher zu Volumenmangel.

Abbildung: Abfallgrenze, Puls und Beschwerden gehören zur gleichen Entscheidung; erhebliche Beschwerden beenden die Untersuchung. Quelle: eigene Darstellung.

Konstruiertes Beispiel: Die Abnahme nach drei Minuten beträgt 30 mmHg systolisch und 12 mmHg diastolisch; zusätzlich besteht Schwindel. Das erfüllt die üblichen Kriterien.
| Befund | Konsequenz |
|---|---|
| Orthostase plus Durchfall/geringe Zufuhr | Volumenstatus und vorübergehende Medikamentenrisiken prüfen |
| Orthostase bei vielen Medikamenten | Auch Alphablocker, Psychopharmaka und andere Begleitmittel überprüfen |
| Hoher Liegedruck und niedriger Stehdruck | Tagesverlauf und Symptome erfassen; nicht nur den Liegewert behandeln |
Langsames Aufstehen, angepasstes Trinken und gegebenenfalls geeignete Kompression können helfen. Bei Herz- oder Niereninsuffizienz wird die Flüssigkeitszufuhr individuell vereinbart. Eine pauschale Empfehlung, Salz und Flüssigkeit stark zu steigern, wäre hier unsicher. Ursache, Sturzrisiko und medikamentöse Anpassung werden zusammen bearbeitet.

Abbildung: Die Ursache bestimmt die Maßnahme; Flüssigkeit und Salz werden bei Herz- oder Niereninsuffizienz nicht pauschal gesteigert. Quelle: eigene Darstellung.
Nierenkrankheit und höheres Alter
Bei CKD stehen Druckkontrolle, Albuminurie und Arzneimittelsicherheit nebeneinander. Ein ACE-Hemmer oder Sartan kann bei Albuminurie besonders sinnvoll sein. Ein späterer eGFR-Abfall unter 30 ml/min/1,73 m² ist für sich allein kein automatischer Grund zum Absetzen eines gut vertragenen RAAS-Blockers. Kalium, Kreatininverlauf, Symptome und Dosisgrenzen werden beurteilt. Ein Kreatininanstieg bis 30 % innerhalb von vier Wochen nach Beginn oder Dosissteigerung ist meist hinnehmbar; bei stärkerem Anstieg werden Volumenmangel und Begleitmedikamente geprüft und die Dosis überdacht. Eine Hyperkaliämie wird zunächst mit kaliumsenkenden Maßnahmen behandelt, bevor der RAAS-Blocker reduziert oder abgesetzt wird. Diuretika werden an Nierenfunktion und Volumenstatus angepasst; der in U04 genannte Indapamid-Grenzwert ist zu beachten.
KDIGO nennt bei vielen Erwachsenen mit CKD außerhalb der Dialyse einen systolischen Zielwert unter 120 mmHg, sofern toleriert und mit standardisierter Praxismessung. Dieser Wert wird nicht unkritisch auf eine beiläufige Alltagsmessung übertragen. Bei Orthostase und Gebrechlichkeit wird weniger intensiv behandelt. Für die Entscheidungen in diesem Kapitel gilt das in U04 erklärte Stufenziel: zuerst unter 140/90 mmHg, bei guter Verträglichkeit systolisch 120–129 mmHg.

Abbildung: Die Nierenfunktion wird im Verlauf beurteilt; das Stufenziel setzt gute Verträglichkeit voraus. Quelle: eigene Darstellung.
Im höheren Alter sind Gefäßsteifigkeit und isolierte systolische Hypertonie häufig. Das Lebensalter allein ist kein Grund, wirksame Prävention vorzuenthalten. Wichtiger sind Funktion, Gebrechlichkeit, Stürze, kognitive Situation, Begleitmedikamente und Ziele der Person. Bei hoher Empfindlichkeit wird niedrig begonnen und langsam gesteigert. Ab 85 Jahren, bei mittel- bis schwergradiger Gebrechlichkeit oder symptomatischer Orthostase ist nach ESC 2024 ein Beginn mit nur einem Medikament möglich; angestrebt wird dann ein Druck, der so niedrig ist, wie es vertretbar erreichbar ist. Zu jeder Erfolgskontrolle gehören auch Beschwerden und stehende Werte.

Abbildung: Funktion und Verträglichkeit bestimmen die Intensität, nicht das Lebensalter allein. Quelle: eigene Darstellung.
| Gruppe | Besonders zu prüfen |
|---|---|
| Albuminurische CKD | RAAS-Nutzen, Kalium, Kreatinin, Volumen und Interaktionen |
| Ältere selbstständige Person | Wirksame Drucksenkung bei erhaltener Verträglichkeit |
| Gebrechliche Person mit Stürzen | Stehender Druck, Behandlungslast und individuelle Ziele |
Schwangerschaft verändert die Entscheidung
Eine bereits vor der Schwangerschaft oder vor der 20. Schwangerschaftswoche bekannte Hypertonie wird als chronisch eingeordnet. Eine erstmals ab der 20. Woche auftretende Hypertonie kann gestationsbedingt sein. Präeklampsie bedeutet neue Hypertonie in diesem Zeitraum mit Proteinurie oder anderen maternalen Organ- bzw. uteroplazentaren Funktionsstörungen. Proteinurie ist daher nicht zwingend erforderlich. Als Proteinurie gilt eine Ausscheidung ab 300 mg pro Tag beziehungsweise ein Protein-Kreatinin-Quotient im Spontanurin ab 30 mg/mmol. Eine Präeklampsie kann auch auf eine chronische Hypertonie hinzukommen und nach der Geburt auftreten.
Neue starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Oberbauchschmerz, Dyspnoe, neurologische Symptome oder auffällige Laborwerte erfordern dringliche geburtshilfliche Beurteilung. HELLP bezeichnet Hämolyse, erhöhte Leberenzyme und niedrige Thrombozyten. Typisch sind Thrombozyten unter 100 G/l und Transaminasen ab dem Doppelten des Referenzbereichs; HELLP und Eklampsie kommen auch bei Werten unter 140/90 mmHg vor. Im hypertensiven Notfall wird ohne drastischen Abfall gesenkt, weil sonst die Plazentadurchblutung leiden kann; das weitere Ziel bleibt ein Tagesmittel von höchstens 135/85 mmHg. Ein eklamptischer Krampfanfall ist ein Notfall; geburtshilfliches Notfallteam, Sicherung der Vitalfunktionen und Magnesiumsulfat nach Akutprotokoll gehören zur Behandlung. Magnesium ist dabei keine gewöhnliche Blutdrucktablette. Die Leitlinie nennt 4–6 g Magnesiumsulfat i.v. über 15–20 Minuten, danach 1–2 g pro Stunde; Reflexe, Atemfrequenz und Urinausscheidung werden überwacht: Bei einer Atemfrequenz unter 16/min wird die Erhaltungsdosis reduziert, unter 12/min wird Magnesium abgesetzt, und eine Urinausscheidung unter etwa 25 ml/h erhöht die Intoxikationsgefahr. Calciumgluconat 1 g liegt als Antidot bereit. Eine vor der Geburt begonnene Magnesiumgabe wird bis zu 48 Stunden nach der Geburt fortgeführt.

Abbildung: Während der Magnesiumgabe entscheiden Atemfrequenz und Urinausscheidung über die Sicherheitsbewertung; Blutdrucksenkung bleibt eine eigene Aufgabe. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Fragmentozyten (Schistozyten, Pfeile) im Blutausstrich zeigen eine mikroangiopathische Hämolyse an – hier bei maligner Hypertonie. Beim HELLP-Syndrom stützen sie zusammen mit erniedrigtem Haptoglobin das „H“ (Hämolyse); fehlende Fragmentozyten schließen eine Hämolyse nicht aus. Quelle: Kim S, Pathak A, Koch M. Cureus 2026;18(1):e101117, Abb. 1 (PMC12883246), CC BY 4.0.

Abbildung: Zeitpunkt und Organbefund werden gemeinsam gelesen; fehlende Proteinurie beendet die Abklärung nicht. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Warnzeichen führen sofort zur Klinikabklärung; Magnesium verhindert Krampfanfälle, ersetzt aber keine Blutdrucksenkung. Quelle: eigene Darstellung.
| Blutdruck/Situation | Vorgehen nach deutschsprachiger Leitlinie 2024 |
|---|---|
| Wiederholt ≥140 systolisch oder ≥90 diastolisch | Medikamentös behandeln; geburtshilflich mitbetreuen |
| Therapieziel | Tagesmittel ≤135 systolisch und ≤85 diastolisch; liegt das diastolische Mittel an drei aufeinanderfolgenden Tagen unter 80, Medikation reduzieren |
| ≥160 systolisch oder ≥110 diastolisch | Behandlung stationär beginnen; Persistenz rasch bestätigen und zeitkritisch handeln |
Für die Dauertherapie kommen insbesondere α-Methyldopa, retardiertes Nifedipin und ein β1-selektiver Betablocker wie Metoprolol infrage; Labetalol ist in Deutschland nicht verfügbar, nur in Österreich und der Schweiz. Die Auswahl hängt auch von mütterlichem Befund und Schwangerschaftskontext ab. Ein mögliches orales Methyldopa-Einstiegsschema ist 250 mg dreimal täglich; es wird individuell titriert, laut Leitlinie bis 250–500 mg drei- bis viermal täglich und höchstens 2 g pro Tag. Retardiertes Nifedipin wird laut Leitlinie mit 20–60 mg bis höchstens 120 mg pro Tag dosiert, Metoprolol mit 25–100 mg zweimal täglich; unter Metoprolol sind beim Neugeborenen Bradykardie und Unterzuckerung möglich. Müdigkeit, depressive Symptome und Leberreaktionen sind zu beachten. Für den akuten schweren Blutdruckanstieg ist dies wegen verzögerten Wirkungseintritts kein allein ausreichendes Notfallregime. Hält ein Druck von mindestens 160/110 mmHg über 15 Minuten an und drohen Organschäden, wird unverzüglich gesenkt; in Deutschland stehen dafür Urapidil i.v., Nifedipin oral und Dihydralazin i.v. zur Verfügung.
ACE-Hemmer, Sartane und direkte Reninhemmer werden in der Schwangerschaft nicht eingesetzt; bei Kinderwunsch wird die Therapie vorher geplant. Für Nifedipin werden geeignete Präparate und das geburtshilfliche Protokoll gewählt; eigenmächtige sublinguale Einnahme zur raschen Normalisierung ist kein sicherer Plan. Entbindungszeitpunkt und weitere Therapie ergeben sich aus mütterlichem/fetalem Zustand und Schwangerschaftsalter, nicht allein aus einer einzelnen Zahl. Nach einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung sind Nachsorge und langfristige kardiovaskuläre Prävention wichtig.
Die Tabelle bündelt die genannten Arzneimittel und ihre Grenzen in der Schwangerschaft.
| Arzneimittel | Genannte Anwendung | Wichtige Grenze |
|---|---|---|
| α-Methyldopa | Möglicher Einstieg: 250 mg dreimal täglich; höchstens 2 g/Tag | Müdigkeit, depressive Symptome und Leberreaktionen beachten |
| Retardiertes Nifedipin | Dauertherapie | Geeignetes Präparat und geburtshilfliches Protokoll wählen |
| Metoprolol | β1-selektiver Betablocker zur Dauertherapie | Auswahl nach mütterlichem Befund und Schwangerschaftskontext |
| ACE-Hemmer, Sartane, direkte Reninhemmer | In der Schwangerschaft nicht einsetzen | Therapie bereits bei Kinderwunsch planen |

Abbildung: Schwelle, Wirkstoff und Ziel bilden einen Pfad; bei Kinderwunsch wird die Umstellung vorher geplant. Quelle: eigene Darstellung.
Multiple Choice
Den Zielwert nicht blind verfolgen
Aufgabe
Eine 87-jährige gebrechliche Person hat im Sitzen 146/76 mmHg, im Stehen nach drei Minuten 112/64 mmHg und Schwindel. Soll die Medikation allein wegen des systolischen Sitzwerts intensiviert werden?
Die Tabelle hält Alter, Messpositionen und Beschwerden getrennt fest.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Alter und Zustand | 87 Jahre; gebrechlich |
| Blutdruck im Sitzen | 146/76 mmHg |
| Blutdruck nach drei Minuten Stehen | 112/64 mmHg |
| Beschwerden | Schwindel |
- a)Ja, jedes Alter hat zwingend dasselbe Ziel unter 130 mmHg.
- b)Nein; Orthostase, Sturzrisiko und Medikamentenplan werden zuerst bewertet.
- c)Nein; bei über 85-Jährigen wird jede Blutdruckbehandlung beendet.
Freie Antwort
Schwangerschaft und Alarmzeichen
Aufgabe
Eine Schwangere in der 32. Woche hat wiederholt 168/112 mmHg, neue Sehstörungen und Oberbauchschmerz. Proteinurie ist noch nicht bestimmt. Nenne die Priorität und erkläre, weshalb du nicht auf den Urinbefund wartest.
Die vorhandenen Befunde und der noch ausstehende Urinbefund sind getrennt aufgeführt.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Schwangerschaft | 32. Woche |
| Blutdruck | Wiederholt 168/112 mmHg |
| Neue Beschwerden | Sehstörungen und Oberbauchschmerz |
| Proteinurie | Noch nicht bestimmt |
Freie Antwort
CKD und Behandlung erklären
Aufgabe
Eine Person mit albuminurischer CKD fragt: „Meine eGFR ist jetzt 28. Muss das Sartan sofort weg?“ Formuliere eine kurze Antwort und die benötigten Kontrollen.
Die Tabelle hält die mitgeteilten Angaben und die Frage der Person fest.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Vorerkrankung | Albuminurische CKD |
| eGFR aktuell | 28 ml/min/1,73 m² |
| Medikamentenfrage | „Muss das Sartan sofort weg?“ |
Einen Plan begründen
Lernziel: Du kannst einen sicheren Behandlungsplan erklären und dokumentieren.
Ein überprüfbarer Plan
Eine gute Zusammenfassung trennt erhobene Befunde, begründete Bewertung und noch ausstehende Maßnahmen. Beginne mit dem Messverfahren und den Werten. Benenne dann akute Gefahr bzw. deren bisherige Abklärung, Organschaden und Gesamtrisiko. Abschließend folgen Behandlung, gemeinsames Ziel, Kontrollen und Warnzeichen. Ein angeordnetes Labor wird noch nicht als normal dokumentiert. Zu den Werten gehört ihr Bezug: Praxismittel aus den letzten zwei von drei Messungen, Heimmittel über sieben Tage mit der Grenze 135/85 mmHg.

Abbildung: Ein überprüfbarer Plan in fünf Schritten; die Etiketten zeigen, was gesichert, bewertet oder noch ausstehend ist. Quelle: eigene Darstellung.
Der Rückweg zur Messung steht für eine geplante Verlaufskontrolle. Er ist keine Aufforderung, einzelne Heimwerte ohne Absprache durch zusätzliche Tabletten zu korrigieren.
| Teil der Darstellung | Beispiel einer präzisen Aussage |
|---|---|
| Gesichert | „Heimmittel über sieben Tage 148/92 mmHg bei geprüftem Protokoll.“ |
| Bewertung | „Bestätigte Hypertonie; derzeit keine Hinweise auf akute Organschädigung.“ |
| Ausstehend | „UACR und Labor sind veranlasst; Ergebnisse liegen noch nicht vor.“ |
Eine Entscheidung vollständig vormachen
Ausgearbeitetes Beispiel
Eine 54-jährige Person hat wiederholt 154/94 mmHg in der Praxis, zuhause im strukturierten Mittel 148/92 mmHg. Sie berichtet weder Brustschmerz noch Dyspnoe oder neue neurologische Symptome; die Untersuchung ist unauffällig. Kalium und Nierenfunktion sind normal, es besteht keine bekannte Gefäßerkrankung. Ein korrekt angewandtes Risikomodell ergibt ein erhöhtes Risiko; die Person raucht. Es bestehen keine Schwangerschaft und keine Kontraindikationen für die geplanten Mittel.

Abbildung: Die Kombination folgt aus dem gesamten Beispielbefund; die Aussage zur Akutgefahr bleibt zeitlich begrenzt. Quelle: eigene Darstellung.
- Die Messorte stimmen in der Aussage überein: eine Hypertonie ist bestätigt.
- Die gezielte Beurteilung ergibt derzeit keinen akuten Notfall. Das wird dokumentiert, ohne „kein Schaden möglich“ zu behaupten.
- Ein geeigneter RAAS-Blocker plus Kalziumantagonist ist ein plausibler Einstieg; konkrete Dosis, Nierenfunktion und Interaktionen werden geprüft. Ein möglicher Einstieg ist beispielsweise Ramipril 2,5 mg plus Amlodipin 5 mg einmal täglich, gegebenenfalls als Einzeltablette.
- Das Blutdruckziel wird gemeinsam festgelegt: zuerst unter 140/90 mmHg, dann bei guter Verträglichkeit 120–129/70–79 mmHg in der Praxismessung. Senkung und Toleranz werden bei jedem Schritt überprüft. Wird der Zielkorridor nicht vertragen, gilt nach ESC 2024 ein Blutdruck, der so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar ist.
- Heimprotokoll, Labor nach Beginn und ein konkreter Termin sichern die Umsetzung. Rauchstopp und Bewegung werden mit realistischen ersten Schritten geplant; die Lipidentscheidung wird anhand des vollständigen Risikobefunds getroffen.

Abbildung: Das Blutdruckziel wird stufenweise erreicht; Rauchstopp, Bewegung und Lipide laufen parallel. Quelle: eigene Darstellung.
Beispiel einer kurzen ärztlichen Darstellung
„Es besteht eine durch Praxis- und Heimmessung bestätigte Hypertonie. Aktuell finden sich klinisch keine Hinweise auf eine akute Organschädigung; Tabakkonsum erhöht das langfristige Risiko. Vorgesehen sind eine niedrig dosierte leitliniengerechte Kombination nach Prüfung der Ausgangswerte, ein abgestimmtes Ziel und Kontrollen von Blutdruck, Kreatinin und Kalium sowie eine unterstützte Rauchentwöhnung.“
Beispiel einer Patientenerklärung
„Die wiederholten Messungen zeigen, dass Ihr Blutdruck im Alltag zu hoch ist. Man spürt das oft nicht, aber über Jahre können Gefäße, Herz und Nieren Schaden nehmen. Medikamente und Veränderungen im Alltag senken dieses Risiko. Wir prüfen gemeinsam, ob die Behandlung wirkt und ob Ihnen dabei schwindelig wird oder andere Probleme auftreten.“
Nach ESC 2024 wird bis zum Erreichen des Ziels etwa alle ein bis drei Monate kontrolliert, möglichst mit Zielerreichung innerhalb von drei Monaten; bei stabiler Einstellung mindestens jährlich.

Abbildung: Kontrollen folgen einem festen Zeitraster vom Labor nach Therapiebeginn bis zur jährlichen Verlaufskontrolle. Quelle: eigene Darstellung.
| Kontrollanlass | Was überprüft wird |
|---|---|
| Früh nach Therapiebeginn | Einnahme, Heimwerte, Beschwerden und erforderliche Laborwerte |
| Nach jeder Anpassung | Wirkung und Sicherheit der veränderten Dosis/Kombination |
| Bei stabiler Einstellung | Regelmäßige, risikoadaptierte Termine; langfristige Prävention und Organsituation |
Freie Antwort
Eine Darstellung ergänzen
Aufgabe
Vervollständige: „Die Hypertonie ist durch ___ bestätigt. Hinweise auf einen akuten Organschaden ergeben sich derzeit aus ___ nicht. Ich plane ___; die Kontrolle umfasst ___.“ Verwende die Daten des ausgearbeiteten Beispiels, ohne einen noch fehlenden Befund zu erfinden.
In der App sprechen üben →Freie Antwort
Einen neuen Fall selbst bearbeiten
Aufgabe
Eine 62-jährige Person hat Praxiswerte 168/98 mmHg und einen gültigen 24-Stunden-Mittelwert von 146/88 mmHg. Es bestehen keine akuten Warnsymptome; die gezielte Untersuchung ergibt keinen Hinweis auf akuten Organschaden. Seit sechs Monaten liegen eGFR-Werte um 52 ml/min/1,73 m² und UACR-Werte um 180 mg/g vor. Kalium ist 4,3 mmol/l. Die Person hatte vor zwei Jahren einen Herzinfarkt, raucht weiter und nimmt Atorvastatin 20 mg nur unregelmäßig. LDL vor Therapie 150, aktuell 92 mg/dl. Bisher keine antihypertensive Medikation.
Die Tabelle ordnet die erhobenen Werte und die Angaben zum bisherigen Verlauf.
| Bereich | Angabe im Fall |
|---|---|
| Alter | 62 Jahre |
| Praxisblutdruck | 168/98 mmHg |
| 24-Stunden-Mittel | 146/88 mmHg; gültige Messung |
| Akutbeurteilung | Keine akuten Warnsymptome; gezielte Untersuchung ohne Hinweis auf akuten Organschaden |
| eGFR | Seit sechs Monaten um 52 ml/min/1,73 m² |
| UACR | Seit sechs Monaten um 180 mg/g |
| Kalium | 4,3 mmol/l |
| Vorgeschichte | Herzinfarkt vor zwei Jahren |
| Rauchen | Weiterhin |
| Medikamente | Atorvastatin 20 mg unregelmäßig; bisher keine antihypertensive Medikation |
| LDL vor Therapie | 150 mg/dl |
| LDL aktuell | 92 mg/dl |
Erstelle einen Plan mit fünf Punkten: Diagnose/Risiko, begründete Medikamentenwahl, Kontrollen, Lipidentscheidung sowie ein konkretes Gesprächsziel. Benenne auch eine Information, die du noch benötigst.
In der App sprechen üben →Freie Antwort
Mit einer Sorge umgehen
Aufgabe
Die Person aus Q02 sagt: „Wenn ich jetzt Tabletten nehme, bin ich für immer abhängig.“ Erkläre in vier Sätzen Zweck, Dauer, Mitentscheidung und sichere Einnahme.
In der App sprechen üben →EKG und Organschaden
Lernziel: Du kannst einen EKG-Hypertrophiehinweis erkennen und seine Grenzen erklären.
Was du am EKG prüfen kannst
Ein EKG zeigt elektrische Aktivität. Hohe QRS-Spannungen können zu einer erhöhten linksventrikulären Muskelmasse passen; Körperbau, Alter und Elektrodenlage beeinflussen sie ebenfalls. Deshalb ist ein Spannungskriterium ein Hinweis, kein anatomischer Messwert. Eine Echokardiographie kann die Strukturfrage klären. Ein positiver Befund beweist auch nicht, dass Hypertonie die Ursache ist oder heute ein akuter Notfall besteht.

Abbildung: Die Echokardiographie misst die Wanddicke direkt: Septum (1) etwa 1,9 cm, Hinterwand (2) etwa 1,8 cm – deutlich über dem Normbereich bis etwa 1,0 cm. Ursache ist hier ein Morbus Fabry, keine Hypertonie: Das Bild klärt die Struktur, nicht die Ursache. Quelle: Albert A. Hagège, in: Germain DP. Fabry disease. Orphanet J Rare Dis 2010;5:30, via Wikimedia Commons; CC BY 2.0; weißer Rand abgeschnitten.
In einer systematischen Übersicht bei Hypertonie erkannte der Sokolow-Lyon-Index im Median nur etwa 21 % der echokardiographisch gesicherten Hypertrophien; die Spezifität lag bei etwa 89 %. In der Echokardiographie spricht eine linksventrikuläre Masse über 115 g/m² bei Männern bzw. über 95 g/m² bei Frauen für eine Hypertrophie. Auch eine Aortenklappenstenose, eine hypertrophe Kardiomyopathie oder ein Morbus Fabry können die Wand verdicken.

Abbildung: Das EKG liefert den Verdacht, die Echokardiographie die Struktur, Klinik und Verlauf die Ursache und Dringlichkeit; keine Stufe ersetzt die andere. Quelle: eigene Darstellung.
Die folgenden Aufzeichnungen sind mit 25 mm/s und 10 mm/mV dargestellt. Ein kleines waagerechtes Kästchen entspricht 40 ms, ein großes 200 ms. Vertikal entsprechen 10 mm einer Spannung von 1 mV. Miss Amplituden von der Grundlinie zum Ausschlag, nicht von der R-Spitze bis zur S-Spitze. In der 3×4-Darstellung zeigen die vier Spalten aufeinanderfolgende Zeitabschnitte; der lange II-Streifen zeigt zehn Sekunden.
Die Kalibrierung ordnet Kästchen, Zeit und Spannung ein.
| Messrichtung | Strecke | Bedeutung |
|---|---|---|
| Horizontal bei 25 mm/s | Ein kleines Kästchen | 40 ms |
| Horizontal bei 25 mm/s | Ein großes Kästchen | 200 ms |
| Vertikal bei 10 mm/mV | 10 mm | 1 mV |
| Amplitude | Grundlinie bis Ausschlag | Nicht R-Spitze bis S-Spitze |
Die P-Welle zeigt die Vorhoferregung, der QRS-Komplex die ventrikuläre Depolarisation und die T-Welle die ventrikuläre Repolarisation. RR ist der Abstand zweier aufeinanderfolgender R-Spitzen. PQ wird vom Beginn der P-Welle bis zum Beginn des QRS gemessen, die QRS-Dauer von dessen Anfang bis Ende. Für eine einfache Achsenorientierung ist die QRS-Summe einer Ableitung die positive abzüglich der negativen Ausschlagshöhe; I und aVF betrachten dabei unterschiedliche Richtungen. Damit lässt sich hier ein normaler Achsenbereich erkennen, ohne einen exakten Winkel konstruieren zu müssen.
Grob gilt: Linkstyp −30° bis +30°, Indifferenztyp +30° bis +60°, Steiltyp +60° bis +90°; bei Erwachsenen reicht der normale Bereich etwa von −30° bis +90°. Ist I positiv und aVF negativ, entscheidet II: positiv spricht noch für einen Linkstyp im Normbereich, negativ für einen überdrehten Linkstyp. Ist I negativ, liegt die Achse außerhalb des normalen Bereichs; sind I und aVF negativ, zuerst an vertauschte Elektroden denken.

Abbildung: Zwei Vorzeichen genügen für die Grobeinordnung; nur wenn I positiv und aVF negativ ist, braucht es zusätzlich Ableitung II. Quelle: eigene Darstellung.
| Schritt | Leitfrage für diese Beispiele |
|---|---|
| Rhythmus und Frequenz | P-Wellen vor den QRS, konstante Zuordnung? Frequenz ungefähr 60/RR in Sekunden? |
| Lagetyp | Sind die QRS-Summen in I und aVF positiv? Das spricht hier für einen normalen Achsenbereich. |
| PQ, QRS, QT | PQ ungefähr 120–200 ms, QRS unter 120 ms? QT von QRS-Beginn bis T-Ende; Frequenz beachten. |
| ST und T | Hebungen/Senkungen oder T-Veränderungen in zusammengehörigen Ableitungen? Artefakte ausschließen. |
Bei Sinusrhythmus findet sich vor jedem QRS eine passende P-Welle, typischerweise positiv in II; geringe atemabhängige RR-Schwankungen können vorkommen. Unter 60/min wird der Rhythmus als bradykard bezeichnet. Die QT-Dauer wird bei höherer Frequenz normalerweise kürzer. Deshalb darf eine QT-Zahl ohne Frequenzbezug nicht als „lang“ diagnostiziert werden. Die hier angegebenen Intervalle sind gerundete Ablesewerte; für eine Therapieentscheidung bei möglicher QT-Verlängerung braucht es eine sorgfältige Messung und Frequenzkorrektur.
Über 100/min spricht man von Tachykardie. Zur Frequenzkorrektur dient häufig die Bazett-Formel QTc = QT/√RR mit RR in Sekunden; ein QTc über 450 ms bei Männern bzw. über 460 ms bei Frauen gilt als verlängert.

Abbildung: Von der sicheren QT-Messung zur Frequenzkorrektur; ein unklarer T-Endpunkt erlaubt keine gesicherte Lang-QT-Diagnose. Quelle: eigene Darstellung.

Abbildung: Erst die feste Reihenfolge, dann die Spannung: So wird ein Hypertrophiehinweis nicht vor Rhythmus, Intervallen und ST/T beurteilt. Quelle: eigene Darstellung.
Das Sokolow-Lyon-Kriterium addiert die Tiefe der S-Zacke in V1 und die größere R-Amplitude aus V5 oder V6. Mehr als 3,5 mV, entsprechend mehr als 35 mm bei dieser Kalibrierung, unterstützt den Verdacht auf linksventrikuläre Hypertrophie. Ein negatives Kriterium schließt sie wegen begrenzter Empfindlichkeit nicht aus. Weitere Kriterien und die klinische Einordnung ergänzen die Beurteilung. Ein linksventrikuläres Strain-Muster bezeichnet typische laterale ST-Senkungen mit asymmetrisch negativen T-Wellen. Sein Fehlen hebt ein positives Spannungskriterium nicht auf. Das Strain-Muster an realen Kurven zu erkennen, wird im EKG-Kapitel geübt; hier genügt diese Grenze.
Ergänzende Kriterien sind etwa R in aVL ≥ 11 mm, die Cornell-Spannung (R in aVL plus S in V3) über 28 mm bei Männern bzw. über 20 mm bei Frauen oder ein Cornell-Produkt über 2440 mm·ms.

Abbildung: Das Sokolow-Lyon-Kriterium verbindet eine rechtsparasternale Ableitung (V1, 4. Interkostalraum) mit einer linkslateralen (V5 vordere, V6 mittlere Axillarlinie, jeweils auf Höhe von V4). Eine verschobene Brustwandelektrode verändert die gemessenen Amplituden. Quelle: Mikael Häggström, via Wikimedia Commons; CC0 1.0; englische Rippenbeschriftung durch deutsche ersetzt, unten zugeschnitten.

Abbildung: Zuerst korrekt messen und addieren; ein positives Kriterium ist ein Verdacht, ein negatives kein Ausschluss, und die Struktur klärt erst die Echokardiographie. Quelle: eigene Darstellung.
| Sichtbarer Befund | Zulässige Schlussfolgerung |
|---|---|
| Hohe Spannung, passendes Kriterium | Hypertrophieverdacht; Struktur und klinischen Kontext prüfen |
| Spannungskriterium nicht erfüllt | Dieses Kriterium negativ; keine sichere Ausschlussdiagnose |
| ST/T-Veränderung bei hoher Spannung | Kann sekundär sein; bei Symptomen/dynamischem Befund Ischämie gesondert prüfen |
Ein reales Beispiel systematisch lesen
Ausgearbeitetes Beispiel

Quelle: PTB-XL 1.0.3, ecg_id 4206, Wagner et al.; CC BY 4.0. Ungefilterte Signale neu gezeichnet, Kurvenwerte unverändert.
Zuerst der Rhythmusstreifen: P-Wellen gehen den schmalen QRS-Komplexen voraus, die RR-Abstände variieren nur leicht. Bei einem repräsentativen RR-Abstand von etwa 0,84 s ergibt sich 60/0,84 ≈ 71/min. I und aVF sind überwiegend positiv, passend zu einem Indifferenztyp um +30°. PQ liegt ungefähr bei 120 ms, QRS bei 80–100 ms und QT bei 350–370 ms; bei dieser Frequenz ergibt sich kein auffälliger Hinweis auf eine QT-Verlängerung.
Nach Bazett ergibt sich mit QT 350–370 ms und RR 0,84 s ein QTc von etwa 380–400 ms.
Nun die Spannung: S in V1 beträgt ungefähr 1,3 mV, R in V5 ungefähr 3,1 mV. Die Summe von etwa 4,4 mV liegt über 3,5 mV. Laterale T-Wellen sind positiv; ein ausgeprägtes laterales Strain-Muster steht nicht im Vordergrund. Der systematische Kurzbefund lautet: Sinusrhythmus um 71/min, normaler Achsenbereich, schmale QRS-Komplexe und positives linksventrikuläres Spannungskriterium. Daraus folgt ein Hypertrophieverdacht, keine bewiesene hypertensive Herzerkrankung. Bei der zugehörigen Forschungsaufnahme wird hier keine Hypertonieanamnese vorausgesetzt.

Abbildung: Die Zahlen ergeben einen Spannungshinweis; Ursache und klinische Anamnese werden daraus nicht erfunden. Quelle: eigene Darstellung.
Multiple Choice
Den Schluss begrenzen
Aufgabe
Im eben erläuterten EKG beträgt die Spannungssumme ungefähr 4,4 mV. Welche Aussage ist durch diese Zahl gedeckt?
Die Tabelle hält den für die Frage angegebenen EKG-Wert fest.
| Bezug | Angabe |
|---|---|
| Aufnahme | Eben erläutertes EKG |
| Spannungssumme | Ungefähr 4,4 mV |
- a)Eine hypertensive Krise mit akutem Herzschaden ist bewiesen.
- b)Das Spannungskriterium unterstützt einen LVH-Verdacht; zur Ursache und Struktur fehlen weitere Informationen.
- c)Ohne begleitende ST-T-Veränderungen ist das Spannungskriterium nicht verwertbar.
Freie Antwort
EKG-Übungspool T02: hohe Spannung
Aufgabe
Beschreibe Rhythmus, Frequenz, Lagetyp, PQ/QRS/QT und ST/T der folgenden neuen Aufnahme. Prüfe anschließend das linksventrikuläre Spannungskriterium. Entscheide, ob allein damit ein akuter Organschaden belegt ist. Verwende ungefähre Ablesewerte; bei nicht sicher messbarem T-Ende benenne die Unsicherheit.

Quelle: PTB-XL 1.0.3, ecg_id 138, Wagner et al.; CC BY 4.0. Ungefilterte Signale neu gezeichnet, Kurvenwerte unverändert.
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